Treuepunkte von Susanne Fröhlich, 2006, Krüger

Susanne Fröhlich

Treuepunkte
(Leseprobe aus: Treuepunkte, Roman, 2006, Krüger Verlag)

Michelle, wie sie mein Mann mittlerweile nennt, kommt
aus Kanada. Sie spricht fl ießend Französisch, Englisch,
natürlich auch Deutsch, und kommt aus wohlhabender
Familie. Ich kenne sie nicht, habe aber auch kein wirkliches
Interesse daran, sie kennen zu lernen. Die nervt
mich schon so. Ohne dass ich sie je gesprochen habe. Ich
fi nde, es gibt einen Grad an Perfektion, der keinen Raum
mehr für Bewunderung lässt. Alles sollte doch bitte im
Bereich des Menschlichen bleiben. Hätte sie wenigstens
einen fi esen Sprachfehler oder einen kleinen Silberblick
oder zumindest O-Beine oder eine Zahnspange, dann
könnte ich ein Auge zudrücken. Eine Hasenscharte wäre
mir ehrlich gesagt noch lieber. So kann ich sie leider nur
hassen. Ich bewahre trotzdem oder gerade deshalb Haltung
beim Telefonat und wünsche ganz gelassen ein gutes
Gespräch. Man darf eifersüchtig sein, es aber möglichst
nicht zeigen. »Eifersucht zeugt von einem schwachen
Selbstwertgefühl«, meint mein Mann und auf diese Blöße
kann ich sehr gut verzichten. Diese Frau Michels deprimiert
mich. »Vielleicht gehen wir noch eine Kleinigkeit
essen. Du musst also nicht auf mich warten«, raunt mein
Mann noch und verabschiedet sich schnell. Schade. Ich
hätte ihm gerne noch den Picknickrucksack angeboten,
denn dann könnte er mit Frau Michels ab sofort immer
lauschig in der Kanzlei essen – mit Belle Michelle, wie
Michelle liebevoll hinter ihrem Rücken von den männlichen
Kollegen genannt wird. Solche Frauen gehören
wirklich verboten. Sie schwächen die Moral der Basis.
Also der Frauen, die wie ich die Fronarbeit leisten: Kinder,
Küche und Co.
Gut, dass ich nicht in einem Anfall von Großmut den
Bademantel für meinen Mann genommen habe. Obwohl,
sollte er mal mit Belle Michelle in die Sauna wollen (zum
Was-Durchsprechen oder so), kann er ja schlecht sein
nahezu verwestes Teil anziehen.
Mein Picknickrucksack und ich fahren nach Hause.
Wird sicherlich ein toller Abend! Christoph mit Belle
Michelle beim lauschigen Abendessen im Restaurant und
ich mit zwei Kindern, die Nahrung haben wollen, in die
Wanne müssen und garantiert rumzanken.
Ich sammle die Kinder bei den diversen Freunden ein
und freue mich auf übermorgen.
Übermorgen gehe ich zum Arbeitsamt, vielmehr zur
Agen tur für Arbeit. Ich will endlich wieder einen Job. Die
Kinder sind, wie man so schön sagt, aus dem Gröbsten
raus und ich möchte auch die Chance haben, zu einer
Belle Michelle mutieren zu können. Obwohl Belle Andrea
schon wesentlich weniger attraktiv und irgendwie
auch verdammt affi g klingt. Aber mit einem Kollegen
(der ganz zufällig haargenau so aussieht wie Brad Pitt!!)
abends nochmal was durchsprechen zu müssen, klingt
ziemlich reizvoll. Nicht dass ich extrem rachsüchtig wäre,
doch allein der Anruf bei Christoph, »du warte nicht, ich
muss mit dem schönen Brad noch das eine oder andere
klären!« – herrlich.
Bin gespannt, was die Fuzzis von der Agentur für Arbeit
mir vorschlagen. Viel erhoffe ich mir nicht. Ich meine,
man kennt ja die Berichte aus dem Fernsehen. Die
vollen Gänge, die Nummernschalter und die bleichen
deprimierten Gesichter der Wartenden. Aber man soll
ja nicht verzagen, ohne es überhaupt probiert zu haben.

Die Chancen, eine Anstellung zu fi nden, sind in meinem
Fall sicherlich begrenzt. Ich bin nun mal nur sehr eingeschränkt
fl exibel. Eingeschränkt fl exibel. Gibt’s das überhaupt?
Ist das nicht ein Widerspruch in sich? Ein Ausschlusskriterium?
Aber mit zwei Kindern kann ich nun
mal nicht heute in Cottbus und morgen in München sein.
Und auch nächtelanges Durcharbeiten scheint nicht kompatibel.
Der Hort macht irgendwann zu und die Geduld
der Erzieherinnen, was verspätetes Abholen angeht, hält
sich in Grenzen. Auf meinen ehemaligen Arbeitgeber,
den Sender Rhein-Main-Radio-und-TV, kann ich nicht
bauen. Die Fernsehsendung, für die ich gearbeitet habe,
»Raten mit Promis«, ist mittlerweile abgesetzt. Die Einschaltquoten
waren fast nur noch unter dem Mikroskop
sichtbar. Quotenspurenelemente sozusagen. Ich glaube
nicht, dass es damit zu tun hatte, dass ich im Team gefehlt
habe, aber der Gedanke, dass mein Weggang die Sendung
ins Aus katapultiert haben könnte, ist einfach herrlich.
Die freiberufl ichen Redaktionsmitarbeiter sind entlassen
und die wenigen Festangestellten in andere Abteilungen
verschoben. Der Moderator, der unsägliche Will Heim,
moderiert mittlerweile bei einem Homeshopping-Kanal.
Welche Demütigung! Obwohl ich ihn nie mochte, tut er
mir doch ein wenig Leid. Ich hätte aus lauter Mitleid fast
schon mal ein Sushi-Messerset bei ihm gekauft, konnte
mich aber in letzter Minute dann doch noch beherrschen.
Vor allem, weil ich zugegebenermaßen eher selten Sushi
selbst mache. Ehrlich gesagt nie. Christoph hasst Fisch,
und die Kinder zucken schon bei Fischstäbchen zusammen.
Von rohem Fisch gar nicht erst zu reden.
Zurück in meine ganz alte Firma will ich einfach nicht
und ich glaube, ich hätte auch nicht wirklich eine Chance.
Ich habe einige Jahre in meinem erlernten Beruf als
Speditionskauffrau gearbeitet. Nur – die Speditionsbranche
kränkelt und von der alten Mannschaft sind schon
vier geschasst worden. Es sieht also nicht so aus, als
würden die auf mich warten. Andererseits – irgendwo da
draußen in der Welt der Arbeitenden muss es doch auch
eine Aufgabe für mich geben. Ich versuche, optimistisch
zu sein. Nicht grämen, bevor es nicht auch einen Anlass
dazu gibt. Vorbeugend pessimistisch zu sein, mag helfen,
die spätere Enttäuschung zu mildern, allerdings ist man
dann auch vorher schon geknickt und das ist im Großen
und Ganzen doch eher furchtbar. Also – vielleicht bin ich
ja ab übermorgen wieder eine berufstätige Frau. Wenigstens
jetzt will ich mich im Rausch dieser wunderbaren
Vorstellung suhlen.

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