Halb echt von Anja Fröhlich, 2001, KiWi

Anja Fröhlich

Halb echt
(Leseprobe aus: Halb echt, Roman, 2001, Kiepenheuer & Witsch)

Clara sitzt in einem lachsfarbenen Satin-Pyjama auf ihrem Futon, über dem ein chinesischer Papierschirm und eine Moskitonetz baldachinartig miteinander verknüpft sind. Sie hat wortlos die Haustür aufgedrückt, die Wohnungstür offen stehen lassen und sich dann majestätisch unter ihrem Schirmchen aufgebaut. Neben ihr steht ein Tablett mit Tee, Medikamenten und ein bißchen Deko-Obst.

„Bist du krank?“ versuche ich vorsichtig, auch ihre Situation fragil erscheinen zu lassen.

„Nein, nein“, wiegelt sie ab, als wolle sie mir sagen, daß kein Schnupfen der Welt sie davon abbringen kann, ihren komplexen Denkapparat hundertprozentig auf mich einzustellen. Clara ist der intelligenteste Mensch, den ich kenne. Und jetzt ist auch noch ihr Gefühlshaushalt besser sortiert als meiner. Das ist objektiv eine gefährliche Schieflage. Ich ignoriere das emotionale Gefälle zwischen uns und versuche, so lapidar wie möglich meine neue Misere darzulegen.

„Paul ist weg. Er hat einen Brief hinterlassen.“

Clara kann sich ein Grinsen verkneifen. Das finde ich fair, aber es wäre nicht nötig gewesen.

„Er sagt, er müsse nur mal ein bißchen arbeiten gehen. Die Aktien aus dem Keller holen. Aber das ist das Ende. Jetzt ist endgültig Schluß.“

Claras Analyse dauerte nur wenige Sekunden.

„Und meinst du nicht, daß er einfach nur so ein bißchen exzentrisch ausbüchsen muß und bald wieder da ist?“

„Ist mir doch egal, was er so muß. Für mich ist Ende.“

Wir schweigen einen Moment und verharren in unseren Stellungen. Sie mit geradem Rücken unter ihrem Papier- und Tüll-Himmel und ich mit verknoteten Beinen auf dem Teppichboden.

„Ach komm“, sagt Clara. Und daß das jetzt die erste Aufregung ist.

„Warum denn gleich Schluß?“

„Weil ich das, was ich jetzt gerade durchmache, nie nie wieder nochmal durchmachen möchte, darum.“

Jetzt schweigen wir etwas länger und ich bin sicher, daß zumindest ein Teil von Clara an diese Trennung glauben will. Und dieser Teil ist bereits dabei, ihr eigenes Leben auf die neue Situation umzuprogrammieren. Sie atmet einmal tief durch und verläßt die Drohnenhaltung zugunsten eines freundschaftlichen Dahinflezens, wobei sie den Kopf ausgesprochen nett auf eine Hand stützt. Mit der anderen greift sie einen Deko-Apfel vom Tablett und schmeißt ihn mir zu. Dann nimmt sie sich selbst einen und beißt hinein. Ich hätte schwören können, daß er aus Wachs ist. Und während sie so kaut und schweigt, denkt sie sicher schon daran, wie sie mit mir abends durch die Kneipen ziehen wird. Unter dem Deckmantel, eine unglückliche Freundin durchzuziehen, kann man eine Menge erleben.

„Seien wir realistisch“, will Clara es noch ein letztes Mal genau wissen, doch der Glanz in ihren Augen ist unübersehbar. „In ein paar Wochen wird er wieder vor der Tür stehen, und du wirst sie ihm wieder aufmachen...“

„Clara! Er wird nicht vor der Tür stehen, und ich werde ihm auch nicht aufmachen. O.K.?“ Ich denke, das ist der richtige Zeitpunkt, sie an ihre freundschaftlichen Pflichten zu erinnern, Pauls Hab und Gut mit mir zusammenzupacken und kistenweise in den Keller zu schleppen. „Heute noch?“ stöhnt sie auf. Aber ich glaube, sie will es auch lieber hinter sich haben.

Schon auf dem Weg zu mir beginnt sie, an Rudolf herumzunörgeln. Rudolf ist ihr derzeitiger Dichterfreund und passte gut zu Paul, der ja auch schreibt. Ihrer Ansicht nach soll Rudolf wie Paul einen Roman schreiben. Aber Rudolf schreibt immer nur kurz ein Gedicht. Den Rest des Tages macht er sie verrückt, indem er sie beim Werbetexten, Putzen und anderen entfremdeten Arbeiten beobachtet und dann kleine Zettel in der Wohnung aufhängt, auf denen steht, daß sie eine aufziehbare Spielzeugmaus sei. Metaphern sind seine Welt.

„Das geht nicht mehr lange gut!“ kündigt sie an. Würde ich mich nicht so elend fühlen, wäre ich es, die diesmal ein Grinsen unterdrücken müßte.

Rezension I Buchbestellung I home IV07 LYRIKwelt © Anja Fröhlich/KiWi