Das Dritte Reich und die Juden von Saul Friedländer, 2007, Beck

Saul Friedländer

Das Dritte Reich und die Juden
(Leseprobe aus: Das Dritte Reich und die Juden, 2007, Beck - Übertragung Martin Pfeiffer)

IV
Cornelia Maria Sara wurde Anfang 1944 von Theresienstadt nach Auschwitz
deportiert, ungefähr um die Zeit, in der Primo Levi aus Fossoli eintraf,
und einige Monate vor der Ankunft von Ruth Klüger. Levi wurde
nach Auschwitz III (Monowitz) geschickt, wo er zuerst als Sklavenarbeiter
schuftete und dann in den Buna-Laboratorien als Chemiker
arbeitete. Die junge Cordelia, die zuerst von Maria Mandel, der Kommandantin
des Frauenlagers in Birkenau, gemustert wurde und dann
von Mengele selbst (oder war es möglicherweise ein anderer SS-Offizier?),
wurde für arbeitstauglich befunden und zumindest vorübergehend
in das Lagerbüro geschickt.
Ruth Klüger und ihre Mutter trafen im Mai 1944 aus Theresienstadt
in Auschwitz ein, und für kurze Zeit wurden sie in das «Familienlager»
abgeschoben, auf das wir noch zurückkommen. Dann verlegte man beide
in das Frauenlager, wo die entscheidende Selektion stattfand: Gesunde
Frauen im Alter von 15 bis 45 Jahren schickte man in ein Arbeitslager;
die anderen wurden vergast. Ruth war zwölf. Als sie an die Reihe
kam, nannte sie ihr Alter. Ihr Schicksal wäre besiegelt gewesen, hätte
nicht ihre Mutter eine kühne Initiative ergriffen: In einem Augenblick
der Unaufmerksamkeit beim Wachpersonal schob sie ihre Tochter in
eine andere Reihe. Ruth versprach ihr, sie werde sagen, sie sei dreizehn.
«Neben dem amtierenden SS-Mann … stand», so erinnerte sich Klüger,
«die Schreiberin, ein Häftling. Wie alt mag sie gewesen sein, neunzehn,
zwanzig? Die sah mich in der Reihe stehen, als ich schon praktisch vorne
war. Da verließ sie ihren Posten, und fast in Hörweite des SS-Mannes
ging sie schnell auf mich zu und fragte halblaut, mit einem unvergeßlichen
Lächeln ihrer unregelmäßigen Zähne: ‹Wie alt bist du?› ‹Dreizehn.›
Und sie, mich nachdrücklich mit den Augen fixierend, ganz eindringlich:
‹Sag, daß du fünfzehn bist.› Zwei Minuten später war ich
dran. … Auf die Frage nach meinem Alter gab ich die entscheidende
Antwort. … ‹Fünfzehn bin ich.› ‹Die ist aber noch sehr klein›, bemerkte
der Herr über Leben und Tod, nicht unfreundlich, eher wie man Kühe
und Kälber besichtigt. Und sie, im gleichen Ton die Ware bewertend:
‹Aber kräftig gebaut ist sie. Die hat Muskeln in den Beinen, die kann
arbeiten.› … Er gab nach. Sie schrieb meine Nummer auf, ich hatte eine
Lebensverlängerung gewonnen.»

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