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Schuhhaus Pallas. Wie
meine Familie sich gegen
die Nazis wehrte
(Leseprobe aus:
Schuhhaus Pallas. Wie
meine Familie sich gegen
die Nazis wehrte, Vorwort, Sachbuch, 2008, Hanser)
Vorwort
7. November 2004. Mein Mann Peter ruft aus New York an, wo er
beim berühmten New York Marathon mitgelaufen ist – ein Ereignis,
auf das wir alle wochenlang hingefiebert haben. Aufgeregt frage ich,
wie es gelaufen ist, welche Zeit er erreicht hat, ob auch seine Freunde
gut ins Ziel gekommen sind. Er berichtet mir, wirkt aber merkwürdig
abwesend.
Plötzlich fragt er: »Sagt dir eigentlich der Name Max Fried
etwas?«
»Nie gehört«, antworte ich.
»Komisch. Dieser Max Fried hat dieselben Eltern wie dein Großvater.«
Ich verstehe nicht gleich. »Was meinst du damit, er hat dieselben
Eltern wie mein Großvater? Dann wäre er ja …«
»… ein Großonkel von dir.«
»Ich weiß nicht, ob mein Opa Geschwister hatte«, sage ich.
»Eigentlich weiß ich gar nichts über ihn.« Ein ungutes Gefühl beschleicht
mich.
»Wie kommst du überhaupt darauf?«
»Ich war im Leo Baeck Institut«, erklärt Peter, »dort habe ich im
Gedenkbuch der Münchner Juden herumgeblättert. Dabei stieß
ich auf Max Fried, verheiratet mit Lilli Fried, geborene Schwarzschild.«
»Und dafür musstest du bis nach New York fahren?«, sage ich.
Alle im Text mit einer fortlaufenden Nummer gekennzeichneten Wörter und
Begriffe
werden im Anhang ab Seite 163 unter »Anmerkungen« erklärt.
spöttisch, denn das Gedenkbuch ist von Mitarbeitern des Münchner
Stadtarchivs zusammengestellt worden. Dann fällt mir ein, dass
die meisten Menschen, an die das Gedenkbuch erinnert, die Nazi-
Zeit nicht überlebt haben.
Einen Moment ist es still in der Leitung.
Schließlich sagt Peter: »Max und Lilli Fried wurden am 13. März
1943 deportiert und in Auschwitz ermordet.«
Nach diesem Anruf bin ich einigermaßen verstört.
Wie ist es möglich, dass ich keine Ahnung davon gehabt habe?
Gibt es vielleicht noch mehr, was ich nicht weiß? In meinem
Elternhaus ist wenig über die Nazi-Zeit und den Krieg gesprochen
worden, also habe ich immer geglaubt, es sei wohl auch nichts Wissenswertes
vorgefallen.
Was soll ich nun machen? Wegsehen oder hinsehen? So tun, als
wäre nichts, oder herausfinden, ob da noch mehr ist?
Ich entscheide mich fürs Hinsehen und beginne die Geschichte
meiner Familie zu erforschen. Fast täglich erfahre ich von nun an
durch meine Recherchen in Archiven (bei denen mich von Anfang
an mein Mann Peter Probst intensiv unterstützt) und in Gesprächen
mit den wenigen noch lebenden Zeitzeugen Erschütterndes
über das Schicksal meines jüdischen Großvaters und seiner Familie.
Es dauert fast drei Jahre, bis ich die Ereignisse dieser Recherche
geordnet und einigermaßen verarbeitet habe. Noch immer ist das
Erschrecken über das Entdeckte groß. Das Schweigen all jener, die
darüber hätten sprechen können und es nicht getan haben, hinterlässt
Ratlosigkeit, Trauer, aber auch Wut.
1995 gab es ein Gespräch zwischen dem spanischen Widerstandskämpfer
und Schriftsteller Jorge Semprún und dem jüdischen
Schriftsteller Elie Wiesel, die das Konzentrationslager Buchenwald
überlebt haben. 50 Jahre danach geht es um die Unmöglichkeit,
über das Erlebte zu sprechen, und die Notwendigkeit, es dennoch zu
versuchen.
Elie Wiesel sagt: »Es ist unmöglich, wir tun es aber trotzdem.
Wir haben keine andere Wahl.« Er spricht davon, dass sie bald nicht
mehr da sein werden und wie wichtig es sei, Spuren zu hinterlassen
für die junge Generation. »Die Jugend macht den Unterschied aus.
Die Jungen wollen heute wissen, was damals wirklich geschehen
ist.«
Die Geschichte meiner Familie ist in vielem exemplarisch für das,
was damals geschehen ist und was jüdischen Familien während
der Nazi-Herrschaft angetan wurde. Bemerkenswert ist aber, wie
sich insbesondere mein Großvater zur Wehr gesetzt hat, wie er sich
mit einem fast naiv anmutenden Glauben an das, was rechtens
ist, gegen Schikanen und Demütigungen auflehnte und – als sein
offener Widerstand vergeblich blieb – mit einem gleichermaßen
verrückten wie listigen Plan sich und seiner Familie das Überleben
sichern wollte.
Dass er am Ende des Krieges noch am Leben war, verdankt er
einem unglaublichen Zufall. Wie so viele, die jahrelang verfolgt,
gedemütigt und vom Tode bedroht waren, konnte oder wollte er
nie mehr darüber sprechen. Die Scham, Opfer gewesen zu sein, das
Schuldgefühl, überlebt zu haben, während so viele Freunde und
Verwandte starben – es sind Empfindungen, die in meiner Familie
dazu geführt haben, dass geschwiegen wurde.
Warum breche ich das Schweigen? Warum erzähle ich die Geschichte?
Zunächst habe ich sie nur für mich und meine Familie aufgeschrieben,
besonders für meine Kinder. Ich wollte nicht, dass sie
womöglich eines Tages dieselben Entdeckungen machen wie ich
und sich fragen müssen, warum ihnen niemand vom Schicksal ihrer
Vorfahren erzählt hat.
Familiengeheimnisse haben eine starke und unberechenbare
Wirkung. Die seelischen Verletzungen werden weitergegeben, von
Generation zu Generation, auch und gerade durch das Schweigen.
Ich glaube fest daran, dass nur, indem wir das Schweigen brechen,
indem wir fragen und zuhören, diese Verletzungen irgendwann heilen
können.
Bald gibt es für die Jahre zwischen 1933 und 1945 niemanden
mehr, der uns erzählen könnte, wie es damals war. Ich wollte fragen,
solange mir noch jemand Antwort geben konnte. Und ich möchte
andere, die Fragen haben, ermutigen, sie zu stellen.
Dieses Buch ist auch eine Auseinandersetzung mit meinem Vater,
dem ich in so vielem ähnlich bin und der doch nie zugelassen hat,
dass wir uns nahe kamen. Als Kind und Jugendliche litt ich unter der
Fremdheit zwischen uns und kämpfte um seine Zuwendung und
Anerkennung, meist vergeblich. Und natürlich dachte ich, die Ursache
für die Distanz läge bei mir, sei von mir selbst – auf welche Weise
auch immer – verschuldet.
Heute, da ich mehr über sein Leben weiß, glaube ich ihn besser
verstehen zu können und ahne, dass seine Verschlossenheit auch
andere Gründe hatte. Seine Unfähigkeit, Beziehungen einzugehen,
sich einem anderen mitzuteilen, Glück zu empfinden und weiterzugeben,
all das hatte auch mit Erlebnissen zu tun, die er nie wirklich
verarbeitet hat. Ich wünschte, ich hätte schon zu seinen Lebzeiten
erfahren, was ich heute weiß – es hätte vieles leichter für mich gemacht.
Noch einmal Elie Wiesel: »Selbst in unseren Familien haben wir
die Erfahrung gemacht, dass es einfacher ist, mit den Enkeln zu
sprechen als mit den Söhnen.«
Mit seinen Söhnen (und Töchtern) wollte mein Vater nicht sprechen.
Mit seinen Enkeln kann er es nicht mehr. Deshalb erzähle ich
ihnen seine Geschichte.
Ihnen und allen anderen, die wissen wollen, was damals geschehen
ist.
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