Das Haus der
Ruhe
(Leseprobe aus: Das Haus der
Ruhe, Erzählung, 2004, Droschl)
Die Sonne selber sehe ich nie. Auch nicht, wenn ich am Fenster sitze. Sie steht zu hoch, mindestens solange die Tage lang sind, und wenn sie dann kürzer werden, steht sie gleich wieder zu tief. In einer seiner zeitweiligen Sprechstunden habe ich mich beim Herrn Direktor darüber beklagt. Für Sie ist die Sonne untergegangen ein für alle Mal, war seine Antwort. Es bleibt Ihnen noch ein Streifen Abendrot. Dann die Nacht. Das wollte ich mir nicht bieten lassen. Die Sonne scheint allgemein, sagte ich ihm, und dass ich auf meinen Teil Sonne ein Recht habe wie alle anderen auch, solange mindestens, als ich noch am Leben sei. Ebensogut können Sie mir die Luft entziehen, sagte ich. Oder … Das wäre der nächste Schritt, unterbrach er mich. Nicht unfreundlich. Worauf ich es vorzog zu schweigen. Er drückte auf die Klingel. Frau Klemm brachte mich in mein Zimmer zurück. Die Tür stand offen. Das Fenster war ein heller Fleck, beim Näherkommen dann ein Gemälde in zarten Farben, mit wenigen, klaren Linien. Man kann die Fassade gegenüber erkennen und den Fliederbusch, der neben der Hintertür steht. Aber das alles könnten auch nur wunderbar ausgewogene Farbflecke sein; so oder anders in einem schwebenden Gleichgewicht, je nach Licht. Seit ich das entdeckt habe, kann ich mich nicht satt sehen daran, wie sich das Bild von einem Augenblick zum andern verwandelt. Es gibt mir in seinen unablässig wechselnden Erscheinungsformen einen Abriss der Welt.
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