aus: Die Spiegelfrau
Was wirst du ihr von mir erzählen? fragte sie schließlich leise, froh, daß die Finsternis sie schützte. Er antwortete nicht. Karlheinz! Wirst du ihr von mir erzählen? fragte sie lauter. Sein Atem ging ruhig. Seine Hand lag schlaff auf ihrer Brust. Er war eingeschlafen. Ganz warm wurde ihr, als sie ihn so neben sich fühlte in seiner Schwäche. Sie beschützte ihn. Wollte zu Wasser werden und ihn umspülen. Wollte in den Himmel wachsen und ihn tragen. Ich liebe dich! flüsterte sie. Wenn ich dir morgen nur helfen könnte! Ich will dir Kraft geben!
Hab keine Angst, ich beschütze dich! Und wenn alles vorbei ist, bist du endlich frei. Frei! Er ächzte im Schlaf. Hatte sie ihn geweckt? Nein, er träumte nur. Zart streichelte sie sein Gesicht und vergewisserte sich, daß er wirklich schlief. Da begann er zu schnarchen. Frei wirst du sein! Für mich, fügte sie zögernd hinzu. Sein Schnarchen beruhigte sie, machte ihr Mut, alles zu sagen. Morgen abend werden wir feiern. Da wirst du allen Kummer vergessen. Bei mir findest du Geborgenheit! Sie konnte den nächsten Tag fast nicht mehr erwarten. Endlich! Triumphierend lächelte sie in den Spiegel. Ganz ernst blickte die Frau zurück. Jetzt wollte sie aber schlafen. Vorsichtig versuchte sie, ihren Arm unter seinem Körper hervorzuziehen. Es gelang ihr nicht. Das Prickeln in den Fingerspitzen kündigte an, daß der Arm im Begriff war, einzuschlafen. Der Rest brauchte etwas länger.
Rezension IV01 LYRIKwelt © Edition Garamond