Geliebte Tochter von Marianne Fredriksson, S. Fischer TB

Marianne Fredriksson

Geliebte Tochter
(Leseprobe aus: Geliebte Tochter, Roman, S. Fischer TB)

Sie war nach Norden unterwegs, um ihrer Mutter mitzuteilen, dass sie ein Kind zur Welt bringen werde, aber nicht die Absicht habe, zu heiraten. In der Großstadt war der Spätsommer noch immer mit sattem Grün gegenwärtig, aber schon nördlich von Sala flammte das erste Rot in den Ahornbäumen auf, und als sie sich Bollnäs näherte, schleuderte der Nordwind ganze Hände voll goldener Birkenblätter gegen die Windschutzscheibe.
Sie schaltete die Wagenheizung ein.
Ihre Mutter war ein nüchterner Mensch. Wenn sie hörte, dass der Embryo noch nicht einmal zwölf Wochen in ihr wuchs, würde sie von Abtreibung reden. Und Katarina würde den Vorschlag ohne weitere Erklärung zurückweisen. Sie konnte ja schlecht erzählen, dass sie schon einmal eine Ausschabung hatte vornehmen lassen. Vor drei Jahren. Und dass sie sich seither mit der Frage herumquälte, wer das Kind, das nicht hatte geboren werden dürfen, wohl gewesen sein mochte.
Sie hatte ihrer Mutter von der Abtreibung damals nichts gesagt. Unnötig, sie zu beunruhigen. Unnötig auch, ihrer Mutter Einblick in ihr Leben zu gewähren. Hier in den Dörfern des Ljusnantals hätte man sie als Hure bezeichnet. In Wirklichkeit mochte sie einfach Männer Lind konnte jedes neue Verliebtsein unglaublich genießen, und sie gehörte zu den Frauen, die verliebt sein nie mit Liebe verwechselten.
»Nichts mag ich lieber, als im Bett neue Techniken zu lernen«, hatte sie einmal zu einer Freundin gesagt, die in ihrer Rolle als Gattin und Mutter Erfüllung fand. Die Freundin hatte in ihr Lachen nicht eingestimmt, sondern sie für recht bedauernswert gehalten,
Genau wie ich dich bedaure, das hatte Katarina für sich behalten. Und sie hatte dabei an den Mann gedacht, der zu Hause vor dem Fernseher den Babysitter machte, immer wieder auf die Uhr sah und nur auf seine Frau wartete.
Sie hatten sich vor dem Restaurant getrennt. Und die Worte der Freundin waren schmerzlich haften geblieben. Wie ein Stachel.
Ein Verhältnis hatte bei ihr nie lange gehalten, höchstens ein halbes Jahr, länger hielt sie eine Liebelei kaum durch. Ihrer eigenen Erfahrung nach. Nur manchmal, wenn die Trennung allzu sehr schmerzte, hatte sie sich gefragt, ob sie nicht etwa die Flucht ergriff, weil ihr Zärtlichkeitsbedürfnis zu groß geworden war.
Ich fürchte mich vor restloser Hingabe, dachte sie.
Und jetzt will ich ein Kind haben, es lieben, es an meiner Brust nähren, durch Nächte und Tage tragen. Der Gedanke erschreckte sie so sehr, dass sie eine Pause einlegen, aus dem Wagen steigen, tief durchatmen und ihrem Herzen zureden musste, doch etwas langsamer zu schlagen.
Sie stand in der Parknische und blickte über das Flusstal hin. Ohne zu sehen. Die alten Bedenken meldeten sich wieder: Ich werde das nicht schaffen, nicht durchhalten, die Bedürfnisse des Kindes nicht erkennen. Ich werde mich wie verrückt nach dem Zeichentisch im Architekturbüro sehnen.
Ich werde ... Die Liste nahm kein Ende, und die Summe ergab: Ich werde das Kind an seinem Lebensnerv schädigen.
Der Wind biss sich durch die Kleider, sie fror und ging zum Wagen zurück. Setzte sich hinein. Sie hatte es nicht mehr besonders weit; wenn sie die Pause ein bisschen hinauszögerte, konnte sie sich auf das bevorstehende Gespräch vorbereiten. Ihre Mutter würde also sagen: Abtreiben. Sie selbst würde sagen: Aber ich will das Kind haben. Ihre Mutter würde einige Zeit verstreichen lassen und es schließlich aussprechen: Mutterschaft liegt dir nicht.
Sie würde das Gesicht in Falten legen wie immer, wenn sie etwas Unangenehmes zu sagen hatte, und ihre Argumente träfen absolut zu. Katarina hatte sich im Kreis kichernder Mädchen nie wohl gefühlt und Babys immer abstoßend gefunden. Genau wie die verdammten Tage, die sie Monat für Monat in Rage brachten.
Und Katarina würde klein beigeben, in die Großstadt zurückkehren und den Embryo absaugen lassen.
Als sie den Blinker drückte, um anzuzeigen, dass sie auf die Fahrbahn hinaus wollte, hatte sie Schwierigkeiten, im Rückspiegel etwas zu erkennen. Ihre Augen waren voll Tränen, Als sie aber in die Abzweigung zum Sommerhaus ihrer Mutter einbog, hatte sie sich wieder unter Kontrolle und ein Lächeln bereit.
Sie fuhr auf den Vorplatz und stellte fest, dass er kleiner geworden war. Der Wald wanderte langsam, aber unaufhaltsam auf das Haus zu. Das dornige, undurchdringliche Schlehengestrüpp gewann die Oberhand.
Mein Gott, war es hier öde. Und still. Die Singvögel waren nach Süden gezogen, die heimischen Vögel waren noch nicht auf das Futterhaus angewiesen. Nicht einmal eine Elster schrie.
So einsam.
Noch bevor sie die Handbremse angezogen hatte, war ihre Mutter da. Die beiden Frauen schauten sich eine Weile nur an. Aus reiner Freude. Dann folgte eine lange, feste Umarmung, die Fluten von Wärme hervorrief.
Als sie einander schließlich losließen, sagte Mama: »Ist ja schrecklich, wie blass du bist, Kindchen.« Katarina antwortete wie erwartet, dass sie von der weiten Fahrt müde sei. Und Hunger habe.
Und Mama antwortete wie erwartet: »Ich habe ein sahniges Kartoffelgratin im Ofen. Und frisch gefangene Lachsforellen.«
Eigentlich wollte Katarina jetzt kein warmes Essen, sagte aber mit dem notwendigen Lächeln: »Das wird fein schmecken.«
Sie hätte viel lieber geweint.
»Du frierst, komm, gehen wir ins Haus«, sagte Mama.
Nur nicht von der Norm abweichen, dachte Katarina. Warum werden wir nie wirklich warm miteinander.
Die Antwort war einfach:
Die Gefahr, einander wehzutun, ist zu groß.

Sie war nach Norden unterwegs, um ihrer Mutter mitzuteilen, dass sie ein Kind zur Welt bringen werde, aber nicht die Absicht habe, zu heiraten. In der Großstadt war der Spätsommer noch immer mit sattem Grün gegenwärtig, aber schon nördlich von Sala flammte das erste Rot in den Ahornbäumen auf, und als sie sich Bollnäs näherte, schleuderte der Nordwind ganze Hände voll goldener Birkenblätter gegen die Windschutzscheibe.
Sie schaltete die Wagenheizung ein.
Ihre Mutter war ein nüchterner Mensch. Wenn sie hörte, dass der Embryo noch nicht einmal zwölf Wochen in ihr wuchs, würde sie von Abtreibung reden. Und Katarina würde den Vorschlag ohne weitere Erklärung zurückweisen. Sie konnte ja schlecht erzählen, dass sie schon einmal eine Ausschabung hatte vornehmen lassen. Vor drei Jahren. Und dass sie sich seither mit der Frage herumquälte, wer das Kind, das nicht hatte geboren werden dürfen, wohl gewesen sein mochte.
Sie hatte ihrer Mutter von der Abtreibung damals nichts gesagt. Unnötig, sie zu beunruhigen. Unnötig auch, ihrer Mutter Einblick in ihr Leben zu gewähren. Hier in den Dörfern des Ljusnantals hätte man sie als Hure bezeichnet. In Wirklichkeit mochte sie einfach Männer Lind konnte jedes neue Verliebtsein unglaublich genießen, und sie gehörte zu den Frauen, die verliebt sein nie mit Liebe verwechselten.
»Nichts mag ich lieber, als im Bett neue Techniken zu lernen«, hatte sie einmal zu einer Freundin gesagt, die in ihrer Rolle als Gattin und Mutter Erfüllung fand. Die Freundin hatte in ihr Lachen nicht eingestimmt, sondern sie für recht bedauernswert gehalten.
Genau wie ich dich bedaure, das hatte Katarina für sich behalten. Und sie hatte dabei an den Mann gedacht, der zu Hause vor dem Fernseher den Babysitter machte, immer wieder auf die Uhr sah und nur auf seine Frau wartete.
Sie hatten sich vor dem Restaurant getrennt. Und die Worte der Freundin waren schmerzlich haften geblieben. Wie ein Stachel.
Ein Verhältnis hatte bei ihr nie lange gehalten, höchstens ein halbes Jahr, länger hielt sie eine Liebelei kaum durch. Ihrer eigenen Erfahrung nach. Nur manchmal, wenn die Trennung allzu sehr schmerzte, hatte sie sich gefragt, ob sie nicht etwa die Flucht ergriff, weil ihr Zärtlichkeitsbedürfnis zu groß geworden war.
Ich fürchte mich vor restloser Hingabe, dachte sie.
Und jetzt will ich ein Kind haben, es lieben, es an meiner Brust nähren, durch Nächte und Tage tragen. Der Gedanke erschreckte sie so sehr, dass sie eine Pause einlegen, aus dem Wagen steigen, tief durchatmen und ihrem Herzen zureden musste, doch etwas langsamer zu schlagen.
Sie stand in der Parknische und blickte über das Flusstal hin. Ohne zu sehen. Die alten Bedenken meldeten sich wieder: Ich werde das nicht schaffen, nicht durchhalten, die Bedürfnisse des Kindes nicht erkennen. Ich werde mich wie verrückt nach dem Zeichentisch im Architekturbüro sehnen.
Ich werde ... Die Liste nahm kein Ende, und die Summe ergab: Ich werde das Kind an seinem Lebensnerv schädigen.
Der Wind biss sich durch die Kleider, sie fror und ging zum Wagen zurück. Setzte sich hinein. Sie hatte es nicht mehr besonders weit; wenn sie die Pause ein bisschen hinauszögerte, konnte sie sich auf das bevorstehende Gespräch vorbereiten. Ihre Mutter würde also sagen: Abtreiben. Sie selbst würde sagen: Aber ich will das Kind haben. Ihre Mutter würde einige Zeit verstreichen lassen und es schließlich aussprechen: Mutterschaft liegt dir nicht.
Sie würde das Gesicht in Falten legen wie immer, wenn sie etwas Unangenehmes zu sagen hatte, und ihre Argumente träfen absolut zu. Katarina hatte sich im Kreis kichernder Mädchen nie wohl gefühlt und Babys immer abstoßend gefunden. Genau wie die verdammten Tage, die sie Monat für Monat in Rage brachten.
Und Katarina würde klein beigeben, in die Großstadt zurückkehren und den Embryo absaugen lassen.
Als sie den Blinker drückte, um anzuzeigen, dass sie auf die Fahrbahn hinaus wollte, hatte sie Schwierigkeiten, im Rückspiegel etwas zu erkennen. Ihre Augen waren voll Tränen, Als sie aber in die Abzweigung zum Sommerhaus ihrer Mutter einbog, hatte sie sich wieder unter Kontrolle und ein Lächeln bereit.
Sie fuhr auf den Vorplatz und stellte fest, dass er kleiner geworden war. Der Wald wanderte langsam, aber unaufhaltsam auf das Haus zu. Das dornige, undurchdringliche Schlehengestrüpp gewann die Oberhand.
Mein Gott, war es hier öde. Und still. Die Singvögel waren nach Süden gezogen, die heimischen Vögel waren noch nicht auf das Futterhaus angewiesen. Nicht einmal eine Elster schrie.
So einsam.
Noch bevor sie die Handbremse angezogen hatte, war ihre Mutter da. Die beiden Frauen schauten sich eine Weile nur an. Aus reiner Freude. Dann folgte eine lange, feste Umarmung, die Fluten von Wärme hervorrief.
Als sie einander schließlich losließen, sagte Mama: »Ist ja schrecklich, wie blass du bist, Kindchen.« Katarina antwortete wie erwartet, dass sie von der weiten Fahrt müde sei. Und Hunger habe.
Und Mama antwortete wie erwartet: »Ich habe ein sahniges Kartoffelgratin im Ofen. Und frisch gefangene Lachsforellen.«
Eigentlich wollte Katarina jetzt kein warmes Essen, sagte aber mit dem notwendigen Lächeln: »Das wird fein schmecken.«
Sie hätte viel lieber geweint.
»Du frierst, komm, gehen wir ins Haus«, sagte Mama.
Nur nicht von der Norm abweichen, dachte Katarina. Warum werden wir nie wirklich warm miteinander.
Die Antwort war einfach:
Die Gefahr, einander wehzutun, ist zu groß.

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