Liebesgeschichte von Franzobel, 2007, ZsolnayFranzobel

Liebesgeschichte
(Leseprobe aus: Liebesgeschichte, Roman, 2007, Zsolnay)

1. Die sechste Stunde

Weil er beim Aufsperren einer Tür immer fürchtete, jemand könnte ihn beobachten, sich auf ihn stürzen, ihn überwältigen, blickte er sich hastig um, doch da war nichts, nur die dunkelblaue Nacht hing wie eine atmende, quallige Masse über den schlafenden Häusern und Autos. Auch wenn alles still war, beeilte er sich, den Haustorschlüssel ins Schloss zu stecken, zu drehen. Es klemmte. Verdammt! Er presste. Fluchte. Jetzt gelang es.

Alexander, ein graziler junger Mann von vierunddreißig Jahren, blutarm, nervös, hohlwangig mit zartgliedrigen Händen und einer mäßig vorstehenden, leicht aufwärtsgebogenen Nase im teigigen Gesicht, Alexander, der stets um Stil bemüht war, bedacht darauf, dass man sah, wer er war, einer, der die Welt aus ihren Angeln hob. Alexander keuchte. Wie ein anschlagender Jagdhund hing er in der straffen Leine seiner Atemröhre, keuchte heftig, fiel gegen die zugefallene Tür, griff sich an die Brust und hustete, als hätte er einen Hundertmeterlauf absolviert. Dabei war er nur von der Ecke hergelaufen, wo er den Taxifahrer hatte halten lassen.

Er strich die Falten aus dem Regenmantel, bückte sich, um seine Schuhbänder zu binden, und hastete durch das Treppenhaus, zog sich am Geländer hoch, vorbei an Fußabstreifern und ausgetragenen Zeitungen, hinweg über Specksteine, Tröpfchen von der inkontinenten Dackeldame Max, zog sich empor durch das Gründerzeittreppenhaus, vorbei an einem kleinen abgenagten Knochen mit blutigem Gelenk, vorbei an abgeschlagenen Wänden, von denen Putz rieselte, um endlich vor der ihm wohlbekannten Tür zu stehen.

Alexander keuchte, griff sich ans Herz, versuchte es zu kontrollieren, atmete langsam aus und ein, blickte aus dem Treppenhausfenster, sah den roten Streifen der ausbrechenden Sonne, die die quallige Nacht bald verscheucht haben würde, blieb an den Blumenkästen hängen, wunderte sich, wie sich seine Frau für dieses Grünzeug interessieren konnte, wo er nicht einmal die Namen dieser Gewächse behielt, alle Thujen nannte. Sie aber sagte, Pflanzen sind wie Tiere, die immer schlafen. Seit sieben Jahren waren sie verheiratet. Was wussten sie voneinander?

Alexander atmete noch heftig, fühlte, wie der Sauerstoff auf seine Zellen sprang, glühte, mit ihnen durchging. Er sah den handtellergroßen Marienkäferaufkleber an der dunklen Tür, das Namensschild Marie und Alexander Gansebohn. Es kam ihm vor wie das von Fremden. Er öffnete, drückte sacht gegen die Tür, bemüht, keinen Lärm zu machen, niemanden zu wecken, sah Licht, schob vorsichtig wie eine Schildkröte den Kopf ins Innere, da hörte er schon etwas krachen, einen hellen, bröckeligen Klang. Es war, als wäre jemand in die papierenen Waben seines Gehirns gesprungen, hätte darauf herumgetrampelt, alle eingeknickt, dabei war eine Weinflasche neben ihm zerschellt. Was für eine herzliche Begrüßung.

Ein großer roter Fleck war an die Wand gekleckst und auf dem Boden eine große Lache. Wie ein Tausendfüßler, eine überdimensionale Küchenschabe sah das Wandgemälde aus.

Alexander, dem für diese Art von Kunst der Sinn fehlte, zitterte, da bemerkte er die Frau, seine, sie sah aus wie ein wildes, hungriges Tier, dem die Beute in die Falle ging. Ein stürmisch loderndes Feuer war in ihrem Blick. Sie war entschlossen. Alexander rannte auf sie zu, wollte sie umarmen.

– Marie!

Sie entwand sich ihm, stieß ihn weg, würdigte ihn keines Blickes.

– Marie! Was ist? Habe ich dir nicht gesagt, dass es spät werden kann? Wenn du die ganze Nacht wach geblieben bist, muss ich dich schimpfen. Dummerchen! Alexander stammelte. Er sah verweinte Wimperntusche, die wie eine Bremsspur auf ihren Wangen lag, Brüste, die Flaschenkürbissen glichen und unter ihrem schlichten Kleid baumelten. Er fühlte Abscheu, Ekel, Glück, einen ganzen Cocktail unpassender Gefühle, auf dem Gemeinheiten trieben, die den Kahn ihrer Ehe in arge Turbulenzen brachten. Aber wie ein stures, auf dem untergehenden Schiff weiterspielendes Orchester war er nicht fähig, diesen in Seenot geratenen Ehekutter zu verlassen.

Dabei war ihm diese Frau, seine, mit ihrem Sinn fürs Praktische, ihren Vorlieben für Zimmerpflanzen und Dekorationen, ihren Stillosigkeiten und Zerstreutheiten ein Gräuel. Zuneigung – sie wehte ihn an und verging.

Er sah sie an und merkte, wie Feindseligkeit in ihm hochstieg, eine Mischung aus Ekel, Abscheu und Zuneigung, ja Zuneigung, die allen Unwettern zum Trotz nicht umzubringen war, sich festkrallte wie ein Ertrinkender an einem Rettungsring.

– Ich kann noch nicht sprechen, fauchte Marie und bedeutete ihm, nicht näher zu kommen. Bitte. Kann nicht!

– Aber mit Weinflaschen werfen kannst du? Und was ist mit den Kindern? Willst du sie wecken? Benimmt sich so ein braver und tüchtiger Mensch?

Alexander war hellwach, die Gedanken schlugen wie Peitschenhiebe in sein Hirn, gruben tiefe Furchen, spritzten auf. Was war mit Marie?

Sie wusste etwas. Was? Nur einen Zipfel oder gleich die ganze Verschwörung? War es eine leise Ahnung oder hatte sie alles herausbekommen? Sie war ihm schon öfter hinter Betrügereien gekommen, aber immer war es ihm gelungen, sie zu beschwichtigen, ihr aufs Neue seine Liebe zu beweisen, das kenternde Schiff ihres Zusammenseins wieder seetauglich zu machen. Stets war er mit seinem Keiner kann in mich hineinschauen durchgekommen.

Unbedeutende Affären waren das gewesen, Ehrenaffen hatte sie’s genannt und nicht mit Weinflaschen geworfen. Diesmal war es anders. Alexander, ein Meister im Durchlavieren, erkannte den Ernst, wusste, dass er sie umarmen und küssen musste. Er aber? Was tat er?

Seine Schnürsenkel band er.

– Kann nicht sprechen, schrie sie. Kann nicht.

– Sag schon, was ist los. Hab ich auf den Hochzeitstag vergessen? Nein! Alexander sah das Telefon, einen Zettel daneben, vollgekritzelt. Sie hatte telefoniert. Mit einer Freundin?

War es diesmal sie, die sich ausheulte? Sonst war es immer umgekehrt, war Marie die Klagemauer, an der die Probleme ihrer Freundinnen zerbrachen.

Er legte seine Hand auf ihre Schulter, die sich hart anfühlte, hart und kalt. Sie stieß ihn weg und sagte:

– Du liebst mich nicht. Ich weiß nicht, ob du mich je geliebt hast. Ich weiß gar nichts mehr. Nichts! Nur, du liebst mich nicht. Das weiß ich. Ein gemeiner Schuft bist du! Jawohl, ein Schuft!

– Was sagst du da? Alexander suchte nach Worten wie Göttin meines Herzens oder Liebe meines Lebens, nur so abgedroschen sollten sie nicht sein. Verlegen blickte er in die Vitrine mit den Bleikristallgläsern, als ob dort die passenden Ausdrücke lägen. Er sah präkolumbianische Statuen aus Mexiko, Tonkrieger aus China, eine Wasserpfeife und andere Dinge, die sie zusammengekauft hatten, ja, zusammen hatten sie sie gekauft, um zu beweisen, dass sie glücklich waren, zusammen, nicht einsam nebeneinander her lebten.

– Bei einer anderen …

Marie drehte sich langsam um und durchbohrte ihn mit ihrem Blick. Ihre Augen waren wund gerieben. Sie musste stundenlang geheult haben, um diese Rötung zu erzielen. Wie Surfleisch sahen ihre salzigen Wangen aus, fleischig, rot. Diese Demütigung! Diese Kränkung! An mich denkst du überhaupt nicht. Du denkst nur an dich. Du Schuft! Nur an dich. Alexander setzte sich und band seine Schnürsenkel, die gar nicht offen waren. Und ob ich an sie denke, schlug ihn ein Peitschenhieb. Immer wenn ich bei einer anderen bin, schon aus Angst, dass mir Marie dahinterkommt. Er musste lächeln und sagte, so unschuldig er konnte:

– Bei was für einer anderen? Was meinst du?

– Oh, ich kleine Idiotin, stöhnte Marie, habe ich das verdient? Habe ich, die Mutter deiner Kinder, verdient, dass du mich so zum Narren hältst? Habe ich das wirklich? Du Schuft! Aschfahl und traumverloren war nun ihr Gesicht, ihr glasiger Blick verbohrte sich im Boden.

Draußen war der Himmel saftig dunkelblau geworden, hinten war ein rotes Band aufgetaucht, eine rotgeränderte Wolkendecke, durch die an manchen Stellen schon ein perlweißer Kosmos schimmerte. Die schwarze Qualle hatte sich verzogen und, wie es schien, sich in Alexander breitgemacht. Übel war ihm, Honig lief aus den Waben seines Hirns, verklebte alles. Ihm war zumute, als hätte man ihn verprügelt. Und jetzt saß man zu Gericht über ihn, seine Frau hatte die Oberhand bekommen. Die nächsten Minuten würden über ihn entscheiden. Und Alexander spürte, wie die Gedanken in ihn schlugen, ihn auspeitschten, während Marie sich sichtlich erholte, aufrichtete, den Blick hob, um ihre Rache auszukosten wie ein raffiniert zubereitetes Frühstück.

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