Chinesisch für
Anfänger
(Leseprobe aus: Das Fest der Steine oder Die
Wunderkammer der Exzentrik, Roman, 2005, Zsolnay)
worin Oswald die Brecht-Medaille
verliehen wird
-Wie es weitergeht? Also gut. Warum wird man fett? Begreift der Körper nicht,
dass er immer noch genug bekommen hat? Warum wächst ein Bauch? Weil der Bauch
die sentimentalste, melancholischste Körperstelle ist? Eine Mole, wo die Heimat
anlegen kann, wenn sie angetrieben kommt.
Wuthenaus Bauch war fest und aufgetrieben wie ein Schildkrötenpanzer. Wie hatte
Deliah gesagt? Ist so dick, dass man nicht weiß, wo hinten und vorne, wo oben
und unten ist. Aber wozu? Ist der Bauch bloß eine großkotzige Großmannssucht,
der Traum der Albaner von Großalbanien, ein böhmischer Traum vom Meer? Oder
ist er ein verzweifelter Versuch, sich Heimat anzuessen, der abgetrennte Teil
von einem selbst? Der abgeschnittene andere, von dem Platons Gastmahl spricht.
Stimmt es, dass Dicke sensibler sind, ihr Fett nur da ist, damit man ihr
innerliches Zittern nicht sieht? Man nichts merkt von ihrer Angst? Ist der Körper
der Ort des Verdrängten, der alles aufsaugt, das Unterbewusste auswächst, oder
wie Bopi, das Mondkälbchen, gesagt hätte, die Anima aus dem Tarot? Und warum
glaubt man, dass dicke Männer witzig sind?
Wenigstens Oswald war in seinem Inneren ungeschützt. Was immer er zeit seines
Lebens unternommen hatte, alle seine Eskapaden und Exzentrizitäten waren im
Grunde nichts anderes als ein Überspielen dieser Unsicherheit, dieser Angst vor
einem Bauchfleck und letztlich wohl auch der Phobie, noch einmal einer Tante
Milli vor die Tür gestellt zu werden. Der Bauch war sein Panzer. Der Bauch samt
practikal jokes, Zynismus und seiner Nazikruste hielt alles auf Distanz, sogar
die Angst. Dabei war Angst ja meistens unbegründet, wenigstens die vor einem
Flugzeugabsturz. Nichts war nämlich passiert. Die Prophezeiungen waren verpufft
– sowohl die indianische als auch die madlenische. Also war Wuthenau mitsamt
seinem Bauch sicher in Berlin-Schönefeld gelandet. Ostdeutschland. Die DDR war
wie Argentinien, nur ohne Sonne.
Gigantische Wolkenfliesen lagen am Himmel. Nur an manchen Stellen waren sie
schlecht verfugt, schimmerte der blaue Himmel durch. Anstelle der argentinischen
Sonne und des österreichischen Adlers prangten in der DDR Hammer und Sichel,
leuchteten auf Fahnen, strahlten alles an, sogar die streng gekleideten Frauen,
die infolge dieser ständigen Behämmerung und Zersichelung nichts Weiches mehr
ausstrahlten; kantige, eckige Geschöpfte, wie mit Tusche konturiert. Im Grunde
war die DDR eine Bananenrepublik – nur ohne Bananen. Auch der in lateinischen
Ländern so wichtige Schwanz, die menschliche Banane, mit der in Südamerika
Politik gemacht wurde - und zwar aus dem Bauch heraus - hier im Preußenland
hatte er keine Bedeutung. Hier war alles eingelegte Nuss, verhirnt. Alles war
verkopft, zerredet. Und sonst? Die gleichen Monumente wie in Argentinien,
Plattenbauten, derselbe Gewerkschafts- und Kantinengeruch, die gleiche
Verbissenheit in den Gesichtern. Dieselbe, nein, noch eine viel größere Angst
vor seinem Nächsten, vorm Ausspioniertwerden.
Schon auf dem Empfang des Kultusministers wurde Wuthenau klar, dass dieser
Sozialismus niemals funktionieren konnte. Kaum Bäuche! Aber kein Wunder. Bei
dieser Küche! Die Ostdeutschen waren Weltmeister im Speisenverpfuschen. Heiße
Pellkartoffeln servierten sie mit kalter Sahne und lauwarmem Hering, Hasenbraten
kredenzten sie zu panierten Äpfeln und Rübenmarmelade, Erbsenreis gab’s mit
Zwiebelsauce, zu Fisch Karottenmus mit Krautsalat. Als Dessert reichten sie
Knoblauch in Honig, Rettich mit Käse und noch ein paar Geschmacksverfehlungen,
die einem den Magen umdrehten.
-Sind Sie eigentlich mit einem Wuthenow verwandt?, wollte der neben Oswald
einzig andere Beleibte, der Kultusminister, wissen.
-Wuthenow? Nicht dass ich wüsste. Bekommt der auch die Brecht-Medaille?
-Das nicht, sächselte der Minister, dessen enormer Bauch zwischen die
Oberschenkel hineinhing, fast die Sitzfläche seines Sessels berührte. Velimir
Wuthenow ist heute an der vermeintlichen Staatsgrenze erschossen worden.
-Vollkommen richtig. Wenn man eine Grenze hat, muss man sie anerkennen, hob
Wuthenau sein Glas. Auf das Begrenzte!
-Auf den Sozialismus! Der ministerielle Riesenbauch drehte sich in Richtung
Wuthenau, so dass es beinahe zu einer Bauchkollision kam. Wie die
Scherenschnittvorlage für einen Pokal sah das aus.
-Das Dumme ist nur, dass die internationale Presse davon Wind bekommen hat.
-Na und? Trotz Hemd, Krawatte und Krawattennadel berührten sich die beiden
vorgetriebenen Nabel, so dass es beide, den Minister und Oswald, etwas
elektrisierte.
-Die vermeintliche Staatsgrenze ist, wie schon ihr Name sagt, gar keine
wirkliche Grenze, sondern eine vermeintliche, nur zur Ausbildung von
Wachtmannschaften da. Eine Grenzattrappe. Und dieser Velimir Wuthenow, ein
russischer Soldat, der in den Westen wollte, hat diese Pseudogrenze für echt
gehalten. Und die Wachtmannschaften, die natürlich nicht wissen konnten, dass
die von ihnen bewachte Grenze gar keine wirkliche, sondern nur eine Attrappe,
ein Staatsgrenzen-Dummie, ist, haben ihn, jetzt raten Sie, ja, richtig,
erschossen, unvermeidlich, bebte der Ministerbauch. Bum. Bum. Bum.
-Brav, zündete sich Wuthenau eine Virginier an, blies eine große Rauchwolke in
den Raum. Das Leben ist ein Schweinestall, und die Ferkel gedeihen prächtig.
-Wie steht es in Argentinien eigentlich mit dem Sozialismus?, wollte der
Minister mit sanfter Stimme wissen. Die geröteten Augen über den fleischigen Säcken
sahen Oswald fragend an. Mit den Tränensäcken, die er hatte, hätte man einen
kleinen BH füllen können.
-Mit dem Sozialismus? Ganz einfach, grinste Wuthenau. Es gibt ihn nicht. In
Argentinien würde man sich nie mit nur einem umgebundenen Handtuch die Badehose
anziehen, in Argentinien hat man Scham, und die Leute schauen, nicht wie in
Europa, wo niemand schaut, wo allen alles wurst ist. Die Argentinier schauen auf
sich, da sind sogar die Gewerkschaften rechts. Alles Kapitalisten. Oder was
glauben Sie, was Perónisten sind? Perón heißt ja fast Bahnsteig, deshalb sag
ich immer Bahnsteigpartei, aber Argentinien ist ein Abstellgleis, es gibt keine
Züge mehr. Nur Kopfbahnhöfe, Endstationen, Prellböcke und Busse. Busse sind
Kapitalisten. Schiene Sozialisten, Straße Kapitalisten. Ich auch, trommelte er
sich auf den Bauch, der in einer weißen Seidenweste unter einer mit
Dollarzeichen bestickten Krawatte steckte. Sie werden doch nicht glauben, dass
ich Sozialist bin?
Ich bin Estancia-Besitzer, 8000 Kühe in Salzburgo, Sierra de Córdoba, und
Besitzer sind niemals sozialistisch. Das hier ist eine rein kapitalistische
Investition, reckte er seinen Bauch vor. Das ist ein Unterschied. Ich bin nicht
dick, ich habe angelegt, und ich habe mich verzinst. Außerdem glaube ich an den
Führerkult, einer führt, und alle anderen folgen. Da sind sich Sozialismus und
Nazis ähnlich, weil die Menschen sind Schafe, brauchen einen Leithammel, einen,
dem sie hinterherrennen. Das ist in Demokratien nicht anders.
-Auf Walter Ulbricht, unterbrach der ziemlich perplexe Minister, hob mit der
einen Hand sein Glas, tastete mit der anderen seinen Bauch ab, tatsächlich,
schwammig und weich.
-Auf die Autonomie der Kunst im Rahmen ihrer Grenzen!, brüllte Wuthenau. Prost.
Übrigens, ich habe auf dem Weg vom Flughafen hierher ein großes Denkmal für
den Sozialismus gesehen. Ich hab den Fahrer gebeten anzuhalten, um es mir
anzusehen, aber ehrlich, ich verstehe es nicht. Auch der Fahrer und die
Stasi-Leute hatten keine Ahnung. Können Sie es mir erklären?
-Das Denkmal für den Sozialismus? Tja, da bringen Sie mich in die Zwickmühle,
mein Lieber. So aus dem Stehgreif? Herr Sektionsleiter, bat der Minister den
neben ihm Sitzenden, Sie werden doch sicher aus dem Effeff unser Denkmal für
den Sozialismus erklären können. Der Sektionsleiter für Planwirtschaft
stotterte und hüstelte etwas von wegen, er müsse sich auch erst erkundigen.
-Das ist nämlich, entschuldigte sich dieser flachbäuchige Mensch mit hoher
Stirn, ziemlich kompliziert, weil es um den Fünfjahresplan gehe, um die Doktrin
der Erfüllung des Menschen in der Geschichte und der Gegenwart, aber wie genau,
wisse er jetzt auch nicht. Und während er zur angeblichen Erkundung loszog oder
vielmehr mit weichen, fast spastischen Knien hinausschlich, fragte Wuthenau, ob
es denn stimme, dass dieses Fünfjahresplansoll für alle Berufe gelte.
-Natürlich!, der rote Kopf des Ministers sah ihn fragend an. Wieso nicht? Sein
Haar changierte zwischen weiß, grau und gelb. Wie ein dicker Onkel Pepi sah er
aus, ein überfressener Dackel, dessen Bauch auf dem Boden schleifte.
-Und wie geht das mit Totengräbern? Hä? Wuthenau bemerkte die fleischigen
Ministerhände, deren Finger nicht zusammengingen. Ist da ein
Leichen-Schleichhandel im Gang? Ein Schwarzmarkt der Toten? Oder finden
Mehrfachbeerdigungen statt? Mehrwegleichen? Und Kindergärtnerinnen, Friseure,
Zahnärzte? Rauchfangkehrer? Was machen die?
-Auf Walter Ulbricht!, hob der Minister sein Glas und schickte im Geiste
denjenigen, der diesen dicken, frechen Riesenbreitarsch für die Brecht-Medaille
auserkoren hatte, nach Sibirien.
In den Hinterzimmern des Palastes der Arbeit hatte inzwischen eine wilde
Telefoniererei begonnen. Der Sektionsleiter für Planwirtschaft brüllte den
Ministerialrat für Formgebung an, der wiederum den schon zu Bett gegangenen
Kanzleirat für Plastik und Skulptur aufweckte und unflätigst beschimpfte. Also
wirklich, Genosse, Schweinerei, Genosse, Sibirien, aber bäuchlings, Genosse.
Der aus dem Schlaf Gerissene rief seinerseits sofort den Sonderbeauftragen des
Amtes für künstlerische Werkstoffgestaltung Heimecker an, also wirklich,
Genosse, affig, Genosse, aus dem Bauch heraus interessiert mich nicht, Sibirien,
Genosse Heimecker. Heimecker wiederum versuchte, die Antwort vom
Generalkommissar für sozialistisches Formwesen, Kohlklau, zu erhalten. Also
wirklich, Genosse, Hundsfott, Genosse, Bauchweh und Sibirien, Genosse. Kohlklau
verwies auf den Zentrifugalrat für Raumgestaltung Schmutzer, der erkundigte
sich bei seinen Sekretären, von denen schließlich einer die rettende Idee
hatte, den Künstler selbst zu fragen, was er wohl gemeint haben könnte.
Rainer Michalcyk, der Bildhauer, aber war, wie schnell herausgefunden wurde, ein
Republikflüchtling. Also blieb nichts übrig, als andere Künstler zu befragen.
Man rief Koffke, Knoblauch, Knöfler, Knofl, Knopfler, Knaulch, Knobelnyk und
wie sie alle hießen, an. Die Knoblauchmeister aber wollten entweder nichts
sagen oder hatten wirklich keine Ahnung, was Michalcyk hatte ausdrücken wollen,
oder verzapften irgendeinen Unsinn. Etwa den, dass es sich beim Denkmal des
Sozialismus um ein Monument für den internationalen deutschen Michel handelte.
Der ukrainische Michailow kam ebenso vor wie der tschechische Michalek, der
französische Michelin, Michele, Michailitsch, Michalke und Michaljan, was
Michael auf armenisch heißt. Michelnigg, Michaelidis, Micheltin oder
Michalvilli. Demichelis, Michelo, Mitchel, Michler, Michelson – alle Michels
dieser Welt, was bedeutete, dass es sich um ein panmichaelisches,
machiavellisches Micky-Maus-Denkmal handelte.
Aber so einen Blödsinn konnte man doch keinem hochrangigen ausländischen Gast
erzählen. Das Denkmal für den Sozialismus ein deutscher Michel? Eine Micky
Maus? Unsinn. Nun waren leider auch die Projektunterlagen aufgrund ihres Umfangs
von 18.000 Seiten praktisch für den Michel, also unbrauchbar. Was konnte das
Denkmal für den Sozialismus nun bedeuten? Wie sah es eigentlich aus? Hmm? Wie
jetzt? Tja. Bald stellte sich heraus, dass es niemand wusste. Niemand! Alle
gaben zu, dass sie sich instinktiv wegdrehten, wenn sie daran vorbeifuhren. Aber
es fanden doch dauernd Paraden davor statt? Trotzdem, nie sah man hin. Es war
ein Denkmal, das einen vor allem daran erinnerte, nicht hinzusehen, es nicht
wahrzunehmen. Als wäre ein ganzes Volk hypnotisiert, es nicht zu sehen. Was
also konnte es bedeuten? Sollte es wirklich ein Denkmal für den Michel sein?
Oder gar ein verdecktes Michelmorial für den Kapitalismus? Eine Micky Maus?
Diesem Michalcyk war alles zuzutrauen. Republikflüchtling, wurde er in
zahlreichen Köpfen nach Sibirien geschickt.
-Sofort in die Luft sprengen, plädierte der Zentrifugalrat für Raumgestaltung
Schmutzer.
-Jetzt, während der Brecht-Tage? Unmöglich.
Während sich also in den Hinterzimmern und Bäuchen der Ministerien und Ämter
hunderte Beamte den Kopf zerbrachen, fehlte vorne an der Front dem Minister
immer noch die Antwort. Etwas verlegen rutschte er auf seinem Sessel hin und
her, so dass sein Bauch ins Pendeln kam, dann wandte er sich seinem
Tischnachbarn auf der anderen Seite zu. Diese Gelegenheit nutzte der aus
Mezzeseifen kommende slowakische Kulturbeamte František Brabec, um den plötzlich
frei gewordenen Preisträger wie einen Tanzpartner an sich zu reißen.
-Sehen Sie, flüsterte seine helle Stimme Wuthenau ins Ohr, während er seine
Hornbrille zurechtrückte, das ist der Unterschied. Die Deutschen nehmen den
Kommunismus ernst, sogar, wenn sie besoffen sind. Die Slowaken? Aber geh. In der
Tschechoslowakei muss man den Beamten verbieten, zu Martini nach Bratislava zu
fahren. Warum? Weil dort hat man die besten Gänse, immer schon, und zu Martini
werden die in großen Brotöfen gebacken. Phantastisch, immer schon. Also müssen
aus allen möglichen Gründen sämtliche tschechoslowakische Beamte zu Martini
nach Bratislava. Warum? Weil sie Schrauben brauchen, Sicherungen, Kabelklemmen
oder Stoffmuster. Jeder läßt sich etwas einfallen. Und so geht das ganze Jahr,
immer schon. Im Februar fahren sie wegen Schrauben und Kabelklemmen nach Brünn,
wo zufällig Krapfenzeit ist, zu Ostern gibt es die besten Schrauben und
Kabelklemmen in Kosice wie auch die glacierten Hasen, na, und im Mai muss man
unbedingt nach Prag wegen der Firmlinge, im Sommer haben die in Olomouc die
Schrauben samt dem Quargel, dann kommen schon die Würste in der Bunzlau, im
Oktober immer schon in die Karpaten, da fallen Schraubenernte und Weinlese
zusammen, im November ist Iglau dran, Forellen haben die, zum Finger lecken.
Brabec lachte. Man muss sich’s nur zu richten wissen, wissen, wo man
Schrauben, Kabelklemmen braucht, dann ist egal, in was für ein‘ System man
lebt, immer schon.
-Mir war ein Volk, das sich einen Tachinierer wie den Schweijk zum
Nationalhelden macht, immer suspekt. Oswald lachte.
-Bei dem waren auch ein paar Schrauben locker. Nun wurde Brabec noch leiser.
Offiziell gibt es im Sozialismus keine Prostitution. Wir aber haben
Kubanerinnen, so genannte Kulturbeauftragte, ich sag ihnen, mein Lieber-.
Schwarze aus Angola, Kenia. Natürlich ist das etwas Kulturelles. Solche langen
kulturellen Haxen, schwarz wie Kohle, nahm der Mezzeseifener die Brille ab und
pulte mit dem Bügel in seinem Ohr. Ein behaartes aufgeknöpftes Loch war das,
eine Hasenvagina.
-Aber wieso es keine Arbeitslosen gibt, Oswald schlug dem kleinen Brabec auf die
Schulter, so fest, dass dieser vor Schreck die Brille losließ, die nun einfach
so im Ohr steckte wie ein Maibaum immer schon im Mai in der Erde, während der
andere Bügel baumelte, wieso es keine Arbeitslosen gibt, sagte also Oswald, das
verstehe ich jetzt. Überall stehen welche, aber keiner tut was. An der
Garderobe, am Büffet, in der Küche, überall stehen sie und gaffen. Das ist
eine ganze Generation von Nichtstuern und Sich-Beine-in-den-Bauch-Stehern. Da drüben,
fünf Kellner, und keiner bewegt sich.
-Das stimmt. Brabec hatte nun seine Brille wieder in der Hand. Warum? Weil jeder
Zweite Spitzel ist und jeder Dritte Spitzelspitzel. Bei Kundgebungen wird sogar
das Volk von Stasi gedoubelt. Aber psst. Künftige Generationen werden das, wofür
wir eingestanden sind und ausgespitzelt haben, nicht ausstehen können. Das, was
uns der Kapitalismus davonarbeitet, werden die wieder nacharbeiten müssen, die
werden abgestumpft sein, das Spitzeln nicht verstehen, kaute er nun an einem
Brillenbügel herum, merkte dann, dass der eben noch im Ohr gewesen war,
schmeckte wohl den bitteren Geschmack, machte ein angewidertes, sich vor Ekel
schüttelndes Gesicht.
-Brrr, die werden auf den Kommunismus fluchen. Jetzt lachte Brabec wieder. Ein
warmes, schreckliches Brabec-Lachen kam aus ihm heraus. Kennen Sie Witz? Zwei
Polizisten. Der eine: Was denkst du über Lage? Der andere: Dasselbe wie du.
Dann muss ich dich verhaften, leider. Brabec lachte.
Und mitten hinein in dieses Lachen öffnete sich der schwere marineblaue
Samtvorhang der Bühne, begann eine russische Volkstanzgruppe unter wilden
Ho-ha-ho-ho-Schreien und Gesängen ihr Potpourri, so dass dem Publikum für den
weiteren Verlauf des Abends nichts Gutes schwante, gar nichts Gutes. Ho! Ha! Ho!
Dabei war es nicht einmal so schlimm. Die Dresdner Staatskapelle spielte Bach,
die Berliner Volksbühne den Anfang von Brechts Galileo Galilei, und
zwischendrin sagte ein gerade noch nicht in die Pubertät gerutschtes Mädchen
dadaistische Lautgedichte auf.
-Das ist Hilde Hansmellow, sagte der Kultusminister froh, vom leidigen
Sozialismusdenkmal weggekommen zu sein.
-Immer schon, flüsterte Brabec.
-Die hat sich während eines Kulturaustausches selbst Chinesisch beigebracht,
pfauchte der Ministerbauch. Jetzt steht sie in ständigem Kontakt mit einer
chinesischen Gastfamilie. Das sind Gedichte an die Freude, die sie uns da
deklamiert. Gedichte an die Solidarität.
-Lin pin da ho, klimbim, ga ga, salo, la ho, pinp pin, daho, kam es aus dem Mädchenmund.
-Na ja, ich kann ja nicht Chinesisch, nur Gulasch mit Lockerl, aber für mich hört
sich das stark nach Phantasiesprache an, murmelte Wuthenau. Und auch wenn
niemand darauf reagierte, hatte er doch Recht damit. Hilde Hansmellow hatte aus
reiner Wichtigtuerei ihren Mitschülern so lange von einer frei erfundenen
chinesischen Freundin und angeblichen daraus resultierenden
Chinesischkenntnissen vorgelogen, bis ihre Klassenlehrerin davon erfahren und
das Kind zur Direktion geschleppt hatte, die wiederum hatte dem Schulinspektor
von der vermeintlich Hochbegabten erzählt, der es stolz an den Kreisschulrat
gemeldet hatte, der dem Schulsprengelleiter, und so weiter, und so fort, alle in
der Hoffnung, dass ein wenig von dem leuchtenden Licht dieser Chinesisch
sprechenden Hansmellow auch auf sie abfallen könnte. Was schließlich dazu führte,
dass die kein einziges Wort Chinesisch könnende Hilde Hansmellow aus
Neu-Trettin während des Galaabends der Brecht-Tage 1969 phantasiechinesische
Gedichte deklamierte, hi da, da hi, dahi, tschinbin, gaga, intin, bimbim, was zu
ihrem eigenen Erstaunen nicht zur Großkatastrophe führte, sondern zu
frenetischen Beifallsstürmen. Da da hi, da ha. Winschin buhu, mubu lulin bibi
– und alle klatschten, niemandem stieß da etwas auf, nicht einmal als sich
die durch diesen unerwarteten Erfolg bestärkte Hansmellow zu einem ungeheuren
Guluhuhu kojoholo kokoko garagaga-Tremolo hinreißen ließ. Was aber das
Erstaunlichste, das völlig Unfassbare war, sogar die anwesenden Chinesen
hielten das hansmellowsche Phantasiechinesisch für einen entlegenen, ihnen
selbst nicht geläufigen Mandarin-Dialekt, und akklamierten aus Furcht, selbst
als falsche Chinesen enttarnt zu werden, besonders begeistert.
-Lin do, do, sa, sa lu min go, ga ha, ga hu, gaga, hoho, sihi, hunsu. Tsintsun.
Tsintsun.
Kaum war das letzte Gedicht aufgesagt, der Applaus verebbt, war auch schon der
Präsident der Brecht-Gesellschaft auf der Bühne, seine Laudatio in den vollen
Saal hineinzureiben. Er sagte, mit Ost und West sei es wie mit Menschen auf zwei
gegenüberliegenden U-Bahn-Haltestellen, die sich zwar nahe seien, sich auch
sehen könnten, aber doch einen unendlich langen Weg über Zwischenplateaus und
Treppen überwinden müssten, um sich zu treffen. Und so sei er nun umso glücklicher,
dass dies nun ausgerechnet einem österreichischstämmigen Argentinier geglückt
sei. Er nannte Wuthenaus Verdienste um Bert Brecht, seine Bemühungen um Übersetzungen
und Inszenierungen, lobte seinen Einsatz, seine Unermüdlichkeit.
-Immer schon, flüsterte Brabec.
Die Anwesenden applaudierten und der Kultusminister erhob seinen feisten Bauch,
murmelte etwas von großer Ehre, Respekt und drückte dem ebenfalls
aufgestandenen Wuthenau die Brecht-Medaille in die Hand. Alle klatschten, nur
die kleine Hansmellow wunderte sich, dass die Chinesen, zu denen man sie gesetzt
hatte, scheinbar mühelos mit ihr in ihrer Phantasiesprache kommunizierten.
-Lula bu hi, sagte sie, und die Chinesen nickten mit dem Kopf, sagten etwas wie:
-Ndon da ndu nja.
Sollte sie am Ende wirklich Chinesisch können, ohne es zu wissen, ja, sogar,
ohne es zu verstehen?
-Jun ju, sagte die Hansmellow, jan ju, und die Chinesen lachten.
Rezension I Buchbestellung III05 LYRIKwelt © Zsolnay