Das Fest der Steine von Franzobel, 2005, Zsolnay-VerlagFranzobel

Chinesisch für Anfänger
(Leseprobe aus: Das Fest der Steine oder Die Wunderkammer der Exzentrik, Roman, 2005, Zsolnay)

worin Oswald die Brecht-Medaille verliehen wird

-Wie es weitergeht? Also gut. Warum wird man fett? Begreift der Körper nicht, dass er immer noch genug bekommen hat? Warum wächst ein Bauch? Weil der Bauch die sentimentalste, melancholischste Körperstelle ist? Eine Mole, wo die Heimat anlegen kann, wenn sie angetrieben kommt.

Wuthenaus Bauch war fest und aufgetrieben wie ein Schildkrötenpanzer. Wie hatte Deliah gesagt? Ist so dick, dass man nicht weiß, wo hinten und vorne, wo oben und unten ist. Aber wozu? Ist der Bauch bloß eine großkotzige Großmannssucht, der Traum der Albaner von Großalbanien, ein böhmischer Traum vom Meer? Oder ist er ein verzweifelter Versuch, sich Heimat anzuessen, der abgetrennte Teil von einem selbst? Der abgeschnittene andere, von dem Platons Gastmahl spricht. Stimmt es, dass Dicke sensibler sind, ihr Fett nur da ist, damit man ihr innerliches Zittern nicht sieht? Man nichts merkt von ihrer Angst? Ist der Körper der Ort des Verdrängten, der alles aufsaugt, das Unterbewusste auswächst, oder wie Bopi, das Mondkälbchen, gesagt hätte, die Anima aus dem Tarot? Und warum glaubt man, dass dicke Männer witzig sind?

Wenigstens Oswald war in seinem Inneren ungeschützt. Was immer er zeit seines Lebens unternommen hatte, alle seine Eskapaden und Exzentrizitäten waren im Grunde nichts anderes als ein Überspielen dieser Unsicherheit, dieser Angst vor einem Bauchfleck und letztlich wohl auch der Phobie, noch einmal einer Tante Milli vor die Tür gestellt zu werden. Der Bauch war sein Panzer. Der Bauch samt practikal jokes, Zynismus und seiner Nazikruste hielt alles auf Distanz, sogar die Angst. Dabei war Angst ja meistens unbegründet, wenigstens die vor einem Flugzeugabsturz. Nichts war nämlich passiert. Die Prophezeiungen waren verpufft – sowohl die indianische als auch die madlenische. Also war Wuthenau mitsamt seinem Bauch sicher in Berlin-Schönefeld gelandet. Ostdeutschland. Die DDR war wie Argentinien, nur ohne Sonne.

Gigantische Wolkenfliesen lagen am Himmel. Nur an manchen Stellen waren sie schlecht verfugt, schimmerte der blaue Himmel durch. Anstelle der argentinischen Sonne und des österreichischen Adlers prangten in der DDR Hammer und Sichel, leuchteten auf Fahnen, strahlten alles an, sogar die streng gekleideten Frauen, die infolge dieser ständigen Behämmerung und Zersichelung nichts Weiches mehr ausstrahlten; kantige, eckige Geschöpfte, wie mit Tusche konturiert. Im Grunde war die DDR eine Bananenrepublik – nur ohne Bananen. Auch der in lateinischen Ländern so wichtige Schwanz, die menschliche Banane, mit der in Südamerika Politik gemacht wurde - und zwar aus dem Bauch heraus - hier im Preußenland hatte er keine Bedeutung. Hier war alles eingelegte Nuss, verhirnt. Alles war verkopft, zerredet. Und sonst? Die gleichen Monumente wie in Argentinien, Plattenbauten, derselbe Gewerkschafts- und Kantinengeruch, die gleiche Verbissenheit in den Gesichtern. Dieselbe, nein, noch eine viel größere Angst vor seinem Nächsten, vorm Ausspioniertwerden.

Schon auf dem Empfang des Kultusministers wurde Wuthenau klar, dass dieser Sozialismus niemals funktionieren konnte. Kaum Bäuche! Aber kein Wunder. Bei dieser Küche! Die Ostdeutschen waren Weltmeister im Speisenverpfuschen. Heiße Pellkartoffeln servierten sie mit kalter Sahne und lauwarmem Hering, Hasenbraten kredenzten sie zu panierten Äpfeln und Rübenmarmelade, Erbsenreis gab’s mit Zwiebelsauce, zu Fisch Karottenmus mit Krautsalat. Als Dessert reichten sie Knoblauch in Honig, Rettich mit Käse und noch ein paar Geschmacksverfehlungen, die einem den Magen umdrehten.

-Sind Sie eigentlich mit einem Wuthenow verwandt?, wollte der neben Oswald einzig andere Beleibte, der Kultusminister, wissen.

-Wuthenow? Nicht dass ich wüsste. Bekommt der auch die Brecht-Medaille?

-Das nicht, sächselte der Minister, dessen enormer Bauch zwischen die Oberschenkel hineinhing, fast die Sitzfläche seines Sessels berührte. Velimir Wuthenow ist heute an der vermeintlichen Staatsgrenze erschossen worden.

-Vollkommen richtig. Wenn man eine Grenze hat, muss man sie anerkennen, hob Wuthenau sein Glas. Auf das Begrenzte!

-Auf den Sozialismus! Der ministerielle Riesenbauch drehte sich in Richtung Wuthenau, so dass es beinahe zu einer Bauchkollision kam. Wie die Scherenschnittvorlage für einen Pokal sah das aus.

-Das Dumme ist nur, dass die internationale Presse davon Wind bekommen hat.

-Na und? Trotz Hemd, Krawatte und Krawattennadel berührten sich die beiden vorgetriebenen Nabel, so dass es beide, den Minister und Oswald, etwas elektrisierte.

-Die vermeintliche Staatsgrenze ist, wie schon ihr Name sagt, gar keine wirkliche Grenze, sondern eine vermeintliche, nur zur Ausbildung von Wachtmannschaften da. Eine Grenzattrappe. Und dieser Velimir Wuthenow, ein russischer Soldat, der in den Westen wollte, hat diese Pseudogrenze für echt gehalten. Und die Wachtmannschaften, die natürlich nicht wissen konnten, dass die von ihnen bewachte Grenze gar keine wirkliche, sondern nur eine Attrappe, ein Staatsgrenzen-Dummie, ist, haben ihn, jetzt raten Sie, ja, richtig, erschossen, unvermeidlich, bebte der Ministerbauch. Bum. Bum. Bum.

-Brav, zündete sich Wuthenau eine Virginier an, blies eine große Rauchwolke in den Raum. Das Leben ist ein Schweinestall, und die Ferkel gedeihen prächtig.

-Wie steht es in Argentinien eigentlich mit dem Sozialismus?, wollte der Minister mit sanfter Stimme wissen. Die geröteten Augen über den fleischigen Säcken sahen Oswald fragend an. Mit den Tränensäcken, die er hatte, hätte man einen kleinen BH füllen können.

-Mit dem Sozialismus? Ganz einfach, grinste Wuthenau. Es gibt ihn nicht. In Argentinien würde man sich nie mit nur einem umgebundenen Handtuch die Badehose anziehen, in Argentinien hat man Scham, und die Leute schauen, nicht wie in Europa, wo niemand schaut, wo allen alles wurst ist. Die Argentinier schauen auf sich, da sind sogar die Gewerkschaften rechts. Alles Kapitalisten. Oder was glauben Sie, was Perónisten sind? Perón heißt ja fast Bahnsteig, deshalb sag ich immer Bahnsteigpartei, aber Argentinien ist ein Abstellgleis, es gibt keine Züge mehr. Nur Kopfbahnhöfe, Endstationen, Prellböcke und Busse. Busse sind Kapitalisten. Schiene Sozialisten, Straße Kapitalisten. Ich auch, trommelte er sich auf den Bauch, der in einer weißen Seidenweste unter einer mit Dollarzeichen bestickten Krawatte steckte. Sie werden doch nicht glauben, dass ich Sozialist bin?

Ich bin Estancia-Besitzer, 8000 Kühe in Salzburgo, Sierra de Córdoba, und Besitzer sind niemals sozialistisch. Das hier ist eine rein kapitalistische Investition, reckte er seinen Bauch vor. Das ist ein Unterschied. Ich bin nicht dick, ich habe angelegt, und ich habe mich verzinst. Außerdem glaube ich an den Führerkult, einer führt, und alle anderen folgen. Da sind sich Sozialismus und Nazis ähnlich, weil die Menschen sind Schafe, brauchen einen Leithammel, einen, dem sie hinterherrennen. Das ist in Demokratien nicht anders.

-Auf Walter Ulbricht, unterbrach der ziemlich perplexe Minister, hob mit der einen Hand sein Glas, tastete mit der anderen seinen Bauch ab, tatsächlich, schwammig und weich.

-Auf die Autonomie der Kunst im Rahmen ihrer Grenzen!, brüllte Wuthenau. Prost. Übrigens, ich habe auf dem Weg vom Flughafen hierher ein großes Denkmal für den Sozialismus gesehen. Ich hab den Fahrer gebeten anzuhalten, um es mir anzusehen, aber ehrlich, ich verstehe es nicht. Auch der Fahrer und die Stasi-Leute hatten keine Ahnung. Können Sie es mir erklären?

-Das Denkmal für den Sozialismus? Tja, da bringen Sie mich in die Zwickmühle, mein Lieber. So aus dem Stehgreif? Herr Sektionsleiter, bat der Minister den neben ihm Sitzenden, Sie werden doch sicher aus dem Effeff unser Denkmal für den Sozialismus erklären können. Der Sektionsleiter für Planwirtschaft stotterte und hüstelte etwas von wegen, er müsse sich auch erst erkundigen.

-Das ist nämlich, entschuldigte sich dieser flachbäuchige Mensch mit hoher Stirn, ziemlich kompliziert, weil es um den Fünfjahresplan gehe, um die Doktrin der Erfüllung des Menschen in der Geschichte und der Gegenwart, aber wie genau, wisse er jetzt auch nicht. Und während er zur angeblichen Erkundung loszog oder vielmehr mit weichen, fast spastischen Knien hinausschlich, fragte Wuthenau, ob es denn stimme, dass dieses Fünfjahresplansoll für alle Berufe gelte.

-Natürlich!, der rote Kopf des Ministers sah ihn fragend an. Wieso nicht? Sein Haar changierte zwischen weiß, grau und gelb. Wie ein dicker Onkel Pepi sah er aus, ein überfressener Dackel, dessen Bauch auf dem Boden schleifte.

-Und wie geht das mit Totengräbern? Hä? Wuthenau bemerkte die fleischigen Ministerhände, deren Finger nicht zusammengingen. Ist da ein Leichen-Schleichhandel im Gang? Ein Schwarzmarkt der Toten? Oder finden Mehrfachbeerdigungen statt? Mehrwegleichen? Und Kindergärtnerinnen, Friseure, Zahnärzte? Rauchfangkehrer? Was machen die?

-Auf Walter Ulbricht!, hob der Minister sein Glas und schickte im Geiste denjenigen, der diesen dicken, frechen Riesenbreitarsch für die Brecht-Medaille auserkoren hatte, nach Sibirien.

In den Hinterzimmern des Palastes der Arbeit hatte inzwischen eine wilde Telefoniererei begonnen. Der Sektionsleiter für Planwirtschaft brüllte den Ministerialrat für Formgebung an, der wiederum den schon zu Bett gegangenen Kanzleirat für Plastik und Skulptur aufweckte und unflätigst beschimpfte. Also wirklich, Genosse, Schweinerei, Genosse, Sibirien, aber bäuchlings, Genosse. Der aus dem Schlaf Gerissene rief seinerseits sofort den Sonderbeauftragen des Amtes für künstlerische Werkstoffgestaltung Heimecker an, also wirklich, Genosse, affig, Genosse, aus dem Bauch heraus interessiert mich nicht, Sibirien, Genosse Heimecker. Heimecker wiederum versuchte, die Antwort vom Generalkommissar für sozialistisches Formwesen, Kohlklau, zu erhalten. Also wirklich, Genosse, Hundsfott, Genosse, Bauchweh und Sibirien, Genosse. Kohlklau verwies auf den Zentrifugalrat für Raumgestaltung Schmutzer, der erkundigte sich bei seinen Sekretären, von denen schließlich einer die rettende Idee hatte, den Künstler selbst zu fragen, was er wohl gemeint haben könnte.

Rainer Michalcyk, der Bildhauer, aber war, wie schnell herausgefunden wurde, ein Republikflüchtling. Also blieb nichts übrig, als andere Künstler zu befragen. Man rief Koffke, Knoblauch, Knöfler, Knofl, Knopfler, Knaulch, Knobelnyk und wie sie alle hießen, an. Die Knoblauchmeister aber wollten entweder nichts sagen oder hatten wirklich keine Ahnung, was Michalcyk hatte ausdrücken wollen, oder verzapften irgendeinen Unsinn. Etwa den, dass es sich beim Denkmal des Sozialismus um ein Monument für den internationalen deutschen Michel handelte. Der ukrainische Michailow kam ebenso vor wie der tschechische Michalek, der französische Michelin, Michele, Michailitsch, Michalke und Michaljan, was Michael auf armenisch heißt. Michelnigg, Michaelidis, Micheltin oder Michalvilli. Demichelis, Michelo, Mitchel, Michler, Michelson – alle Michels dieser Welt, was bedeutete, dass es sich um ein panmichaelisches, machiavellisches Micky-Maus-Denkmal handelte.

Aber so einen Blödsinn konnte man doch keinem hochrangigen ausländischen Gast erzählen. Das Denkmal für den Sozialismus ein deutscher Michel? Eine Micky Maus? Unsinn. Nun waren leider auch die Projektunterlagen aufgrund ihres Umfangs von 18.000 Seiten praktisch für den Michel, also unbrauchbar. Was konnte das Denkmal für den Sozialismus nun bedeuten? Wie sah es eigentlich aus? Hmm? Wie jetzt? Tja. Bald stellte sich heraus, dass es niemand wusste. Niemand! Alle gaben zu, dass sie sich instinktiv wegdrehten, wenn sie daran vorbeifuhren. Aber es fanden doch dauernd Paraden davor statt? Trotzdem, nie sah man hin. Es war ein Denkmal, das einen vor allem daran erinnerte, nicht hinzusehen, es nicht wahrzunehmen. Als wäre ein ganzes Volk hypnotisiert, es nicht zu sehen. Was also konnte es bedeuten? Sollte es wirklich ein Denkmal für den Michel sein? Oder gar ein verdecktes Michelmorial für den Kapitalismus? Eine Micky Maus? Diesem Michalcyk war alles zuzutrauen. Republikflüchtling, wurde er in zahlreichen Köpfen nach Sibirien geschickt.

-Sofort in die Luft sprengen, plädierte der Zentrifugalrat für Raumgestaltung Schmutzer.

-Jetzt, während der Brecht-Tage? Unmöglich.

Während sich also in den Hinterzimmern und Bäuchen der Ministerien und Ämter hunderte Beamte den Kopf zerbrachen, fehlte vorne an der Front dem Minister immer noch die Antwort. Etwas verlegen rutschte er auf seinem Sessel hin und her, so dass sein Bauch ins Pendeln kam, dann wandte er sich seinem Tischnachbarn auf der anderen Seite zu. Diese Gelegenheit nutzte der aus Mezzeseifen kommende slowakische Kulturbeamte František Brabec, um den plötzlich frei gewordenen Preisträger wie einen Tanzpartner an sich zu reißen.

-Sehen Sie, flüsterte seine helle Stimme Wuthenau ins Ohr, während er seine Hornbrille zurechtrückte, das ist der Unterschied. Die Deutschen nehmen den Kommunismus ernst, sogar, wenn sie besoffen sind. Die Slowaken? Aber geh. In der Tschechoslowakei muss man den Beamten verbieten, zu Martini nach Bratislava zu fahren. Warum? Weil dort hat man die besten Gänse, immer schon, und zu Martini werden die in großen Brotöfen gebacken. Phantastisch, immer schon. Also müssen aus allen möglichen Gründen sämtliche tschechoslowakische Beamte zu Martini nach Bratislava. Warum? Weil sie Schrauben brauchen, Sicherungen, Kabelklemmen oder Stoffmuster. Jeder läßt sich etwas einfallen. Und so geht das ganze Jahr, immer schon. Im Februar fahren sie wegen Schrauben und Kabelklemmen nach Brünn, wo zufällig Krapfenzeit ist, zu Ostern gibt es die besten Schrauben und Kabelklemmen in Kosice wie auch die glacierten Hasen, na, und im Mai muss man unbedingt nach Prag wegen der Firmlinge, im Sommer haben die in Olomouc die Schrauben samt dem Quargel, dann kommen schon die Würste in der Bunzlau, im Oktober immer schon in die Karpaten, da fallen Schraubenernte und Weinlese zusammen, im November ist Iglau dran, Forellen haben die, zum Finger lecken. Brabec lachte. Man muss sich’s nur zu richten wissen, wissen, wo man Schrauben, Kabelklemmen braucht, dann ist egal, in was für ein‘ System man lebt, immer schon.

-Mir war ein Volk, das sich einen Tachinierer wie den Schweijk zum Nationalhelden macht, immer suspekt. Oswald lachte.

-Bei dem waren auch ein paar Schrauben locker. Nun wurde Brabec noch leiser. Offiziell gibt es im Sozialismus keine Prostitution. Wir aber haben Kubanerinnen, so genannte Kulturbeauftragte, ich sag ihnen, mein Lieber-. Schwarze aus Angola, Kenia. Natürlich ist das etwas Kulturelles. Solche langen kulturellen Haxen, schwarz wie Kohle, nahm der Mezzeseifener die Brille ab und pulte mit dem Bügel in seinem Ohr. Ein behaartes aufgeknöpftes Loch war das, eine Hasenvagina.

-Aber wieso es keine Arbeitslosen gibt, Oswald schlug dem kleinen Brabec auf die Schulter, so fest, dass dieser vor Schreck die Brille losließ, die nun einfach so im Ohr steckte wie ein Maibaum immer schon im Mai in der Erde, während der andere Bügel baumelte, wieso es keine Arbeitslosen gibt, sagte also Oswald, das verstehe ich jetzt. Überall stehen welche, aber keiner tut was. An der Garderobe, am Büffet, in der Küche, überall stehen sie und gaffen. Das ist eine ganze Generation von Nichtstuern und Sich-Beine-in-den-Bauch-Stehern. Da drüben, fünf Kellner, und keiner bewegt sich.

-Das stimmt. Brabec hatte nun seine Brille wieder in der Hand. Warum? Weil jeder Zweite Spitzel ist und jeder Dritte Spitzelspitzel. Bei Kundgebungen wird sogar das Volk von Stasi gedoubelt. Aber psst. Künftige Generationen werden das, wofür wir eingestanden sind und ausgespitzelt haben, nicht ausstehen können. Das, was uns der Kapitalismus davonarbeitet, werden die wieder nacharbeiten müssen, die werden abgestumpft sein, das Spitzeln nicht verstehen, kaute er nun an einem Brillenbügel herum, merkte dann, dass der eben noch im Ohr gewesen war, schmeckte wohl den bitteren Geschmack, machte ein angewidertes, sich vor Ekel schüttelndes Gesicht.

-Brrr, die werden auf den Kommunismus fluchen. Jetzt lachte Brabec wieder. Ein warmes, schreckliches Brabec-Lachen kam aus ihm heraus. Kennen Sie Witz? Zwei Polizisten. Der eine: Was denkst du über Lage? Der andere: Dasselbe wie du. Dann muss ich dich verhaften, leider. Brabec lachte.

Und mitten hinein in dieses Lachen öffnete sich der schwere marineblaue Samtvorhang der Bühne, begann eine russische Volkstanzgruppe unter wilden Ho-ha-ho-ho-Schreien und Gesängen ihr Potpourri, so dass dem Publikum für den weiteren Verlauf des Abends nichts Gutes schwante, gar nichts Gutes. Ho! Ha! Ho! Dabei war es nicht einmal so schlimm. Die Dresdner Staatskapelle spielte Bach, die Berliner Volksbühne den Anfang von Brechts Galileo Galilei, und zwischendrin sagte ein gerade noch nicht in die Pubertät gerutschtes Mädchen dadaistische Lautgedichte auf.

-Das ist Hilde Hansmellow, sagte der Kultusminister froh, vom leidigen Sozialismusdenkmal weggekommen zu sein.

-Immer schon, flüsterte Brabec.

-Die hat sich während eines Kulturaustausches selbst Chinesisch beigebracht, pfauchte der Ministerbauch. Jetzt steht sie in ständigem Kontakt mit einer chinesischen Gastfamilie. Das sind Gedichte an die Freude, die sie uns da deklamiert. Gedichte an die Solidarität.

-Lin pin da ho, klimbim, ga ga, salo, la ho, pinp pin, daho, kam es aus dem Mädchenmund.

-Na ja, ich kann ja nicht Chinesisch, nur Gulasch mit Lockerl, aber für mich hört sich das stark nach Phantasiesprache an, murmelte Wuthenau. Und auch wenn niemand darauf reagierte, hatte er doch Recht damit. Hilde Hansmellow hatte aus reiner Wichtigtuerei ihren Mitschülern so lange von einer frei erfundenen chinesischen Freundin und angeblichen daraus resultierenden Chinesischkenntnissen vorgelogen, bis ihre Klassenlehrerin davon erfahren und das Kind zur Direktion geschleppt hatte, die wiederum hatte dem Schulinspektor von der vermeintlich Hochbegabten erzählt, der es stolz an den Kreisschulrat gemeldet hatte, der dem Schulsprengelleiter, und so weiter, und so fort, alle in der Hoffnung, dass ein wenig von dem leuchtenden Licht dieser Chinesisch sprechenden Hansmellow auch auf sie abfallen könnte. Was schließlich dazu führte, dass die kein einziges Wort Chinesisch könnende Hilde Hansmellow aus Neu-Trettin während des Galaabends der Brecht-Tage 1969 phantasiechinesische Gedichte deklamierte, hi da, da hi, dahi, tschinbin, gaga, intin, bimbim, was zu ihrem eigenen Erstaunen nicht zur Großkatastrophe führte, sondern zu frenetischen Beifallsstürmen. Da da hi, da ha. Winschin buhu, mubu lulin bibi – und alle klatschten, niemandem stieß da etwas auf, nicht einmal als sich die durch diesen unerwarteten Erfolg bestärkte Hansmellow zu einem ungeheuren Guluhuhu kojoholo kokoko garagaga-Tremolo hinreißen ließ. Was aber das Erstaunlichste, das völlig Unfassbare war, sogar die anwesenden Chinesen hielten das hansmellowsche Phantasiechinesisch für einen entlegenen, ihnen selbst nicht geläufigen Mandarin-Dialekt, und akklamierten aus Furcht, selbst als falsche Chinesen enttarnt zu werden, besonders begeistert.

-Lin do, do, sa, sa lu min go, ga ha, ga hu, gaga, hoho, sihi, hunsu. Tsintsun. Tsintsun.

Kaum war das letzte Gedicht aufgesagt, der Applaus verebbt, war auch schon der Präsident der Brecht-Gesellschaft auf der Bühne, seine Laudatio in den vollen Saal hineinzureiben. Er sagte, mit Ost und West sei es wie mit Menschen auf zwei gegenüberliegenden U-Bahn-Haltestellen, die sich zwar nahe seien, sich auch sehen könnten, aber doch einen unendlich langen Weg über Zwischenplateaus und Treppen überwinden müssten, um sich zu treffen. Und so sei er nun umso glücklicher, dass dies nun ausgerechnet einem österreichischstämmigen Argentinier geglückt sei. Er nannte Wuthenaus Verdienste um Bert Brecht, seine Bemühungen um Übersetzungen und Inszenierungen, lobte seinen Einsatz, seine Unermüdlichkeit.

-Immer schon, flüsterte Brabec.

Die Anwesenden applaudierten und der Kultusminister erhob seinen feisten Bauch, murmelte etwas von großer Ehre, Respekt und drückte dem ebenfalls aufgestandenen Wuthenau die Brecht-Medaille in die Hand. Alle klatschten, nur die kleine Hansmellow wunderte sich, dass die Chinesen, zu denen man sie gesetzt hatte, scheinbar mühelos mit ihr in ihrer Phantasiesprache kommunizierten.

-Lula bu hi, sagte sie, und die Chinesen nickten mit dem Kopf, sagten etwas wie:

-Ndon da ndu nja.

Sollte sie am Ende wirklich Chinesisch können, ohne es zu wissen, ja, sogar, ohne es zu verstehen?

-Jun ju, sagte die Hansmellow, jan ju, und die Chinesen lachten.

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