Scala Santa von Franzobel, 200, ZsolnayFranzobel

Frau Hornaus im Hochstand
(Leseprobe aus: Scala Santa oder Josefine Wurznbachers Höhepunkt, Roman, 2000, Zsolnay)

3

-Haben Sie schon einmal über das Leben nachgedacht? Was Sie hier machen? Warum nicht alle glücklich sind? Wieso es Schmerzen gibt und Leid? Warum das Unglück in der Welt ist und wozu? Gott weiß eine Antwort, hat für jeden einen Sinn. Für alles.
Nein, Franz war das nicht.
-Waren Sie schon einmal vom Leben durchgeglüht?
-Wissen Sie, daß Jesus extra für Sie gestorben ist? Sie. Extra Sie hat er erlöst. Sie persönlich. Für Ihre Sünden hat er Leid ertragen. Für Ihren Platz im Paradies? Sie wurden persönlich auserwählt. Haben Sie kurz Zeit?
Und der Vater, noch vom Schlaf verwirrt, noch nicht ganz bei sich, bat zwei debil grinsende Persönchen herein. Aurelia und Zita paßten gut zu ihren Namen. In pfeffer- und salzfarbene Mäntel gehüllt, dicke Brillen im beflaumten Gesicht, dünne Lippen, abstehendes Ohrenpergament, dezent mit Gold behängt. Wanderschuhe. Nach Lavendel und chemischer Kleiderreinigung rochen sie. Abgelagertes, fast verkarstetes Leben in gebückten Gestalten.
-Meinetwegen setzen Sie sich halt. Der verknitterte Vater holte sich ein Bier, die beiden Damen lehnten ab.
-In der Bibel steht auf alles eine Antwort, sie nimmt uns das Gefühl des Ausgeliefertseins, nicht, wortwörtlich steht da alles drin. Wir sind Produkt des Schöpfungsakts. Auch Sie. Und bloß weil der Mensch gesündigt hat, hat Gott ihn vertrieben. In der Bibel stehts. Lesen Sie darin?
-Nein, brummte der Vater, ärgerlich, daß er so überrumpelt worden war, auch wollte er nicht sehen, was der Mensch verbrochen hatte. Erbsünde? Bibelrotz? Das war doch alles bloß ein Mist.
-Der Mensch hatte die Entscheidung, und der erste vollkommene Mensch, Adam, hat sich für die Lüge entschieden, für das Nichtgehorchen. Deshalb hat Gott ihn aus dem Paradies vertreiben müssen, weil er nicht geliebt hat, nicht gehorcht. Für die Sünde hat er sich entschieden, dieser Adam. Wir aber, wir dürfen keine Unzucht treiben. Gott weiß alles, was wir denken und tun. Seinen eigenen Sohn hat er geopfert, hat ihn extra ans Kreuz genagelt wegen uns. Nicht. Damit er uns von unseren Sünden befreit. Nicht.
-Was für Sünden denn?
-Die Schuld, die wir auf uns geladen haben. Wir sind schuldig auf der Welt, schon daß wir hier sind, unterstreicht das. Nur eine Lösung kann es für uns geben, die des Paradieses. Unsere ganze Existenz hier wäre sonst doch ohne Sinn, wir würden sterben und vergehen, verfaulen würden wir, und nichts, wenn Sie verstehen, nichts würde übrigbleiben, all unser Tun wäre geschluckt. Sinnlos wären wir. Zinnober, grinste Aurelia unverständlich in sich hinein.
-Und? Als hätte jemand hineingeblasen, begann nun unter der Ascheschicht der väterlichen Verschlafenheit wieder etwas zu glühen, Kohleblättchen wirbelten hoch. Wärmer wurde es. Stoffwechsel.
-Und wir, glänzte es aus Zita, wir von den Zeugen leben darauf hin, wir leben gottgerecht, versuchen das Sündhafte in uns zu minimieren.
Beiden leuchteten die Augen, milchig trüb, wie Mottenkugeln eben leuchten können. Die altmodischen Schuhe standen fest am Teppichboden, das Leder wundgegangen, Kerben eingegraben, dicke Furchen, abgetretene Plastiksohlen. Die Hände hatten an den großen Knöpfen ihrer Mäntel rumgespielt, weiße Blusenteile eckten da heraus. Perlenkettenimitate baumelten in wundgebeteter Gelblichkeit an ihren faltenzersägten Hälsen, beide waren vielleicht 50, schon darüber. Aurelia und Zita, die gut zu ihren Namen paßten.
Voller Freude sahen sie auf den ans Kreuz genagelten Erlöser im Herrgottswinkel, den die Mutter ihrem Onkel Otto abgebettelt hatte. Der hatte das gut 100 Jahre alte, handgeschnitzte Stück in Tschechien gekauft und es als leidenschaftlicher Atheist als Zielscheibe für sein Flobertgewehr benützt. Das erklärte die Löcher im ohnehin schon leidend dreinsehenden Christus - was hätte er erst sonst für ein Gesicht gemacht. Aber einen solchen Frevel ahnten die Zeuginnen natürlich nicht. Sie hielten die kleinen Löcher für die Wohnstätten heiliger Holzwürmer. Vom dicken Glas wuchtiger Brillen waren ihre Nasen breitgedrückt, die Wangenhaut hing schlaff herab, nur Aurelias Dauerwellen waren halbwegs frisch. Zitas Haar sah aus wie Zuckerwatte, hochgesteckt. Ein Hauch von Sakristei und Beichtstuhl ging von beiden aus, ein Oblatengeruch. Pepi ekelte. Den Vater auch. Doch stieg da etwas in ihm auf, die Glut, der Wunsch nach Reinigung, nach Abkühlung, der Wunsch, in diese Lippenstriche einzutauchen, die Jacketkronen zu berühren, die vielen Falten ihrer Haut, den Zölibatsgeruch.
-Wollen wir mitsammen bumsen? Er wußte selbst nicht, wie das kam. Christus war auferstanden. Woher? Als hätte sein Denken eine Umleitung gemacht. Als hätte das Fleisch direkt aus dem Mund gesprochen, ohne Prüfung durch das Hirn. Und dann gleich mit diesem Bumsen, das ohne Beschönigung so herausgeplumpst war, daß es sich tatsächlich nach Stoßen und Nehmen anhörte, nach etwas Schäbigem.
Die beiden Damen waren überrascht. Ein Knacken nur vernahm ihr Kopf. So schmerzlos zart, als sei eine dünne Eisdecke zerbrochen. Sie fürchteten um ihr Damesein, ihr Atem zitterte, die Finger zupften an der Kleidung, als wollten sie einen Faden Antwort aus dem Stoffgewebe ziehen. Sollten sie Empörung spielen? Sie schauten sich an. Nahmen ihre Brillen ab, als wollten sie sagen Bitte schön. Bitte, schöner sind wir nicht. Sehen Sie. Das muß ein Irrtum sein. Sie räusperten gegen die Stille an, aufstehen wollten sie und gehen. Ein wahres Räusperkonzert enspann sich da. Kaum war die eine fertig, setzte schon die andere an, zweikehlig räusperten sie, die eine länger als die andere. Hmmphmp. Hmm. Hmmphmp. Hmm. Zum Schluß saßen sie da wie zwei elektrische Rasierer, die darauf warteten, daß ihre Sicherungen durchbrannten. Hmmphmp. Hmm. Hmmphmp. Hmm. Der Vater legte seine schweren Arme auf sie drauf, hielt seinen Ekel fest, den Wunsch nach Reinigung, plötzliche Stille. Schweigen. Als fiele ein unangenehmes Hintergrundgeräusch, an das man sich mit der Zeit gewöhnt hatte, plötzlich weg. Als hätte sich das Ministerium für anhaltende Lärmbelästigung wieder einmal eine besonders perfide Art der Konzentrationsverunmöglichung einfallen lassen. Ruhe.
-Wir dürfen doch nicht tun, was Sünde ist. In Versuchung, nicht, in Versuchung wollen Sie uns führen. Satanas.
-Aber woher denn? Wo soll denn da die Sünde sein? Liebe ist das doch. Liebe, von der auch der da immer spricht, nickte der Kopf des Vaters kurz in Richtung Kreuz. Da färbten sich die Wangen der beiden Unberührten rot. Die Lider senkten sich, zu Boden sahen sie, gleich in die Hölle rein, sie bohrten. Aufgehen solle er, sie gleich verschlucken, würden sie doch den Verdammten angehören, immer in der Hölle schmoren, verloren sein. Ihre Seelen würde niemand retten können. Verloren wären sie. Verkauft.
Was solls. Was war die Ewigkeit verglichen mit dem Jetzt? War sie wirklich so erfrischend, wie man sagte? Kühlte sie die Wunden ihrer Seelen? Oder war vielleicht auch sie nichts als ein Eiswürfel, den man am Lagerfeuer schmilzt? Die Gegenwart war plötzlich stärker, ließ die Gedanken an die Ewigkeit zerschmelzen, hetzte ihnen das Blut durch den Körper, trieb ihre Erwartungen hoch. Stand nicht schon bei Hesekiel? Wer grub der Regenflut eine Rinne, einen Weg für das Donnergewölk, um Regen zu senden auf unbewohntes Land, auf die Steppe, darin niemand wohnt, um zu sättigen die Wildnis und Öde und frisches Gras sprossen zu lassen? Hat der Regen einen Vater, oder wer zeugte die Tropfen des Taus? Aus welchem Schoß ging das hervor? Hesekiel. Nein, Hiob wars. Egal. Sind wir Öde, Aurelia? Wildnis, Zita? Nein! Die Rinne sind wir und der Weg. Warum also darf nicht der Regen in uns laufen, wenn er meint, rinnen und abfließen zu müssen. Und dafür ist so ein Regen schließlich da. Rinnen und einfließen. Warum sollten wir wie Dämme sein, wie Dumme obendrein?
-Nur das Kind. Das Kind! Das Kind muß fort. Kinder haben im Regen nichts zu suchen, ersaufen gleich. Auch das Feuer ist für Kinder nichts. Weniger fürchteten Zita und Aurelia um die Reinheit der unbefleckten Pepi-Seele, als daß die kleine Schlange sie auslachen könnte, wenn sie erstmals von der Frucht des Baums naschten. Also wurde die Pepi ins Kinderzimmer geschickt, von wo aus sie natürlich lauschte. Von einer Stange wurde da gesprochen, und ob sie Platz fände. Die Damen sagten was von feucht. Sie sagten groß und o, mein Gott. Versuchung. Sünde. O, la, la! Der Vater keuchte, sagte so etwas und diese Möpse. Gar nicht zugetraut. O, mein Gott. Ich habs gewußt. Geahnt, wie gut das ist. Wie gut. Und dann vibrierte wieder alles, als wenn Weinzwang, der Arbeitskollege des Vaters, in der Nähe wäre - aber der kommt erst später.
Die Pepi aber dachte, die Tanten hätten Hündchen mitgebracht. Sicher hatte wieder wer Geburtstag oder etwas in der Art. Schon sah sie sich damit stolzieren, das kleine Möpserl in der Hand. Da schnaubte, jaulte etwas auf. Das paßte gut in Pepis Traum, in dem sie längst mit ihrem Hündchen unzertrennlich war.

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