Meine deutsche Mutter von Niklas Frank, 2005, Bertelsmann

Niklas Frank

Das Wonneproppenreich
(Leseprobe aus:
Meine deutsche Mutter, 2005, C. Bertelsmann).

Brigittes Aufstieg gestaltete sich weiterhin phänomenal. Wie war sie selig, Hans nicht von Hitler abgeraten zu haben. Sie hätte sich ein Leben lang schämen müssen! Reichstagsabgeordneter, bayerischer Justizminister, dann sogar Reichsminister in Berlin, Präsident der Akademie für Deutsches Recht – so viele Titel, und sie hatte sie auch: Frau Reichsminister, Frau Reichsrechtsführer. Und einen Diplomatenpass hatte sie ebenfalls – sie, die kleene Ohrenbeißerin aus Forst, aus einer bankrotten Spinnereibesitzersfamilie, sie, die vier Monate lang nach ihrem toten Vater gesucht hatte.

Dieses Bewusstsein veränderte ihr Verhalten gegenüber dem Hauspersonal erheblich. Der Köchin gab sie die Anweisung: „Kartoffeln und Salat reichen doch den Angestellten. Für die müssen Sie nicht immer was Warmes kochen!“ Und die Kinderschwester, die mit ihr und den Kindern an der Ostsee weilte, ließ sie manchmal hungern, weil sie das vorbereitete Mittagsmahl mit irgendwelchen Strandbekanntschaften selbst aufgegessen hatte: „Ach, Detta, das hat uns so gut geschmeckt, dass wir für Sie nur drei Kartoffeln übrig gelassen haben.“

Das Miesbacher Arbeitsamt, für Schliersee zuständig, weigerte sich nach Jahren ebenso wie das Berliner Arbeitsamt, für Frau Reichsminister noch Hauspersonal zu vermitteln. Zu schnell waren die Angestellten entsetzt zurückgekehrt. Vertrieben von Brigittes ständiger Besserwisserei und ihrem Geiz oder von den nächtlichen Nachstellungen des Herrn Reichsministers. Detta, liebevoll von den Frank-Kindern so genannt, gesteht über fünfzig Jahre nach seinem Galgentod, mit zitternder Stimme: „Mehrmals hat er nachts bei mir geklopft. Ich hab mich ganz still verhalten.“

Nicht nur dieses polysexuelle Verhalten des auf der braunen Welle hochgespülten Prominentenpaares war Anlass für manche Krise zwischen den beiden. Einmal waren sie von Hitler zu einem Staatsbankett geladen, doch zerstritt sich das Ehepaar, und Brigitte, in glänzender Abendrobe, beschimpfte laut schreiend vor den Dienstboten ihren befrackten Hans: „Du Prolet! Du Prolet!“

Nach außen unterfütterte Brigitte ihr neue Rolle als „Hohe Dame“ mit gekonnter Herzlichkeit. Um dem Kreis der Freundinnen ihren sagenhaften Aufstieg zu präsentieren und in ihrer Bewunderung zu glänzen, ließ sie die Sekretärinnen, Direktricen und Forster Jugendvertrauten nicht hinter sich. Sie stiegen mit ihr auf. Sonnten sich in ihrer Sonne. Liebten ihre Brigitte, die sich jetzt im eigenen Horch vom eigenen Chauffeur Walter spazieren fahren ließ, über ein üppiges Budget verfügte und über die Dienstvilla in Berlin, die Dienstwohnung in München und den inzwischen pompös renovierten Schoberhof am Schliersee in Oberbayern.

In ihrem Freundinnenkreis gab es eigentlich nur zwei Tabus: auffälliger gekleidet zu sein als Brigitte und politische Gespräche. Aber die hatten schon während der Weimarer Republik so gut wie nie stattgefunden.

Um ihren Status als bestgekleidete Reichsdame vor Freundinnen und Feindinnen aufrechtzuerhalten, suchte Brigitte eine eigene Schneiderin. Als sie eines Tages im Jahr 1938 über die Bayerstraße in München schlenderte, entdeckte sie im Schaufenster eines Schneideratelier perfekt geschnittene Kostümmodelle, verkleinert, damit ein großes Angebot zu sehen war. Brigitte wusste: Sie war am Ziel ihrer Wünsche. Sie betrat den Laden, verlangte die Besitzerin zu sprechen und sagte: „Ich bin Frau Reichsminister Frank. Wer hat diese Modelle in ihrem Schaufenster geschneidert?“

Die Besitzerin erzählte stolz von ihrer hochbegabten Angestellten Anni H. aus Niederbayern.

„Könnte ich das Fräulein sprechen?“

„Aber sehr gerne, Frau Minister, zu Diensten...“

„Reichsminister!“, verbesserte Brigitte sie mit einem Lächeln.

„Entschuldigen Sie, Frau Reichsminister!“

Anni H. wurde herbeigerufen und machte sofort einen Knicks. Brigitte reichte ihr huldvoll die Hand. „Sie haben all diese wunderbaren Modelle geschneidert?“

„Jawohl, Frau...!

„Reichsminister“, griff die Besitzerin ein.

„Jawohl, Frau Reichsminister“, stotterte Anni H.

„Dann kommen Sie jetzt auf der Stelle mit mir. Ich ernenne Sie zu meiner Direktrice!“

Die Besitzerin reagierte verdattert. „Frau Reichsminister, das ist doch...“

Der eiskalte Blick, unter dem sich ihr Hans zu krümmen pflegte, traf die Besitzerin.

„Ich werde die Papiere fertig machen“, stammelte sie.

Mit einem gewinnenden Lächeln bedankte sich Brigitte, reichte ihr sogar die Hand und zog wenig später mit der aufgeregten Schneiderin davon.

Anni H. durfte mit ihr im offenen Horch fahren und im Salonwagen ins Generalgouvernement, sie verlebte aufregende Jahre, wozu auch gehörte, dass sie den Herrn Generalgouverneur nah und nackert erdulden musste. Brigitte ahnte das, doch Annis Schneiderkunst verhüllte ausnahmsweise ihre Eifersucht.

Fräulein Weber, die sich als Köchin für die Berliner Dienstvilla des Reichsministers Dr. Frank bewarb, stand geduldig in der langen Schlange vor dem Haus in der Regerstraße. Heulend oder bleich kam eine Bewerberin nach der anderen auf der Freitreppe zusammen. Einerseits brauchte sie dringend eine Stelle, andererseits fürchtete sie sich davor, wie so viele andere Bewerberinnen den Ansprüchen der Frau Minister nicht zu genügen. Dann kam sie selbst an die Reihe, wurde vom Dienstmädchen in den großen Empfangsraum geführt. Brigitte saß lächelnd und in keiner Weise von den vielen Gesprächen angestrengt in ihrem Sessel.

„Sie heißen“? fragte sie freundlich.

„Nina Weber, Frau Minister.“

„Verheiratet?“

„Nein, Frau Minister.“

„Nun, Fräulein Weber“, Brigitte beugte sich mit einem Lächeln, das auch als lauernd interpretiert werden konnte, nach vorn, „wie kochen Sie den Kaffee?“

Nina Weber, die zuvor zahllose herrschaftliche Abendessen studiert und auswendig gelernt hatte, erschrak. Da ist doch eine Finte dabei!“ Aber ihr blieb keine Zeit zum Überlegen: „Frau Minister, ich stelle die Kanne zunächst in ein heißes Wasserbad, dann tue ich den Kaffee in den Filter, gebe eine Prise Salz...“

„Sie sind schon eingestellt!“, unterbrach Brigitte sie und nervte das Fräulein Weber in den kommenden Jahren nur mit ihrer Neugier: „Ständig kam sie in die Küche und guckte in sämtliche Töpfe!“

 

Brigitte und ihre Freundinnen empfanden die Seligkeit dieses „Wonneproppenreichs“, wie es Brigitte nannte, nicht allein: Das deutsche Volk war selig. Befreit von Skrupeln lebten die Menschen für Hitler, arbeiteten für sich oder die Familie, feierten die Feste der Nationalsozialisten, es war eine sinnliche Gemeinschaft von Millionen. Vor allem die Frauen freuten sich an erstarkten  Ehemännern und Geliebten, oft erlebten sie beides. Hitler hatte auch, obwohl er das in seiner offiziellen Propaganda heftigst bekämpfen ließ, den Damm prüder Sittlichkeit bersten lassen. Es war, als holte das deutsche Volk im Bett jenen Sieg nach, den es im Weltkrieg verloren hatte.

Brigitte war „mittenmang“, wie sie es berlinerisch ausdrückte. Und sie war obenauf. Bei ihr erschienen devote Menschen, die sie nur flüchtig kannte, Bittstellerbriefe erreichten sie und schmeichelnde Schreiben. Wieder und wieder las sie darin und hob sie sorgfältig auf.

„Liebe Brigitte“, schrieb Thea aus Frankfurt, „Du erlebst ja jetzt wirklich große Dinge, und es wäre recht nett von Dir, wenn Du mir ein bisschen mehr von Deinem Jupitersonnenglanz schreiben würdest. Offen gestanden, ich kann mir Dich kaum noch vorstellen – in Deiner neuen Würde!“

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