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Klara und die
liebe zum Zoo
(Leseprobe aus:
Klara und die Liebe zum Zoo,
Roman, 2001, Kunstmann)
1
Es gab Tage, an denen wollte Klara sich aus dem Fenster im siebten
Stock lehnen und gegen alles anbrüllen. Gegen die hupenden
Taxis und die Autos, die sich beim Kampf um die bessere Startposition
an den Ampeln lebensgefährliche Gefechte lieferten; gegen
die vibrierenden Bässe, die aus den geöffneten Wagenfenstern
wummerten und ihre Fensterscheiben zittern ließen, gegen die
Congaspieler in Central Park, die Jugendlichen, die auf den Parkbänken
herumhingen und sich grundsätzlich nur kreischend verständigten;
gegen die Gas-, Strom-, Telefon- oder Kabelgesellschaften,
die wochentags nacheinander dasselbe Stück Straße vor
ihrem Haus zuerst aufrissen und anschließend wieder aspahltierten;
gegen die Megaphonstimmen, die sonntags morgens um sieben
aus dem Park herüberschallten und den Wettlauf gegen Brustkrebs,
den Marsch gegen Aids oder die Aktion »Adoptiere ein
verlassenes Haustier« grundsätzlich schreiend begleiteten.
»haltet doch einfach alle mal das maul!!!!!«
Die Stadt hielt die Luft an, die rote Leuchtschrift »A & E Biography
Today« auf der Hochhausfassade an Central Park South fror
ein, ein seit einer Viertelstunde jaulender Autoalarm verstummte,
die Gesichter der Jugendlichen und der Passanten wandten sich suchend
nach oben in die Richtung, aus der Klaras Stimme klang…
nur drüben auf der East Side, auf Madison Avenue, sprach eine
blonde, junge Frau noch laut in ein Mobiltelefon. Klaras Blick
zoomte mit Schallgeschwindigkeit über Central Park West,
Sheep’s Meadow, Baumwipfel, Parkbänke und Fifth Avenue
durch 70th Street, bis ihr Blick, ein leuchtender Strahl aus einem
Zyklopenauge, vor der Frau bremste, mitten auf Madison, und
einen brennenden Reifen um sie herumfräste.
»alle, hab ich gesagt!! du auch! schnauze!!!«
Die Frau ließ das Telefon sinken. Etwa fünf Sekunden, so lang
gehorchte der Moloch; der Krawall, das ganze ununterbrochen egozentrisch
krakeelende Universum war tatsächlich vor Klaras Zorn
verstummt.
Die Blonde schüttelte verwirrt die sorgfältig bauschig gefönte
und in präzise Unordnung geschnittene Haarpracht. Dann preßte
sie den Hörer wieder ans Ohr. Ihre Hand machte eine erklärende
Geste in den Wind, bevor sich ihr kleiner, runder Mund unweigerlich
öffnete, und wie auf Kommando setzte der Lärm wieder ein.
Der leuchtende Strahl schoß zurück über den Park zur West Side,
glitt durch Klaras Fenster, kehrte heim in ihr resigniertes Gesicht.
Ein Blick nach Süden verriet ihr, daß sie heute Abend, wenn sie es
wünschte, in »Biography« alles über Brad Pitts kurzes, bisheriges
Leben erfahren konnte. Und die Temperatur, klärte die Schrift sie
fürsorglich auf, betrug achtundachtzig Grad Fahrenheit.
An solchen Tagen besuchte Klara den Eisbären im Central Park
Zoo.
»Hallo, Big Boy,« begrüßte sie ihn durch die Glasscheibe, von der
aus man das Becken unterhalb der Wasseroberfläche einsehen
konnte.
»Tut mir leid, daß ich so lange nicht da war. Ich hab’s einfach
nicht eher geschafft. Dauernd kommt was dazwischen.«
Er schwamm auf sie zu, sein Gesicht nur durch das Glas von ihr
getrennt, machte eine dreiviertel Drehung um die eigene Achse und
zog unbeirrt und gelangweilt seine Bahn. Im entfernten Teil des
Beckens tauchte seine Partnerin mechanisch von einem Rand
zum anderen und wieder zurück. Der Bär glitt schwerelos und mit
sanft im Wasser schwebenden Fell wieder auf die Scheibe zu.
»Du vernachlässigst deine Frau. Sie sieht traurig aus. Du mußt
sie aufmuntern, das bist du ihr schuldig. Sie hat schließlich nur
dich.«
Er wandte sich gleichgültig von der Scheibe ab und schwamm
ans andere Ende.
»Einfach abhauen, das ist feige. Bloß, weil ich einmal was Kritisches
sage…«
Neben Klara stand ein Mann mit einem etwa vierjährigen Jungen.
Das Kind sah sie an und zog dann den Mann am Hemd.
»Dad… Dad! Mit wem spricht die Frau?«
Die Augen des Vaters suchten etwas in der Ferne hinter Klaras
Rücken.
»Sie spricht mit dem Bären.«
Es klang entschuldigend, und der Mann wandte sich schnell wieder
ab. Der Junge gab sich damit nicht zufrieden.
»Aber er kann sie nicht hören. Er ist unter Wasser!«
Der Bär kletterte jetzt aus dem Becken ins Freie auf die höher
gelegene Felsenanlage. Klara stieg ein paar Stufen hinauf, bis sie sich
auf seiner Ebene befand und sah zu, wie er sich ausschüttelte und
das schmutzigweiße Fell um seinen Körper schlug. Er drehte den
Besuchern den Rücken zu und verschwand in einer Felshöhle.
»Ich bin jetzt bei Kiste Nummer zwölf!« rief sie ihm nach. Seit
ihrem Umzug hielt sie ihn auf dem laufenden. Dann ging sie.
Auf der Columbus Avenue tobte der Verkehr. Die Nacht war warm,
Klara saß mit June an einem Tisch auf dem schmalen Streifen Bürgersteig,
der zu einem italienischen Restaurant gehörte. Larry, Junes
Mann, war ein Freund ihres Mannes George gewesen, erst nach
Larrys Tod hatte sie mit June engere Freundschaft geschlossen, und
sie trafen sich in unregelmäßigen Abständen. June war fünfzehn
Jahre älter als sie, Mitte fünfzig, und arbeitete seit einem halben Jahr
daran, ihr Alleinsein zu bewältigen. Sie mußte gegen den Verkehr
und die lauten Gespräche an den Nebentischen anschreien.
»Wir sind viele…«
June trank einen Schluck Wein und setzte dann das Glas langsam
und vorsichtig ab. Sie starrte an Klara vorbei in eine geheimnisvolle
Ferne.
»…Wir sind eine ganze Armee.«
Klara sah hinab auf die karierte Tischdecke und stellte sich das
Heer der Witwen vor, das die Welt bevölkerte. Auf einer Reihe Karos
marschierte im Stechschritt eine Schar winziger Frauen. Die Formation
glich den Paraden auf Fifth Avenue: zackig, Uniformen, Orden,
Blaskapellen. An den Karorändern standen kleine, jubelnde
Zuschauer und schwenkten Fähnchen.
Am Nebentisch aß ein sehr alter, gebrechlicher Mann allein zu
Abend. Klara sah ihm abwesend zu, wie er ungeschickt ein Stück
widerspenstige Lasagne auf seine Gabel schob. Günther, einer ihrer
besten Freunde war todkrank und würde bald sterben, er war erst
sechsundfünfzig Jahre alt. Auch Virginia, seine Frau würde eine
Witwe sein. Mit einem Mal hatte sie die Vorstellung, man müßte
all diese Frauen, die Witwen der Welt, zu einer globalen Witwenkonferenz
zusammenbringen, mit Delegierten und allem, was
dazu gehörte. Oder, noch besser, mit einer Generalin und Offizierinnen,
sie gehörten ja schließlich zu einer Armee. Aus dem Unterbewußtsein
drang Junes Stimme zu ihr hindurch.
»Seit Larry tot ist, werde ich ständig gefragt, wie ich nachts
schlafe, ob ich überhaupt schlafen kann. Ich sage dir, das Schlafen
ist überhaupt kein Problem. Ich bin so erschöpft, ich schlafe wie
ein Stein. Es ist das Aufwachen. Ich kann einfach nicht aufstehen.
Es ist jeden Morgen ein Kampf.«
Klara nickte bestätigend und sah June in Gedanken dabei zu,
wie sie jeden Moment in Zeitlupe erlebte, wie sie, einem Schatten
gleich, neben sich stand und sich bei ihren eigenen Handlungen
beobachtete, und wie die ganze Zeit der Schmerz geduldig darauf
wartete zum Einsatz zu kommen. Aber sie ließ ihn nicht. Bis sie
morgens aufstehen mußte.
»Ich weiß,« schrie Klara zurück. »Bei mir war es auch so.«
»Bei dir…?«
June sah sie verständnislos an, und Klara erschrak. Ihr Mann
George erfreute sich bester Gesundheit. Das Jaulen einer Krankenwagensirene
näherte sich aus Richtung Norden und schraubte
sich in Junes Frage. Klara war froh über die Unterbrechung, sie
hätte June niemals die zahllosen Gelegenheiten erklären können,
bei denen sie im Geiste Georges Beerdigung vorweggenommen
hatte. Sie lebte mit der zwanghaften Vorstellung, zu jedem beliebigen
Zeitpunkt könne sie ihn verlieren, automatisch unterzog sie
heikle Situationen einer blitzschnellen Prüfung: wie wäre es,
wenn es George nicht mehr gäbe und sie, Klara, stünde dem Problem
allein gegenüber? Die Ambulanz arbeitete sich wütend
durch die Viererreihen bockiger Autos und Taxis und verschwand
Richtung Süden. Das Sirenengeräusch hielt sich und entstieg jetzt
der Kehle einer riesigen, schwarzen Dogge, die unbeweglich auf
dem Bürgersteig vor dem Restaurant saß und ihr Geheul mit
zurückgelegtem Kopf gegen den Nachthimmel schickte. June
schüttelte amüsiert den Kopf, die Kellner lachten. Der Besitzer wartete
stoisch, bis der Hund seine Klage beendet hatte, sich bedächtig
aufrichtete und den schweren Körper ausschüttelte. Klara
klatschte langsam Beifall, ein Lächeln ging über das Gesicht des
alten Mannes am Nebentisch, und sie lächelte zurück. Die Dogge
pinkelte ausdauernd gegen einen Zeitungskasten und tänzelte
dann neben ihrem Herrn mit grazil hin und her schwenkendem
Hinterteil gelassen davon.
Klara fand den Gedanken tröstlich, von einem Hund beklagt
zu werden, sollte sie jemals in einem New Yorker Krankenwagen
landen.
Später, auf dem Weg nach Hause, lauschte sie dem Klang ihrer Absätze
auf den zerborstenen Steinplatten des Bürgersteigs. Auf den
Treppen der Brownstone-Häuser saßen junge Mädchen mit jungen
Männern, ineinander versunken. Von weitem ertönte die laute, keh-
lige Stimme eines Mädchens, das mit der freien Hand heftig gestikulierend
in ein Mobiltelefon sprach.
»…und kannst du dir vorstellen: er steht direkt neben mir an
der Kasse! Ich hätte ihn anfassen können! So nah!«
Klara überlegte, als sie an ihr vorbeiging, wem sie wohl so nahe
gekommen war, daß sie ihren Freunden davon Mitteilung
machte, und kam zu dem Ergebnis, daß es sich um eine Berühmtheit
handeln mußte. Die Leute in New York waren verrückt nach
Berühmtheiten, soviel hatte sie während des letzten Jahres gelernt.
Jede Art Berühmtheit.
Im Näherkommen konnte sie durch die Glastür in die Halle
sehen, wo einer der beiden Türsteher, die abwechselnd Nachtdienst
machten, hinter dem Empfangstresen telefonierte. Klara hatte auf
seinen Kollegen gehofft, einen netten, ein bißchen verschlafenen
Columbianer, Vater zahlloser Kinder, die er manchmal sonntags in
seiner Freizeit spazieren fuhr und dann stolz seinem gerade
diensthabenden Kollegen präsentierte. Diesen hier mochte sie
nicht. Er war jung, etwa Ende zwanzig und wirkte in seiner Uniform
und mit dem lächerlichen kleinen Milchbärtchen, das seine
Oberlippe zierte, wie ein schmieriger Möchtegernmafioso. Er besaß
eine Menge Freunde in der Latinogemeinde, die ihre Autos mit
laut aufgedrehter Musik in der zweiten Reihe vor dem Eingang parkten
und offenbar wichtige Geschäfte mit ihm aushandelten. Er sah
Klara erst, als sie bereits versuchte, die Tür zu öffnen, und griff in
seiner Jackentasche nach der Fernbedienung zum Entriegeln. Dabei
löste er sich widerstrebend vom Telefon und hastete schließlich
auf den Eingang zu, wo er mit einem affektierten Hopser gerade
rechtzeitig ankam, um die geöffnete Tür für Klara festzuhalten.
»Guten Abend, Miss Claire, wie geht’s?«
»Danke, gut.«
Sie versuchte, ihn nicht direkt anzusehen, er trug wie immer ein
Grinsen im Gesicht, von dem sie nie genau wußte, ob es anzüglich
war oder einfach zu ihm gehörte. Jedenfalls hatte sie keinerlei
Interesse, es genau herauszufinden. Sie durchquerte die einsam und
marmorkalt vor ihr ausgebreitete Halle und war froh, daß der Fahrstuhl
sich auf Knopfdruck sofort öffnete, statt sich langwierig aus
einem der oberen vierzehn Stockwerke herunterzuseilen. Ihr Blick
prallte gegen den Spiegel, der die gesamte Rückwand des Lifts ausfüllte,
und sie drehte sich schnell um. Sie drückte den Knopf zur
siebten Etage, die Tür schloß sich mit einem seufzenden Quietschen,
und sie verfluchte wie immer das Neonlicht, das ein gewissenloser
Fahrstuhldesigner in vollkommener Unkenntnis
menschlicher Physiognomie im allgemeinen und der Frauenpsyche
im besonderen gegen die Decke gelenkt hatte. Es war absolut ausgeschlossen,
das irgendjemand bei dieser Beleuchtung halbwegs passabel
aussah, und ganz sicher nicht nach Mitternacht und der Einnahme
mehrer alkoholischer Getränke.
An ihrer Wohnungstür klebte ein Zettel. Im schummerigen Licht
des Vorraumes las sie in Georges großer, schwungvoller Schrift »The
dog got wacked«. Sie ließ die Hand mit dem Schlüssel darin sinken
und ihr Körper und Denken kamen zu einem Stillstand. The
dog got wacked.
Dann öffnete sie hastig die Tür .
»Fritz!«
Sie rannte durch die dunklen Räume und stieß fluchend gegen
provisorisch abgestellte Möbel und unausgepackte Umzugskisten,
die sich überall stapelten und die Gänge verstopften. George lag
friedlich und leise schnarchend in tiefem Schlaf. Nirgendwo ein
Hund. Es war, als hätte sich ihre Person gespalten, in eine Klara,
die ohne zu zögern auf eine in Gangstersprache verfaßte Notiz hin
in Panik verfiel und eine andere, die sich fragte, warum ihr Mann
erstens einen Ausdruck wie »wacked« benützen würde, was soviel
hieß wie »erledigt«, um ihr den plötzlichen und gewaltsamen Tod
ihres halsstarrigen, kleinen Terriers zu verkünden, und warum er darüberhinaus
eine derart grausame Methode wählen sollte. In Pauls
Zimmer fand sie zwischen herumliegenden CD’s und schmutzigen
Tennissocken zusammengerollt auf einem zurückgelassenen
Sweatshirt ihres Sohnes schließlich einen verschlafenen und
hocherfreuten Fritz, der fälschlicherweise annahm, in den Genuß
eines zweiten Abendspazierganges zu kommen.
»Feiner Hund. Ganz feiner Hund… schön weiterschlafen.«
Fritz’ Kopf plumpste enttäuscht zurück auf seine Unterlage, sie
streichelte ihn erleichtert und ging ins Schlafzimmer, wo sie sich
neben George legte und sich bäuchlings an seinen Rücken
schmiegte. Ihre Stimme war nur ein Flüstern.
»Versprich mir, daß du noch mindestens dreißig Jahre lebst.
Dann bist du neunzig und ich fast siebzig, das reicht mir, dann kann
ich sterben.«
George atmete weiter regelmäßig und sie erschrak, als er plötzlich
mit normaler Lautstärke sprach.
»Auf keinen Fall. Du wärst viel zu alt für mich.«
Dann drehte er sich um und nahm sie in den Arm.
Als Klara am Morgen mit jungfräulichem Blick auf Georges Zettel
erkannte, daß lediglich das »l« in »walked« ein bißchen runder ausgefallen
war, was sie ohne den Anflug eines Zweifels in ein »c« verwandelt
hatte, überkam sie das drängende Gefühl, etwas liefe falsch.
Eine Unruhe hatte sie erfaßt, das Gefühl, daß sie langsam aber
sicher den Boden unter den Füßen verlor.
Beim Frühstück konfrontierte sie George zögernd mit ihrem
Mißverständnis.
»Glaubst du, es könnte sein, daß ich vielleicht nicht mehr ganz
richtig im Kopf bin?«
»Du bist eine ungeduldige, manchmal ziemlich anstrengende
Nervensäge. Und du kannst unglaublich süß sein. Unglücklicherweise
ist beides nie vorhersagbar.«
»Was hat das mit meiner Frage zu tun?«
»Die Antwort lautet: Ja. Du bist hin und wieder ziemlich verrückt.
Aber das bist eben du, es ist Teil deines Charmes.«
Er grinste.
»Außerdem wird ›whacked‹ mit ›h‹ geschrieben, diese Verwechslung
kan nur dir passieren.«
Er nahm sich den Nachrichtenteil der New York Times und vertiefte
sich in die Kommentare auf der letzten Seite. Sie wußte nicht,
was sie mit seiner Antwort anfangen und ob sie lachen, wütend oder
geschmeichelt sein sollte. Sie wünschte, sie hätte die Angelegenheit
mit Paul besprechen können. Für einen Sechzehnjährigen besaß er
einen erstaunlichen Vorrat an humorvollen Trostformeln. Klara
fühlte eine plötzliche, heftige Sehnsucht nach ihrem Sohn. Sie sah
auf die Uhr, es war zu spät, ihn in der Schule anzurufen, der Unterricht
hatte begonnen. Sie ging duschen.
Die Möbelpacker waren vor acht Monaten um neun Uhr morgens
erschienen. Ihr Chef, ein großer, kräftiger Weißer mit langem, blonden
Haar, der sie an die professionellen Ringer aus dem Fernsehen
erinnerte, hatte sich zuerst die Wohnung angesehen. Aus seinem
Gesicht sprach Zweifel, nachdem er die Räume begutachtet hatte.
»Was ist los?« fragte Klara beunruhigt.
»Ich bin nicht sicher, daß wir Ihr Zeug hier reinkriegen. Wissen
Sie eigentlich, wieviele Kisten Sie haben?«
»Nein. Aber warum sollten meine Sachen denn nicht hier reinpassen?
«
Er grinste sie mitleidig an.
»Warten Sie’s ab. Wir können es ja versuchen.«
Acht Stunden, siebenundneunzig Kisten und mehrere Möbelstücke
später überlegte sie, während sie sich mit eingezogenem
Bauch seitwärts an Kartons vorbei durch den Flur drückte, um
irgendwo im Chaos ihr Portmonnaie für die Trinkgelder zu finden,
wie wohl Georges Reaktion ausfallen würde, wenn er demnächst
von einer Konferenz in seine Wohnung zurückkehren würde. Sie
war nicht mehr so sicher, daß er sich über den Umfang des Unternehmens
im Klaren war. In ihrer Geldbörse und diversen Jacken-
und Hosentaschen fand sie ein paar Zwanzig-Dollar-Noten und verabschiedete
die Packer.
»Danke,« sagte sie mit einer Mischung aus Erleichterung und
Verzweiflung.
»War uns eine Freude.«
Der große Blonde grinste aufmunternd.
»Wenn Sie Hilfe beim Möbelrücken brauchen, können Sie mich
anrufen.«
Er drückte ihr eine Visitenkarte in die Hand und verschwand
mit seiner Truppe im Servicefahrstuhl. Alfonso T-Rex Cardozo. Mit
diesem Namen hätte er ohne weiteres Ringer werden können. Klara
stellte fest, daß der Gin in der Pantry hoffnungslos hinter einem
Turm aufeinandergestapelter Bücherkisten verbarrikadiert war
und rief den Hund zu einem kurzen Spaziergang zum nächstgelegenen
Spirituosenladen.
Am folgenden Morgen bekämpfte sie die hartnäckig in ihrer Magengegend
spürbare Nervosität mit drei Tassen Kamillentee, wartete,
bis George in sein Institut gegangen war (bei seiner Rückkehr
am Vorabend hatte er den Einbruch von Klaras Sammelwut in sein
spartanisches aber großzügiges Junggesellenheim mit amüsierter
Gelassenheit hingenommen: »Mach mit der Wohnung, was du
willst. Was immer du tust, es wird großartig sein.«), und begann mit
dem Auspacken.
Sie zerrte den nächstbesten, freistehenden Karton von der
Wand des frisch gestrichenen Wohnzimmers, in dessen Mitte
Georges wenige Möbel unter Plastikplanen verborgen eine von Fritz
mißtrauisch beobachtete Skulptur bildeten. Mit klopfendem Herzen
förderte sie alte Korrespondenz zutage, arbeitete sich langsam
durch Stapel verjährter Unterlagen, blätterte durch Ordner mit
ihren gesammelten Reisereportagen, bis ihre Hände von dem
schmierigen Film aus Staub und Druckerschwärze klebten, und sich
der Geruch nach Vergangenheit, der aus dem Papier aufstieg, unbarmherzig
in ihr festgesetzt hatte. Verbissen bemühte sie sich, ihre
Aufgabe sachlich zu sehen, sie mußte nur diese Kisten leeren und
den Möbeln, ihren und seinen, einen Platz zuweisen.
Das Foto lag ganz oben auf dem Inhalt des elften Kartons. Die
Aufnahme war schwarz-weiß und zeigte eine junge Klara und einen
etwa vierzigjährigen Mann nebeneinander in einem Bett sitzend,
ein Moskitonetz hing nach vorne geöffnet von der Decke herab
und gab den Blick auf sie frei, der Oberkörper des Mannes war
nackt und sie selbst offenbar hastig unter einem Laken versteckt,
so daß nur ihre entblößten Schultern zu sehen waren. Sie sahen
beide direkt in die Kamera, er wirkte wie ein verarmter italienischer
Aristokrat, mit hagerem Gesicht und strähnig-langen Prinzenlocken,
vor seiner mageren, haarlosen Brust hielt er ein dickes Buch
von mindestens fünhundert Seiten. Sie selbst dagegen hatte Ähnlichkeit
mit einem Mädchen aus dem Volk, einer drallen Neapolitanerin,
ihr pummeliges Gesicht glänzte von dunklen Locken umrahmt
unter dem unbarmherzigen Licht der Glühbirne, die im
Vordergrund von der Decke pendelte. Das war seltsam, denn in
Wirklichkeit war sie damals eher dünn, und Klara wirkte auf sich
selbst vollkommen fremd. Sie betrachtete die Aufnahme, es war ein
gutes Bild, es gab die Atmosphäre in dem kleinen Raum zu ihrer
Überraschung fast perfekt wieder.
Der Einbruch der Erinnerung in Georges Wohnzimmer zwang
Klara in die Knie. Langsam sank sie vor der geöffneten Kiste zusammen,
fühlte wieder die schwere Luft, den dünnen Schweißfilm
auf ihrer Haut, den leicht muffigen Geruch, der aus dem Bettlaken
aufstieg. Sie kämpfte dagegen an und spürte verzweifelt, wie ihre
Kräfte nachließen und einer Ahnung nachgaben, die sie während
all der Jahre sorgfältig unterdrückt hatte: Möglicherweise hatte sie
am Anfang ihres Erwachsenenlebens gleich die falsche Wahl getroffen.
Sie hätte nicht sagen können, wo genau das Versäumnis lag,
aber ein Gefühl des Scheiterns und ein diffuse Trauer über verschwendetes
Leben überwältigte sie plötzlich mit solcher Heftigkeit,
daß es sie lähmte.
Als George mit einem Kollegen am Nachmittag zu einer Besprechung
nach Hause kam, saß Klara umgeben von Fotografien
regungslos auf dem Fußboden und wirkte, als stünde sie unter Drogen.
Rezension I Buchbestellung I home IV06 LYRIKwelt © Kunstmann