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aus: Buchgeflüster
Um es vorneweg zu sagen: Bücher zu verleihen, ist ein Problem. Man muss das Buch von anstößigen Stellen befreien, den Umschlag abnehmen, Sand herausschütteln, es seiner gewohnten Umgebung, dem Regal, entreißen und es in die Fremde schicken. Zwei Varianten des Verleihens lassen sich unterscheiden: das erbetene und das spontane. Wer hat noch nie mit Argusaugen jenen neugierig suchenden Blick beobachtet, den Finger, der sich langsam an den Buchrücken entlangtastet, um plötzlich Halt zu machen. Da. Das Buch ist verurteilt. Man wird es nie wieder sehen. Das Herz schnürt sich einem zusammen. Nicht das. Bitte nicht an den, nicht an die, die geben doch nie wieder was zurück oder erst Gott weiß wann. Eines Tages habe ich zu lügen gewagt: "Tut mir Leid, das hat mir jemand geliehen." "Aber nein, es gehört dir. François hat eine Widmung hineingezeichnet." Mit hochrotem Kopf gab ich nach. Peng. Ich selbst habe ihm den Gnadenstoß verpasst. Dann bleibt einem nur, das Buch mit unbewegter Miene herauszunehmen, es durchzublättern und von seinen armseligen kleinen Geheimnissen zu befreien. Sand rieselt heraus, ein Blütenblatt zerfällt, ein 500-Francs-Schein flattert davon. Toll. Aber die im Buch sonst noch versteckten Ersparnisse sind verloren. Und wie schaffe ich es, die bösen Bemerkungen auf der letzten Seite zu entfernen? "Eine Sekunde, ich muss mir nur schnell ein Zitat rausschreiben." Todunglücklich ziehe ich mich zurück; mit seziermesserhafter Präzision trenne ich die letzte Seite heraus. Dieser Appendix, diese kleine zerknüllte Kugel aus Kummer wandert in den Mülleimer. Später am Abend werde ich sie wieder herausfischen, um sie woanders hinzustopfen, bevor ich sie nach der Gnadenfrist von nur einer Nacht für immer entsorge."
Rezension I Buchbestellung 0I03 LYRIKwelt © Personaverlag