Schwanken
(Leseprobe aus:
Rücken an Rücken, Roman,
2011, S.
Fischer).
Das Boot lag im Schilf versteckt; sie hatten es wenige Tage
zuvor an der Mole gefunden, es schaukelte auf dem Wasser,
der Wind trieb es in die moorige Bucht, zusammen mit
Blättern, Zweigen und größeren Ästen, die der Sturm abgebrochen
und angeschwemmt hatte. Es war nicht angebunden,
offenbar gehörte es niemandem. Im Boot lag ein
Riemen, etwas entfernt zwischen den Ästen schwamm ein
zweiter.
Über die Treppe zum Hof ließen Thomas und Ella die
nötigen Dinge aus dem Haus verschwinden: eine Steppdecke,
zwei kleine Töpfe, Kartoffeln, Mohrrüben und einen
Kanten Brot. Sie nahmen auch eine Schachtel mit Streichhölzern,
etwas Papier und eine leere Weinflasche mit, denn
Thomas meinte, sie würden vielleicht eine Flaschenpost
schreiben wollen. Zuletzt trugen sie den Gaskocher und
eine Taschenlampe durch das Moor, es wurde früh dunkel,
Oktober, am Morgen hatte Raureif auf den Halmen und
Blättern gelegen. Sie würden frieren.
In den letzten zwei Wochen waren sie allein im Haus
gewesen, Käthe arbeitete im Steinbruch. Kurz vor ihrer Abreise
war Eduard nach einem Streit verschwunden. Thomas
und Ella hatten sich allein versorgt, sie hatten sich Kartoffeln
gekocht und Quark mit Wasser, Salz und Schnittlauch
verrührt, sie waren zur Schule gegangen, sie waren zehn
und elf Jahre alt, sie konnten das. Zu Käthes Rückkehr, am
Ende der zwei Wochen, hatten sie nur ein wenig aufräumen
wollen, sie hatten das Geschirr abgewaschen, und während
Ella noch abtrocknete, hatte Thomas begonnen, den Küchenboden
zu schrubben, sie rieben die dunklen Flecken
vom Türblatt und polierten die Klinke mit Asche, den Türrahmen
wuschen sie mit Seife, den Fußabtreter schlugen
sie mit dem Teppichklopfer aus und bürsteten ihn in der
Regentonne. Meine Herren, heute sehen Sie mich Klinken
abputzen und ich singe ein Lied für jeden.
Lachend hielt sich Thomas immer wieder die Ohren zu,
er wollte sie nicht kränken, doch sie traf nur wenige Töne
und veränderte die Melodie, wie es ihr einfiel. Der Kronleuchter
konnte glänzen, wenn man ihn abrieb. Der Geruch
des Messings haftete an den Fingern. Es machte Spaß,
sie wollten das Haus so herrichten, wie es noch nie jemand
gesehen hatte. Thomas entstaubte die Bücher und Regale
mit einem trockenen Tuch, und mit einem feuchten Lappen
wischte er nach, er sortierte die Kunstbücher nach Epochen
und Größe, die Literatur nach dem Alphabet, die politischen
Schriften nach Themen. Mit grollender Stimme, den
Feldstecher des verstorbenen Vaters vor Augen, fragte er
in die Tiefe des Raumes: Frollein Ella, wünschen Sie eine
romantische oder eine abenteuerliche Lektüre aus der
schönen Literatur zu leihen? Studieren Sie Trojas Kampf
um Helena? Gern fülle ich eine Leihkarte für Sie aus. Ella
beachtete ihn nicht, sie lag unter dem Tisch und reinigte
mit einem Messer und einem Schwamm die Unterseite, was
offensichtlich seit Jahrzehnten niemand getan hatte. Dort
klebten hartnäckige Krusten, Spuren von Essen vielleicht
Ella in der Zinkwanne im Garten eingeweicht, es musste
gründlich gewaschen werden, Krümel und dunkle Flecken
von Saucen und Wein hatten sich über lange Zeit darin eingenistet.
Hätten Ella und Thomas den Hausputz nicht in zwei Tagen
bewältigen wollen, es wäre Thomas ein Vergnügen gewesen,
Bibliothekar zu spielen; er wollte einen Karteikasten
für die Bibliothek und ihre künftigen Nutzer anlegen
und Leihkarten für jedes Buch entwerfen. Ella taten die
Arme vom ausdauernden Wringen weh, als sie das safrangelbe
Tischtuch auf die Leine hängte. Mit einem Zahnstocher
und einem Wattebausch bewaffnet kletterte sie dann
auf einen Hocker und wollte den Bilderrahmen der sizilianischen
Landschaft reinigen. Der kobaltfarbene Himmel
leuchtete über dem karstigen Felsen, wo nur Olivenbäume
wuchsen. Doch die schimmernde Beschichtung
des Rahmens löste sich und verfärbte den Wattebausch
dunkel, so dass Ella Angst bekam, sie könnte nicht nur
den Schmutz, sondern auch die Farbe ablösen. Selbst den
Nähkasten ordnete sie, wickelte Garnrollen auf und Stickfaden
um Pappschildchen, sie sortierte die Knöpfe in drei
schwarze Schachteln, die Nadeln nach Größe in schmale
Briefe. Seit dem Hausmädchen gekündigt worden war,
hatte vermutlich niemand mehr außer Ella den Nähkasten
benutzt. Sie spielte abwechselnd ihre vornehme Großmutter
und deren Näherin, mit gespitztem Mund und der gestelzten
Stimme ihrer Großmutter kommentierte Ella die
Arbeit, mit deren französischen Worten: Alors, c’est si parfait!
(...)
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