Luisa
(Leseprobe aus: Luisa, Roman, Teil 2, 2005, Beck - Übertragung
Alissa
Walser)
Teil 2
Kaum war meine Mutter aus dem engen Flur des
Mietshauses, in dem wir damals lebten, hinaus, war sie auf mich angewiesen; ich
mußte für sie sprechen, ich mußte mich zwischen sie und das kalte,
rassistische Geglotze der Ladenbesitzer vom Broadway stellen, deren lauernde Bösartigkeit
es immer noch schaffte, mich fertigzumachen, auch wenn sie in mir den
verzweifelten Wunsch weckte, daß diese simple Gerechtigkeit, mit der sie ihre
anderen Kunden bedienten, auch einmal Mama und mir zuteil würde: Die anderen
Kunden, Iren oder Deutsche oder ähnlich properes Volk, dachte ich, die so
selbstgefällig ihre Dosenfrüchte und Gemüse, ihr Weißbrot und ihre staubigen
Kartoffeln auf die Holztheke legten, während der Händler mit einem
Bleistiftstummel rasch und mit wichtigtuerischem Schwung die Preise addierte,
dann die Summe in eine riesige Kasse eintippte, deren Schubladen mit lautem
Knall herausschossen, um Scheine und Münzen in Empfang zu nehmen, so daß Mama
zusammenfuhr, als entdecke sie soeben, daß sie kein Geld mehr in ihrer
Handtasche habe, um damit das wenige zu bezahlen, die Dosenmilch, den Essig oder
drei braune Eier.
Nur in Mr. Salazars bodega gelang es Mama, sich nach einem hektisch
panischen Sprint von unserer Wohnung eine Spur gelassener zu bewegen. Sie prüfte
die Reife der Kochbananen oder ließ ihre Hand in einen Sack schwarzer Bohnen
gleiten oder prüfte mit einem Finger die fleischigen weißen Wurzeln des süßen
Manioks in der offenen Holzlattenkiste.
Hier, in dem düsteren winzigen spanischen Lebensmittelladen, Broadway Ecke
hundertachtundfünfzigste Straße, wo es immer nach Katzenurin roch und nach
Schabenvertilgungsmittel, nach gewürzter Wurst und nach Süßigkeiten aus
Kokosnuß, wog Henry Salazar, ein großer, älterer, ernster Kubaner, in dessen
Stahlrandbrille das linke Glas fehlte, Schmalz und Zwiebeln ab, und wenn man
danach fragte, ging er in ein Kabuff im hinteren Teil des Ladens und kehrte zurück
mit etwas, das aussah, als wäre es immer dieselbe graue Schweineschwarte, überzogen
von Streifen getrockneten dunklen Bluts. Davon schnitt er grobe Stücke ab, warf
sie auf seine Waage, bis ein Kunde «Bastante!» rief.
Unter dem Ladentisch bewahrte er einen Stapel Lotterielose zum Verkauf auf und
neben einem Regal mit Schachteln voller Reinigungsmittel und Stücken gelber Küchenseife
ein Telefon. Letzteres lockte die Kunden mindestens so – wenn nicht sogar mehr
– in seine bodega wie Salazars dürftige Vorräte dessen, was die
irischen Nachbarskinder «Latinokram» nannten.
Salazar berechnete für jeden Anruf zwei Cent; die Pennies bewahrte er in großen
Gläsern in einem Extraregal auf. Manche Ladenbesitzer hatten Gläser voller
Geleebohnen, und wer die korrekte Anzahl der Bonbons erriet, konnte einen Preis
gewinnen. Ich versuchte, die Anzahl der Hilferufe zu erraten, für die die
Pennies in Salazars Gläsern standen, die vielen Anfragen bei fernen Ämtern
nach Lebenszeichen vermißter Verwandter. Einmal, als ich Milch holen sollte,
weinte hinter der Theke eine Frau in den Hörer. «Schicken Sie die Polizei –
schicken Sie sie bitte. . .», keuchte sie. Salazar packte ein Stück
Schweinefett ein für einen anderen Kunden, der die weinende Frau bestürzt
anstarrte. «Schicken Sie einen Arzt . . .»
Als sie den Hörer aufgelegt hatte, legte Salazar das Fett hin und streckte
seine lange Hand aus. Benommen starrte sie darauf. «Dos centavos»,
sagte er streng. Sie strich sich über die Wange, schüttelte den Kopf. «Er hat
Rattengift geschluckt », sagte sie. «Er tanzt – auf seinem Rücken – auf
dem Boden.» Der Kunde legte zwei Pennies in Salazars Hand. Als ich hinausging,
hörte ich, wie sie klingelnd in das Glas fielen.
Wenn Mama die Lebensmittel in einer Stofftasche in die Küche unserer
Mietswohnung gebracht hatte, setzte sie sich neben dem Spülbecken auf die Kante
eines Stuhls und starrte den Einkauf an. Einen Fuß hatte sie am Boden, den
anderen ließ sie wie ein Kind in der Luft baumeln. In ihrem dunklen Kleid
wirkte ihr Körper schwer und formlos, und erschöpft von dem gefährlichen
Marsch, sank sie plötzlich in sich zusammen. Erst nach und nach räumte sie die
Sachen weg.
Fast täglich, wenn ich von der Schule nach Hause kam, fand ich Mama auf diesem
Stuhl sitzend. Einen Ellbogen auf der Küchentheke, starrte sie ins Spülbecken,
und als wäre sie blind und taub, wartete sie darauf, daß ich sie hinausführte
in die Straßen New Yorks.
Seit fünf Jahren waren wir nun in New York. Obwohl sie einige Monate in einer
Parfumfabrik auf der anderen Seite des Hudson River in New Jersey gearbeitet
hatte, sprach sie kein Englisch.
Sie schaffte es, den Job ein Jahr lang zu behalten; sie fuhr mit der U-Bahn,
dann mit dem Bus, und am Ende ihres Weges ließ sie sich auf einer Bank vor
einer Maschine nieder, die Parfumflaschen verschloß; inmitten von Frauen, aus
deren Mündern ein Schneesturm von Sprache brach, weiß und kalt wie Schnee, erzählte
sie mir, und hart, sagte sie, wie die Eisplatten auf dem Gehsteig im Winter, vor
denen ihr graute, wenn ich sie am Arm hielt oder nach dem Stoff ihres
abgetragenen schwarzen Mantels griff, um sie vorwärtszuziehen, in die jeweilige
Wohnung, in der Papa uns einquartiert hatte, weil man uns mit der Miete
entgegengekommen war. Ein paarmal zogen wir um, da wir mehr Platz brauchten für
die Pensionäre, denen wir die mit Linoleum ausgelegten dunklen Kammern zum Gang
vermieteten, jede eingerichtet mit Kommode und Stuhl und einem engen Bett.
Eine dieser Pensionärinnen, Maura Cruz, hatte Mama den Job in der Parfumfabrik
besorgt. Mit wahnwitziger Beharrlichkeit versuchte sie, Mama dazu zu zwingen,
Amerikanerin zu werden. Als man sie in der Parfumfabrik entließ, da ihrer
Unachtsamkeit wegen viele der Flaschen unverschlossen geblieben waren und die Röcke
und Beine der schwatzhaften Frauen weiter unten am Fließband mit dem starken,
wenn auch synthetischen Aroma von Frühlingsblumen durchtränkt hatten, war es
wieder Maura, die ihr Arbeit besorgte – diesmal welche, die sie zu Hause
erledigen konnte. Die perlenbestickten Taschen, die sie herstellte, mußten nur
einmal im Monat abgeliefert werden. Doch der Großhandel, bei dem sie die
Taschen abgab, lag so weit downtown, daß sie jammerte, die U-Bahn-Fahrt sei
fast so lang wie unsere Reise von San Pedro. Ich müsse mitkommen, sagte sie, da
sie nicht in der Lage sei, mit dem Mann, der sie für ihre Arbeit bezahlte und
den Maura als einen diebischen Juden bezeichnete, zu verhandeln.
Der diebische Jude saß in der Nähe der Delancey Street am vorderen Ende einer
dunklen Etage in einem schäbigen kleinen Büro. Er war ein müde aussehender
Mann mittleren Alters, der kaum mit uns sprach und die perlenbestickten Taschen
– eine nach der anderen – aus dem Sack, in dem Mama sie hintrug, in Empfang
nahm und sie dann so genau untersuchte, daß es schien, als wolle er sie wie
Taschentücher an seine Augen pressen. Dreizehnmal fuhren wir zu ihm. Jedesmal
zahlte er Mama genau die Summe, auf der sie, laut Maura, zu bestehen hatte.
Eines späten Nachmittags erklärte er, er sei bankrott. «Keine Geschäfte
mehr. Kein Geld mehr», sagte er, als er die achtzehn Dollar auszahlte und Mama
die verknitterten Scheine in die Hand legte. «Lügt er?» fragte sie mich auf
spanisch. Ich sah ihn an. Bevor ich antworten konnte, sagte er: «Nein, ich lüge
nicht.» So schüchtern, so sanft, daß ich ihn plötzlich richtig sympathisch
fand, überrascht, daß er unsere Sprache verstand. Er lächelte mich zerstreut
an, dann drehte er sich weg, legte seine Hände auf den abgenutzten Tisch, der
ihm als Schreibtisch diente, stützte sich auf, das halb abgewandte Gesicht vom
Schmerz verzerrt. Nach diesen Fahrten kehrten wir nach Hause zurück – und
oben an den U-Bahn-Treppen erwarteten uns die frühe Winterdämmerung oder die
langen diesigen Sommerabende, an denen Männer und Kinder unter den Straßenlampen
an der Ecke zusammenkamen und sich durch Rufe verständigten, in einer Sprache,
die weder Spanisch war noch Englisch, sondern eine aufgeregte, harte Mischung
aus beidem. Ein Jahr nachdem Mama ihren Job in der Parfumfabrik verloren hatte,
erklärte sie plötzlich: «Ich habe mich nicht konzentrieren können auf diese
Flaschen, die an mir vorbeiflogen. Wie auch? Diese Frauen haben andauernd
geredet.»
«Du hättest ihnen nicht zuhören müssen.»
«Ach, hab ich aber. Sie wollten mir klarmachen, wie ungebildet ich bin. Sie
haben mich beobachtet, wenn sie miteinander sprachen. Ich sag dir, das war
irgendwann zuviel für mich.»
Ich wußte, daß sie mehr verstand, als sie vorgab, daß Mamas Unfähigkeit oder
Weigerung, die englische Sprache zu lernen, wie ein Leiden war, das an ihrem
Wesen zehrte. Sogar die Leute vom Land, an die wir monatsweise vermieteten und
die oft aus abgelegenen Provinzen in Kuba oder Puerto Rico kamen, selbst diese guajiros,
die so ungebildet waren, daß sie die Kettenspülung in der Toilette fürchteten
wie einst ich selbst die der Bedienstetentoilette von Beatriz de la Cueva, drängten
mich, da ich zur Schule ging, ihnen beizubringen, wie Amerikaner zu sprechen,
ihre Zungen zu lösen, manchmal nur für einzelne Wörter, die sie sprechen
lernen wollten ohne diesen Antillena-Akzent, der so viel zu ihrer sozialen und
ökonomischen Misere beitrug; diese Wörter, die mit dem hinterhältigen
‹th› begannen oder mit dem wunderlichen unsäglichen ‹ough› endeten oder
dem unschönen ‹ng›, welches, wie eine junge Frau aus San Juan es ausgedrückt
hatte, genau das Geräusch war, das ein saltón machte. «Im Englischen
ist ein saltón ein Grashüpfer», sagte ich.
«Qué barbaridad!» antwortete sie.
Für die Emigranten, die die Armut kannten, war die große Weltwirtschaftskrise
nichts Besonderes. Als Papa einem unserer Pensionäre, Enrique Machado, erzählte,
1933 habe es sechzehn Millionen Arbeitslose gegeben, zuckte der Kubaner nur mit
den Schultern. «Hombres! Für einen Nickel kann man ziemlich lange
U-Bahn fahren», sagte er und offenbarte damit eine Anschauung von Reichtum, von
dem er nur deshalb ausgeschlossen war, weil er es nicht schaffte, wie alle
anderen zu klingen.
Mama klammerte sich an ihre alte Sprache wie eine Schiffbrüchige an eine
Planke, die sie in den Strömungen weiter und weiter vom Ufer wegträgt.
1936, in unserem ersten New Yorker Sommer, teilte uns Papa mit, das Geld seiner
Mutter, ein Geschenk, von dem wir bis dahin nichts gewußt hatten, sei zur Hälfte
ausgegeben. Vermutlich hatte Mama geahnt, daß wir unsere Überfahrt und die
erste Zeit danach keinem Lottogewinn verdankten, hatte aber bisher an eine
Leihgabe Dr.Bacas oder irgendeines alten Bekannten aus Tres Hermanos geglaubt.
Als sie erfuhr, woher das Geld kam, geriet sie so außer sich darüber, daß
Papa die Quelle verheimlicht hatte, daß sie sich aufs Bett legte und schwor,
sie würde nie mehr aufstehen, nie mehr kochen, waschen und bügeln für einen
Mann, von dem sie sich aufs tiefste beleidigt fühlte, da er sie nicht ins
Vertrauen gezogen hatte.
«Was bin ich dumm!» weinte sie bitter, kaum daß Papa in der Küchentür
stand, während ich mich so schnell als möglich im dunklen Flur neben dem
Schlafzimmer versteckte. «Ich, die ich Tag für Tag Pennies und Nickel zu
diesem bellaco Salazar trage, um diese porquería zu bezahlen,
die er mir verkauft und die ich zubereite, damit du am Leben bleibst – ich,
mit meinem erbärmlichen Tagaus-Tagein! Wie kann ich das Mädchen einkleiden?
Wie kann ich verhindern, daß sie zwischen den amerikanischen Kindern herumläuft
wie eine Bettlerin? Wo bin ich? Was ist das nur für ein furchtbarer Ort, an den
du uns gebracht hast?» «Sie hat keinen Funken Verstand», murmelte Papa, während
Mama beharrlich schluchzte. «Sie vergißt, daß es ihr Land ist.»
Noch in San Pedro hatte Papa Mama mitgeteilt, daß wir keine Einwanderer,
sondern amerikanische Staatsbürger seien – ein Unterschied, den sie nicht
begriff, da er für sie nicht von lebenswichtiger Bedeutung war. Ich selbst
erfuhr davon, als ich in der Amsterdam Avenue in die öffentliche Schule kam. In
seiner gewohnt abschätzigen Art, einer verächtlichen Schroffheit, hatte Papa
mir erzählt, sein Vater Antonio sei amerikanischer Staatsbürger gewesen, er
habe seine spanische Staatsbürgerschaft aufgegeben, lange bevor er nach San
Pedro gegangen sei, um das Erbe seines Vaters, die Plantage von Malagita,
antreten zu können. Daß ich, die ich als Bastard zur Welt gekommen war,
Amerikanerin sein sollte, erstaunte mich gerade noch während meiner ersten
Schultage und vielleicht noch so lange, wie ich die Sprache der anderen Kinder
nicht beherrschte.
Papa ging zur Schlafzimmertür. «Wir haben Mieteinnahmen», verteidigte er
sich. «Vergiß das nicht.»
«Die Mieter!» rief Mama aus. «Die Mieter schleichen nachts in die Küche und
essen das bißchen, was übriggeblieben ist. Sie zahlen nur, wenn es ihnen paßt.
Meine Tochter gibt ihnen umsonst Unterricht. Komm mir nicht mit den Mietern!»
Papa ging durch den Flur zur Wohnungstür und knallte sie hinter sich zu. Ich spähte
ins Zimmer. Mama saß auf der Bettkante. Sie wirkte eher ängstlich als wütend.
«Soll ich das Abendessen machen?» fragte ich sie.
Sie stöhnte leise. «Nein, nein. Ich stehe auf. Eine Sekunde, und ich stehe
auf.» Sie streckte ihre Hand aus; ich ging zu ihr und hielt sie. Sie war feucht
und lag schlaff in der meinen.
«Tja, jetzt weiß ich, es hat eine bestimmte Summe gegeben . . . und na ja . .
. wenigstens den letzten Cent davon werde ich zu sehen bekommen. Was soll er
tun? Arbeit suchen liegt ihm nicht. Und was dann, nena? Weißt du noch,
die Estradas?»
Eine alte Frau, Mrs. Estrada, und ihre Enkelin Alicia wohnten, als wir einzogen,
neben uns. Ich hatte sie seit Monaten nicht mehr gesehen.
«Ich hab’s dir nicht erzählt. Du weißt, sie war sehr ordentlich, die alte
Frau. Jeden Tag hat sie einen Topf Suppe für ihre kleine Alicia gekocht. Sie
selbst hat nichts von der Suppe gegessen. Eines Morgens, als du in der Schule
warst, ist die Polizei dagewesen. Sie hat sich zu Tode gehungert, verstehst du.
Sie hatten nichts. In diesem Land kann man verhungern, egal, was dieser Idiot
Enrique Machado sagt. In San Pedro gab es immer irgend etwas zu essen. Aber
hier? Niemand merkt, daß du in deinem Bett stirbst wie Mrs. Estrada. Nicht,
bevor die Polizei kommt.»
Ich glaubte, die zwei Pennies in eines von Mr. Salazars Gläsern fallen zu hören.
Eine Woche später kam Maura Cruz zu uns, um ein Zimmer zu mieten. Nach einer
Weile besorgte sie Mama den Job in der Parfumfabrik und später den bei dem
diebischen Juden. Papa jedoch arbeitete mehrere Jahre lang nicht.
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