Lauras Schweigen von Paula Vox, 2002, BeckPaula Fox

Lauras Schweigen
(Leseprobe aus: Lauras Schweigen, Roman, 2002, Beck)

Im Badezimmer des Hotels starrte Desmond Clapper auf seine sich rötenden Finger, über die das Wasser aus dem Hahn floß. Der Wasserschwall übertönte Lauras Stimme nicht völlig. Gleich würde er zu ihr ins Schlafzimmer gehen müssen. Er drehte die Hähne zu, dann wieder auf.
«Erzähl mir was von der Würde der Leoparden! Der Kakerlaken! Aber erzähl mir nichts von der Würde des Menschen! Wie kann irgend jemand es wagen, jemand anderen davon abzuhalten, irgendwohin zu gehen in der verdammten Welt? Ich war fast schon im Restaurant, als ich dich auf der anderen Seite der Streikpostenkette gesehen habe, und du sahst wirklich albern aus, und dauernd hoppelten diese Kellner zwischen uns hin und her und jammerten und klagten. ..»
Desmond knirschte mit den Zähnen. Sie war immer noch verärgert wegen des Mittagessens. Er konnte an dem, was geschehen war, nichts ändern. Die Streikenden hatten ihn jedesmal verflucht, wenn er einen Schritt auf Laura zu machte. Er lauschte. Dann bewegte er sich wieder. Ihre Stimme schien jetzt näher. Konnte es sein, daß sie auf der anderen Seite der Tür stand?
«Desmond? Desmond! Wie konntest du dich von diesen Streikposten nur beirren lassen? Weißt du nicht, was Kellner in so einem Lokal verdienen? Und - mein Gott! Wer hat Würde in diesem Leben? Sie wollen doch nur Geld. .. Behandeln Sie mich wie einen Menschen. ... Werfen Sie mir noch ein paar Münzen zu! Erinnerst du dich an diese Bettler in Madrid, die von ihren Kindern auf Karren in die Kirchen gefahren wurden? Und sie schüttelten ihre Stümpfe gegen uns und lachten? Das war Würde! Desmond? Wir hatten uns so lange auf dieses Mittagessen gefreut, und du hast mich gepackt und weggeführt. Einer von ihnen hatte ein Schild, auf dem ohne h geschrieben war. Hast du das bemerkt? Meine Güte! Ich hätte am liebsten einen Teller geholt und vor ihnen gegessen! Diese Frechheit! Diese Dummheit! Und der Buchladen, diese furchtbare Verkäuferin mit ihren schmutzigen Fingernägeln, und der Bügel von ihrem BH stach durch den Stoff ihrer Bluse. ..Und sie hat mich tatsächlich verbessert. Du mußt es gewußt haben, die ganzen Jahre, in denen ich falsch ausgesprochen habe. Warum hast du es mir nie gesagt? Du weißt, wie schrecklich es für mich ist, englische Wörter falsch auszusprechen. Und sie strengte sich nicht an, uns zu helfen, und tat, als hätten sie keine neuen englischen Krimis vorrätig. Du solltest den Geschäftsführer von diesem Laden anrufen. ..daß er es zuläßt, daß solche Leute Kunden schikanieren. ..daß sie ihre Frustrationen an anderen abreagieren! Ich fragte sie, ob sie vielleicht mal müsse. Hast du gehört, wie ich sie gefragt habe? Ich habe ganz ruhig gesprochen, was solche Leute ärgert. Wenn ich daran denke, daß ich die ganzen Jahre immer gesagt habe und keiner ein Wort sagte, bis diese Frau gekommen ist. Ich bin so nervös! Ich glaube, nach diesem Drink wird es besser. Desmond. Ich weiß, ich habe einen kleinen Wutanfall. Hast du das gehört? Ich weiß es. Ich entschuldige mich nicht. Das ist nicht die spanische Art. Ihr Anglos spezialisiert euch auf Mitleid. Ich rechtfertige mich nie. Oder, Desmond? Ich bin schließlich kein Jude. Wie ich Selbstmitleid verachte! Dieser Bruder von mir, dieser Carlos, ist so sentimental, wenn es um seine Schwierigkeiten geht - und ach, wie er uns alle im Stich läßt, sogar meine arme Mutter, die ihn mir und Eugenio vorzieht. Desmond? Wenn wir nur abreisen könnten ohne ein Wort zu irgend jemand. Als ich Clara anrief, sagte sie, sie hätte eine Erkältung, in so einem sterbensmatten Tonfall, und dann zeigte sie, wie tapfer sie ist, als sie sagte, natürlich wolle sie uns sehen, bevor wir abreisen. Wenn wir nur einfach losfahren könnten! Jetzt! Im Dunkeln die Gangway hoch, in unsere Kabine schlüpfen. Der Steward würde uns Tee und Kekse bringen, das Schiff würde um Mitternacht ablegen, keine Kapellen, kein Gewinke. Mein Gott! Diese schrecklichen Kellner. ..Ich nehme an, sie haben ein unangenehm naßkaltes Leben, fahren in den frühen Morgenstunden mit der U-Bahn nach Hause, zu erschöpft, um das Trinkgeld zusammenzuzählen, und tragen noch in ihren Träumen Tabletts herum. ..Und diese elende Verkäuferin, keiner hält es für nötig, ihr das mit dem BH zu sagen, keiner, der sich für ihre Brüste interessiert, letzten Endes. Schau, wie spät es ist! Bald werden sie alle hier sein. Peter stört mich nicht. Er weiß, was man bei so einer Gelegenheit macht, armer Kerl. Er und ich, wir hatten über dreißig Jahre unsere Gelegenheiten. Mein ältester Freund ... mein einziger Freund. Gott sei Dank habe ich Eugenio nicht erreichen können. Ich kann mir sehr gut vorstellen, wo er ist, im Haus von irgendeiner alten Frau, da zählt er heimlich die echten Perlen um ihren Hals und bringt sein Blut in Wallung mit dem Wissen darum, wie unsere Familie aus den Fugen gerät. ..immer mehr ... »Jetzt begann auf einmal der Regen, wie gegen die Hotelfenster und auf die schwarze Straße acht Stockwerke darunter geschleudert. Als Laura hinuntersah, konnte sie die Bewegungen der Scheibenwischer auf den Frontscheiben der Autos erkennen, die die Straße füllten, und die Farbe der triefend nassen Ampeln und die glänzende Oberfläche des Asphalts, der von der Gewalt des Wolkenbruchs unter Wasser gesetzt worden war. Sie zündete sich eine Zigarette an und nahm dann einen Schluck von ihrem Drink, um ihren trockenen Mund anzufeuchten - Ein Schauder überlief sie, der so stark war, daß sogar ihre Beine zitterten. Darauf fragte sie sich scheinheilig, ob es wohl ein Erdbeben gegeben habe, ob New York einstürze, das Hotel unter ihr zusammenbreche; sie tat so, als ob die unwillkürliche körperliche Bewegung ihr von einer äußeren Macht geschickt worden sei und nicht das war, was sie sein mußte, Indiz einer ungeheuerlichen Tatsache, die sie während ihrer Tirade verborgen gehalten hatte, in deren Verlauf Desmond, wie sie wußte, die Wasserhähne auf - und zugedreht hatte, um ihre Stimme zu übertönen.
Diese Tatsache war die Nachricht, die sie erhalten hatte, als sie nach ihren letzten Reiseeinkäufen zum Hotel zurückgekehrt waren. Die Nachricht war, daß ihre Mutter, Alma, in einem Altersheim, wo sie die letzten zwei Jahre gelebt hatte, am Nachmittag gestorben war. Laura hatte sich Desmond zugewandt und sogar gelächelt, als er sie fragte, wer am Apparat sei, und erwidert, es sei Clara, die frage, wie sie zum Hotel komme, ob er die Flaschen jetzt auspacken wolle? Dann war der offizielle Ernst der Stimme am anderen Ende der Leitung wieder der Fokus ihrer Aufmerksamkeit gewesen - Todesurkunde, sagte diese Stimme, ausgestellt vom Chefarzt, Herzversagen ... ruhiger Tod, und sie fragte nach Anweisungen wegen der Beerdigung -, und Laura hatte Desmond zugerufen: «Hol mir ein Aspirin, Liebling», und hatte hastig in den Hörer hineingesagt: «Morgen? Kann es morgen sein? Wen immer Sie bei Beerdigungen kommen lassen. ..ja. ..Aber wir haben ein Grab, mein Mann hat das vor zwei Jahren mit Ihnen vereinbart. ..auf Long Island», und Desmond war zurückgekommen und hatte ihr zwei Aspirin gegeben, und sie hatte ins Telefon gesagt: «Auf Wiederhören, ich rufe morgen früh an», und Desmond hatte gesagt: «Clara anrufen? Aber sie kommt doch heute Abend, oder?»
Sie war nicht in der Lage gewesen zu antworten, aber er drängte sie nicht; sie konnte immer darauf rechnen, daß Desmond nicht fähig war, für irgend etwas längere Zeit Interesse aufzubringen. Ihr Kopf war leer gewesen; sie hatte nur gewußt, daß etwas Unerbittliches sie gepackt hatte. Und sie hatte eine halb wahnsinnige Freude empfunden und den Impuls verspürt herauszuschreien, daß sie diese Sache wußte und besaß, die niemand anders wußte, diese gewichtige Tatsache, hart und real zwischen den weichen Anhäufungen bedeutungsloser Ereignisse, zu denen auch die geplante Reise nach Mrika gehörte, konkret erfahrbar nur durch die dazugehörigen Vorbereitungen, Route, Gepäck, Erwerb von Medikamenten gegen Darmbeschwerden, Bücher zum Lesen, Uhr, Seife, Pässe, diese Hülle aus Taten, die das regungslose Zentrum ihres gemeinsamen Lebens umgab.
Trank Desmond allein im Bad? Nahm er ein paar verstohlene Schlucke, bevor die Aufseherin ihn ertappte? In einer Anwandlung von Zorn wegen seiner Betrügerei, seiner Feigheit, die darin bestand, sie zur Aufseherin zu ernennen, setzte sie ihr Glas hart auf die Heizung, wo es in etliche große Stücke zersprang und auf den Teppich fiel. Desmond erschien sofort in der Badezimmertür; mit übertriebener Sorgfalt trocknete er sich die Hände ab. Sie lächelte und spürte dabei leichten Schweiß auf der Oberlippe. «Hast du dem Kellner Trinkgeld gegeben, als er das Eis brachte? Ach, ich habe mein Glas fallen lassen. »«Ja, Liebling», sagte er. «Das Glas fallen lassen? Ich mache das sauber.» Er bemerkte einen großen Fleck auf ihrer Stirn und strich mit dem Rand des Handtuchs darüber, während er über ihre Schulter hinweg zum Fenster sah, wo sie, wie er vermutete, gelehnt hatte. «Es regnet», sagte er. Sie lachte. «Du hast den Regen nicht hören können bei dem ganzen Krach, den du da drin gemacht hast», sagte sie.

Rezension I Buchbestellung II02 LYRIKwelt © Beck