Lauras Schweigen
(Leseprobe aus: Lauras Schweigen,
Roman, 2002, Beck)
Im Badezimmer des
Hotels starrte Desmond Clapper auf seine sich rötenden Finger, über die das Wasser aus
dem Hahn floß. Der Wasserschwall übertönte Lauras Stimme nicht völlig. Gleich würde
er zu ihr ins Schlafzimmer gehen müssen. Er drehte die Hähne zu, dann wieder auf.
«Erzähl mir was von der Würde der Leoparden! Der Kakerlaken! Aber erzähl mir nichts
von der Würde des Menschen! Wie kann irgend jemand es wagen, jemand anderen davon
abzuhalten, irgendwohin zu gehen in der verdammten Welt? Ich war fast schon im Restaurant,
als ich dich auf der anderen Seite der Streikpostenkette gesehen habe, und du sahst
wirklich albern aus, und dauernd hoppelten diese Kellner zwischen uns hin und her und
jammerten und klagten. ..»
Desmond knirschte mit den Zähnen. Sie war immer noch verärgert wegen des Mittagessens.
Er konnte an dem, was geschehen war, nichts ändern. Die Streikenden hatten ihn jedesmal
verflucht, wenn er einen Schritt auf Laura zu machte. Er lauschte. Dann bewegte er sich
wieder. Ihre Stimme schien jetzt näher. Konnte es sein, daß sie auf der anderen Seite
der Tür stand?
«Desmond? Desmond! Wie konntest du dich von diesen Streikposten nur beirren lassen?
Weißt du nicht, was Kellner in so einem Lokal verdienen? Und - mein Gott! Wer hat Würde
in diesem Leben? Sie wollen doch nur Geld. .. Behandeln Sie mich wie einen Menschen. ...
Werfen Sie mir noch ein paar Münzen zu! Erinnerst du dich an diese Bettler in Madrid, die
von ihren Kindern auf Karren in die Kirchen gefahren wurden? Und sie schüttelten ihre
Stümpfe gegen uns und lachten? Das war Würde! Desmond? Wir hatten uns so lange auf
dieses Mittagessen gefreut, und du hast mich gepackt und weggeführt. Einer von ihnen hatte
ein Schild, auf dem
Diese Tatsache war die Nachricht, die sie erhalten hatte, als sie nach ihren letzten
Reiseeinkäufen zum Hotel zurückgekehrt waren. Die Nachricht war, daß ihre Mutter, Alma,
in einem Altersheim, wo sie die letzten zwei Jahre gelebt hatte, am Nachmittag gestorben
war. Laura hatte sich Desmond zugewandt und sogar gelächelt, als er sie fragte, wer am
Apparat sei, und erwidert, es sei Clara, die frage, wie sie zum Hotel komme, ob er die
Flaschen jetzt auspacken wolle? Dann war der offizielle Ernst der Stimme am anderen Ende
der Leitung wieder der Fokus ihrer Aufmerksamkeit gewesen - Todesurkunde, sagte diese
Stimme, ausgestellt vom Chefarzt, Herzversagen ... ruhiger Tod, und sie fragte nach
Anweisungen wegen der Beerdigung -, und Laura hatte Desmond zugerufen: «Hol mir ein
Aspirin, Liebling», und hatte hastig in den Hörer hineingesagt: «Morgen? Kann es morgen
sein? Wen immer Sie bei Beerdigungen kommen lassen. ..ja. ..Aber wir haben ein Grab, mein
Mann hat das vor zwei Jahren mit Ihnen vereinbart. ..auf Long Island», und Desmond war
zurückgekommen und hatte ihr zwei Aspirin gegeben, und sie hatte ins Telefon gesagt:
«Auf Wiederhören, ich rufe morgen früh an», und Desmond hatte gesagt: «Clara anrufen?
Aber sie kommt doch heute Abend, oder?»
Sie war nicht in der Lage gewesen zu antworten, aber er drängte sie nicht; sie konnte
immer darauf rechnen, daß Desmond nicht fähig war, für irgend etwas längere Zeit
Interesse aufzubringen. Ihr Kopf war leer gewesen; sie hatte nur gewußt, daß etwas
Unerbittliches sie gepackt hatte. Und sie hatte eine halb wahnsinnige Freude empfunden und
den Impuls verspürt herauszuschreien, daß sie diese Sache wußte und besaß, die niemand
anders wußte, diese gewichtige Tatsache, hart und real zwischen den weichen Anhäufungen
bedeutungsloser Ereignisse, zu denen auch die geplante Reise nach Mrika gehörte, konkret
erfahrbar nur durch die dazugehörigen Vorbereitungen, Route, Gepäck, Erwerb von
Medikamenten gegen Darmbeschwerden, Bücher zum Lesen, Uhr, Seife, Pässe, diese Hülle
aus Taten, die das regungslose Zentrum ihres gemeinsamen Lebens umgab.
Trank Desmond allein im Bad? Nahm er ein paar verstohlene Schlucke, bevor die Aufseherin
ihn ertappte? In einer Anwandlung von Zorn wegen seiner Betrügerei, seiner Feigheit, die
darin bestand, sie zur Aufseherin zu ernennen, setzte sie ihr Glas hart auf die Heizung, wo
es in etliche große Stücke zersprang und auf den Teppich fiel. Desmond erschien sofort
in der Badezimmertür; mit übertriebener Sorgfalt trocknete er sich die Hände ab. Sie
lächelte und spürte dabei leichten Schweiß auf der Oberlippe. «Hast du dem Kellner
Trinkgeld gegeben, als er das Eis brachte? Ach, ich habe mein Glas fallen
lassen. »«Ja,
Liebling», sagte er. «Das Glas fallen lassen? Ich mache das sauber.» Er bemerkte einen
großen Fleck auf ihrer Stirn und strich mit dem Rand des Handtuchs darüber, während er
über ihre Schulter hinweg zum Fenster sah, wo sie, wie er vermutete, gelehnt hatte. «Es
regnet», sagte er. Sie lachte. «Du hast den Regen nicht hören können bei dem ganzen
Krach, den du da drin gemacht hast», sagte sie.
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