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Unschuldige Tage im Krieg
(Leseprobe aus:
Unschuldige Tage im Krieg, Roman, 2010, Schöffling&Co.
- Übertragung Marianne Schneider).
Stefano Portelli sollte sich noch lange an den reinen,
endlosen Kuss erinnern. Sich erinnern an den Geruch der feuchten Erde und die
Stille ringsum, eine Stille, die nur vom raschen Pochen des Blutes in den Adern
unterbrochen wurde. Sich erinnern an die Wipfel der Bäume, die sich in einiger
Entfernung langsam wiegten, und an das Schlafbedürfnis, das plötzlich seinen
Körper durchflutete. Dies vor allem würde er nicht vergessen können, den
blitzartigen Wunsch zu schlafen, dann aber die Flucht nach Hause, weit weg von
seiner Frau, weit weg von allem. Mit der Zeit würde dieser Kuss ein vertrauter
und doch unerreichbarer Ort werden, ein Berg am Horizont, begraben in seinem
Herzen.
Er lernt Eleonora Polidori auf einem Fest kennen. Er Jahrgang 1912, sie 1916.
Ein Jahr sind sie verlobt, dann die Heirat. Stefano hat erst kürzlich sein
Jurastudium abgeschlossen. Jurisprudenz wie sein Vater und sein Großvater.
Geistreich kann man ihn nicht nennen, eher ernst und beharrlich. Das Gesetz
stellt für ihn keine künstliche, leere Rhetorik dar, bedeutet nicht, dass man
ein Gebäude aus Worten, Interpretationen oder Hypothesen auf nichts errichtet.
Für ihn besitzt die Gerechtigkeit ein konkretes, konstruktives Fundament. Sie
ist ein Denken oder ein Ideal, das zur täglichen Praxis, zur rechtschaffenen
Mühe der Erfahrung gehört. In seiner jugendlichen Vorstellungswelt verhilft ihm
das Jurastudium dazu, ein gerechter Mensch zu werden, zugleich Anwalt und
Richter seiner eigenen Handlungen und der der anderen.
Eleonoras Lebensgeschichte ist anders. Sie liest viele Romane und liebt die
Poesie. Eine reguläre Ausbildung bleibt ihr verwehrt. In dem winzigen Dorf im
Oberen Latium, wo sie lebt, bleiben die Schulen und erst recht die Universität
allein den Söhnen vorbehalten. Sie stammt aus einer Familie kleiner
Grundbesitzer. Der Vater fast ein Bauer. Ernesto und Giuseppe, ihre zwei Brüder,
Schreihälse und Lügner, sind begeisterte Anhänger des faschistischen Regimes.
Eleonoras Wesen ist schamhaft, sehr zurückhaltend. Als sie merkt, dass Stefano
ihr den Hof macht, täuscht sie Gleichgültigkeit vor. Doch in Wirklichkeit
empfindet sie für diesen jungen Mann, der ein wenig älter ist als sie, eine
Sympathie, von der eine ruhige Zufriedenheit auf sie übergeht. Stefanos
freundliche und taktvolle Umgangsformen findet sie wohltuend. Seine
sozialistisch angehauchten Ideale gefallen ihr. Eleonora hat, vielleicht gerade,
weil sie ihr selber fehlt, immer eine gewisse Bewunderung für die Bildung gehegt
– das Wort hat für sie keinen konkreten Sinn, sondern ist wie eine vibrierende
Stimmgabel, die konzentrische Klänge aussendet. In ihren Augen ist Stefano ein
in jeder Hinsicht gebildeter Mann: Er stammt aus einer Juristenfamilie, steht
kurz davor, selbst sein Jurastudium abzuschließen. Wenn der Faschismus einmal
vorbei ist (nach Eleonoras ehrlicher Überzeugung kann er nicht ewig dauern),
wird Stefano gewiss in der neuen politischen Welt seinen Platz finden.
Aber als sie sich auf dem Fest kennenlernen, gibt es keine Zeit für derlei
Betrachtungen. Zunächst stehen einfachere Dinge im Vordergrund. Ein Blick, eine
Handbewegung, eine Falte im Anzug. Wer weiß, warum ausgerechnet dieser Blick,
diese Bewegung oder diese Falte ein Zeichen hinterlassen, das man auf keinen
Fall übersehen kann. Eleonora und Stefano sind zwei besonnene junge Leute. Keine
sentimentalen Übertreibungen. Er fragt, ob sie sich noch einmal treffen können,
sie sagt ja. Sie sagt es mit dem Anschein von Desinteresse, nicht, weil sie sich
etwas einbildet, sondern um Stefano auf die Probe zu stellen. Wenn etwas
entstehen soll, denkt sie, soll es etwas Ernstes sein.
Das Fest dauert nicht lange. Es ist Ende Mai 1938. Die Abende sind noch kühl.
Rom ist nicht weiter entfernt als fünfzig Kilometer, doch scheint es auf einem
anderen Planeten zu liegen. Die Welt ist so weit weg. Vielleicht wird es einen
Krieg geben, aber nicht jetzt. Jetzt bewundert man die Aussicht von der
Terrasse, die jungen Leute trinken Wein, und einige tanzen unter den wachsamen
Blicken der Verwandten.
An dem Abend jedenfalls kein Kuss.
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