Das künftige Leben von E.A.Forster, Männerschwarm

E. A. Forster

Das künftige Leben
(Auszug aus: Das künftige Leben, Erzählungen, Verlag Männerschwarm - Übertragung Christine Wunnicke, N.-H. Hugo, Manfred Ohl und Hans Satorius).

Und heute Nacht lagen sie länger als gewöhnlich da, ohne sich zu bewegen, als ginge von ihren hingesunkenen Körpern ein Zauber aus. Nie zuvor hatten sie eine solche Übereinstimmung gefunden, aber nur einer von ihnen wusste, dass nichts von Dauer ist, dass sie in Zukunft vielleicht noch glücklicher oder auch weniger glücklich sein würden als jetzt, dass es jedoch niemals wieder genau so sein würde wie in diesem Augenblick. Er versuchte, sich nicht zu bewegen, nicht zu atmen, ja nicht einmal zu leben, aber das Leben war zu stark für ihn, und er seufzte.

"Alles in Ordnung?", flüsterte Lionel.

"Ja."

"Hab ich dir wehgetan?"

"Ja."

"Verzeih!"

"Warum?"

"Bekomme ich was zu trinken?"

"Du bekommst die ganze Welt!"

"Bleib liegen, ich bringe dir was mit, obwohl du das nicht verdienst, nach all dem Lärm, den du gemacht hast."

"War ich schon wieder so laut?"

"O ja, das warst du. Aber mach dir nichts draus, du bekommst jetzt etwas Gutes zu trinken." Und - halb Ganymed, halb Gote - riss er eine Flasche aus dem Eiskübel. Knallend flog der Korken gegen die Kabinenwand. Eine weibliche Stimme schimpfte, und beide lachten. "Da, mach schnell, Luke auf und trink!" Er reichte ihm den Kelch, bekam ihn zurück, trank ihn leer und füllte ihn wieder. Seine Augen leuchteten, alle Abgründe, die er vielleicht durchschritten haben mochte, waren vergessen. "Machen wir heute Nacht doch mal richtig durch!", schlug er vor. Konventionen hatten ihn geprägt, aber er gehörte zu den Menschen, die sie in winzige Stücke zertrümmerten, wenn ihr Bann erst einmal gebrochen war. In den nächsten ein oder zwei Stunden gab es nichts, was zu sagen oder zu tun er nicht bereit gewesen wäre.

Der andere indessen, der Tiefgründige, blieb wachsam. Für ihn war der Augenblick der Ekstase oft zugleich der Augenblick der Visionen, und als sie zum Höhepunkt gelangten, waren seine Schreie nicht nur der Lust, sondern auch der Furcht entsprungen. Die Angst verflog, ehe er erfassen konnte, was sie zu bedeuten hatte oder wovor sie ihn warnen wollte, vielleicht ja vor nichts. Dennoch erschien es klüger, wachsam zu sein. Im Geschäft wie in der Liebe sind Vorsichtsmaßnahmen wünschenswert, und es ist besser, man geht auf Nummer sicher. " Vielleicht sollten wir jetzt unsere Zigarette rauchen?", fragte er.

Dabei handelte es sich um ein festes Ritual, um eine Versicherung, dass sie einander gehörten, unverbrüchlicher, als es Worte hätten sagen können - und auf ihre ganz persönliche Art. Lionel war einverstanden und zündete den Stengel an, schob ihn zwischen dunkle Lippen, zog ihn heraus, nahm selbst einen Zug, steckte ihn wieder zurück, und so rauchten sie abwechselnd, und ihre Gesichter berührten sich dabei. Als sie zu Ende geraucht hatten, weigerte sich Cocoa, den Stummel in einem Aschenbecher auszudrücken und schleuderte ihn statt dessen durch das Bullauge in die vorbeirauschende See. Dabei murmelte er unverständliche Worte. Er glaubte, die Worte würden ihn und Lionel beschützen, obwohl er nicht zu erklären vermochte, auf welche Weise, noch was für Worte es waren.

"Dabei fällt mir ein ...", sagte Lionel und brach sofort ab. Plötzlich war ihm, und zwar völlig grundlos, seine Mutter eingefallen. Aber in einem solchen Augenblick wollte er nicht von ihr sprechen, von der armen, alten Mater, erst recht nicht nach all den Lügen, die er ihr aufgetischt hatte.

"Ja? Woran hat dich unsere Zigarette erinnert? Bitte, ich will es wissen."

"Ach, an nichts." Und er streckte sich, makellos bis auf die Narbe in der Leiste.

"Woher hast du das?"

"Von einem deiner krüllhaarigen Vettern."

"Tut es weh?"

"Nein." Es war eine Trophäe aus seinem kleinen Wüstenkrieg. Ein Wurfspieß hatte ihn beinahe entmannt, aber eben nur beinahe, und Cocoa sagte, das sei sehr erfreulich. Ein Derwisch, ein äußerst heiliger Mann, habe ihm einmal gesagt, dass alles, was einen Menschen beinahe zerstörte, ihm Kraft bringe, die er in der Stunde der Vergeltung zu Hilfe rufen könne. "Mir liegt nichts an Vergeltung", sagte Lionel.

"Mein Löwe, warum denn nicht, wo sie doch so süß sein kann?"

Lionel schüttelte den Kopf und langte nach seinem Pyjama, einem wahrhaft königlichen Geschenk. Überhaupt bekam er ständig Geschenke. Seine Spielschulden wurden von dem Parsi-Sekretär geregelt, und wenn er etwas brauchte - oder wenn es so schien, als könne er etwas brauchen -, tauchte von irgendwoher dieses oder jenes auf. Er hatte es aufgegeben, dagegen zu protestieren, und nahm die Geschenke inzwischen wahllos entgegen. Den schlimmsten Ramsch konnte er schließlich später verkaufen - zum Beispiel die ganz unmöglichen Schmuckstücke, mit denen man nicht einmal begraben sein wollte. Aber er hätte sich doch gerne mit irgendeinem Geschenk revanchiert, denn er war doch, bei Gott, kein Schmarotzer. Gerade vor zwei Nächten hatte er einen Versuch unternommen, allerdings mit zweifelhaftem Ergebnis. "Mir scheint, ich nehme immer nur von dir und gebe dir nie was", hatte er gesagt. "Gibt es unter meinen Sachen etwas, das du gern haben möchtest? Ich würde mich sehr darüber freuen." Worauf er die Antwort erhielt: "Ja. Deine Haarbürste." - "Meine Haarbürste?" Aber gerade davon wollte er sich ungern trennen, weil es sich um ein Geschenk von Isabel anlässlich seiner Volljährigkeit handelte. Sein Zögern rief Tränen hervor, also musste er nachgeben. "Aber natürlich kannst du meine armselige Bürste haben, wenn du sie möchtest, lass sie mich nur schnell sauber kämmen ..." - "Nein, nein, genauso, wie sie ist, nicht auskämmen!" Und er riss ihm die Bürste leidenschaftlich aus der Hand, fast wie ein Geier. Solche kleinen Merkwürdigkeiten ereigneten sich von Zeit zu Zeit, und er nannte sie äh - äh - äh, denn sie erinnerten ihn an die Merkwürdigkeiten auf jenem anderen Schiff. Niemand nahm Schaden, wozu sich also Sorgen machen? Freu dich des Lebens, solange du kannst. Er rekelte sich wohlig und ließ den Geschenkregen über sich ergehen: ein blonder Wikinger an einem byzantinischen Hof, korrumpiert, umworben und noch nicht gelangweilt.

Dies war zweifellos das Leben, und er saß auf einem Stuhl, hatte die Beine auf einen zweiten gelegt und war bereit für ihr gewohntes Gespräch, und egal, ob es nun ausgedehnt oder kurz ausfiel, es würde ganz gewiss das wahre Leben sein. War Cocoanut erst einmal in Fahrt, dann war er hinreißend. Den ganzen Tag über war er auf dem Schiff umhergeschlichen und hatte die Schwächen der anderen Passagiere erkundet. Aber mehr noch, er und seine Kumpane verfügten über geheime Informationen über irgendwelche Finanztransaktionen, die nicht in den Börsenberichten auftauchen, und konnten einem beibringen, wie man reich wurde; sofern man dies der Mühe wert hielt. Und mehr noch, Cocoanut hatte etwas von einem Märchenerzähler. Mitten in einer schlüpfrigen Skandalgeschichte - etwa der Bloßstellung von Lady Manning, ausgerechnet Lady Manning in der Kabine des Zweiten Maschinisten! - malte er aus, wie ein Fliegender Fisch, der durch das Bullauge in die Kabine des Zweiten Maschinisten geflogen kam, diese peinliche Entdeckung gemacht hatte, und dann ahmte er den Ausdruck auf dem Gesicht des Fisches nach.

Ja, dies war das Leben, wie es ihm während seiner von Kargheit und Disziplin bestimmten Lehrjahre niemals begegnet war: Luxus, Fröhlichkeit, Freundlichkeit, Extravaganz und ein Zartgefühl, das vor brutaler Lust nicht zurückschreckte. Bisher hatte ihn seine animalische Seite stets mit Scham erfüllt: Seine Lehrer hatten die Fleischeslust entweder verdammt oder als Zeitverschwendung abgetan, und seine Mutter hatte ganz einfach nicht zur Kenntnis genommen, dass sie in ihm und all ihren Kindern vorhanden war. Da es ihre Kinder waren, hatten sie rein zu sein.

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