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Zapfenstreich
(Leseprobe aus: Zapfenstreich, Roman,
2007, Eichborn)
Von seinem Lager starrte er in das
Weidengeflecht, mit dem sein strohgedeckter Unterstand verspannt war; die Wiesen
waren eine grüne Unendlichkeit; vier Grafschaften lagen in seinem Blickfeld;
sechs niedrige, grob behauene junge Eichenstämmchen trugen das Dach, auf das
die Zweige eines Apfelbaums hingen. Französischer Holzapfel! Die Hütte hatte
keine Wände.
Ein italienisches Sprichwort lautete: Wer einen Baumüber sein Dach wachsen läßt,
lädt sich den Arzt zum täglichen Besuch. So ungefähr hieß es! Er hätte
gerne gegrinst, aber das hätte jemand sehen können.
Für einen Mann, der sich nicht mehr von der Stelle bewegte, war sein Gesicht
eigenartig walnussfarben; sein Kopf, der sich ins Magermilchweiß der Kissen
eindrückte, hätte der eines Zigeuners sein können mit dem dunklen,
angegrauten, äußerst kurz geschnittenen Haar, dem sehr sorgfältig und völlig
glatt rasierten, vollkommen regungslosen Gesicht. Die Augen bewegten sich jedoch
mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit, denn in ihnen und den Lidern versammelte sich
alles Leben dieses Mannes.
Den Pfad hinab, den man in das kniehohe Gras gemäht hatte und der vom Stall zu
der Hütte führte, ging schwerfällig rudernd ein älterer Bauer. Seine überlangen,
behaarten Arme schwangen hin und her, als fehlten ihm eine Axt oder ein
Holzklotz oder ein voller Sack, um ihn zu einem vollständigen Mann zu machen.
Er war von breitem Wuchs und steckte in einer Kniehose aus Cord, die um das Gesäß
sehr eng war; er trug schwarze Strümpfe, eine blaue, ärmellose Jacke, die er
aufgeknöpft hatte, ein gestreiftes, am schweißglänzenden Hals offenes
Flanellhemd, und einen eckigen, hohen Hut aus schwarzem Filz.
Er fragte:
»Woll’n Sie umgedreht werden?«
Der Mann im Bett senkte langsam die Augenlider.
»Woll’n Sie ’nen Schluck Most?«
Wie zuvor senkte der Angesprochene die Augenlider. Der stehende Mann hielt sich
mit seiner riesigen Hand wie ein Gorilla an einem der Eichenpfosten fest.
»Nie so ’nen guten Most getrunken«, sagte er, »wie den bei Seiner
Lordschaft. Sagt Seine Lordschaft zu mir: ›Gunning‹, hat er gesagt. … War
an dem Tag, als die Füchsin im Hühnergehege des Wildhüters eingebrochen ist
…«
Umständlich erzählte er eine sehr lange Geschichte, um zu beweisen, dass ein
englischer Landedelmann den Fuchs dem Fasan vorzieht. Oder vorziehen sollte!
Wenn er von echtem Schrot und Korn ist, der englische Landedelmann.
Keine Rede konnte für Seine Lordschaft davon sein, die Füchsin schießen zu
lassen oder nur zu stören, trächtig, wie sie nun mal war … Schrecklich, was
’ne trächtige Füchsin mit Fasanenküken im Hühnerstall anstellen kann. …
Muss ja auch für sechse oder sieben fressen, klar! Sind doch alle im Wachsen
… hatte Seine Lordschaft zu Gunning gesagt. …
Und dann die Beschreibung des Mosts. … Herb! Herb wie die Heide und stark wie
Gift. Körper hatte er gehabt. Kraft hatte er gehabt. Klar auch, bei Most, der
zehn Jahre alt ist. Keinen einzigen Tropfen hatte es im Haus Seiner Lordschaft
zu trinken gegeben, der nicht zehn Jahre im Fass gewesen war. Jede Woche hatte
er drei Schafe geschlachtet für Haus- und Hofgesinde. Und dreihundert Tauben.
Hundert Fuß ist der Taubenturm hoch, und die Tauben nisten in Löchern in der
Innenwand. Verscheuchte die Tauben aus ’ner ganzen Wand mit einem Schlag und
holt’ die Küken. Die Zeiten sind nicht mehr, was sie mal war’n, aber Seine
Lordschaft hält durch. Und das bleibt so!
Der Mann im Bett – Mark Tietjens – hing seinen eigenen Gedanken nach:
Langsam, mit schlenkernden Armen, stapfte der alte Gunning davon und den Pfad
zum Stall hinauf. Der Stall hatte ein mit Ziegeln ausgebessertes Strohdach und
war nicht das, was man im Norden unter einem richtigen Stall verstand – es war
ein Platz, wo sich die alte Stute mit Hühnern und Enten zusammen unterstellen
konnte. Die Leute aus dem Süden wussten einfach nicht, was Ordnung hieß. Sie
lag ihnen nicht im Blut, obwohl Gunning akkurat Stroh zu binden und eine Hecke
sauber zu schneiden verstand. Vielseitiger Mann. Wirklich ein vielseitiger Mann,
in sehr vielen Dingen beschlagen. Er wusste alles über die Fuchsjagd, die
Aufzucht von Fasanen, die Jägerei, die Anlage von Hecken, von Entwässerungsgräben
und über die Jagdgewohnheiten König Edwards. Der pausenlos große Zigarren
rauchte! Die eine fertig rauchen, die nächste anzünden und dann den Stummel
wegwerfen …
Fuchsjagd, der Sport der Könige, nicht halb so gefährlich wie Krieg! Er, Mark
Tietjens, hatte sich nie etwas aus der Fuchsjagd, nie etwas aus der Jagd auf
Fasanen gemacht, und nie mehr würde er noch einmal an einer Jagd teilnehmen.
Nicht, weil er nicht konnte; nein, weil er von nun an nicht mehr wollte. … Es
ärgerte ihn, dass er sich nie die Mühe gemacht hatte, nachzulesen, was genau
Jagos Worte waren, ehe er denselben Entschluß wie jener gefasst hatte. … Von
jetzt an rede er nie mehr ein Wort. … Ungefähr in diesem Sinne: aber das
war keine Blankverszeile.
Vielleicht hatte Jago nicht in Blankversen gesprochen, als er denselben Entschluß
wie Mark Tietjens faßte … Ich den beschnittnen Hund beim Hals ergriff und
traf ihn. … Guter Mann, der Shakespeare! Irgendwie auch einer, der alles
konnte. Vermutlich ganz ähnlich wie Gunning. Wusste Bescheid über die
Jagdgewohnheiten von Königin Elisabeth; sehr wahrscheinlich auch über die
Anlage von Hecken, wie man ein Dach mit Stroh deckt, wie man einen Hirsch oder
einen Hasen oder ein Schwein ausweidet, wie man jemanden vorlud und wie man
schlechtes Französisch schrieb. War mit einer französischen Familie zusammen
irgendwo bei den Kreuzbrüdern oder den Minoriten einquartiert gewesen.
Irgendwo.
Die Enten auf dem Teich droben auf der Anhöhe machten einen Mordslärm. Im
Sonnenlicht stapfte der alte Gunning zwischen Stallwand und Himbeerstauden hügelan.
Der ganze Garten lag am Hang. Mark schaute übers Gras hinweg zur Hecke hinauf.
Wenn sie sein Bett herumdrehten, schaute er hinab aufs Haus. Ein Haus aus
grobbehauenem, grauem Stein.
Wenn sie das Bett halb herumdrehten, schaute er auf die berühmten vier
Grafschaften; war es halb in die andere Richtung gedreht, konnte er über eine
steile Grasböschung bis zur Hecke an der Straße sehen. Jetzt schaute er hügelwärts
über die Spitzen des Grases hinweg, das reif zum Mähen war, über die
Himbeerstauden an der Hecke, die Gunning gleich schneiden würde. … Rücksichtsvoll
waren sie zu ihm, allesamt. Immer dachten sie sich etwas aus, um ihm Abwechslung
zu verschaffen. Die er aber nicht brauchte. Er hatte Abwechslung genug.
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