Bufo&Spallanzani von Rubem Fonseca, 2002, Unionsverlag

Rubem Fonseca

aus: Bufo & Spallanzani

Der Polizist Guedes, ein Anhänger des Fergusonschen Prinzips der Einfachheit - wenn es zwei oder mehr Theorien zur Erklärung eines Geheimnisses gibt, ist die einfachste die richtige - hätte niemals für möglich gehalten, daß er eines Tages der prominenten Delfina Delamare begegnen würde. Sie wiederum hatte noch nie einen leibhaftigen Kriminalpolizisten gesehen. Der Polyp wußte, wie alle Welt, wer Delfina Delamare war: das verwaiste Aschenbrödel, das den millionenschweren Eugênio Delamare, Kunstsammler, Champion im olympischen Reiteraufgebot Brasiliens, meistumworbener Junggeselle der südlichen Hemisphäre, geheiratet hatte. Die Zeitungen und Illustrierten hatten über die Hochzeit des Märchenprinzen mit dem armen Mädchen, das zu Hause eine kranke Großmutter pflegte und nie ausging, groß berichtet; und seitdem war das Paar nicht mehr aus den Klatschspalten wegzudenken.
 Es gab eine Zeit, da trugen Polypen Überzieher, Krawatte und Hut, aber das war, ehe Guedes in den Polizeidienst eintrat. Er besaß nur einen alten Anzug, den er nie trug und der schon so uralt war, daß er mehrmals in Mode und aus der Mode gekommen war. Im allgemeinen zog er einen Blouson über sein Sporthemd, damit man seinen Revolver, einen Colt Cobra 38, den er unter der Achsel trug, nicht sah. Der Cobra war für ihn schlichter Luxus und der einzige Verstoß, den Guedes gegen die Vorschriften beging. Der Taurus 38, den die Dienststelle zur Verfügung stellte, war zu schwer, um ihn überall herumzuschleppen. Er hatte schon daran gedacht, den Taurus in die Schublade zu legen, aber eines Tages erlebte er in einem Bus, daß ein Straßenräuber einer Frau die Goldkette vom Hals riß, während ein anderer mit einer Waffe die Fahrgäste ringsum bedrohte. Guedes hatte eingreifen müssen und auf den bewaffneten Straßenräuber geschossen, ihn jedoch nicht schwer verletzt. (Er war stolz darauf, noch nie jemanden getötet zu haben.) Also blieb der Taurus unter seinem Arm, bis er Kommissar Raul von der Mordkommission den Cobra abkaufte, ein Fabrikat aus den fünfziger Jahren, aber in ausgezeichnetem Zustand, eine leichtere Waffe, hergestellt aus einer Speziallegierung aus Stahl und Molybdän; er hatte
keinen sehr gleichbleibenden Drall, aber das spielte für Guedes keine Rolle; er hoffte, den Revolver möglichst selten benutzen zu müssen.
 Delfina Delamare begleitete ihren Mann nicht auf all seinen Reisen. Eigentlich reiste sie gar nicht gern. Die Schiffe waren immer voll alter Rentner und häßlicher Frauen, an Bord herrschte verlogene Eleganz, und im Laufe der Reise trat die unersprießliche Gewöhnlichkeit der Menschen zutage. Flugzeuge hatten den Vorteil, schneller zu sein, schufen aber eine klaustrophobische Nähe zu jedermann, in der man unter dicken, verschlafenen Männern ohne Schuhe begraben wurde, selbst in der ersten Klasse. Kurz, sie hatte Reisen immer als unangenehm empfunden. Sie blieb lieber in Rio und widmete sich ihren Werken der Nächstenliebe.
 Die Begegnung zwischen Delfina und Guedes fand in einer der
wenigen Situationen statt, in denen dies überhaupt möglich war. Es geschah auf der Straße, versteht sich, aber auf eine für beide überraschende Weise. Delfina befand sich in ihrem Mercedes in der Rua Diamantina, einer Sackgasse hoch oben im Stadtteil Jardim Botânico. Als Guedes zum Ort der Begegnung kam, wußte er bereits, daß Delfina nicht schlief, wie die Leute, die sie gefunden hatten, aufgrund ihres friedlichen Gesichtsausdrucks und der bequemen Haltung ihres Körpers im Autositz zunächst angenommen hatten. Guedes hingegen hatte noch auf der Wache von Delfinas tödlicher Verletzung erfahren, die unter ihrer Seidenbluse verborgen war.
 Die Stelle war bereits von der Polizei abgesperrt worden. Zu beiden Seiten der Rua Diamantina standen Bäume, und an diesem frühen Morgen strahlte die Sonne durch die Baumkronen auf die metallicgelbe Motorhaube des Wagens, so daß er glänzte, als wäre er aus Gold.
 Guedes sah den Experten vom Kriminologischen Institut aufmerksam bei ihrer Arbeit zu. Am Wagen befanden sich nur wenige Fingerabdrücke, die sorgfältig abgenommen wurden. Außerdem wurden mehrere Fotos von Delfina gemacht, auch ein paar Großaufnahmen ihrer rechten Hand, die einen vernickelten Revolver Kaliber 22 hielt. An ihrem linken Handgelenk befand sich eine goldene Uhr. In der Handtasche auf dem Autositz steckten ein Scheckheft, mehrere Kreditkarten, Schminkutensilien in einem kleinen Etui, ein Flakon französisches Parfum, ein Batisttaschentuch, eine ärztliche Bescheinigung, abgestempelt von dem Arzt Pedro Baran (Hämatologie, Onkologie), und eine Benachrichtigung vom Postamt Leblon über ein Einschreiben, das Delfina Delamare dort abholen könne. Diese beiden Papiere steckte Guedes in die Tasche. Im Handschuhfach lag neben den Autopapieren ein Buch von Gustavo Flávio mit dem Titel Die Liebenden und der Widmung: "Für Delfina, die weiß, daß die Poesie eine ebenso exakte Wissenschaft ist wie die Geometrie. G.F." Die Widmung war nicht datiert und mit einem Stift mit weicher Spitze und schwarzer Tinte geschrieben. Guedes klemmte sich das Buch unter den Arm. Er wartete, bis die Spurensicherung mit ihrer zeitraubenden Arbeit vor Ort fertig war; er wartete auch noch ab, bis der Leichenwagen kam und den Körper der Toten in einem zerbeulten, schmutzigen Blechkasten zur Autopsie in das Gerichtsmedizinische Institut mitnahm. Delfina wurde von den Männern des Leichenwagens genauso behandelt wie die Bettler, die tot in die Gosse sinken.
 Für Guedes bestand die polizeiliche Arbeit in der Aufklärung von Straftaten und deren Täterschaft. Eine Straftat aufzuklären bedeutete nach der Strafprozeßordnung, den Gesetzesverstoß zu untersuchen. Ihm, dem Polizisten, oblag es nicht, ein Werturteil hinsichtlich der Ungesetzlichkeit des Tatbestandes zu fällen, sondern nur, Beweise für seine Faktizität und die Täterschaft zusammenzutragen und sämtliche Vorkehrungen zur Sicherstellung der bei dem Rechtsverstoß hinterlassenen Spuren zu treffen. Delfina Delamare konnte ermordet worden sein oder Selbstmord begangen haben. Im zweiten Fall gab es, sofern nicht jemand der Anstiftung, Überredung oder Beihilfe zum Selbstmord bezichtigt werden konnte, kein Verbrechen aufzuklären. Selbstmord war kein Verbrechen; die philosophischen Diskussionen - pro und contra - über das Recht zu sterben waren für Guedes nur akademische Übungen. Einem Selbstmörder irgendeine Strafe anzudrohen war sinnlos. Früher hackte man Selbstmördern die rechte Hand ab, pfählte sie, schleifte sie mit dem Gesicht nach unten durch die Straßen, versagte ihnen ein Begräbnis in Ehren; gehörten sie dem Adel an, wurden sie degradiert, zu Plebejern erklärt, man zerbrach ihre Schilde, zerstörte ihre Burgen. Nichts davon hatte abschreckende Wirkung gehabt. Nicht einmal Drohungen mit dem Höllenfeuer konnten viel ausrichten. Dona Delfina soll ihre Ruhe haben, dachte Guedes. Der Spurenexperte hatte gefragt, warum eine reiche und schöne Frau (und gesund war sie bestimmt auch, denn kein Mensch konnte so schön sein, wenn er nicht sehr gesund war) auf ihr Leben verzichtet hatte. »Warum nicht?« hatte Guedes erwidert. Er war schon sehr lange Polizist und glaubte, leben zu wollen sei genauso seltsam wie sterben zu wollen.
 Obwohl er nicht daran zweifelte, daß es sich um einen Selbstmord handelte, stellte Guedes all die Nachforschungen an, die er bei einem Mordfall unternommen hätte. Die Rua Diamantina war eine kleine Straße mit wenigen Wohnblocks und nur zwei Einfamilienhäusern. Guedes fragte in den Hochhäusern und Villen nach, ob irgend jemand etwas über den Fall wußte. Die Schwierigkeit einer solchen Arbeit liegt darin, die Geschwätzigen zu bremsen und die Wortkargen zum Reden zu bringen. Normalerweise reden diejenigen am meisten, die am wenigsten wissen. Aber niemand hatte irgend etwas gesehen oder gehört. Ein Schoß aus einem 22er in einem Auto mit geschlossenen Fenstern machte ja auch wirklich nicht viel Krach.
 Der Polizist aß ein Sandwich an der Ecke der Rua Voluntários da Pátria, wo sich das Gebäude mit der Praxis von Dr. Pedro Baran befand. Vorher war er kurz in eine Buchhandlung gegangen und hatte in einem Lexikon nachgesehen, was der Terminus Onkologie bedeutete.
 »Ja«, sagte Baran, nachdem Guedes ihm von Delfinas Tod und seiner Vermutung, sie habe sich das Leben genommen, berichtet hatte, »sie war meine Patientin, und ihr Selbstmord überrascht mich nicht«.
 Baran griff nach einer Karteikarte, die vor ihm auf dem Tisch lag.
 »Als sie zum erstenmal in meine Praxis kam, hatte der sie behandelnde praktische Arzt, Dr. Askanasi, sie hergeschickt. Sie beklagte sich über nächtliche Schweißausbrüche, Nervosität, Gewichtsverlust und Appetitlosigkeit. Dona Delfina schrieb diese Symptome den Sorgen zu, die sie sich wegen einer bevorstehenden Reise machte. Sie haßte Reisen, wie sie mir sagte, und ihrer Ansicht nach waren die Symptome nur eine psychosomatische Reaktion. Sie irrte sich. Patienten, die Selbstdiagnosen treffen, irren sich immer. Ich habe ihr Blut abgenommen und sie für zwei Tage darauf wieder herbestellt. Aber sie verreiste und kam erst drei Monate später wieder zu mir, jetzt, vor ein paar Tagen. Ich zeigte ihr das Resultat der Untersuchung, das Papier, das Sie da haben: nachgewiesene Leukoblasten - Myeloblasten und Lymphoblasten -, die nur eine einzige Diagnose zuließen. Sie hatte Leukämie, eine verheerende, derzeit noch nicht heilbare Krankheit, deren behelfsmäßige Behandlung aufreibend und schmerzhaft ist. Ich sagte ihr, daß sie meiner Ansicht nach nur noch wenige Monate zu leben habe, riet ihr aber, noch einen anderen Arzt zu konsultieren.«
 »Wie hat sie das aufgenommen?«
 »Sehr gut. Sie wollte die Wahrheit wissen. Es gab so oder so keinen anderen Menschen, dem ich diese Mitteilung hätte machen können; sie trennte sich gerade von ihrem Mann, der von der Reise, die sie gemeinsam unternommen hatten, noch nicht zurückgekehrt war, sie hatte keine Kinder und keine Verwandten. Ich bin dafür, daß der Arzt dem Patienten die Wahrheit sagt, und wenn sie noch so schrecklich ist.«
 »Sie hat es sehr gut aufgenommen, haben Sie gesagt«, sagte Guedes.
 »Ich weiß, was Sie jetzt denken«, erwiderte Baran, »daß sie den Freitod gesucht hat, nachdem sie die Wahrheit erfahren hat; aber für manche Menschen ist das eine Art Trost, ein Aufbegehren gegen die Grausamkeit des Schicksals.«
 Von Barans Praxis fuhr der Polizist zum Gerichtsmedizinischen Institut. Die Autopsie war noch nicht vorgenommen worden. In den letzten vierundzwanzig Stunden waren eine Menge Opfer von Gewalttaten und Verkehrsunfällen im Leichenschauhaus eingeliefert worden. Delfina Delamare wartete vielleicht zum erstenmal in ihrem Leben darauf, an die Reihe zu kommen.
 Guedes suchte im Telefonbuch nach dem Namen Gustavo Flávio, fand ihn aber nicht. Das Telefon, das ich hatte, lief nicht auf meinen Namen; ich hätte aber sowieso nicht abgenommen.
 Ich berichte hier über Begebenheiten, die ich nicht miterlebt habe, und beschreibe Gefühle, die nicht unbedingt zu erkennen sein müssen, aber so eindeutig sind, daß jeder beliebige Mensch sie sich vorstellen könnte, ohne über den allwissenden Überblick des Romanschriftstellers zu verfügen. Sich in die Mentalität eines Polizisten einzufühlen ist schwierig, das gebe ich zu. Aber was Delfina Delamare betrifft, nun ja, was Delfina Delamare betrifft ...
 »Ich hatte angerufen, um mich anzumelden, aber es hat keiner abgenommen«, sagte Guedes.
 »Ich gehe nie ans Telefon. Wenn ich mit jemandem sprechen möchte, rufe ich an.«
 »Kennen Sie Dona Delfina Delamare?«
 Wir, der Polizist und ich, befanden uns in meinem Arbeitszimmer, einem großen Raum mit Bücherwänden bis unter die Decke. Ich antwortete nicht gleich. Ich wollte erst herausfinden, was für eine Art Mensch der Polizist war, den ich da vor mir hatte. Auf den ersten Eindruck wirkte er wie einer von diesen Typen, die so oft neben Arbeitern, Rumtreibern, Prostituierten und Ganoven in ordinären Stehkneipen essen und trinken, daß sie sich schließlich diesem Gesindel brüderlich verbunden fühlen. Der Polyp war um einiges kleiner und schlanker als ich und hatte dünnes Haar. Seine Augen waren gelb, wie der Ring um die schwarzen Pupillen der Eulen.
 »Nicht sehr gut«, sagte ich schließlich. »Ich bin einmal oder zweimal bei ihr zu Hause gewesen, auf so einer Party mit einer ausgewogenen Mischung von Gästen, Sie wissen schon, Leute aus den verschiedensten Bereichen: Künstler, Geschäftsleute, Politiker und elegante Frauen. Ich vertrat die Literatur - der Modeschriftsteller als schmükkendes Beiwerk. Normalerweise ärgern mich diese Parties, aber ich schrieb gerade an einem Roman über den Geiz der Reichen. Wenn einer viel Geld hat, will er noch mehr haben, aber nicht wegen der Sachen, die er dafür kaufen kann, Konsumfreude ist ein Tick von Leuten aus der Mittelschicht und darunter. Die Neureichen lasse ich dabei außer acht. Die Reichen quält eine furchtbare Angst: plötzlich arm zu werden. Deshalb wollen sie das Geld nicht, um etwas zu kaufen, sondern um es zu horten, zu akkumulieren. Jeder Reiche neigt dazu, ein Geizhals zu werden. Das war meine These.«
 »Könnte es nicht auch umgekehrt sein, daß jeder Geizhals danach strebt, reich zu werden?« fragte Guedes.
 »Darüber habe ich auch schon nachgedacht. Mein Held ist jedoch von Geburt an reich, sehr reich, und in seiner Jugend hat er Ideale, Träume, schreibt Sonette und so weiter; später hingegen ist er nur noch ein widerlicher, geldgieriger Kerl. Aber Sie haben recht, dieses Verhältnis von Ursache und Wirkung kann auch wechselseitig sein. Doch um zum Ausgangspunkt unserer Unterhaltung zurückzukommen: Welches Interesse hat die Polizei an Dona Delfina Delamare?«
 »Man hat sie heute morgen tot in ihrem Wagen aufgefunden. Wir nehmen an, daß es Selbstmord war.«
 »Das kann doch nicht sein! Das hätte ich nie für möglich gehalten.«
 Guedes berichtete von seinem Besuch bei Dr. Baran und dem Gespräch mit ihm.
 »Ich wußte nicht, daß sie krank war«, sagte ich. »Sie wirkte nicht krank.«
 »Im Handschuhfach des Wagens lag ein Buch von Ihnen.«
 »Ein Buch von mir? Welches? Ich weiß nicht, ob es Ihnen bekannt ist, aber ich habe Hunderte von Büchern geschrieben.«
 »Die Liebenden.«
 »Ach, Die Liebenden ...«
 »Mit einer Widmung von Ihnen: Für Delfina, die weiß, daß die
Poesie eine genauso exakte Wissenschaft ist wie die Geometrie.«
 »Das ist ein Satz von Flaubert. Und zum Glück irrte er sich. Er kannte die Philosophie der Zweifelhaftigkeit (vgl. Laktos) nicht; sie ist erst nach ihm aufgekommen und besagt: es gibt keine exakte Wissenschaft, die frei ist von Mehrdeutigkeiten, Fehlern, Nachlässigkeiten, nicht einmal die Mathematik ist das. Der Wert der Poesie liegt in ihrem Paradoxon, daß nämlich das, was die Poesie sagt, das ist, was ungesagt bleibt. Ich hätte schreiben sollen: "Für Delfina, die weiß, daß die Poesie das ist, was sie nicht ist." Eine Widmung besagt im Grunde nicht viel. Man weiß nie, was man schreiben soll, wenn man eine Widmung verfassen soll, vor allem, wenn man Intelligenz und Tiefgründigkeit beweisen will.«
 »Wann waren Sie das letzte Mal mit Dona Delfina zusammen?«
 Ich lachte schallend los. »Wissen Sie was? Ich habe zwar ein paar Romane geschrieben, in denen ein Polizist die Hauptperson ist, aber ich hätte nie gewagt, einem von ihnen so einen Satz wie "Wann haben Sie zum letzten Mal" und so weiter in den Mund zu legen. Ich habe immer geglaubt, daß ein Polizist so etwas nie sagen würde, es sei denn in einem zweitklassigen Film oder einer billigen Fernsehserie.«
 »Wann waren Sie das letzte Mal mit Dona Delfina zusammen?« wiederholte Guedes seelenruhig.
 »Das Datum weiß ich nicht mehr genau. Es war bei einem dieser Abendessen mit Hunderten von Leuten. Sie war schön und elegant, wie immer. Mehr kann ich Ihnen dazu nicht sagen.«
 »Wie immer? Aber Sie haben Dona Delfina doch nur zweimal gesehen ...«
 »Herr Inspektor, der Kopf eines Schriftstellers unterscheidet sich vielleicht etwas von den Köpfen, in denen Sie zu wühlen gewöhnt sind. Für einen Schriftsteller ist das geschriebene Wort Realität. Ich habe so oft in den Klatschspalten gelesen, daß Delfina Delamare schön und elegant wie immer war, daß ich nicht die geringsten Bedenken hatte, dieses fremde Klischee zu benutzen, als wäre es eine eigene Beobachtung. Wir Schriftsteller arbeiten mit Wortstereotypen. Die Realität existiert nur, wenn es ein Wort gibt, das sie definiert.«
 »Warum hatte Dona Delfina Ihr Buch im Handschuhfach ihres Wagens? Haben Sie eine Ahnung?«
 »Nein. Und ich halte das auch nicht für wichtig.«
 »Für uns ist alles wichtig.«
 Die Ruhe dieses Polypen ärgerte mich allmählich.
 »Ist die Polizei eigentlich immer so gewissenhaft? Sie haben gesagt, Sie haben keinen Zweifel daran, daß Dona Delfina sich umgebracht hat. Trotzdem ermitteln Sie weiter, stellen Fragen, wollen tausend Sachen wissen. Ist das vielleicht nichts als neugieriges Herumschnüffeln im Leben einer berühmten Frau? Ich stelle diese Frage ohne jede provokative Absicht, auch ich habe als Schriftsteller meine Neugier. Prinz Andrew, der Sohn der englischen Königin Elizabeth, hat in einem Interview gesagt, er würde gern Detektiv sein, aber nicht erklärt, warum. Vielleicht, weil dem Polizisten gestattet wird, ungehemmt seine Neugier zu befriedigen? Etwas, das selbst Prinzen untersagt ist? Kennen Sie den Satz von Plautus: curiosus nemo est quin sit malevolus? Niemand ist neugierig, ohne auch bösartig zu sein.«
 Guedes schien darüber nachzudenken, was ich gesagt hatte.
 »Sie haben recht. Ich nehme Ihre Zeit unnötig in Anspruch.«
 »Ich verreise in ein paar Tagen, der Ort nennt sich Refúgio do Pico do Gavião. Ich möchte etwas ausspannen, bevor ich richtig anfange, Bufo & Spallanzani, mein neues Buch, zu schreiben.«
 Von meiner Wohnung fuhr der Polyp zur Wache. Die Gutachten der Obduktion und der Spurensicherung waren noch nicht fertig; er überlegte, ob er die Sachverständigen anrufen und sie bitten sollte, ihm das Ergebnis der Untersuchung vorab mitzuteilen, verzichtete dann aber darauf. Schließlich gab es keinen Grund für solche Eile. Der Fall war schon geklärt.
 Er fuhr im Bus nach Hause. In seinem Stammlokal verzehrte er ein Sandwich mit einem panierten Steak und trank ein Glas Bier. Noch während er im Stehen aß, fing er an, Die Liebenden zu lesen. Als er nach Hause kam, zog er die Schuhe aus, nahm das Halfter mit dem Cobra ab, legte sich aufs Sofa und las weiter. Vorher schlug er im Wörterbuch die Bedeutung des Wortes Bufo nach.

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