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aus: Bufo & Spallanzani
Der Polizist Guedes, ein Anhänger
des Fergusonschen Prinzips der Einfachheit - wenn es zwei oder mehr Theorien zur
Erklärung eines Geheimnisses gibt, ist die einfachste die richtige - hätte
niemals für möglich gehalten, daß er eines Tages der prominenten Delfina
Delamare begegnen würde. Sie wiederum hatte noch nie einen leibhaftigen
Kriminalpolizisten gesehen. Der Polyp wußte, wie alle Welt, wer Delfina
Delamare war: das verwaiste Aschenbrödel, das den millionenschweren Eugênio
Delamare, Kunstsammler, Champion im olympischen Reiteraufgebot Brasiliens,
meistumworbener Junggeselle der südlichen Hemisphäre, geheiratet hatte. Die
Zeitungen und Illustrierten hatten über die Hochzeit des Märchenprinzen mit
dem armen Mädchen, das zu Hause eine kranke Großmutter pflegte und nie
ausging, groß berichtet; und seitdem war das Paar nicht mehr aus den
Klatschspalten wegzudenken.
Es gab eine Zeit, da trugen Polypen Überzieher, Krawatte und Hut, aber
das war, ehe Guedes in den Polizeidienst eintrat. Er besaß nur einen alten
Anzug, den er nie trug und der schon so uralt war, daß er mehrmals in Mode und
aus der Mode gekommen war. Im allgemeinen zog er einen Blouson über sein
Sporthemd, damit man seinen Revolver, einen Colt Cobra 38, den er unter der
Achsel trug, nicht sah. Der Cobra war für ihn schlichter Luxus und der einzige
Verstoß, den Guedes gegen die Vorschriften beging. Der Taurus 38, den die
Dienststelle zur Verfügung stellte, war zu schwer, um ihn überall
herumzuschleppen. Er hatte schon daran gedacht, den Taurus in die Schublade zu
legen, aber eines Tages erlebte er in einem Bus, daß ein Straßenräuber einer
Frau die Goldkette vom Hals riß, während ein anderer mit einer Waffe die Fahrgäste
ringsum bedrohte. Guedes hatte eingreifen müssen und auf den bewaffneten Straßenräuber
geschossen, ihn jedoch nicht schwer verletzt. (Er war stolz darauf, noch nie
jemanden getötet zu haben.) Also blieb der Taurus unter seinem Arm, bis er
Kommissar Raul von der Mordkommission den Cobra abkaufte, ein Fabrikat aus den fünfziger
Jahren, aber in ausgezeichnetem Zustand, eine leichtere Waffe, hergestellt aus
einer Speziallegierung aus Stahl und Molybdän; er hatte
keinen sehr gleichbleibenden Drall, aber das spielte für Guedes keine Rolle; er
hoffte, den Revolver möglichst selten benutzen zu müssen.
Delfina Delamare begleitete ihren Mann nicht auf all seinen Reisen.
Eigentlich reiste sie gar nicht gern. Die Schiffe waren immer voll alter Rentner
und häßlicher Frauen, an Bord herrschte verlogene Eleganz, und im Laufe der
Reise trat die unersprießliche Gewöhnlichkeit der Menschen zutage. Flugzeuge
hatten den Vorteil, schneller zu sein, schufen aber eine klaustrophobische Nähe
zu jedermann, in der man unter dicken, verschlafenen Männern ohne Schuhe
begraben wurde, selbst in der ersten Klasse. Kurz, sie hatte Reisen immer als
unangenehm empfunden. Sie blieb lieber in Rio und widmete sich ihren Werken der
Nächstenliebe.
Die Begegnung zwischen Delfina und Guedes fand in einer der
wenigen Situationen statt, in denen dies überhaupt möglich war. Es geschah auf
der Straße, versteht sich, aber auf eine für beide überraschende Weise.
Delfina befand sich in ihrem Mercedes in der Rua Diamantina, einer Sackgasse
hoch oben im Stadtteil Jardim Botânico. Als Guedes zum Ort der Begegnung kam,
wußte er bereits, daß Delfina nicht schlief, wie die Leute, die sie gefunden
hatten, aufgrund ihres friedlichen Gesichtsausdrucks und der bequemen Haltung
ihres Körpers im Autositz zunächst angenommen hatten. Guedes hingegen hatte
noch auf der Wache von Delfinas tödlicher Verletzung erfahren, die unter ihrer
Seidenbluse verborgen war.
Die Stelle war bereits von der Polizei abgesperrt worden. Zu beiden Seiten
der Rua Diamantina standen Bäume, und an diesem frühen Morgen strahlte die
Sonne durch die Baumkronen auf die metallicgelbe Motorhaube des Wagens, so daß
er glänzte, als wäre er aus Gold.
Guedes sah den Experten vom Kriminologischen Institut aufmerksam bei ihrer
Arbeit zu. Am Wagen befanden sich nur wenige Fingerabdrücke, die sorgfältig
abgenommen wurden. Außerdem wurden mehrere Fotos von Delfina gemacht, auch ein
paar Großaufnahmen ihrer rechten Hand, die einen vernickelten Revolver Kaliber
22 hielt. An ihrem linken Handgelenk befand sich eine goldene Uhr. In der
Handtasche auf dem Autositz steckten ein Scheckheft, mehrere Kreditkarten,
Schminkutensilien in einem kleinen Etui, ein Flakon französisches Parfum, ein
Batisttaschentuch, eine ärztliche Bescheinigung, abgestempelt von dem Arzt
Pedro Baran (Hämatologie, Onkologie), und eine Benachrichtigung vom Postamt
Leblon über ein Einschreiben, das Delfina Delamare dort abholen könne. Diese
beiden Papiere steckte Guedes in die Tasche. Im Handschuhfach lag neben den
Autopapieren ein Buch von Gustavo Flávio mit dem Titel Die Liebenden und der
Widmung: "Für Delfina, die weiß, daß die Poesie eine ebenso exakte
Wissenschaft ist wie die Geometrie. G.F." Die Widmung war nicht datiert und
mit einem Stift mit weicher Spitze und schwarzer Tinte geschrieben. Guedes
klemmte sich das Buch unter den Arm. Er wartete, bis die Spurensicherung mit
ihrer zeitraubenden Arbeit vor Ort fertig war; er wartete auch noch ab, bis der
Leichenwagen kam und den Körper der Toten in einem zerbeulten, schmutzigen
Blechkasten zur Autopsie in das Gerichtsmedizinische Institut mitnahm. Delfina
wurde von den Männern des Leichenwagens genauso behandelt wie die Bettler, die
tot in die Gosse sinken.
Für Guedes bestand die polizeiliche Arbeit in der Aufklärung von
Straftaten und deren Täterschaft. Eine Straftat aufzuklären bedeutete nach der
Strafprozeßordnung, den Gesetzesverstoß zu untersuchen. Ihm, dem Polizisten,
oblag es nicht, ein Werturteil hinsichtlich der Ungesetzlichkeit des
Tatbestandes zu fällen, sondern nur, Beweise für seine Faktizität und die Täterschaft
zusammenzutragen und sämtliche Vorkehrungen zur Sicherstellung der bei dem
Rechtsverstoß hinterlassenen Spuren zu treffen. Delfina Delamare konnte
ermordet worden sein oder Selbstmord begangen haben. Im zweiten Fall gab es,
sofern nicht jemand der Anstiftung, Überredung oder Beihilfe zum Selbstmord
bezichtigt werden konnte, kein Verbrechen aufzuklären. Selbstmord war kein
Verbrechen; die philosophischen Diskussionen - pro und contra - über das Recht
zu sterben waren für Guedes nur akademische Übungen. Einem Selbstmörder
irgendeine Strafe anzudrohen war sinnlos. Früher hackte man Selbstmördern die
rechte Hand ab, pfählte sie, schleifte sie mit dem Gesicht nach unten durch die
Straßen, versagte ihnen ein Begräbnis in Ehren; gehörten sie dem Adel an,
wurden sie degradiert, zu Plebejern erklärt, man zerbrach ihre Schilde, zerstörte
ihre Burgen. Nichts davon hatte abschreckende Wirkung gehabt. Nicht einmal
Drohungen mit dem Höllenfeuer konnten viel ausrichten. Dona Delfina soll ihre
Ruhe haben, dachte Guedes. Der Spurenexperte hatte gefragt, warum eine reiche
und schöne Frau (und gesund war sie bestimmt auch, denn kein Mensch konnte so
schön sein, wenn er nicht sehr gesund war) auf ihr Leben verzichtet hatte. »Warum
nicht?« hatte Guedes erwidert. Er war schon sehr lange Polizist und glaubte,
leben zu wollen sei genauso seltsam wie sterben zu wollen.
Obwohl er nicht daran zweifelte, daß es sich um einen Selbstmord
handelte, stellte Guedes all die Nachforschungen an, die er bei einem Mordfall
unternommen hätte. Die Rua Diamantina war eine kleine Straße mit wenigen
Wohnblocks und nur zwei Einfamilienhäusern. Guedes fragte in den Hochhäusern
und Villen nach, ob irgend jemand etwas über den Fall wußte. Die Schwierigkeit
einer solchen Arbeit liegt darin, die Geschwätzigen zu bremsen und die
Wortkargen zum Reden zu bringen. Normalerweise reden diejenigen am meisten, die
am wenigsten wissen. Aber niemand hatte irgend etwas gesehen oder gehört. Ein
Schoß aus einem 22er in einem Auto mit geschlossenen Fenstern machte ja auch
wirklich nicht viel Krach.
Der Polizist aß ein Sandwich an der Ecke der Rua Voluntários da Pátria,
wo sich das Gebäude mit der Praxis von Dr. Pedro Baran befand. Vorher war er
kurz in eine Buchhandlung gegangen und hatte in einem Lexikon nachgesehen, was
der Terminus Onkologie bedeutete.
»Ja«, sagte Baran, nachdem Guedes ihm von Delfinas Tod und seiner
Vermutung, sie habe sich das Leben genommen, berichtet hatte, »sie war meine
Patientin, und ihr Selbstmord überrascht mich nicht«.
Baran griff nach einer Karteikarte, die vor ihm auf dem Tisch lag.
»Als sie zum erstenmal in meine Praxis kam, hatte der sie behandelnde
praktische Arzt, Dr. Askanasi, sie hergeschickt. Sie beklagte sich über nächtliche
Schweißausbrüche, Nervosität, Gewichtsverlust und Appetitlosigkeit. Dona
Delfina schrieb diese Symptome den Sorgen zu, die sie sich wegen einer
bevorstehenden Reise machte. Sie haßte Reisen, wie sie mir sagte, und ihrer
Ansicht nach waren die Symptome nur eine psychosomatische Reaktion. Sie irrte
sich. Patienten, die Selbstdiagnosen treffen, irren sich immer. Ich habe ihr
Blut abgenommen und sie für zwei Tage darauf wieder herbestellt. Aber sie
verreiste und kam erst drei Monate später wieder zu mir, jetzt, vor ein paar
Tagen. Ich zeigte ihr das Resultat der Untersuchung, das Papier, das Sie da
haben: nachgewiesene Leukoblasten - Myeloblasten und Lymphoblasten -, die nur
eine einzige Diagnose zuließen. Sie hatte Leukämie, eine verheerende, derzeit
noch nicht heilbare Krankheit, deren behelfsmäßige Behandlung aufreibend und
schmerzhaft ist. Ich sagte ihr, daß sie meiner Ansicht nach nur noch wenige
Monate zu leben habe, riet ihr aber, noch einen anderen Arzt zu konsultieren.«
»Wie hat sie das aufgenommen?«
»Sehr gut. Sie wollte die Wahrheit wissen. Es gab so oder so keinen
anderen Menschen, dem ich diese Mitteilung hätte machen können; sie trennte
sich gerade von ihrem Mann, der von der Reise, die sie gemeinsam unternommen
hatten, noch nicht zurückgekehrt war, sie hatte keine Kinder und keine
Verwandten. Ich bin dafür, daß der Arzt dem Patienten die Wahrheit sagt, und
wenn sie noch so schrecklich ist.«
»Sie hat es sehr gut aufgenommen, haben Sie gesagt«, sagte Guedes.
»Ich weiß, was Sie jetzt denken«, erwiderte Baran, »daß sie den
Freitod gesucht hat, nachdem sie die Wahrheit erfahren hat; aber für manche
Menschen ist das eine Art Trost, ein Aufbegehren gegen die Grausamkeit des
Schicksals.«
Von Barans Praxis fuhr der Polizist zum Gerichtsmedizinischen Institut.
Die Autopsie war noch nicht vorgenommen worden. In den letzten vierundzwanzig
Stunden waren eine Menge Opfer von Gewalttaten und Verkehrsunfällen im
Leichenschauhaus eingeliefert worden. Delfina Delamare wartete vielleicht zum
erstenmal in ihrem Leben darauf, an die Reihe zu kommen.
Guedes suchte im Telefonbuch nach dem Namen Gustavo Flávio, fand ihn aber
nicht. Das Telefon, das ich hatte, lief nicht auf meinen Namen; ich hätte aber
sowieso nicht abgenommen.
Ich berichte hier über Begebenheiten, die ich nicht miterlebt habe, und
beschreibe Gefühle, die nicht unbedingt zu erkennen sein müssen, aber so
eindeutig sind, daß jeder beliebige Mensch sie sich vorstellen könnte, ohne über
den allwissenden Überblick des Romanschriftstellers zu verfügen. Sich in die
Mentalität eines Polizisten einzufühlen ist schwierig, das gebe ich zu. Aber
was Delfina Delamare betrifft, nun ja, was Delfina Delamare betrifft ...
»Ich hatte angerufen, um mich anzumelden, aber es hat keiner abgenommen«,
sagte Guedes.
»Ich gehe nie ans Telefon. Wenn ich mit jemandem sprechen möchte, rufe
ich an.«
»Kennen Sie Dona Delfina Delamare?«
Wir, der Polizist und ich, befanden uns in meinem Arbeitszimmer, einem großen
Raum mit Bücherwänden bis unter die Decke. Ich antwortete nicht gleich. Ich
wollte erst herausfinden, was für eine Art Mensch der Polizist war, den ich da
vor mir hatte. Auf den ersten Eindruck wirkte er wie einer von diesen Typen, die
so oft neben Arbeitern, Rumtreibern, Prostituierten und Ganoven in ordinären
Stehkneipen essen und trinken, daß sie sich schließlich diesem Gesindel brüderlich
verbunden fühlen. Der Polyp war um einiges kleiner und schlanker als ich und
hatte dünnes Haar. Seine Augen waren gelb, wie der Ring um die schwarzen
Pupillen der Eulen.
»Nicht sehr gut«, sagte ich schließlich. »Ich bin einmal oder zweimal
bei ihr zu Hause gewesen, auf so einer Party mit einer ausgewogenen Mischung von
Gästen, Sie wissen schon, Leute aus den verschiedensten Bereichen: Künstler,
Geschäftsleute, Politiker und elegante Frauen. Ich vertrat die Literatur - der
Modeschriftsteller als schmükkendes Beiwerk. Normalerweise ärgern mich diese
Parties, aber ich schrieb gerade an einem Roman über den Geiz der Reichen. Wenn
einer viel Geld hat, will er noch mehr haben, aber nicht wegen der Sachen, die
er dafür kaufen kann, Konsumfreude ist ein Tick von Leuten aus der
Mittelschicht und darunter. Die Neureichen lasse ich dabei außer acht. Die
Reichen quält eine furchtbare Angst: plötzlich arm zu werden. Deshalb wollen
sie das Geld nicht, um etwas zu kaufen, sondern um es zu horten, zu
akkumulieren. Jeder Reiche neigt dazu, ein Geizhals zu werden. Das war meine
These.«
»Könnte es nicht auch umgekehrt sein, daß jeder Geizhals danach strebt,
reich zu werden?« fragte Guedes.
»Darüber habe ich auch schon nachgedacht. Mein Held ist jedoch von
Geburt an reich, sehr reich, und in seiner Jugend hat er Ideale, Träume,
schreibt Sonette und so weiter; später hingegen ist er nur noch ein
widerlicher, geldgieriger Kerl. Aber Sie haben recht, dieses Verhältnis von
Ursache und Wirkung kann auch wechselseitig sein. Doch um zum Ausgangspunkt
unserer Unterhaltung zurückzukommen: Welches Interesse hat die Polizei an Dona
Delfina Delamare?«
»Man hat sie heute morgen tot in ihrem Wagen aufgefunden. Wir nehmen an,
daß es Selbstmord war.«
»Das kann doch nicht sein! Das hätte ich nie für möglich gehalten.«
Guedes berichtete von seinem Besuch bei Dr. Baran und dem Gespräch mit
ihm.
»Ich wußte nicht, daß sie krank war«, sagte ich. »Sie wirkte nicht
krank.«
»Im Handschuhfach des Wagens lag ein Buch von Ihnen.«
»Ein Buch von mir? Welches? Ich weiß nicht, ob es Ihnen bekannt ist,
aber ich habe Hunderte von Büchern geschrieben.«
»Die Liebenden.«
»Ach, Die Liebenden ...«
»Mit einer Widmung von Ihnen: Für Delfina, die weiß, daß die
Poesie eine genauso exakte Wissenschaft ist wie die Geometrie.«
»Das ist ein Satz von Flaubert. Und zum Glück irrte er sich. Er kannte
die Philosophie der Zweifelhaftigkeit (vgl. Laktos) nicht; sie ist erst nach ihm
aufgekommen und besagt: es gibt keine exakte Wissenschaft, die frei ist von
Mehrdeutigkeiten, Fehlern, Nachlässigkeiten, nicht einmal die Mathematik ist
das. Der Wert der Poesie liegt in ihrem Paradoxon, daß nämlich das, was die
Poesie sagt, das ist, was ungesagt bleibt. Ich hätte schreiben sollen: "Für
Delfina, die weiß, daß die Poesie das ist, was sie nicht ist." Eine
Widmung besagt im Grunde nicht viel. Man weiß nie, was man schreiben soll, wenn
man eine Widmung verfassen soll, vor allem, wenn man Intelligenz und Tiefgründigkeit
beweisen will.«
»Wann waren Sie das letzte Mal mit Dona Delfina zusammen?«
Ich lachte schallend los. »Wissen Sie was? Ich habe zwar ein paar Romane
geschrieben, in denen ein Polizist die Hauptperson ist, aber ich hätte nie
gewagt, einem von ihnen so einen Satz wie "Wann haben Sie zum letzten
Mal" und so weiter in den Mund zu legen. Ich habe immer geglaubt, daß ein
Polizist so etwas nie sagen würde, es sei denn in einem zweitklassigen Film
oder einer billigen Fernsehserie.«
»Wann waren Sie das letzte Mal mit Dona Delfina zusammen?« wiederholte
Guedes seelenruhig.
»Das Datum weiß ich nicht mehr genau. Es war bei einem dieser Abendessen
mit Hunderten von Leuten. Sie war schön und elegant, wie immer. Mehr kann ich
Ihnen dazu nicht sagen.«
»Wie immer? Aber Sie haben Dona Delfina doch nur zweimal gesehen ...«
»Herr Inspektor, der Kopf eines Schriftstellers unterscheidet sich
vielleicht etwas von den Köpfen, in denen Sie zu wühlen gewöhnt sind. Für
einen Schriftsteller ist das geschriebene Wort Realität. Ich habe so oft in den
Klatschspalten gelesen, daß Delfina Delamare schön und elegant wie immer war,
daß ich nicht die geringsten Bedenken hatte, dieses fremde Klischee zu
benutzen, als wäre es eine eigene Beobachtung. Wir Schriftsteller arbeiten mit
Wortstereotypen. Die Realität existiert nur, wenn es ein Wort gibt, das sie
definiert.«
»Warum hatte Dona Delfina Ihr Buch im Handschuhfach ihres Wagens? Haben
Sie eine Ahnung?«
»Nein. Und ich halte das auch nicht für wichtig.«
»Für uns ist alles wichtig.«
Die Ruhe dieses Polypen ärgerte mich allmählich.
»Ist die Polizei eigentlich immer so gewissenhaft? Sie haben gesagt, Sie
haben keinen Zweifel daran, daß Dona Delfina sich umgebracht hat. Trotzdem
ermitteln Sie weiter, stellen Fragen, wollen tausend Sachen wissen. Ist das
vielleicht nichts als neugieriges Herumschnüffeln im Leben einer berühmten
Frau? Ich stelle diese Frage ohne jede provokative Absicht, auch ich habe als
Schriftsteller meine Neugier. Prinz Andrew, der Sohn der englischen Königin
Elizabeth, hat in einem Interview gesagt, er würde gern Detektiv sein, aber
nicht erklärt, warum. Vielleicht, weil dem Polizisten gestattet wird, ungehemmt
seine Neugier zu befriedigen? Etwas, das selbst Prinzen untersagt ist? Kennen
Sie den Satz von Plautus: curiosus nemo est quin sit malevolus? Niemand ist
neugierig, ohne auch bösartig zu sein.«
Guedes schien darüber nachzudenken, was ich gesagt hatte.
»Sie haben recht. Ich nehme Ihre Zeit unnötig in Anspruch.«
»Ich verreise in ein paar Tagen, der Ort nennt sich Refúgio do Pico do
Gavião. Ich möchte etwas ausspannen, bevor ich richtig anfange, Bufo &
Spallanzani, mein neues Buch, zu schreiben.«
Von meiner Wohnung fuhr der Polyp zur Wache. Die Gutachten der Obduktion
und der Spurensicherung waren noch nicht fertig; er überlegte, ob er die
Sachverständigen anrufen und sie bitten sollte, ihm das Ergebnis der
Untersuchung vorab mitzuteilen, verzichtete dann aber darauf. Schließlich gab
es keinen Grund für solche Eile. Der Fall war schon geklärt.
Er fuhr im Bus nach Hause. In seinem Stammlokal verzehrte er ein Sandwich
mit einem panierten Steak und trank ein Glas Bier. Noch während er im Stehen aß,
fing er an, Die Liebenden zu lesen. Als er nach Hause kam, zog er die Schuhe
aus, nahm das Halfter mit dem Cobra ab, legte sich aufs Sofa und las weiter.
Vorher schlug er im Wörterbuch die Bedeutung des Wortes Bufo nach.
Rezension I Buchbestellung I home II03 LYRIKwelt © Unionsverlag