Vom Weg ab von Eva Förster, 2012, SchilerEva Förster

Kindheit auf dem Dorf
(3 Gedichte)
(Leseprobe aus: Vom Weg ab, Lyrik, S. 8-10, 2012, Verlag Hans Schiler)

Kindheit auf dem Dorf I

Anett, die Kinderfreundin auf dem Land,
und ich, wir spielen häufig in
der Loggia, diesem Unraum ihres
großen, feuchten Hauses,
denn dort liegen unsre Puppen
riecht es auch nach alten Daunendecken,
mürben Eierplätzchen
und es liegt ein Rattenkönig da
aus Bändern in verwaschnen Farben,
daran Schlüssel, rostig. Einst erschoss sich einer hier am Weiher
Anetts Vater wars oder auch nicht.
Die Dahlien schreien fest den Himmel an
das Geißblatt traut sich kaum zu ranken
und der Bruder meiner großen Freundin
war im Kornfeld und fand eine Ratte
schleudert sie am Schwanz herum,
während Violett, die größte Schwester
mit ganz weißen Armen in die alte Wanne
greift aus Zink und mir die Egel auch und
kleine Frösche zeigt.
Die Nachbarin, sie hats vollbracht,
der Hahn, geköpft, rennt seiner Wege
schlaff hängt sein roter Kamm vom Hackklotz.
Die Abendsonne macht den Mais
ganz heiß vom eigenen Geruch
am nächsten Tag
da warten wieder die verbeulten Räder
und wir fahren an den See,
der Grund wird voll von Karpfen sein und Aalen.
 

Kindheit auf dem Dorf II

Ein Lindenblatt kommt von
der Kirche her geflogen
legt sich auf den heißen Teer
und liegt noch heute da.
 

Kindheit auf dem Dorf III

Ich trat, dem Samstagsunterricht entkommen, ins kleine Zimmer, das grün dunkelte.
Ich öffnete den Fensterladen, der weit aufsprang  -
Fliederduft verband sich mit dem Moderduft des alten Hauses.
Die Uhr, die nahm ich ab um die Erinnerung an Pflicht zu tilgen;
das Zifferblatt nach unten, auf dem Schleiflacktischchen lag sie.
Ich nahm ein Kleid und zog es an und kniete mich auf Erbsen nieder, ungekochten,
um zu büßen.

                                                    Dann kam sie.

Alice schüttelte Medusenlocken, sang mir Per Elisa, trotzig, Schmollmund, Stimmenwut, ließ
Schönheit regnen auf das blasse, blonde Ding aus Angst und Sehnen.
Ein Gewitter streifte schon den Nussbaum, die Straßen waren staubig, bis die ersten Tropfen
fielen und es roch nach etwas, das der Liebe ähnlich war.

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