Kollateralschaden von Olga Flor, 2008, ZsolnayOlga Flor

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(Leseprobe aus:
Kollateralschaden, Roman, 2008, Zsolnay).

Schon zu viel Zeit verloren: erst einmal Obst, das ist immer gut, dachte Luise, und dann darüber nachdenken, was man kochen könnte; irgendwas würde sie schon anlachen, sie würde das schaffen, sie hatte noch immer alles geschafft. Hier in der Gegend war sie nicht oft, nur dann, wenn sie zufällig vorbeikam, vom Arzt ihres Vertrauens zum Beispiel, blöd nur (wenn sie darüber nachdachte), dass auch den ausgerechnet Ferdinand ihr empfohlen hatte, oder vielmehr Jasmin, so schnell fand man so jemanden nicht, da lohnte sich schon der Umweg, aber heute hatte sie ihn nicht erreicht, hätte sie sich denken können. Die Praxis war geschlossen, Urlaub bis Mitte Jänner, wie eigentlich jedes Jahr, Schiurlaub wohl, oder doch Karibik?, und »Fortbildung« stand auf dem Zettel, der über das Ordinationsschild geklebt war, blöd, jetzt musste sie noch einmal dort hin, aber ihr Vorrat reichte noch für so zwei, drei Wochen. Hier konnte man wenigstens noch gratis parken, einer der wenigen Vorteile der Vorstadt. Dann: schnell heim, zur Feier des Tages etwas gekocht, nur was?, Kind gesättigt, niedergelegt und ihm was vorgelesen, das Vorlesen mochte Luise besonders, kam nur leider viel zu selten dazu, dann noch die letzten Anweisungen an die Babysitterin, die war noch relativ neu. Das ging sich locker aus, wenn sie sich ein Taxi nahm, nur nicht das eigene, wie sah das aus, ein Taxi andererseits ein wenig abgehoben, zu wenig bürgernah? Nein, in jedem Fall besser als eine zerbeulte Karosserie, das war keine Frage, die schadhafte Stelle musste ausgebessert werden, und zwar dringend; und nicht vergessen! Kaum ist man im Büro, dann checkt man nur noch die elektronischen todo-Listen, und alles andere versickert so. Das könnte natürlich an den; nein, der Arzt hatte ihr versichert, dass das auf keinen Fall, und schließlich, sie ging durch eine schwere Zeit, und da wäre es sicher am Besten, so gegenzusteuern und das Schlimmste abzufedern, aber trotzdem, so genau wusste man das nie, bei diesen Dingern.

Wobei es sonst immer wunderbar klappte mit den to-do-Listen.

Ja, verdammt, sie musste es der Sekretärin sagen, wofür hatte sie die denn, wenn nicht dafür, dass sie ihr den Rücken freihielt, damit Luise sich ihren eigentlichen Aufgaben widmen konnte. Ferdinand sagte immer, sie funktioniere mit der Präzision eines Uhrwerks, und er hatte natürlich eine von diesen alten Schweizer Uhren, auch Franz hatte so eine haben wollen, und sie hatte eigentlich vorgehabt, ihm so eine zu schenken. Ja. Soviel dazu.

Stephanie hatte noch einmal kehrtmachen müssen, da sie vorhin die Karotten vergessen hatte und versuchte, sich einen Überblick über die räumliche Anordnung der Gemüse- und Obstpaletten zu verschaffen, als eine Frau in erstaunlichem Tempo ihren Weg kreuzte und im Vorübergehen nach einem Sack mit Äpfeln griff. Die Farben vor Stephanies Augen begannen zu rauschen, das taten sie immer nach einiger Zeit, das lag wohl am Licht, dennoch wurde sie den Eindruck nicht los, dass es mit der Luft zusammenhing; egal, sie musste hier raus und zwar rasch. Sebastian schien das Drehen am Rad ebenfalls leid zu sein, immer wollte er wissen, ob er bald zahlen könne, ja, sagte Stephanie; vielleicht begann er auch zu begreifen, dass er den feuerroten Rennwagenteil des Hybridgefährtes trotz aller Bemühungen nicht kontrollieren konnte.

Jedenfalls bäumte er seinen Körper auf, so hoch es ging, schrie: zahlen!, streckte den Arm aus und ließ ein Glas fallen, das erstaunlich leise auf einer der graumelierten Kacheln platzte und eine Gurkenarmada auf einem Essigwasserfilm über den Boden schießen ließ, Sebastian!, sagte Stephanie ohne rechte Kraft, wich gerade noch rechtzeitig dem aufgeschreckten Blick einer scharfkantig verschleierten Frau von der gegenüberliegenden Gemüseflanke aus und hätte sich am liebsten unter den Obststeigen verkrochen, still und in aller Ruhe.

Tobias hörte das Geräusch des splitternden Glases und deutete es sofort richtig, nämlich als einen Haufen Arbeit, der auf ihn zukam, sein Instinkt sagte ihm, dass er den Blick jetzt besser senkte und seine ganze Arbeitskraft dem Einräumen von Schokoweihnachtsmännern, Neujahrsschweinen und anderen saisonalen Süßwaren in den Sonderangebotsständer widmete, der taktisch klug vor den Kassen aufgebaut war; sonst würde er wieder dran glauben müssen, wer sonst, und schließlich: sollte er Einzelhandelskaufmann werden oder Putzfrau?

Doch konnte er von Glück reden, dass er den Ausbildungsplatz bekommen hatte, das sagten alle, und trotzdem mochte er die Arbeit nicht, er hätte nicht einmal sagen können, warum, außer, dass es einfach nicht das war, was er vom Leben erwartete.

Er wartete aufs Wochenende und hoffte, dass er einmal frei kriegen würde Samstag Vormittag, dann hätte er wenigstens Freitag Abend voll nutzen können. Tobias!, rief eine Stimme, die er nicht sofort identifizieren konnte, aber das war ohnehin egal, so oder so musste er sich in Bewegung setzen. Scheißweihnachten, sagte er mit einem letzten, beinahe liebevollen Blick auf seine Abverkäufe.

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