Talschluss
(Leseprobe aus:
Talschluss,
Roman, 2005, Zsolnay)
Dicht und stickig legt sich die Luft
auf Nase und Mund; es ist viel zu warm in dem kleinen Zimmer, ich reiße das
Fenster auf. Grete hat auf einer solchen Temperatur bestanden, schon wegen der
Kinder, hat sie gesagt. Von mir aus darf es ruhig kalt werden in der Nacht, wozu
haben wir diese dicken Decken, in die ich zurücklaufen kann, hineinspringen;
ich atme wieder frei. Ich sehe Arturs Blick vor mir, kurz vor dem Umdrehen, kurz
vor dem Abtauchen in der Nacht, warum Artur? Für einen muss ich mich schließlich
entscheiden, an einen werde ich ein bisschen denken, mir seinen Blick vor Augen
halten, seinen Mund, seinen Körper, bevor die Bilder abdriften, die Bahn sich
nicht mehr steuern lässt. Warum ein neuer Körper? Warum diese Sucht nach einem
neuen Körper, als könnte der mir etwas zurückgeben, das ich einmal gehabt
haben muss, vor dem Einsetzen der Erinnerung, den fehlenden Teil, die Vollständigkeit;
als könnte er das Loch stopfen, ich weiß es doch besser, und doch. Der Ring,
der die Zunge durchbohrt, als hätte er ein Schweigegelübde abgelegt, als
wollte er sich bei jedem Wort an das gebrochene Versprechen erinnern. Projiziere
ich nicht das Bild an die Innenseite meiner Augenlider, und zwar mit voller
Absicht und mit Anstrengung? Habe ich nicht mit Vorbedacht ausgewählt? Habe ich
nicht die Gelegenheiten gemustert, wo sie sich geboten haben, den kleinen
blassen Dunkelhaarigen oder den anderen, den mit den langen Haaren, mit den
federnden Schritten, dem freundlichen erwartungsvollen Blick, aber nein, der war
mir natürlich zu harmlos. Stoff will ich haben für meine Wach träume, Zunder
für den Zimmerbrand, es hat der Dritte sein müssen, der Zornige, Artur, dessen
Selbstgefälligkeit auf einem schmalen Grat stolziert. Ist halt ein bisschen
theatralischer. Macht mehr her, so war es doch. Dann graben mir meine Männerphantasien
die Krallen ins Fleisch. Was bringt mich das weiter?
Ich sehe also: das Sanfte unter den wilden Augenbrauen, den Seeräuberblick
unter dem kahlen Schädel, den Bartanflug rund um die aufgeworfenen Lippen, das
Unbeholfene, das mich rührt. Und später dann im Traum schon Thomas unter dem
Baum, Thomas, wie er sich umdreht, den tropfenden Schwanz in der Hand, da, sagt
er, hast du nicht mal wieder Lust, und ich: nein, nein, entschieden nicht, war
nicht so gemeint, sagt er später, packt das Werkzeug weg, das tapfere Werkzeug,
sieben auf einen Streich, sagt er, nur ein Scherz. Und wieder Grete: Öffne
dich. Dann: ein Planet, der in die Erde stürzt, ich auf der Flucht an Bord
eines Schiffes an der Seite eines unbekannten Freundes, ich sorge für meine
Kinder, es sind zwei oder drei, ich bringe die Kinder in Sicherheit, später
erfahre ich, dass die Aufprallstelle im Pazifischen Ozean war, mein Freund hat
es auf CNN gesehen; wo bleibt die Flutwelle, frage ich, der Kapitän lässt
keine Japaner an Bord, warum keine Japaner, müsste ich mich nicht unter
normalen Umständen dagegen aussprechen, aber das hier sind keine normalen Umstände,
hier wird nicht diskutiert, hier wird nicht gefragt, wer auffällig wird, begibt
sich selbst in unabsehbare Gefahr. Das Ärgste ist ausgestanden, es ist ein
kleiner Planet, die Erde wird ihn schlucken, sage ich, die Bildschirmlaufschrift
verkündet, dass jemand, dessen Namen ich vermutlich kennen müsste, in Zukunft
nur mehr als Puppenspieler tätig sein wolle, ich bleibe dabei: die Erde
wird’s schon schlucken,
der Fernsehsprecher ist ganz derselben Meinung, die Laufschrift zieht nach: »Earth
will swallow«, und mit der Zeit begreife ich, dass ich dem Fernsehsprecher
seine Rede einflüstern kann, und das, das weiß ich mit Sicherheit, ist meine
Rettung. Die Erdkruste ist ein schwimmendes Gebilde. Die Haut der Erde schließt
sich ohne Narbe.
Ich wache auf und vergrabe meine Hände unter dem Polster, aus dem Schuppen der
Jungen Musik. Ich gehe aufs Klo, wieder ins Bett, der Schlaf will nicht kommen;
ich denke an die Hütte, und wie lange ich nach einem geeigneten Ort gesucht
habe, etwas Authentisches, hat Grete gesagt, authentisch wofür, habe ich
gefragt, aber das hat sie nicht verstanden, ein Ort, hat sie gesagt, der mit
sich im Reinen ist, verstehst du.
Ich habe sie mir angesehen, bei diesem ersten Gespräch, das mache ich immer so.
Sie hat mich richtiggehend um einen Termin gebeten, in einem Café, hat keinen
Zweifel daran gelassen, dass es um etwas Geschäftliches geht. Ihr Haar ein
heller Fleck, ein Lichtbogen vor der dunklen Tä felung; das macht sie nicht mit
Absicht, das passiert ihr, dass die Umgebung den idealen Hintergrund für sie
darstellt. In der Tiefe ein Einbruch, eine Raumnische, der Weg zum Telefon, zum
Klo.
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