Der blinde Masseur von Catalin Doris Florescu, 2006, Pendo

Catalin Doria Florescu

Schönheit
(Leseprobe aus: Der blinde Masseur, Roman, 2006, Pendo)

Ion schlief noch, als ich an die Tür klopfte und ins Behandlungszimmer
ging. Er lag auf seiner Massageliege, der Kopfhörer hing
schräg um seine Schläfen, bis zuletzt hatte er Hugo gehört, die
Kassettenhülle war auf den Boden gefallen. Hugo. Gelesen von
Maria, etwas zu steif, aber kraftvoll, sie lässt sich nicht unterkriegen.
Auf einer weiteren Hülle stand: Hegel. Phänomenologie des
Geistes. Gelesen vom Bürgermeister. Plustert sich auf, wenn er
spricht. Ein Angeber. Die Hündin kam unterm Bett hervor,
freundlich, denn sie hatte mich bereits adoptiert, so wie sie auch
Ion, die Philosophen oder das Kurhaus adoptiert hatte. Ion
schreckte hoch und richtete sich auf, ohne Übergang zwischen
Schlafen und Wachen. »Ist jemand da?«, fragte er. »Ich bin da.
Teodor.« Er setzte seine Blindenbrille auf, zog sein Pyjamaoberteil
aus, schob den Heizkörper beiseite, der seinen Rücken gewärmt
hatte, ging zum Waschbecken und wusch sich.
»Schläfst du nie zu Hause?«
»Hier schlafe ich auf Kosten anderer. Das Hotel bezahlt die
Heizung«, sagte er, während er mit dem Pinsel Rasierschaum auf
die Wangen verteilte. »Was tust du da?«
»Ich lese, was du auf die Kassettenhüllen geschrieben hast.
Der Bürgermeister …«
»Den habe ich in der Hand«, sagte Ion. »Sein Auto haben andere
bezahlt. Geschäftsleute aus der Stadt.«
»Wieso tun sie das?«
»Sie wollen hier die Straße ausbauen und verlängern. Und an
die Welt anschließen. Aus dem Kurort eine Attraktion machen.«
»Das nennt man Fortschritt«, erwiderte ich.
»Ich will den Fortschritt hier nicht. Es braucht noch Orte
ohne Fortschritt.«

»Ich rasiere dich, wenn du willst«, schlug ich vor.
»Gut, denn wenn ich es tue, erschrecken die Kinder nachher,
wenn sie mich auf der Straße sehen.« Er setzte sich auf den Stuhl
und ich mich auf den Bettrand. Ich setzte die Klinge am Hals an
und zog sie sanft nach oben. Er schaute die ganze Zeit an mir vorbei
oder in mich hinein, wegen seiner Brille konnte man es nicht
sagen. Ich wischte die Schaumreste ab und trocknete sein Gesicht,
dann kämmte ich ihn und entfernte die Schuppen von seinen
Schultern. Er wartete ab wie ein Junge, der an Aufmerksamkeit
und Pflege gewöhnt war. »Hübsch wie ein junger Bräutigam,
nicht wahr?«, schmunzelte er. Wir saßen eine Weile da, ich
schaute in sein blindes Gesicht und er irgendwohin. Dann schaute
ich auf seine nackten Füße, in den fast zahnlosen Mund und auf
die kräftigen Masseurshände. Ich merkte, dass ich ihn anstarrte,
ohne dass er sich wehren konnte, und wandte den Blick ab. Ich
bat ihn, mir mehr über seine Vorleser zu erzählen.
»Ich habe hier Seemänner mit brummigen Stimmen, als ob sie
bei Sturm sprechen müssten. Ich habe Eisenbahner, die ein Leben
lang Kohle eingeatmet haben, und Bergarbeiter, die sich wegen
derselben Kohle die Lungen aus dem Hals spucken. Ich habe
einen Bankdirektor, der jung und unverbraucht ist, dessen
Stimme aber krächzt, einen Fabrikdirektor, den du kennst, zwei
wichtige Politiker aus der Hauptstadt, die zwischen den Parlamentsversammlungen
aufnehmen – einer von der Regierung, der
andere von der Opposition, man muss doch das Gleichgewicht
halten –, dann fünf kleinere Politiker, Bürgermeister und Gemeinderäte,
den Polizeichef aus der Stadt, der skrupellos ist.
Wenn er redet, dann zerfetzt er die Sätze. Eine Ärztin, Bauern,
Lehrer und Professoren. Ach, und einen Totengräber. Er nimmt
auf, wenn er nicht graben muss. Du kannst dir nicht vorstellen,
wie delikat er den Text ausspricht. Wie ein Kirchenlied. Er lebt in
der Gesellschaft der Toten. Wenn er sich davon erholen möchte,
kommt er mich besuchen.«
»Wo kommen sie alle her?«, fragte ich.
»Aus dem ganzen Land. Der Totengräber aus der Hauptstadt,
die Seeleute aus Gala¸ti, der Bankdirektor aus Cluj, die Bergbauern
aus Tîrgu Jiu. Zuerst massiere ich sie, und sie müssen
etwas vorlesen. Wenn sie gute Vorleser sind, massiere ich sie gratis.
Wenn sie das Lesen brauchen, ebenfalls. Sonst aber hat hier
jeder zu zahlen. Wenn sie wieder gehen, gebe ich ihnen Bücher
mit. Aufnahmegeräte haben sie inzwischen alle. Jetzt leg dich mal
hin.«
»Soll ich dir was vorlesen?«, fragte ich.
»Ich bin doch erst aufgewacht«, sagte er und lachte.
Er konzentrierte sich auf meinen Körper, ließ mich liegen,
mich aufsetzen, aufstehen, wieder liegen. Er sagte: »Hmm, hmm«
oder »aha«. Wenn er etwas entdeckte, was ihm gefiel, schmatzte er,
wenn nicht, knurrte er. Mein ganzer Körper war unterteilt in
Knurr- und in Schmatzzonen. Seine Finger und Handflächen
suchten Wege durch meine Haut. Es kam mir schon jetzt vor, als
ob ich zu diesem erbärmlichen Zimmer, dem blinden Ion, der
Hündin, den Büchern und dem Dorf dazugehörte, kaum vierundzwanzig
Stunden nach meiner Ankunft. Ich griff nach einem der
Bücher, die in den Regalen auf Durchreise waren und viele erschöpfte
Körper gesehen hatten. Wahrscheinlich waren auch die
Bücher an das Berufsgeheimnis gebunden und mussten darüber
schweigen, wie viel Schmerz vor ihnen gelegen hatte.
»Es tut mir Leid wegen gestern«, sprach Ion.
»Ist schon gut.«
Seine Hände ruhten auf meinem Rücken, und er schien nachzudenken.
»Lass uns hinausgehen«, sagte er.
Ich zog mich wieder an, und wir gingen auf den dunklen Flur.
»Nimmst du den Stock nicht mit?«, fragte ich.
»Wozu? Ich habe doch dich.«
Im Dunkeln kam eine Gestalt auf uns zu. Auch Ion bemerkte
es und sagte freundlich: »Guten Morgen, Herr Direktor.«
»Wie hast du ihn erkannt?«, fragte ich erstaunt.
»Am Gang. Ich erkenne sie alle am Gang. Für dich ist alles
eins, aber für mich nicht. Ich bin in dieser Beziehung ein Hund
wie Ro¸scata.«
Der Direktor roch stark nach After Shave.
»Wenn der Herr Direktor zu mir kommt, parfümiert er sich,
als ob er ein Rendezvous hätte«, sagte Ion spöttisch. »Ich habe
ihn ermahnt, weil mein Hund jedes Mal fast ohnmächtig wird,
aber er will es nicht lassen. Nicht wahr, Sie können es einfach
nicht lassen?«
Der Direktor lächelte breit. »Manchmal glaube ich, dass
Ihnen der Bastard wichtiger ist als ein Mensch«, meinte er.
»Hängt vom Menschen ab«, antwortete Ion.
»Dabei hat dieser Hund auf der Straße schon viel Übles gerochen.«
»Deshalb ist er an die feinen Gerüche nicht gewöhnt.«
»Herr Palatinus, ich brauche dringend eine Behandlung.«
»Winseln Sie nicht so.«
»Gestern hatten Sie keine Zeit.«
»Heute vielleicht auch nicht«, ergänzte Ion.
Herr Direktor Popescu zog den Mantel enger um den Körper
und steckte hilflos die Hände in die Taschen. Er setzte sich wieder
hin, als ob er entschlossen wäre, auf seine Zeit zu warten. Als
wir schon an der Ausgangstür waren, rief er uns hinterher:
»Kriege ich ein neues Buch?«
»Philosophie?«, fragte Ion und drückte meinen Arm, um mich
auf die Antwort des Direktors aufmerksam zu machen.
»Wenn möglich, etwas anderes.«
»Es ist nicht möglich«, sagte Ion, dann flüsterte er mir zu: »Er
hasst Philosophie, aber gibt seltsamerweise nie auf.«
Das ganze Hotel war umtriebig. Schwestern riefen Patienten
zur Therapie, gekrümmte Männer liefen auf und ab und erkrankten
in ihren Erzählungen erneut, Ärzte gingen hastig vorbei. Eine
Alte kam auf uns zu, von beiden Seiten von kräftigen Schwestern
gestützt, ihre Beine waren geschwollen wie Melonen. Als die Frau
an uns vorbeiging, sah ich, dass auch sie nicht alt, sondern verbraucht
war. Kaum fünfzig war sie.
In diesem Land war auf die Zeit kein Verlass. Sie machte
Sprünge. Sie raubte dem Menschen den Körper und verformte
ihn, wie es ihr passte. Dann verlangsamte sie sich, bis man meinte,
dass man außerhalb der Zeit geraten war. Man wurde zeitlos alt,
aber man war nicht gut gealtert. Und vor allem zu früh. Deshalb
flüchteten die jungen Frauen in italienische Schöße. Damit sie
nicht bald ihre Jugend gegen ein verfrühtes Alter eintauschten.

Als Ion und ich von der Hauptstraße zur Villa Seerose abbogen
und den gepflasterten Weg hinaufgingen, fragte ich ihn,
warum er so hart mit dem Direktor war. »Ich halte ihn für harmlos
und gutmütig«, meinte ich. Ion aber fand, dass alle harmlos
seien, wenn sie zur Kur kämen. Das Leben habe ihnen ein Bein gestellt,
sie seien gestolpert. Da würde der schlimmste Mensch zahm
wie Ro¸scata. Sie hätten sich für unsterblich, unverwundbar gehalten,
aber in den Sekunden des Unfalls oder als sie erkrankten, hätten
sie gemerkt, wie wenig fehlte, damit alles zusammenbrach. Je
erfolgreicher sie waren, desto eher glaubten sie, besondere Menschen
zu sein. Dann plötzlich bekam ein simpler Masseur Macht
über sie. Weil der Masseur sich in der Nähe von so etwas Großem
wie dem Schmerz befand, fürchtete man ihn. Man war ihm ausgeliefert.
Der Schmerz sei der wirkliche Diktator, und der Masseur der
Dompteur des Schmerzes. Erinnerte man sich an seinen Masseur,
so tauchte auch die Erinnerung an den Schmerz auf.
Es war schwierig gewesen, Leute zu finden, die Bücher mit
nach Hause nahmen. Sie hatten Angst, dass sie dadurch auch den
Schmerz mitnahmen. Manche meinten, dass sie beim Lesen
Schmerz empfanden. Viele wollten vom Masseur nichts mehr wissen,
sobald die Behandlung beendet war, deshalb gewöhnte er sie
ans Vorlesen, solange sie hier waren. Ich sollte mich vom Jammern
nicht beeindrucken lassen. Die Mächtigen wären hier
machtlos, aber bei sich zu Hause die üblichen Schweinehunde.
Hier gönnten sie sich eine Pause, so auch der Direktor. Er lebte
in geschmacklosem Prunk, aber ohne jede Schönheit.
»Woher willst du wissen, wie er lebt?«
»Bücher zu lesen, ist nur eine andere Form von Massage und
oft die gründlichere. Meine Patienten erzählen mir alle ihr Leben,
sie lechzen danach. Ich muss nichts tun, sie nicht einmal ermutigen,
irgendwann legen sie einfach los«, sagte er. Als wir vor der
Villa standen, ergänzte er leise, beinahe nur für sich selbst: »Aber
ich mag ihn. Seine hündische Treue. Sein Beharren.«
Die Villa war vor Jahren geplündert worden und teilweise eingestürzt.
Der Wald war ins Haus gekommen, hatte Löcher geschlagen,
ins Dach und in die Wände. Die Erde hatte sich in die
Behandlungsräume, die Badewannen, die Arztzimmer und die
Gänge geschoben. Pflanzen hatten im aufgerissenen Boden Wurzeln
geschlagen. An manchen Orten sah man noch Marmorreste,
rosé und grün. Vor dem Eingang stand ein Säulenvorbau, an einer
der Säulen war auf einem Plakat zu lesen: Gebaut vom Grafen
Fred Enckheim im Jahre 1891. Geplündert 1989, beim Sturz des
Kommunismus.
Es fehlten Fenster, Türen, Waschbecken, Glühbirnen und das
gesamte Mobiliar. Dort, wo früher Parkett oder Marmor gewesen
waren, war jetzt nur kahle Erde. Die Kabel waren herausgerissen
und zerstückelt worden, man hatte nur noch Stümpfe in den
Wänden zurückgelassen. Die Holzbalken, die das erste Stockwerk
stützten, waren morsch, ragten ohne Sinn auf, denn es gab kaum
noch etwas zum Stützen. Auch die Treppe führte ins Leere, nur
weiter hinten hatten sich oben einige Zimmer und Flure erhalten.
In kleinen Behandlungszimmern waren Badewannen in den
Boden eingelassen, auch sie aus Marmor, und ein paar Treppen
hatten den Patienten geholfen, hineinzusteigen. Die Wannen
waren mit Schutt, Abfall und verfaulten Blättern gefüllt.
Überall klafften große Risse, durch die man in den nahen
Wald schauen konnte. Der Wald starrte zurück.
Ion hatte zwanzig Jahre lang hier gearbeitet, bevor das Haus
geplündert wurde. Nachts hörte man unten im Dorf das Hämmern
und man sah schwer beladene Umrisse. Jetzt badeten manche
in Marmor, hatten golden glänzende Wasserhähne und
Duschköpfe und die Kinder lernten an Pulten, die vor hundert
Jahren in Italien gezimmert und geschnitzt worden waren. Sie
hatten sich alle bedient, das ganze Dorf. Nachts war es ein ständiges
Pilgern, man grüßte Nachbarn im Dunkeln und verfluchte
sie, nachdem sie weitergezogen waren, weil sie ein schöneres
Stück erwischt hatten. Man ließ sich beraten, wie man Marmor
unbeschädigt herausschlagen konnte oder Parkett entfernen.
Man gab Tipps, aber erst nachdem man sich überzeugt hatte, dass
man selbst nichts mehr brauchte.
Das war die erste freie Handlung des Dorfes. Manche Ärzte
wollten sich widersetzen und schliefen Tag und Nacht hier, aber
sie wurden schnell überwältigt. Ion wusste, wer was mitgenom
men hatte. Er hatte sie in der Hand. Früher war es schön anzusehen,
so hatte man es ihm beschrieben, auch wenn es heute nur
noch nach einem Trümmerfeld aussah.
»Siehst du überhaupt etwas, Ion?«, fragte ich.
»Ich bin blind wie die Nacht.«
»Erinnerst du dich an Formen oder Farben?«
»In letzter Zeit habe ich angefangen zu vergessen.«
»Erst jetzt, nach so vielen Jahren?«
»Sagen wir es so: Die letzte Zeit hat vor zwanzig Jahren angefangen.«
Er lachte herzhaft, denn er liebte seine Witze und war sein bester
Zuhörer. Er hielt inne, während wir durch den Schutt der Villa
gingen. Wir setzten uns auf ein Mauerstück und von Zeit zu Zeit
nahm ich einen Stein und warf ihn ins Wasser. Wenn ich geschickt
war, machte er mehrere Sprünge und die vielen Kreise, die er
schlug, überlappten sich.
»Suchst du wirklich einen, der Mihai heißt?«, fragte Ion.
»Ja, Mihai, den Erzähler«, erwiderte ich. »Er lebte hier in der
Gegend. Sein Haus stand abseits vom Dorf, daran kann ich mich
noch erinnern.«
»Ich kannte ihn. Bis vor zehn Jahren hat er unseren Wohnblock
mit Holz versorgt. Seitdem aber habe ich nichts mehr von
ihm gehört. Kannst du unsere Dacia-Autos fahren?«
Wir gingen zurück ins Kurhaus, Ion sprach auf einem Flur mit
einer großen, schönen, aber schon etwas gealterten Ärztin, die
mehrmals zu mir herüberschaute. Er schien überzeugend zu sein,
denn sie holte aus ihrem Kittel einen Schlüsselbund und gab ihn
ihm. Wir setzten uns in den Dacia der Ärztin, wie man sich in
einen Schrank setzen würde, wenn Schränke fahren könnten. Allein
durch das Fahren solcher Autos war das Patientenpotential
für Ion unerschöpflich. Man kriegte Schmerzen nur vom Hinschauen.
Das Auto quietschte und brummte, es widersetzte sich lange,
aber am Schluss brachte ich es in Fahrt. Wir fuhren aus Moneasa
hinaus und dann weiter bis an jenen Ort, wo der Friedhof war und
ich mit den Bauern gegessen hatte. Ohne nachzufragen, wo wir
waren, bedeutete mir Ion, dass ich nach links abbiegen sollte. Ich
fragte nicht, wieso er wusste, dass es dort eine Abzweigung gab
und wir nicht geradewegs ins Maisfeld fuhren. Er hätte so oder so
erklärt, dass er es am Knirschen des Asphalts hörte oder so ähnlich.
Von weitem sah ich auch die leere Fabrikhalle, aber diesmal
ohne Kuh und auch ohne Störche, denn sie hatten ihr Nest auf
dem Schornstein aufgegeben oder sie inspizierten gerade ihre Besitztümer,
wie Mihai gesagt hätte. Nach einigen Kilometern kam
ein Dorf, schon wieder befahl Ion anzuhalten, sein Instinkt war
so sicher, als ob wir in seiner Wohnung wären und er bloß das
dritte Buch von links suchte. In der Dorfmitte war ein alter Lebensmitteladen,
so alt, dass die Alten, die davor standen, ihn
schon als Kinder gekannt haben mussten. Niemand hatte sich bemüht,
ihn frisch zu streichen oder zu erneuern. Über die alte
Farbe hatte man Coca-Cola geklebt. Durch eine Luke, nicht anders
als im Kurhaus, verkaufte eine Hand Eis, Bohnenkaffee oder
Mineralwasser. Die Kneipe nebenan war gepflegter, da wollte der
Besitzer das abendliche Besäufnis angenehmer machen. Jetzt aber
stand sie noch leer.
Manche Bauern lehnten an den Zäunen vor ihren Häusern,
wahrscheinlich waren im Holz schon Dellen von den vielen Jahren,
in denen ihre Schulter hineingedrückt hatten. Schulter und
Zaun passten hervorragend zueinander. Es war eine Art Zaun
nach Maß. Andere Bauern saßen auf Bänken, die breiten Hintern
alter Frauen oder die schmalen Hintern ihrer Enkelkinder. An den
Dellen, die eine Generation hinterlassen hatte, lehnte bereits die
nächste.
Diese Straße hier, die einzige gepflasterte, war die Spaziermeile
der Bauern, obwohl sie weder üppige Häuser noch breite
Plätze vor der Nase hatten. Wenn sie am Nachmittag vom Feld
kamen, die Kinder versorgt hatten, die Suppe aufs Feuer gesetzt
und die Tiere in den Stall gebracht hatten, gingen sie vor die eigenen
Häuser wie andere in die weite Welt. Es zog sie hinaus, obwohl
sie keine Wolkenkratzer sahen, sondern die immer gleichen
alternden Gesichter der Nachbarn und ihre verfallenden Häuser.
In einer Stadt wären sie die Flaniermeile entlangspaziert, und sie
hätten die feinen Menschen nachgeahmt. Sie hätten sich über die
fremden Düfte gewundert und den Gesprächen gelauscht, aber
sie hätten das wenigste verstanden. Denn es trennten die Bauern
und die Stadtmenschen nicht nur die Düfte, sondern auch die
Worte. Später wären sie in ihr Dorf zurückgekehrt und hätten
weiterhin unter der Geruchsglocke aus Misterde und Ausdünstungen
gelebt.
Eine Kuh war alleine nach Hause gekommen und wartete darauf,
dass man das Tor öffnete. Zwei Frauen diesseits und jenseits
des Zauns tauschten Nachrichten aus, und es waren doch nur die
Nachrichten von vorgestern. Ein alter Ochse zog mit letzter Kraft
ein voll beladenes Fuhrwerk, er zitterte, spannte jede Muskelfaser
an und riss die Augen auf. Aber dem Bauern war die Müdigkeit
des Ochsen egal, er peitschte ihn aus, bis sie in einem Hof verschwanden.
Die beiden waren ein unzertrennliches Paar, ein Paar
fürs Leben.
Ion drehte sich mehrmals nach links und rechts, schien eine
Fährte zu wittern, nicht anders hätte es ein Jagdhund gemacht.
»Sind wir an der Kreuzung mitten im Dorf?« »Ja.« »Haben wir
die Kneipe hinter uns?« »Ja.« »Dann müssen wir dort lang«, sagte
er und zeigte auf eine Schotterpiste, die sich in den Hügeln verlor.
Ich fing an, mich zu erinnern. An jener Kreuzung hatte auch
ich gestanden, hatte Schnaps oder Fusel im Laden gekauft und
war denselben Weg gegangen, den Ion jetzt vorschlug. Manchmal
wartete Mihai auf mich, und weil er nicht auf dem Trockenen
warten wollte, fügte er Flüssiges hinzu. Ich fand ihn dann im Zustand
allgemeiner Auflösung, aber bei dem langen Weg, den wir
noch gehen mussten, hoffte ich, dass er sich sammelte. Und so
war es auch. Je mehr er sich aufrichtete, desto schräger ging ich,
aber nicht vom Alkohol, sondern von der Müdigkeit. Nachdem
ich ihn am Anfang gestützt hatte, musste er auf den letzten Metern
aufpassen, dass ich nicht umkippte.

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