Der kurze Weg nach Hause von Catalin Dorian Florescu, 2002, Pendu

Catalin Doria Florescu

Mangalia
(Leseprobe aus: Der kurze Weg nach Hause, 2002, Pendo)

»Mama, sind die Herren im Wagen tot?« fragt das kleine Mädchen.

»Wieso denn tot?« antwortet die Mutter.

»Weil sie sich nicht bewegen. Und einer von ihnen hat ein Handtuch auf dem Gesicht. Wie Großvater, als er starb.«

»Kein Handtuch, Liebes. Ein weißes seidenes Taschentuch. Stell dir Großvater mit einem gewöhnlichen Handtuch vor. Da dreht er sich im Grab um.«

»Sind sie jetzt tot oder nicht?«

»Nein, tot sind sie nicht.«

»Was sind sie dann, wenn sie nicht tot sind?«

»Ganoven sind’s. Ganoven und besoffen. Schlafen ihren Rausch aus.«

»Was ist das, ein Ganove?«

»Ein Ganove ist jemand, der seinen Platz auf der Welt noch nicht gefunden hat.«

»Und sind wir auch Ganoven?«

»Wo denkst du denn hin? Nein, wir sind keine Ganoven.«

»Wieso haben diese Ganoven fremde Nummernschilder?«

»Ganoven gibt’s überall, nicht nur bei uns. Aber bei uns gibt’s mehr als sonst.«

»Und sie haben alle den Platz auf der Welt nicht gefunden?«

»Genau«, antwortet die Mutter.

»Mama, was bedeutet CH?«

»Nie gehört. Die Abkürzung paßt zu keinem Land, das ich kenne.«

»Gibt es überhaupt so ein Land?«

»Wenn es den Wagen gibt, wird es das Land dazu auch geben. Aber so, wie die aussehen, sind das Ganoven von hier, die das Auto vor einem teuren Hotel gestohlen haben.«

»Mama, was heißt das, seinen Platz auf der Welt finden?«

Ich nehme das Tuch vom Gesicht. Das Mädchen steht vor dem Wagen, schaukelt hin und her und starrt mich an. Es trägt ein rotes Kleidchen und Sandalen, ihre Haare sind zu einem Zopf geflochten, und als seine Mutter es am Arm faßt und wegziehen will, widersetzt es sich. Die Mutter ist nicht fett, doch die Schwangerschaft und das fettige Essen haben Spuren hinterlassen. Ich strecke meinen Kopf durch das heruntergekurbelte Fenster und rufe:

»Erzählen Sie Ihrer Tochter keine Lügengeschichten. Sonst hat sie später Angst vor Männern und bleibt zu Hause hocken wie die Henne auf ihren Eiern.«

Die Frau holt tief Luft, hebt eine Tasche mit Kartoffeln und Zwiebeln hoch, läuft aufs Auto zu und schleudert sie gegen die Windschutzscheibe. Einige Kartoffeln fallen heraus und beinahe auch die Augen der Frau aus ihren Höhlen.

»Das ist, weil du mich Lügnerin nennst. Und das«, sagt sie und holt zu einem zweiten Schlag aus, »weil du mein Kleines eine Henne nennst.«

Die Tasche fällt auf die Motorhaube, ich zucke zusammen, und die Kleine fängt zu weinen an. Luca, der bislang still neben mir gesessen hat, öffnet die Augen und reißt die Wagentüre auf. Er flucht auf italienisch. Die Frau versteht nichts, zuckt die Achseln, nimmt ihre Tochter bei der Hand und geht weg.

»Was wollte sie?« erkundigt er sich, nachdem er wieder eingestiegen ist.

»Nichts.«

»Und für nichts das Theater?«

»Sie sagte, wir seien Ganoven.«

»Was wir nicht sind.«

»Eben.«

»Wir tun es, oder?« fragt er.

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