Mütterlicherseits von Helene Flöss, 2010, Edition LaurinHelene Flöss

Mütterlicherseits
(Leseprobe aus:
Mütterlicherseits, Roman, 2010, Edition Laurin).

Gern sieht sie sich mit Mutter durch den Schnee stapfen. Die Flocken fallen so unbestimmt als Gewirbel, als kennten sie sich nicht recht aus hier unten. Als hätten sie sich verfehlt und wären unvorsichtigerweise gedankenlos dem Himmel entlaufen und wüssten jetzt nicht, wo sie drauffallen sollen und möchten am liebsten wieder umkehren. Lilís Hand in Mutters Manteltasche. Wie in einem Nest. Hand in Hand können sie ja nicht gehen. Mutter schiebt die ihre unter die Gurten des Buckelgestells, unter das Leder, das tief in die Schultern schneidet. Auf Mutters genopptem Mantel glitzernde Tropfen. Auf jeder Noppe einer. Unzählige. Mit dem Wechsel des Aluminiumköfferchens wechselt Lilí die Hand in Mutters Manteltasche. Dabei läuft sie hinter ihrem Rücken auf die linke oder die rechte Seite. Wirbelt große Wolken Schnees auf. Mutter lässt für einen Augenblick den Gurt ihrer Trage aus. Hilft Lilís Hand in den weichen, warmen Schlitz.

Die Augen voll Eishimmel. Vor dem gleißenden Spiegeln die Augen zusammenkneifen.

Und dann mit Mutter ans Meer. Den Strand entlang gehen. Das Wasser ist schwarz, wirft Säume und Falten aus Seide. Lilí wartet auf die Wellen, die ans Ufer schmeicheln. Sie tragen ab und zu ein Wort davon.

Das Meerblau. Das Himmelblau. Lilís Lieblingsfarbe. Und heute das Blau endlich einmal blau genug. Und warum jetzt nicht ein bisschen ins Meer weinen.

Eine Möwe trippelt den Strand entlang. Bleibt stehen, als sei ihr ein gewichtiger Gedanke eingefallen. Läuft dann schreiend davon. Fliegt wieder auf Lilí zu. Wieder von ihr fort. Und kreischt es in die Luft hinein, wie viele Meter sie bis zu ihr braucht, wie viele von ihr weg.

Der Horizont wie ein eiliger Fahrer von einem, der gleich Feierabend hat und den Pinsel wegwerfen will.

Und mit einem Mal ist die Frage da, wie es denn sei, wenn es aufs Meer schneit. Keiner weiß eine Antwort. Es macht Lilí arg nervös. Bis sie sich damit zufrieden gibt, dass das Meer den Schnee schluckt. Es muss so sein. Wo kämen sonst diese sehr weißen Vögel her, die immer so selig sind, mit den Flügeln schlagen, als wollten sie die Welt beklatschen. Deren Schwingen im Näherkommen rauschen, als schütte einer Zucker aus einem Stanitzel. Und Lilí schaut ihnen nach. Und kommt aus dem Tritt. Und strauchelt mit ihrem Kopf in der Luft. Und die Vögel locken und fordern Gesellschaft. Und sie torkelt ganz schräg weiter als hinge sie an einer Kordel und schaukle durch die Welt. Auch lange nach Sonnenuntergang noch, auch noch im Zwielicht die Vögel. Sie blättern noch einmal ihr Notenheft um, sind noch nicht durch mit ihrem Exerzieren.

Lilí schaut auf die Fußspuren im Sand. Irgendwer hinter ihnen beiden schüttet Wasser voller Abendrot hinein, bevor der Mond sichelnd in die Lache fährt. Dann schwimmt er wieder hinter den Wolken durch

den Himmel. Und ein sanfter Wind atmet auf die Lache. Und das Abendrot spielt mit und tanzt einen Reigen und zittert vor Freude. Lauter sehnsuchtsfarbene Stunden und kein Ende.

Die Wege sind alle sanft. Sie ziehen Scheitel über die Hügel. Auf den Hügeln recken sich Bäume, als hätten Glasbläser sie erschaffen. Dann schnellt ein Ast in die Höhe, man weiß nicht, warum. Der weiße Puder zerstäubt auf Lilís Kopf. Krähen hüpfen zögerlich auf, als hätten sie zuerst einen Entschluss nötig. Hüpfen beidbeinig.

Lilí liest das Geläuf im Schnee. Die Fährten hurtigen verstohlenen Lebens.

Rezension I Buchbestellung I home II10 LYRIKwelt © Edition Laurin