Der letzte Grieche von Aris Fioretos, 2011, Hanser

Aris Fioretos

Der letzte Grieche
(Leseprobe aus:
Der letzte Grieche, Roman, 2011, Hanser - Übertragung Paul Berf).

HIMMELSSTRASSE.

Gründe für Jannis’ Abschied von seinem

Heimatdorf gab es viele, den Ausgangspunkt aber bildete ein Ereignis

drei Jahre bevor er in den Überlandbus stieg. Mit launischen

Winden und überraschenden Niederschlägen war es in jenem Jahr

früh Herbst geworden. Eines Nachts stürzte im Stall der Familie

das Dach ein. Die Tiere blieben unverletzt, allerdings wurde der

Holzkühlschrank, den Jannis übernommen hatte, als der Kaffeehausbesitzer

sich endlich einen aus Metall leisten konnte, beschädigt.

Mörtel rann in reißenden Schmutzwasserbächen davon, die

Plastikplane, die Jannis festnagelte, half nur bedingt. Seine Mutter

behauptete, schuld an dem Unglück seien die Versuche ihres

Sohns, die Niederschläge zu disziplinieren, und deutete an, der

Kühlschrank habe bei den Wettergöttern den Geduldsfaden reißen

lassen. Am Ende war er ihre Litaneien so leid, dass er die örtliche

Wahrsagerin aufsuchte. Die alte Frau Poulias schüttelte den

Kopf. Vermutlich »spielten« die höheren Mächte nur, obwohl es

sicherlich nicht schaden könne, in alle vier Himmelsrichtungen zu

spucken und Beschwörungsformeln zu murmeln. Da Jannis sich

nicht auf seine Fähigkeit verlassen mochte, die Mutter oder die

Götter gnädig zu stimmen, stellte er den Kühlschrank sicherheits-

halber unter den Mandelbaum. Er wollte kein Risiko eingehen.

Wenn die Dachbalken nicht wieder aufgerichtet und keine Dachziegel

verlegt wurden, würden die Stallwände früher oder später

nachgeben.

Deshalb saß er an diesem Freitagmorgen ausnahmsweise an

dem filzbezogenen Tisch im kafeníon des Dorfs. Zu seiner Linken

thronte Thanassis Tsoulas, der den Weinhandel seines Vaters übernommen

hatte und in der näheren Umgebung Land aufkaufte.

Ihm wurde eine politische Karriere prophezeit. Zu seiner Rechten

saß bárba Pippis, der gerade Wasser in seinen Ouzo goss. Die Prozedur

wurde mit der gleichen Umständlichkeit ausgeführt, die seine

Kunden im Lebensmittelgeschäft meckern ließ, die Waren würden

schon vergammeln, noch ehe der Alte kassiert habe. Ihnen gegenüber

hielten die beiden Bulgaren des Dorfs abwechselnd die Karten.

Eines Frühlingstages hatten sie mit irren Augen, aber wild entschlossen,

auf dem Marktplatz gestanden. Wie es ihnen gelungen

war, über die Grenze zu kommen, konnte sich niemand erklären,

am allerwenigsten sie selbst. Wahrscheinlich hatten sie die Berge

an einer Stelle überquert, an der dem Vernehmen nach selbst Ziegen

nicht mehr weiterkamen. Seither wurden Vasil und Bogdan

von Tsoulas, der als Einziger das nötige Geld hatte, um ihre Fertigkeiten

zu nutzen, wie Vieh behandelt. Ihr Lohn reichte mit knapper

Not für Lebensmittel und Zigaretten. Zum Ausgleich durften

sie sich das Motorrad des Weinhändlers ausleihen, ein ehemaliges

Militärfahrzeug, mit dem sie Ouzo und Tabak in ihr Heimatland

schmuggelten. Ihrer Verzweiflung nach zu urteilen lief der

Handel jedoch nicht so schwunghaft wie gewünscht, denn nun

wollten die beiden ihr Einkommen mit den Karten erhöhen und

verspielten es dabei. Irgendetwas in Jannis schreckte davor zurück,

dem Blick dieser Männer zu begegnen – nicht weil sie anders waren,

das waren sie abgesehen von Sprache und Zahnpflege nicht,

sondern weil es schmerzlich war, das Zügellose in ihren Augen zu

sehen. Tsoulas, der gegen Mitleid immun zu sein schien, meinte

dagegen, mitgefangen, mitgehangen, das gelte auch, wenn man

dünn wie Piniennadeln brachte. Jannis selbst empfand Scham,

was ausnahmsweise ein produktives Gefühl war an diesem Morgen,

denn es hinderte ihn daran, zu überdenken, was er da eigentlich

machte.

Es war kurz nach fünf. Die Männer spielten seit mittlerweile

sechsunddreißig Stunden. Die Luft war metallisch, die Gesichter

von Alkohol und Schlafmangel blass. Am Mittwoch hatte man mit

frisch gedrehten Zigaretten und sauberen Hemden begonnen. Am

Tag darauf hatte man erst eine Pause für ein Frühstück und danach

für das Mittagessen und die Siesta weitere Pausen eingelegt. Bei

letzterer verschwand einer der Bulgaren. Als er zurückkehrte –

frisch rasiert, in einer Wolke aus Old Spice –, legte er eine Schachtel

Zigaretten auf den Tisch und steckte gleichzeitig etwas in die Tasche

seines Freundes. Die Mitspieler nahmen an, dass es sich um

die letzten Geldreserven der Männer handelte. Wahrscheinlich

hatten sie das Geld in einer Büchse in irgendeiner Felsspalte versteckt.

Am Abend machte man erneut eine Pause, diesmal, weil

Stella Stefanopoulos mit ihrem neugeborenen Kind ihren Bruder

besuchte. Sie wohnte inzwischen in Achladochóri. Wer an den

Säugling heran kam, kniff das Kind in die Wange und sprach

Glückwünsche aus. Nur Jannis schwieg, vor allem als Stella durchblicken

ließ, dass sie nicht verstand, warum er sich in einem Kaffeehaus

befand und nicht bei Efi ...

Die Zeit ging und verging und schließlich war es Viertel nach

fünf. Von der summenden Neonröhre abgesehen herrschte Grabesstille.

Jannis hatte verhältnismäßig sicher und vorsichtig gespielt

und verhältnismäßig sicher und vorsichtig verloren. Trotzdem

hatte er einen Rückstand von hundert Streichhölzern. Mit

einem hohen Einsatz würde sich der Verlust ausgleichen lassen,

mit einem echten Gewinn war nicht mehr zu rechnen. Obwohl

schon zwanzig, dreißig Hölzchen die verrückten Hoffnungen aufwiegen

würden, die ihn dazu verleitet hatten, an diesem Tisch

Platz zu nehmen. Er wusste, dass sich das Wetter nicht bändigen

ließ, aber mit einer ordentlichen Plane, finanziert durch einen passenden

Spielgewinn, würde das vielleicht auch gar nicht nötig

sein.

Vorsichtig hob er die Karten an. Seit Stella sich wieder aufgemacht

hatte, war er zum ersten Mal überzeugt, das Richtige getan

zu haben, indem er sitzen blieb. Er spürte, wie das Blut in seinen

Adern bebte und zu kitzeln begann. Sein Brustkorb weitete sich,

die Oberschenkelmuskeln spannten sich maskulin an. Pik sieben,

Pik fünf, Kreuz zwei, Pik vier und ... Pik sechs. Fast eine perfekte

Straße. Mit etwas Beistand vom Glück, das anderweitig beschäftigt

gewesen war, als er dreißig Streichhölzer mit nahezu todsicheren

Karten verloren hatte, würde er die begehrenswerte acht bekommen.

Jannis schob fünf Streichhölzer in die Mitte und bat um eine

Karte. Bárba Pippis hielt drei Finger hoch, Vasil warf auf Anraten

Bogdans alle Karten von sich und zeigte mit gespreizter Hand an,

was die Männer brauchten. Tsoulas begnügte sich mit drei. Vermutlich

hatte er genau wie der stumme Alte ein Paar auf der Hand.

Jannis streckte die Arme über den Kopf. Seine Augen schmerzten,

die Luft schien von einer Kuh wiedergekäut worden zu sein. Trotzdem

fühlte er sich sicher, fast leichtsinnig: Sämtliche Fasern in seinem

Körper verkündeten, dass er die Acht bekommen würde.

Vielleicht flößte der Alkohol ihm diesen Glauben ein, vielleicht

auch Stella, die wehmütig gelächelt hatte, als er ihren Blick suchte.

Auch wenn er normalerweise nicht trank, nippte er doch an seinem

Ouzo, der regelmäßig aufgefüllt wurde. Ein paar Spritzer Wasser

verwandelten die Flüssigkeit in eine weniger gefährliche Wolke.

Inzwischen waren ansehnliche Mengen Alkohol in seinem Körper

gelandet. Leichtfertige Träume schwammen auf der schimmernden

Flüssigkeit. Aber Jannis konnte kaum damit rechnen, dass

seine Inspiration ewig währte. Schon bald würden sich die Träume

erneut in Gelatine verwandeln und er tun, was er tun wollte, seit

Tsoulas ihm erklärt hatte, die makedonischen Berge lehrten ihre

Bewohner, kein Erbarmen zu zeigen: die Knie an die Brust ziehen

und sich in sich selbst kehren. Noch lag er jedoch zurück und

konnte nur die Flucht nach vorn antreten, in die unkontrollierbare

Welt hinein und in der Hoffnung, wieder den festen Boden unter

den Füßen zu finden, den er anderthalb Tage zuvor aufgegeben

hatte. Seit Stella sie wieder verlassen hatte, spielte er deshalb schroff

und entschlossen, in Erwartung eines Blatts, das sich nur einstellen

würde, wenn er den Erwartungen trotzte. Und nun schien es

endlich da zu sein. Er benötigte nur noch eine Pik acht. Wie groß

war das Risiko, dass ein anderer eine höhere Straße in einer

Farbe bekommen würde ? Mit Sicherheit kleiner, als dass jemand auf allen

Assen saß.

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