St.Pauligeschichte von Hubert Fichte, 2006, Transit

Hubert Fichte

St. Pauligeschichte
(Leseprobe aus: St.Pauli-Geschichte, 2006, Transit-Verlag, Hrsg. von Wilfried F. Schoeller)

»Nur eine Skizze, nur ein Steinchen aus dem großen Mosaik eines halbgeschriebenen, unendlichen Romans, der mein Leben behandelt, – den mein Le-ben formt. Einige Gedanken auch zu den großen Themen Asozialität, Liebe, Verzweiflung und Würde – eine Entgegnung auf das Enfant Criminel von Jean Genet und auf die Sätze Gabriel Marcel’s.«

Davidstraße. – Über der Elbe ein Dunstlicht von Werften und Schiffen. – Eine Frau zieht vorbei; drei Katzen und fünf Hunde hält sie an kleinen Zügeln. – Der Duft des Flußwassers weht heran. Doch ich will nicht zum Strom hinunter. Um diese Zeit breitet sich am diesseitigen Ufer eine graue, – schwarze, – schwerblaue Einsamkeit zwischen Häuser und Gerüste. – Ich kehre dem Hafen den Rücken –, ich schlage auch nicht den Weg zum Pinnasberg ein, mit den vertrauten und unheimlichen Schenken und schlendre sogar an dem freundlichen Konditorladen voll billiger, kranker Mädchen vorüber.
Mich erfüllt ein unerträglicher Durst in der lauen Vergnügungsunruhe.
Die Lichter der Reeperbahn zucken auf, zittern, – verlöschen und blitzen heftiger wieder hervor. – Eine gleißende, bonbongetönte Fuge.

Ich gehe in die „Lorelei“. Neulich bei meinem nächtlichen Streifzug durch homosexuelle Lokale habe ich sie ausgelassen.
Auf den Tischen stehen Getränkekarten; das Bier hier ist nicht teurer als in jeder gewöhnlichen Kneipe. Es fehlt jener peinliche Geruch der Vereinskrämerei, welcher sich in gewissen Bars schon durch die teuren Getränkepreise aufdrängt.
Auf den zweiten Blick entdecke ich einen prominenten Buchhändler der Hansestadt. Wir begrüßen uns distanziert.
Arbeiter sonst. –
Sie trinken ihr Bier und sehen sich tief in die Augen. An der Theke lehnen sie dicht nebeneinander. – Ich kann ihnen wohl ansehen, daß sie „so“ sind. Dennoch wirken sie natürlich, unauffällig, einfach. Vielleicht sind sie nur ein wenig sentimentaler, als sie es sonst wären.

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