Es ist etwas faul von Jasper Fforde, 2006, dtv

Jasper Fforde

In der Heimat
(Leseprobe aus: Es ist etwas faul, Roman, 2006, dtv - Übertragung Joachim Stern)

Swindon im ehemaligen Königreich Wessex ist der Ort, wo ich geboren bin und wo ich gelebt habe, ehe ich nach London ging, um LiteraturAgentin bei SpecOps zu werden. Zehn Jahre später kehrte ich nach Hause zurück und heiratete meine Jugendliebe Landen Parke-Laine. Aber dann wurde er von den ChronoGarden genichtet. Damit wollte die Goliath Corporation mich erpressen. Der Plan funktionierte: Ich habe diesen Gangstern geholfen – aber meinen Ehemann kriegte ich nicht wieder. Seinen (und meinen) Sohn habe ich merkwürdigerweise behalten – das war eine dieser paradoxen Geschichten, die Zeitreisende wie mein Vater verstehen, ich aber nicht. Inzwischen waren zwei Jahre vergangen. Landen war immer noch tot, und wenn ich nicht bald etwas dagegen unternahm, blieb er womöglich für immer in diesem Zustand.

Thursday Next,
Ein Leben für SpecOps

Zwei Wochen später, an einem hellen Julimorgen, stand ich mit einem Kleinkind, zwei Dodos, dem Prinzen von Dänemark, einem neuen Haarschnitt und einem ängstlichen Herzen an der Ecke Broome/Manor Lane in meiner Heimatstadt Swindon. Direkt gegenüber, auf der anderen Straßenseite, stand das Haus meiner Mutter. Der GattungsRat hatte meinen Rücktritt gar nicht gut aufgenommen. Genauer gesagt: Sie hatten ihn gar nicht erst akzeptiert, sondern mir stattdessen einen unbegrenzten Urlaub gegeben. Sie äußerten mehrfach die Hoffnung, ich würde bald wieder zurückkehren, falls die Wiederherstellung meines Ehemanns sich »nicht einrichten« ließe. Sie ließen außerdem durchblicken, ich könnte mich vielleicht mit dem entlaufenen Fiktionauten Yorrick Kaine befassen, mit dem ich mich schon in der Vergangenheit hatte herumschlagen müssen.
Hamlet war eine Last-Minute-Entscheidung des GattungsRates gewesen. Er war schon seit langem darüber beunruhigt, dass er im Außenland als »Zauderer« galt, und hatte einen Erkundungsurlaub beantragt, um selbst nach dem Rechten zu sehen. Das war insofern nicht ungewöhnlich, als sich besonders die Hauptfiguren der Belletristik zunehmend für ihre Wahrnehmung in der Öffentlichkeit interessierten, aber meist beschränkte sich dieses Image-Bewusstsein auf die BuchWelt, und der GattungsRat versuchte diese psychologischen Probleme so weit wie möglich zu ignorieren. Aber da Hamlet nun einmal der absolute Star des Shakespear’schen Werks war und in diesem Jahr erneut seinem Erzrivalen Heathcliff den BuchWeltPreis für den besten Schwierigen Liebhaber hatte überlassen müssen, war der GattungsRat zu der Überzeugung gelangt, man müsse ihm etwas Gutes tun. Außerdem hatte Jurisfiktion ihn schon seit Monaten vergeblich als Agenten für den Bereich Elisabethanisches Drama anzuwerben versucht, weil sich Falstaff aus »gesundheitlichen Gründen« vom Dienst verabschiedet hatte. Die Reise ins Außenland, dachte man, könnte ihm die Sache vielleicht irgendwie schmackhafter machen.
»’s ist eigenartig!«, murmelte er und starrte abwechselnd die Sonne, die Bäume, die Häuser und den Verkehr an. »Man brauchte eine Rhapsodie von wirblicht wilden Worten, um all das zu beschreiben, was ich hier erblicke!«
»Sie werden Englisch reden müssen, da draußen.«
»All dies«, erklärte Hamlet und wedelte mit der Hand in Richtung der unscheinbaren Vorortstraße, »bedürfte etlicher Millionen Worte, um richtig wiedergegeben zu werden.«
»Sie haben recht«, sagte ich. »Aber das ist ja gerade der Charme der literarischen ÜbertragungsTechnologie. Ein halbes Dutzend Wörter genügt, um ein Bild heraufzubeschwören. Wenn man ehrlich ist, muss man zugeben, dass der Leser die Arbeit fast gänzlich allein macht.«
»Der Leser? Was hat denn der damit zu tun?«
»Nun, jede Interpretation eines Ereignisses, eines Schauplatzes oder einer Figur in der BuchWelt hängt von den Erfahrungen ab, die der Leser an die Beschreibung derselben heranträgt. Sie ist in jedem Fall einzigartig und unverwechselbar, denn der Leser oder die Leserin bekleiden diese Beschreibung mit der Erinnerung an das, was sie selbst schon erlebt haben. Jede Figur, die ihnen in der Literatur begegnet, wird so zu einer Mischung aus Personen, die sie aus der Wirklichkeit oder aus anderen Werken schon kennen. Erst dadurch gewinnen sie ihre Realität. Die bloßen Buchstaben auf der Seite allein könnten das gar nicht leisten. Und weil jeder Leser unterschiedliche Erfahrungen hat, ist jedes Buch einzigartig für jeden Leser.«
»Das heißt aber auch«, sagte der Däne und dachte angestrengt nach, »dass eine komplexe und scheinbar widersprüchliche Figur und ein komplexer und widersprüchlicher Leser eine größere Anzahl von Interpretationen hervorbringen als schlichte Naturen, nicht wahr?«
»Aber ja. Ich würde sogar behaupten, dass ein Buch jedes Mal anders und neu ist, wenn man es neu liest. Die Erfahrungen, die man gemacht hat, haben sich nämlich verändert – oder man ist ganz einfach in anderer Stimmung.«
»Das erklärt natürlich, warum mich niemand versteht. Selbst nach vierhundert Jahren weiß immer noch keiner, was mich ¬eigentlich antreibt.« Er unterbrach sich und seufzte gedankenschwer. »Und das gilt leider auch für mich selbst. Man könnte denken, ich wäre gläubig, nicht wahr? Weil ich zum Beispiel meinen Onkel nicht abstechen will, während er betet und so.«
»Natürlich.«
»Das dachte ich auch lange. Aber warum sag ich dann solche atheistischen Sachen wie: An sich ist nichts gut oder böse, das Denken macht es erst dazu?«
»Soll das heißen, Sie wissen es nicht?«
»Hören Sie, ich bin genauso ahnungslos wie alle anderen.«
Ich starrte Hamlet verblüfft an, und er zuckte die Achseln. Ich hatte gehofft, ich würde etwas über die Widersprüche in seinem Stück von ihm erfahren, aber jetzt war ich mir gar nicht mehr sicher.
»Vielleicht mögen wir das Stück deshalb«, sagte ich schließlich. »Jedem seinen eigenen Hamlet.«
»Na ja«, schnaubte der Däne unglücklich. »Mir ist es ein Rätsel. Glauben Sie, dass eine Therapie helfen würde?«
»Da habe ich ernsthafte Zweifel. Hören Sie, wir sind jetzt fast zu Hause. Denken Sie dran: Für alle außerhalb der Familie sind Sie... Wer sind Sie?«
»Ihr Cousin Eddie.«
»Sehr gut. Kommen Sie!«

Das Haus meiner Mutter in Swindon war von einem großen Garten umgeben, aber lediglich meine enge Verbundenheit mit dem Anwesen verlieh ihm seine emotionale Bedeutung. Ich hatte hier meine ersten achtzehn Lebensjahre verbracht, und alles an der alten Bude war mir vertraut. Das galt ebenso für den Kirschbaum, von dem ich heruntergefallen war, wie für den Gartenweg, auf dem ich Dreiradfahren gelernt und mir das Schlüsselbein gebrochen hatte. Es war mir früher nie aufgefallen, aber die Anhänglichkeit an eine vertraute Umgebung wächst mit dem Alter. Das alte Haus schien mir freundlicher und wärmer als je zuvor.
Ich holte tief Luft, nahm meinen Koffer und schob den Buggy über die Straße. Mein Dodo Pickwick watschelte hinter mir her, und ihr ungezogener Sohn Alan folgte ihr unwillig.
Ich klingelte, und kurz darauf kam ein leicht übergewichtiger Pfarrer mit Brille und kurzem Haar an die Tür.
»Ist das etwa... mein kleiner Doofus?«, sagte er, als er mich sah, und fing an zu strahlen. »Bei GSG, es ist Doofus!«
»Grüß dich, Joffy. Lange nicht mehr gesehen.«
Joffy war mein Bruder, Pfarrer in der Kirche der Globalen Standard-Gottheit. Alle Meinungsverschiedenheiten, die wir früher reichlich gehabt hatten, waren inzwischen vergessen. Ich freute mich, ihn zu sehen.
»Hoppla!«, sagte er. »Was ist denn das?«
»Das ist dein Neffe Friday«, erklärte ich ihm.
»Donnerwetter!«, sagte Joffy, machte Fridays Gurt auf und hob ihn aus dem Buggy. »Stehen seine Haare immer so hoch?«
»Das sind wahrscheinlich Überreste vom Frühstück.«
Friday starrte Joffy einen Augenblick an, dann nahm er die Finger aus dem Mund und rieb sie an seinem Gesicht. Er steckte die Hand zurück in den Mund und hielt Joffy seinen Teddybär hin. Der Teddy hieß Poley, denn es handelte sich um einen Eisbären.
»Irgendwie niedlich, der Kleine«, sagte Joffy, schwenkte Friday ein bisschen herum und ließ ihn an seiner Nase ziehen. »Bloß etwas... klebrig. Kann er schon reden?«
»Er redet nicht viel. Er denkt sehr viel nach.«
»Genau wie Onkel Mycroft. Was ist mit deinem Kopf passiert?«
»Redest du von meinem Haarschnitt?«
»Ach so, das ist ein Haarschnitt«, murmelte Joffy. »Ich dachte schon, du hättest die Ohren tiefer gelegt oder so ähnlich. Ist das nicht ein bisschen... extrem?«
»Ich musste für Jeanne d’Arc einspringen. Gar nicht so einfach, Ersatz für die Dame zu finden.«
»Das kann ich mir vorstellen«, sagte Joffy und betrachtete nachdenklich meine Suppenschüssel-Frisur. »Lass doch gleich alles abrasieren und fang noch mal von vorn an.«
»Das ist Hamlet«, sagte ich, damit sich der Prinz nicht ausgeschlossen fühlte. »Aber der ist incognito da, also erzähle ich allen Leuten, er wäre mein Vetter Eddie.«
»Ich bin Joffy«, sagte Joffy, »der Bruder von Thursday.«
»Hamlet«, sagte Hamlet, »Prinz von Dänemark.«
»Däne sind Sie?«, sagte Joffy erschrocken. »Das würde ich lieber niemand erzählen.«
»Warum?«
»Hallo, Liebling!«, rief meine Mutter, die hinter Joffy auftauchte. »Du bist wieder da! Du meine Güte! Was hast du denn für Haare?«
»Das ist der Jeanne-d’Arc-Stil«, erklärte mein Bruder. »Derzeit sehr in Mode. Märtyrer kommen gut auf dem Laufsteg. Erinnerst du dich nicht an die letzte Ausgabe von Femole mit dem Edith Cavell/Tolpuddle-Look auf dem Cover?«

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