|
|
Thursday Next
(Leseprobe aus: Der Fall Jane Eyre,
2003, dtv - Übertragung
Joachim Stern)
...
Das Special Operations Network wurde zur Durchführung polizeilicher Maßnahmen
ins Leben gerufen, die entweder als zu ungewöhnlich oder aber zu speziell
erachtet wurden, um von den regulären Einsatzkräften bewältigt zu werden. Es
gliedert sich in insgesamt dreißig Teilbereiche, von der eher profanen Sektion
Nachbarschaftskonflikte (SO-30) über die sogenannten Literatur Agenten (SO-27)
bis zur Abteilung Kunst Verbrechen (SO-24). Die Wirkungsbereiche der Sektionen
SO-i bis SO-20 unterliegen strengster Geheimhaltung, obgleich allgemein bekannt
ist, daß die ChronoGarde als SO-12 und die Einheit TerrorBekämpfung als SO-9
firmieren. Gerüchten zufolge überwacht die Abteilung SO-1 ihrerseits die
SpecOps. Über die Aufgaben der übrigen Sektionen ist so gut wie nichts
bekannt. Fest steht nur, daß sich das Personal zumeist aus ehemaligen Soldaten
oder Polizeibeamten mit leichten psychischen Defekten rekrutiert. »Wer zu den
SpecOps will«, so eine Redensart, »muß schon ein paar Schrauben locker
haben...«
Miuon de Floss
- Eine kurze Geschichte des Special Operations Network
Mein Vater hat ein Gesicht, das eine Uhr stoppen kann. Nicht daß er häßlich
gewesen wäre; nein, mit diesem Ausdruck bezeichnet die ChronoGarde Personen,
die in der Lage sind, den reißenden Zeitstrom sozusagen in ein zäh dahintröpfelndes
Rinnsal zu verwandeln. Dad hatte als Colonel in der ChronoGarde gedient und
seine Arbeit stets geheimgehalten. So geheim, daß wir von seinem Abgang erst
erfuhren, als seine Chrono-Kollegen eines Morgens mit einem unbefristeten,
allzeit gültigen Haft- & Eliminationsbefehl in unsere Behausung einfielen
und wissen wollten, wo und wann er steckte.
Seither ist mein Vater auf der Flucht; bei seinen späteren Besuchen teilte er
uns lediglich mit, daß er den gesamten ChronoDienst für »moralisch und
historisch korrupt« halte und einen Kampf als Ein-Mann-Guerrilla gegen die Bürokraten
im Ministerium für Zeitstabilität zu führen gedenke. Ich habe bis heute nicht
begriffen, was er damit meinte; ich konnte nur hoffen, daß er wußte, was er
tat, und dabei nicht zu Schaden kam. Dafür, daß er die Uhr anhalten kann, hat
er ein großes Opfer gebracht: Er ist jetzt ein einsamer Wanderer zwischen den
Zeiten, der nicht nur einer, sondern allen Epochen gehört und dessen einziges
Zuhause der chronoklastische Raum ist.
Ich war nicht bei den ChronoGarden und hatte diesbezüglich auch keinerlei
Ambitionen. Nach allem, was man hört, gibt es dort nicht viel zu lachen, obwohl
man angeblich sehr gut verdient und das Amt seinen Mitarbeitern eine traumhafte
Pension in Aussicht stellt: eine Fahrt an jeden Ort der Welt in jeder gewünschten
Zeit (nur Hinfahrt). Nein, das war nichts für mich.
Ich war eine sogenannte »Ai-Agentin« in den Diensten von SO-27, der Sektion
LiteraturAgenten (LitAgs) des Special Opera' tions Network mit Hauptsitz in
London. Das ist nicht halb so aufregend, wie es sich anhört. Seit 1980 drängten
die großen Verbrecherbanden auf den lukrativen Literaturmarkt, und wir waren
notorisch überarbeitet und unterfinanziert. Ich war Bereichsleiter Boswell
zugeteilt, einem aufgeblasenen Zwerg, der wie ein Mehlsack mit Armen und Beinen
aussah. Er lebte einzig und allein für seine Arbeit; Wörter waren seine große
Leidenschaft - für ihn gab es nichts Schöneres, als einem kopierten Coleridge
oder falschen Fielding nachzuspüren.
Unter Boswells Leitung machten wir die Bande dingfest, die mit gestohlenen
Samuel-Johnson-Erstausgaben handelte; ein andermal vereitelten wir den Versuch,
eine groteske Fälschung von Shakespeares verschollenem Cardenio zu
authentifizieren. Was streckenweise zwar recht amüsant war, letztlich aber doch
nichts weiter als Oasen im öden, tagtäglichen Einerlei von SO-27: Meistens
schlugen wir uns mit Hehlern, Betrügern und Raubdruckern herum.
Ich arbeitete seit acht Jahren für SO-27 und teilte mir in Maida Vale eine
Wohnung mit Pickwick, einem zahmen, zurückgezüchteten Dodo, der noch aus
Zeiten stammte, als Evolutionsumkehr der letzte Schrei war und man
Do-It-Yourself-Klon-Kits an jeder Ecke kaufen konnte. Ich wollte - nein, ich mußte
- unbedingt weg von den LitAgs, doch Versetzung war ein Fremdwort, und eine Beförderung
kam nicht in Frage. In den Rang eines Inspektors konnte ich nur dann aufsteigen,
wenn mein direkter Vorgesetzter Karriere machte oder sich zur Ruhe setzte. Aber
dazu kam es nicht; Inspektor Turners Hoffnung, ihrem Traummann zu begegnen, der
sie ehelichte und von dessen Geld sie leben konnte, zerschlug sich immer wieder,
weil ihr Traummann entweder trank, log oder schon vergeben war.
Wie gesagt, hatte mein Vater ein Gesicht, das eine Uhr stoppen konnte; und genau
das tat es denn auch, als ich eines schönen Frühlingsmorgens in einem kleinen
Cafe unweit meiner Arbeitsstelle saß und ein Sandwich vertilgte. Die Welt
flackerte, bebte kurz und blieb stehen. Der Besitzer des Cafes erstarrte mitten
im Satz, und das Bild auf dem Fernsehschirm gefror. Vögel hingen bewegungslos
am Himmel. Autos und Straßenbahnen hielten schlagartig an, und ein in einen
Unfall verwickelter Radfahrer hing mit angstverzerrter Miene einen guten halben
Meter über dem Asphalt in der Luft. Auch die Geräusche brachen ab; an ihre
Stelle trat die matte Momentaufnahme eines anhaltenden Summtons, der mit
gleichbleibender Lautstärke die Welt füllte.
»Na, wie geht es meiner hinreißenden Tochter?«
Ich drehte mich um. Mein Vater saß an einem Tisch und stand auf, um mich
liebevoll zu umarmen.
»Gut«, antwortete ich und drückte ihn.
»Wie geht es meinem Lieblingsvater?«
»Ich kann nicht klagen. Die Zeit ist eine hervorragende Ärztin.«
Ich starrte ihn einen Moment lang an. »Weißt du, was?« murmelte ich. »Ich
habe den Eindruck, du wirst von Mal zu Mal jünger.«
»Werde ich auch. Irgendwelche Enkelkinder in Aussicht?« »Bei meinem
Lebenswandel? Nie und nimmer.« Mein Vater zog lächelnd eine Augenbraue hoch.
»Da wäre ich mir an deiner Stelle nicht so sicher.« Er reichte mir eine
Wool-worth-Plastiktüte.
»Ich war neulich in '78«, verkündete er, »und habe dir was mitgebracht.«
Die Tüte enthielt eine Beatles-Single. Der Titel sagte mir nichts. »Haben die
sich nicht schon 1970 aufgelöst?« »Nicht immer. Was macht die Kunst?«
»Nichts Besonderes. Echtheitszertiflkate, Urheberrechtsverstöße, Diebstahl...«
»... immer derselbe Mist, ja?«
»Ja.« Ich nickte. »Immer derselbe Mist. Was fuhrt dich her?« »Ich habe
deine Mutter in drei Wochen besucht«, antwortete er mit einem Blick auf den großen
Chronographen an seinem Handgelenk. »Aus den - ähem - üblichen Gründen. Nächste
Woche will sie das Schlafzimmer mauve streichen - würdest du bitte mit ihr
sprechen und ihr das ausreden? Die Farbe paßt nicht zu den Vorhängen.«
»Wie geht's ihr?« Er seufzte schwer.
»Bestens, wie immer. Mycroft und Polly lassen auch schön grüßen.«
Polly und Mycroft waren meine Tante und mein Onkel; ich liebte sie sehr, obwohl
sie den einen oder anderen Sprung in der Schüssel hatten. Besonders Mycroft
fehlte mir. Ich war schon seit Jahren nicht mehr zu Hause gewesen.
»Deine Mutter und ich würden uns freuen, wenn du mal wieder vorbeikämst. Sie
findet, du nimmst deine Arbeit zu ernst.« » Das mußt du gerade sagen, Dad.«
»Autsch, das hat gesessen. Wie steht's mit deinen Geschichtskenntnissen?«
»Es geht.«
»Weißt du, wie der Herzog von Wellington starb?«
»Logisch«, antwortete ich. »Er wurde gleich zu Beginn der Schlacht von
Waterloo erschossen. Von einem französischen Scharfschützen. Warum fragst du?«
»Ach, nur so«, brummte mein Vater mit Unschuldsmiene und kritzelte etwas in
sein Notizbuch. Er zögerte einen Moment.
»Dann hat Napoleon die Schlacht also gewonnen!« fragte er zweifelnd.
»Unsinn«, widersprach ich. »Feldmarschall Blücher hat rechtzeitig
eingegriffen und den Karren aus dem Dreck gezogen.« Ich kniff die Augen
zusammen. »Das ist Stoff der achten Klasse, Dad. Worauf willst du hinaus?«
»Also, das ist doch ein merkwürdiger Zufall, findest du nicht?«
»Was?«
»Daß sowohl Nelson als auch Wellington, zwei große englische Nationalhelden,
gleich zu Anfang ihrer bedeutendsten und entscheidendsten Schlachten erschossen
worden sein sollen.«
»Was willst du damit sagen?«
»Daß wieder mal französische Revisionisten dahinterstecken
könnten.«
»Aber es hat am Ausgang der beiden Schlachten doch gar nichts geändert«,
beteuerte ich. »Wir haben beide Male gewonnen!«
»Davon, daß sie ihr Handwerk tatsächlich verstehen, habe ich
nichts gesagt.«
»Das ist doch lächerlich!« sagte ich. »Am Ende willst du mir noch
weismachen, daß dieselben Revisionisten 1066 König Harold ermorden ließen, um
die Invasion durch die Normannen zu unterstützen?«
Aber Dad lachte nicht. Statt dessen fragte er erstaunt: »Harold?
Ermordet? Wieso?«
»Ein Pfeil, Dad. Ins Auge.«
»Ein englischer oder ein französischer?«
»Das ist nicht überliefert«, erwiderte ich, genervt von seinen absurden
Fragen.
»Ins Auge, sagst du? - Die Zeit ist aus den Fugen«, murmelte er und machte
sich noch eine Notiz.
»Was ist aus den Fugen?« fragte ich, weil ich ihn nicht verstanden hatte.
»Nichts, nichts. Wie gut, daß ich zur Welt, sie einzurichten, kam...«
»Hamlet?« fragte ich, als ich das Zitat erkannte.
Statt einer Antwort hörte er auf zu schreiben, klappte das Notizbuch zu und
massierte sich geistesabwesend mit den Fingerspitzen die Schläfen. Die Welt
ruckelte eine Sekunde weiter und blieb dann wieder stehen. Nervös sah mein
Vater sich um.
»Sie sind mir auf den Fersen. Danke für deine Hilfe, Schatz. Wenn du deine
Mutter siehst, sag ihr, daß sie das Schlafzimmer nicht mauve streichen soll.«
»Alles außer mauve, stimmt's?«
»Stimmt.«
Lächelnd berührte er meine Wange. Ich bekam feuchte Augen; diese Besuche waren
viel zu kurz. Er spürte, daß ich traurig war, und schenkte mir ein Lächeln,
wie es sich wohl jedes Kind von seinem Vater wünscht. Dann sagte er: »Denn ich
schaute das Vergangene, so weit das SpecOp-Auge reicht...«
Er hielt inne, und ich beendete die Strophe des alten Chrono-Garden-Liedes, das
mir mein Vater als kleines Mädchen immer vorgesungen hatte: »... und die Welt
lag mir zu Füßen, einem Meer von Möglichkeiten gleich!«
Und dann war er weg. Ein Ruck ging durch die Welt, als die Uhr wieder in Gang
kam. Der Barmann beendete seinen Satz, die Vögel flogen in ihre Nester, der
Fernseher meldete sich mit einem ekelerregenden SmileyBurger-Spot zurück, und
der Radfahrer auf der anderen Straßenseite landete mit einem dumpfen Schlag auf
dem Asphalt.
Alles ging weiter, als sei nichts gewesen. Niemand außer mir hatte Dad kommen
und gehen sehen.
Ich knabberte abwesend an meinem Krabbensandwich und nippte von Zeit zu Zeit an
einer Tasse Mokka, die eine Ewigkeit zu brauchen schien, um auf Trinktemperatur
abzukühlen. Es war nicht viel Betrieb, und Stanford, der Wirt, spülte
Geschirr. Ich legte meine Zeitung weg, um ein wenig fernzusehen, als das Logo
des Toad News Network auf dem Bildschirm erschien.
Toad News, ein Tochterunternehmen der Goliath Corporation, war der größte
Nachrichtensender Europas. Er versorgte sein Publikum rund um die Uhr mit
aktuellen Meldungen; da konnten die nationalen Sender beim besten Willen nicht
mithalten. Goliath verlieh Toad jedoch nicht nur Stabilität und finanzielle
Sicherheit, sondern auch eine leicht anrüchige Note. Vielen mißfiel der
Monopolcharakter des Konzerns, und das Toad News Network mußte ein gerüttelt
Maß an Kritik einstecken, obwohl der Sender wiederholt bestritt, daß die
Muttergesellschaft das Sagen hatte.
»Hier«, dröhnte die Stimme des Ansagers, begleitet von dramatischer Musik, »ist
das Toad News Network. Ihr Nachrichtensender mit Meldungen aus aller Welt,
aktuell, informativ und kompetent,
JETZT!«
Die Nachrichtensprecherin kam ins Bild und lächelte freundlich
in die Kamera.
»Hier sind die 12-Uhr-Nachrichten vom Montag, den 6. Mai 1985, mein Name ist
Alexandria Belfridge. Die Krim«, verkündete sie, »geriet diese Woche einmal
mehr ins Blickfeld internationaler Aufmerksamkeit, als die Vereinten Nationen
die UN-Resolution PN17296 verabschiedeten, die England und die Russische
Reichsregierung zu neuerlichen Verhandlungen über die Zukunft der Halbinsel
bewegen soll. Während der Krimkrieg in sein 131. Jahr geht, drängen politische
Interessengruppen im Inland und Ausland auf ein friedliches Ende der
Feindseligkeiten.«
Ich schloß die Lider und stöhnte leise vor mich hin. Ich hatte meine
patriotische Pflicht anno '73 erfüllt und die traurige Wahrheit des Krieges
jenseits von Glanz und Gloria mit eigenen Augen gesehen. Die Hitze, die Kälte,
die Angst und den Tod. Die Sprecherin fuhr mit einem unverkennbar
chauvinistischen Unterton fort: »Als es den englischen Streitkräften 1975
gelang, die Russen aus ihren letzten Stellungen auf der Krim zu vertreiben, galt
dies als beispielloser Triumph über einen übermächtigen Feind. Seit damals
sind die Fronten jedoch verhärtet, und Sir Gordon Duff-Rolecks faßte die
Stimmung im Lande anläßlich einer Friedenskundgebung am Trafalgar Square
folgendermaßen zusammen...«
Aufnahmen von einer großen und überwiegend friedlichen Demonstration im
Zentrum Londons wurden eingespielt. Duff'Rolecks stand auf einem Podium und
sprach in einen dichten, wildwuchernden Wald von Mikrofonen. »Was im Jahre 1854
als halbherziger Versuch seinen Anfang nahm, die russische Expansionspolitik
einzudämmen«, proklamierte der Abgeordnete, »ist im Lauf der Jahre zu einem
durchsichtigen Manöver verkommen, das keinem anderen Zweck dient als der
Aufrechterhaltung des Nationalstolzes...«
Ich schaltete auf Durchzug. Ich hatte all das schon tausendmal gehört. Ich
trank noch einen Schluck Kaffee; der Schweiß auf meiner Kopfhaut juckte.
Duff-Rolecks' Rede wurde mit Archivaufnahmen von der Krim unterlegt: Sebastopol,
eine schwerbefestigte englische Garnisonsstadt, von deren architektonischem und
historischem Erbe wenig übriggeblieben war. Immer wenn ich diese Bilder sah,
roch ich den beißenden Gestank von Kordit und hörte das Krachen explodierender
Granaten. Automatisch strich ich mir mit dem Finger über das einzige äußerliche
Andenken, das ich von meinem Kriegseinsatz zurückbehalten hatte - eine kleine,
leicht erhabene Narbe am Kinn. Andere hatten weniger Glück gehabt. Es hatte
sich nichts geändert. Der Krieg schleppte sich weiter dahin.
»Das ist doch alles dummes Zeug«, sagte eine heisere Stimme dicht neben mir.
Es war Stanford, der Besitzer des Cafes. Wie ich war er Krimveteran, wenn auch
aus einem früheren Feldzug. Anders als ich hatte er dort mehr verloren als nur
seine Unschuld und ein paar gute Freunde; er humpelte auf zwei Blechbeinen
durchs Leben und hatte genug Granatsplitter für ein halbes Dutzend
Konservendosen im Leib. »Die Krim geht die Vereinten Nationen einen Dreck an.«
Obwohl wir ziemlich unterschiedliche Auffassungen hatten, unterhielt er sich
gern mit mir über die Krim. Was sonst eigentlich niemand tat. Die Soldaten, die
in den anhaltenden Konflikt mit Walesverwickelt waren, genossen weitaus größeres
Prestige; Krimkämpfer auf Urlaub ließen ihre Uniform zumeist im Schrank.
»Das glaube ich nicht«, erwiderte ich unverbindlich und starrte aus dem
Fenster; an der nächsten Ecke stand ein bettelnder Krimveteran und rezitierte für
ein paar Pennies Longfellow-Gedichte.
»Wenn wir sie jetzt zurückgeben, sind Millionen umsonst gestorben«, setzte
Stanford schroff hinzu. »Wir sind seit 1854 auf der Krim. Sie gehört uns.
Genausogut könnten wir den Franzosen die Isle of Wight zurückgeben.«
»Wir haben den Franzosen die Isle of Wight zurückgegeben«, sagte ich
nachsichtig; Stanfords Interesse am Tagesgeschehen beschränkte sich im
allgemeinen auf die Ergebnisse der Ersten Krocketliga und das Liebesleben der
Schauspielerin Lola Vavoom.
»Ach ja«, murmelte er stirnrunzelnd. »Stimmt. Auch so eine Schnapsidee. Wofür
hält diese UNO sich eigentlich?«
»Ich weiß nicht, aber wenn sie dem Morden ein Ende macht, ist ihr meine Stimme
sicher, Stan.«
Der Barkeeper schüttelte resigniert den Kopf, während Duff-Rolecks seine Rede
zu Ende brachte: »... es besteht nicht der geringste Zweifel, daß Zar Alexej
Romanow IV. ein verbrieftes Anrecht auf die Hoheitsrechte über die Halbinsel
hat, und ich für meinen Teil sehe dem Tag, da wir unsere Truppen abziehen und
dieser unermeßlichen Vergeudung von Menschenleben und Ressourcen ein verdientes
Ende bereiten, mit Freude und Zuversicht entgegen.«
Die Nachrichtensprecherin ging zum nächsten Thema über - die Regierung wolle
den Käsezoll auf 83 Prozent erhöhen, ein unpopulärer Schachzug, der die
militanteren unter unseren Mitbürgern zweifellos dazu veranlassen würde, vor
den Lebensmittelgeschäften zu demonstrieren.
»Wenn sich die Russkis zurückziehen würden, wäre der Spuk morgen vorbei«,
sagte Stanford grimmig.
Das war kein Argument, und das wußte er genauso gut wie ich. Auf der gesamten
Krim gab es nichts mehr, was zu besitzen sich lohnte, ganz gleich wer den Krieg
gewann. Der einzige Landstrich,den die Artillerieduelle nicht in Schutt und
Asche gelegt hatten, war stark vermint. Historisch und moralisch gehörte die
Krim zum Russischen Reich, und damit basta.
Die nächste Meldung befaßte sich mit einem Scharmützel an der Grenze zur
Volksrepublik Wales; keine Verletzten, nur ein paar Schüsse über den Wye in
der Nähe von Hay. Wie üblich hatte der walisische Präsident-auf-Lebenszeit
Owain Glyndwr VII. in seinem jugendlichen Übermut Englands imperialistischen
Anspruch auf ein vereintes Großbritannien dafür verantwortlich gemacht; wie üblich
hatte das Parlament nicht einmal eine Erklärung zu dem Zwischenfall abgegeben.
Die Nachrichten waren noch nicht zu Ende, aber mein Interesse war erschöpft.
Der Präsident hatte in Dungeness eine neue Kernfusionsanlage eröffnet. Als das
Blitzlichtgewitter losbrach, setzte er ein professionelles Grinsen auf. Ich
widmete mich wieder meiner Zeitung und las einen Artikel über einen
Gesetzesentwurf, der vorsah, den Dodo angesichts der beängstigend angewachsenen
Population von der Liste der geschützten Arten zu streichen, konnte mich jedoch
nicht konzentrieren. Die quälenden Erinnerungen an den Krimkrieg gingen mir
nicht aus dem Kopf. Zum Glück holte mich das Signal meines Piepsers schlagartig
in die Wirklichkeit zurück. Ich warf ein paar Scheine auf den Tresen und rannte
zur Tür hinaus, während die Toad-News-Sprecherin mit düsterer Stimme den Mord
an einem jungen Surrealisten verkündete - erstochen von radikalen Anhängern
der französischen Impressionisten.
Rezension I Buchbestellung I home 0I04 LYRIKwelt © dtv