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Die Violinen von Saint-Jacques
(Leseprobe aus: Die Violinen von Saint-Jacques, Roman, 2004,
Dörlemann Verlag - Übertragung Manfred Allié).
Nur wenig unterscheidet die Geschichte unseres Eilands von derjenigen anderer
französischer Inseln über dem Winde; einzig an Bekanntheit steht es hinter jenen
zurück. Die ursprünglichen Bewohner von Saint-Jacques waren Aruak-Indianer,
gefolgt von den wilden Kariben, die in ihren Einbäumen an den Küsten der
Inselkette landeten, die Männer der Aruak töteten und verspeisten und ohne viel
Federlesens die Witwen zur Frau nahmen. Kolumbus entdeckte den Archipel auf
seiner zweiten Reise und erhob Anspruch für die spanische Krone. Den karibischen
Namen Twahleiba – die Schlange, hergeleitet von den gräßlichen trigonocephalus,
den Lanzenottern, die in großer Zahl die Insel bevölkerten – ersetzten die
Spanier durch jenen des Heiligen von Compostela, denn die Inbesitznahme fiel auf
den Vorabend seines Fests. Santiago de los Vientos Alicios hieß die Insel auf
jenen frühen Seekarten, der Heilige Jakob der Passatwinde. (Auf englisch Saint
James of the Trade Winds, was ihm bei den englischen Flibustiers, die im
siebzehnten Jahrhundert die Buchten der Nordküste unsicher machten, den Namen
»Jack of All Trades« ein brachte, und in Shanties, die heute kaum mehr zu hören
sind, »Tradey Jack«.)
Der Name erscheint nur selten auf den alten spanischen Seekarten, die in den
Archiven von Sevilla verwahrt sind, und noch seltener auf französischen oder
englischen Karten der Zeit. Ohne jede Absicht verschworen Kartograph und
Historiker sich, die Existenz der Insel zu verschweigen. Pater Labat legte nie
dort an, und der einzige unter den frommen Chronisten, der sie erwähnt, ist ein
nicht weiter bekannter Franziskaner aus Treviso, Pater Hieronymus Zancarol. Der
Gottesmann läßt sich in kuriosem Latein über den Reichtum der Insel an
Zuckerrohr, Rum, Melasse und Indigo aus, hat aber über die Einwohner nicht viel
Gutes zu sagen.
Insula Sancti Jacobi, schreibt er, tantis opibus, tanta copia, tantaque
pulchritudine ornata, sicut angulus coeli ipsius videtur, sed, ob mores improbos
pravosque incolarum, ob jactanciam, luxuriam et gastrimargiam et Gallorum et
nigrorum, insula Sancti Jacobi pessima insularum aliarum omnium justius, immo
verum, angulum Gehennae putanda est (Die Insel des heiligen Jakob, schreibt er,
geschmückt mit so großen Schätzen, mit so großem Reichtum und mit so großer
Schönheit, erscheint wie eine Ecke des Himmels selbst, aber wegen der
lasterhaften und schlechten Sitten der Einwohner, wegen der Prahlerei, der
Genußsucht und der Gefräßigkeit sowohl der Franzosen wie der Neger ist die Insel
des heiligen Jakob mit größerem Recht als die schlechteste von allen anderen
Inseln, ja als eine Ecke der Hölle anzusehen.); und das ist alles.
Die Spanier vernachlässigten die kleine Insel, und schließlich annektierte ein
Chevalier namens Hippolyte-Hercule de Plessis aus einem illegitimen Zweig der
Familie Richelieus sie für Frankreich. Plessis, nach dem die Hauptstadt ihren
Namen erhielt, rottete die widerspenstigen Kariben aus, importierte die ersten
afrikanischen Sklaven und warb und belehnte eine Schar mittelloser jüngerer
Söhne der französischen Adelsfamilien aus Normandie, Bretagne, Gascogne und
Vendée und kolonisierte mit ihnen die Insel; und auf seine bescheidene Art
konnte es Saint-Jacques an Wohlstand bald mit Sainte-Domingue und Martinique
aufnehmen. Im Siebenjährigen Krieg eroberte Rumbold mit seinen West Indian Light
Fencibles die Insel, und bis zur Revolution wehte der Union Jack über dem
hübschen – von Sir Probyn Scudamore im palladianschen Stil erbauten und von
Gouverneur Braithwaite erweiterten – kleinen Gouverneurspalast der Hauptstadt,
die unter den neuen Herren Jamestown hieß. Zur Zeit des Konvents wurden die
Engländer verjagt. Im Jahr des Terrors errichtete man eine Guillotine auf der
Place Hercule, doch als die Klinge niederging und der Kopf des ersten Royalisten
in den Korb rollte, stießen die schweigend zusehenden Schwarzen wie aus einer
einzigen Kehle einen Entsetzensschrei aus. Sie durchbrachen die Kette der
Wachposten und rissen den Apparat in Stücke, und nie wieder sah Saint- Jacques
eine Guillotine. (Das gleiche geschah auch auf Haiti.) Nach einer Zeit des
Aufruhrs wurde unter dem Konsulat die Ordnung wiederhergestellt, und von da an
folgte Saint- Jacques des Alisés dem beschaulichen Kurs der anderen
französischen Antilleninseln...
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