aus: Senior Service
Im Spätsommer 1946 ist die lange
Phase der Lähmung zu Ende, und Giangiacomo kehrt in seine Heimatstadt Mailand zurück.
Immer noch verschluckt er aus Schüchternheit beim Sprechen die Silben und ist kaum zu
verstehen, aber er scheint gelöster, wenn er unter Gleichaltrigen ist, die vielleicht als
Freunde zu betrachten sind. Das ist kein schlechtes Gefühl, und so findet er schließlich
auch die erste wirkliche Liebe. (Ich weiß, wer es ist, sie lebt auf dem Land und führt
ein ruhiges Leben.)
Dieser hoch aufgeschossene, magere und kurzsichtige Zwanzigjährige mit seiner aufrechten
Haltung und dem charakteristischen, leicht nach auswärts gerichteten Gang ist bald ein
vertrauter Anblick in den Mailänder Parteisektionen. Einige rümpfen die Nase wegen
seiner Herkunft, anderen aber ist er sofort sympathisch. Die meisten haben andere Gedanken
im Kopf.
Giangiacomo lernt in dieser Zeit Bianca näher kennen, die in der Zwischenzeit in die
Kommunistische Partei eingetreten ist. Man kann ihr Eindruck machen, wenn man am frühen
Morgen vor ihrem Haus in Sesto erscheint, um sie ins Büro zu begleiten. In seinem
komischen blauen Leinenanzug, den seine Mutter vor Jahren bei einem teuren Schneider hat
machen lassen, taucht das verliebte Parteimitglied auch nachts in diesem Vorstadtviertel
auf, um mit Bianca und ihrer Schwester Plakate für den nächsten Tag zu kleben. Sein
Anzug schlenkert um ihn herum, vielleicht finden sie ihn ein bißchen lächerlich.
An jenen Abenden besucht er oft einen jungen Parteikader namens Armando Cossutta, dessen
Mutter allen pasta e fagioli auftischt, eine Köstlichkeit, wie es scheint. Bianca
allerdings, die sich politisch in eine ganz andere Richtung entwickeln sollte, wird die
Geschichte mit der Pasta im Hause Armandos heftig bestreiten.
Nach einer im wahrsten Sinn des Wortes aseptisch verlebten Kindheit lernt Giangiacomo erst
jetzt die Unpäßlichkeiten eines normaleren Lebens kennen, denn er erkrankt mit großer
Verspätung an Windpocken, Röteln und Scharlach, aber das sind nur kleine
Unannehmlichkeiten.
Im Juli 1946 heiratet er Bianca Dalle Nogare. An der Hochzeit nehmen weder Giannalisa,
für die Bianca eine "Moskowiter Pasionaria" ist, noch Barzini teil, dafür aber
der Großvater Mino Gianzana. "Es war eine standesamtliche Trauung, blitzschnell und
völlig antikonformistisch, ohne Gäste und Fotografen", erinnert sich die Braut.
"Wir gaben uns das Jawort, und dann verabschiedeten wir uns gleich wieder
voneinander. Ich ging nach Hause zu meiner Mutter, Giangiacomo zu sich nach Hause. Erst am
nächsten Tag haben wir uns wieder getroffen, um in die Flitterwochen zu fahren." Es
geht nach Prag, sie fahren in einem dunkelblauen Buick Cabrio und nehmen auch den Hund
mit, einen deutschen Schäferhund, der auf den Namen Gisa hört. "Gisa", stelle
ich mir vor, ist die Abkürzung von Giannalisa.
Wahrscheinlich wird sich Giangiacomo nach seiner Rückkehr von der Hochzeitsreise über
wichtige Dinge klar, denn er ist jetzt nicht nur verheiratet, was einen immer ein wenig
verändert, sondern auch einundzwanzig Jahre alt. Die damit erreichte Volljährigkeit
verschafft ihm Rechte und Pflichten, die zunächst kaum überschaubar sind. Auch wenn er
ein Ingenieurstudium beginnen sollte, um sich mit einem anständigen Beruf seinen
Lebensunterhalt zu verdienen, bleibt er doch nach wie vor der einzige männliche Erbe der
einflußreichen Familie Feltrinelli. Alles, was Giacomo, Giovanni und Carlo an materiellem
und immateriellem Erbe auf dieser Erde hinterlassen haben, verlangt nach Orientierung und
auch nach guter Führung.
Natürlich kann man sagen, das sei immer noch besser, als anderer Leute Schweine hüten zu
müssen. Doch es ist wie die Fahrt mit einer präparierten Achterbahn, auf der es zuerst
rasend schnell aufwärts geht, dann wird einem schlecht, man entgleist und stürzt
schließlich vielleicht sogar ab. So ist es schon vielen gegangen, die entdeckten, daß
sie reich waren, aber nicht wußten, wie man mit Geld umgeht. Leicht könnte es auch dem
Feltrinelli-Erben so ergehen, zumal er auch noch seine Mutter gegen sich hat, die ständig
zwischen Italien und der Welt hin und her pendelt.
Seine Schwester Antonella heiratet, kaum daß sie volljährig geworden ist, André
D'Ormesson, den Sohn des französischen Botschafters beim Heiligen Stuhl, um sich in
Frankreich ein neues Leben aufzubauen. Von Paris aus wird sie gegen Giannalisa wegen der
unkorrekten Aufteilung des väterlichen Erbes ein Verfahren anstrengen. Obwohl der Bruder
gleichermaßen geschädigt ist, will er nicht mit der ganzen Familie vor Gericht streiten
und läßt die Angelegenheit fallen.
In dieser Atmosphäre und unter diesen Voraussetzungen muß Giangiacomo wohl ernsthaft
daran gedacht haben, das ganze verdammte Geld loszuwerden und "alles in Togliattis
Hände zu legen". Einige hören ihn das sagen. In einem autobiographischen Abriß
für die Partei schreibt er selbst über sein "ungeheures Vermögen", daß es
begonnen habe, ihm "auf den Schultern zu lasten". Im übrigen habe er "bis
zu seinem zwanzigsten Lebensjahr nicht einmal gewußt, wie ein Scheck" aussieht,
erinnert sich seine Frau Bianca in einem Interview. Nicht zuletzt dank ihres Einflusses
wird er vernünftiger, vertieft sich in Wirtschaftshandbücher und wird allmählich mit
Vermögensfragen vertraut.
Auch wenn er meint, nicht für den Reichtum geschaffen zu sein, und einen eigenen Weg
sucht, um sich als guter Kommunist zu bewähren, bleibt er doch in jeder Hinsicht ein
"reicher Mann", einer, der nach einem merkwürdigen, schwer verständlichen,
prekären und auf den ersten Blick unerreichbaren Gleichgewicht sucht. Nach den
herrschenden Klischeevorstellungen hätte er ein Verschwender werden müssen, ein eifriger
Philanthrop oder ein über seine Bilanzen gebeugter Unternehmer. Nichts davon wird sich
bewahrheiten. (...)
Lange Zeit bestand die Faszination von Havanna darin, daß es sich immer gleichblieb -
heute stimmt das nicht mehr.
In den ersten Februartagen des Jahres 1964 genießen meine Eltern alles, was die
kubanische Hauptstadt interessierten und angesehenen Gästen zu bieten hat. Tropicana
& Bodeguita, das Haus, in dem Hemingway gelebt hat und wo der alte René die Tafel
deckt, Helden der Revolution wie Haydée Santamaría, Bola de Nieve, die erstaunlichste
Stimme der Karibik, und die Intellektuellen der Hauptstadt. Ich stelle mir viele
eisgekühlte Getränke unter Palmen vor, Sonne zum Baden und den Mond, der über dem
berühmten Horizont glänzt. Meine Eltern haben als offizielles Gästehaus eine kleine
Villa mit Garten zur Verfügung.
Indessen betritt Italo Calvino, frisch verheiratet mit Chichita, den abgetretenen braunen
Teppichboden im "Habana Libre", einst gleichbedeutend mit großem Kino, als Kuba
noch wirklich der Nabel der Welt war. Auf Anregung von Julio Cortázar hat die Casa de las
Américas den Schriftsteller eingeladen, zum erstenmal in das Land zurückzukehren, in dem
er geboren ist. Am Abend des 10. Februar findet eine öffentliche Lesung der Geschichte
"Die Straße von San Giovanni" statt. Feltrinelli, der sich aus irgendeinem
Grund über die Anwesenheit der Calvinos amüsiert, kann die Veranstaltung nicht besuchen,
weil um halb zehn Uhr Fidel das Gästehaus der Regierung betritt.
Bei diesem ersten Gespräch geht es
natürlich nur um das gegenseitige Kennenlernen. Castro erwartet als den mächtigen
internationalen Verleger einen Mann mit dem Auftreten eines Millionärs vom alten Schlag.
Jedenfalls beginnt er gleich von "Geschäften" zu sprechen und lotet die
Möglichkeit aus, im Tausch gegen Zucker den Import von chemischen und industriellen
Produkten, von landwirtschaftlichen Geräten und Taxis in die Wege zu leiten. Im Brustton
der Überzeugung trägt er vor, daß Kuba 1970 die Zuckerproduktion auf acht bis zehn
Millionen Tonnen steigern werde und auch Rindfleisch exportieren könne.
Castro realisiert nicht gleich, daß der Italiener etwa sein Alter haben dürfte und
keineswegs zu den Gamaschenträgern gehört. Der Gast stellt sogar unverschämte Fragen:
Wann wird es Wahlen geben? Ist ein Ausgleich mit den USA möglich? Was geht in
Lateinamerika vor? Die spanische Aussprache ist korrekt, aber in jedem Satz macht er
grammatikalische Fehler. Castro versteht, erstarrt und fragt ein paarmal: "Ist das
wirklich der Millionär?" Obwohl er eine bejahende Antwort erhält, scheint er sich
zu sagen, es sei besser, die Karten aufdecken zu lassen. Um seine Gesprächspartner zu
beeindrucken, antwortet er auf irgend etwas, indem
er Machiavelli zitiert. Seine langatmigen Ausführungen versetzen sogar den ebenfalls
anwesenden Riva in Staunen. Machiavelli sei häufig mißverstanden worden, behauptet
Fidel.
Im Laufe des Gesprächs entspannt sich die Atmosphäre zusehends, und die anfängliche
Distanz verwandelt sich in Sympathie. Castro lacht, scherzt, diskutiert und klopft seinem
Gegenüber auf die Schulter. Feltrinelli ist die überschäumende Herzlichkeit fast
peinlich. In den Tagebuchaufzeichungen jener Tage bezeichnet Inge Castro als
"unspoiled".
Die Konversation entwickelt sich zwanglos. Man spricht über die Kubakrise, die
Agrarproduktion, die Klischees und den ermüdenden Tonfall der offiziellen Verlautbarungen
der kommunistischen Parteien Lateinamerikas, denn der Sozialismus dürfe "nicht
langweilig", sondern müsse "fröhlich" sein; man behandelt die Beziehungen
zu den Vereinigten Staaten und auch Doktor Schiwago. Castro erzählt, den Roman zu Zeiten
Batistas in Fortsetzungen im Diario de la Marina gelesen zu haben. Feltrinelli wendet sich
an Riva: "Diese Kanaillen, das war ein Raubdruck!"
Nach Beendigung des Besuchs notiert der Verleger auf englisch seine ersten Eindrücke:
In my opinion F. C. is not a communist or marxist because the role of
26 July contradicts all marxist orthodox procedure, because the role of
the peasants contradicts in procedure, because his attitude to organize does not reflect
the traditional communist definition or practice. He is a middle class utopian and
idealist (whose utopia once came true). He runs this country as if it was his company, his
corporation (poor application of the American executive philosophy). He has to be idealist
because, as all countries in Africa or Latin America, there is no bourgeoisie.
Castro hatte alle mit einem "auf bald" verabschiedet, aber natürlich weiß
niemand, wann dieses "bald" sein wird. Man muß sich gedulden. Doch plötzlich
ändert sich etwas, wie Feltrinelli am
19. Februar an die Mitarbeiter des Verlags schreibt:
Liebe Freunde,
die Situation ist so, daß wir nach zwei Wochen, in denen wir nur ein einziges Interview
mit dem bärtigen "Máximo" hatten, fest entschlossen waren abzureisen, um die
Dinge ihren nicht näher bestimmten Lauf nehmen zu lassen. Die Tage in einer großartigen
Villa mit Park, Palmen und schwerbewaffneten Revolutionsgarden liefen so ab, daß Riva um
acht Uhr morgens erscheinen sollte, aber erst um halb zwölf erschien. Vergebens riefen
wir um halb neun, neun und zehn Uhr immer wieder in seinem Hotel an. Schließlich zeigte
sich Franqui, und nur der Stenograf war schon zur vereinbarten Stunde da. Um halb zwölf
Uhr tagte die allgemeine Konferenz, um die neuesten Nachrichten zu besprechen. Fast
täglich wurde der Besuch Fidels endgültig für den nächsten Tag angekündigt. Am Abend
zuvor war er verhindert wegen der Teilnahme an einem Pelotaspiel, dann mußte er zu einer
Unterredung mit einem Fischer, der aus Florida gekommen war, um vier Uhr morgens war er im
Habana Libre im Gespräch mit Liza Howard (TV USA) gesichtet worden und war schließlich
um sechs Uhr schlafen gegangen, um neun Uhr morgens besichtigte er Hühner, denn Hühner,
Kühe usw. sind seine große Leidenschaft, und danach fand auch noch eine kurze
Ministerratssitzung statt, um dem amerikanischen Stützpunkt Guantánamo das Wasser
abzudrehen, usw. Morgen aber werde er sicher kommen, hieß es. Am nächsten Morgen
jedoch... Nach zwei Wochen dieses Lebens wollten wir abreisen, doch am Abreisetag wurde
uns von verschiedener Seite Castros Besuch für den Abend angekündigt, also verschoben
wir den Abflug. Am Abend kommt er dann tatsächlich [...] in bester Laune und lädt uns
für den nächsten Morgen zu sich nach Hause ein, um mit der gemeinsamen Arbeit zu
beginnen. Zur vereinbarten Zeit treffen wir ihn in Pantoffeln, Pyjama und natürlich mit
Bart an und arbeiten zwei Stunden sehr erfolgreich. Er lädt uns für den nächsten Tag,
also heute, ein, aber heute schlief er, weil er wegen wichtiger Staatsgeschäfte in der
Nacht zweimal hatte aufstehen müssen und fast nicht geschlafen hat. Okay, wir werden
morgen wiederkommen. Das allerwichtigste ist, daß wir berechtigt sind, uns täglich um
neun Uhr bei ihm einzufinden, und so nicht auf ihn warten müssen. Das ist ein
entscheidender Schritt. Wenn Castro guter Laune ist, redet er gern und viel, nur muß man
versuchen, ihn von seinem Lieblingsthema, den Kühen, abzubringen. Er träumt von riesigen
Rinderzuchtanstalten und, nicht ohne Wollust, von der (künstlichen) Besamung von 100000
Kühen, die 1965 100000 Kälber gebären werden, davon 50000 weibliche Tiere, die 1967
durch künstliche Besamung befruchtet werden können, so daß sie 1968 weitere 50000
Kälber gebären werden, darunter 25000 weibliche Tiere, während in der Zwischenzeit die
ursprünglichen 100000 Kühe wieder trächtig sind... und so weiter bis in alle Ewigkeit,
Amen. Unser Mann redet wie ein Wasserfall, und um ihn zu unterbrechen, muß man brüllen,
außerdem spricht er über alles und jedes. Wenn es um Politik geht, beispielsweise um die
Rolle der Partei und des Staates in Kuba, dann merkt man, daß er improvisiert, das
heißt, daß er den Gedanken beim Sprechen entwickelt. Es bereitet ein gewisses Vergnügen
zu denken, daß bestimmte Fragen ihn zu neuen Gedanken anregen, die im wahrsten Sinne des
Wortes morgen neue politische Stellungnahmen hervorbringen können. (...)
Das einzige, was für mich zählt, ist, daß wir am Mittwoch, dem 15., um 13 Uhr im Caffè
Bar Lugano warten, aber niemand kommt. Ich habe es eigentlich auch eilig, wieder nach
Hause zu kommen, denn um 17 Uhr beginnt mein Minibasketballturnier.
Die Chronik der folgenden Stunden ist eine Chronik aus einer anderen Welt, die sich
plötzlich in den Vordergrund drängt. Hier spielt ein Hund namens Twist eine Rolle, eine
Promenadenmischung, die aufgeregt vor "einem Leichnam männlichen Geschlechts, der
unter einer Hochspannungsleitung am Boden liegt" mit dem Schwanz wedelt. Es ist
ungefähr 15.30 Uhr. "Ein Toter? Sind Sie da sicher? Ist's nicht einfach ein
Landstreicher, der da pennt?" Luigi Stringhetti, der Pächter eines Feldes in Cascina
Nuova bei Segrate und Besitzer von Twist, muß dem Polizeikommissar seiner Gemeinde
mehrmals wiederholen, daß er ganz sicher ist. Er habe ihn zwischen den vier Füßen des
Masten gesehen, mitten in den Steinen, mit ausgebreiteten Armen auf dem Rücken liegend
wie am Kreuz... Um 16 Uhr werden die Carabinieri in Pioltello benachrichtigt, während in
der Polizeizentrale in Mailand in der Via Moscova gerade Schichtwechsel ist. Es ist ein
ruhiger Tag, viele Beamte sind zum Parteitag des PCI im "Palalido" abgestellt.
Dieser Parteitag, auf dem Enrico Berlinguer zum Parteivorsitzenden gekürt wird, war zwei
Tage zuvor mit den Grußworten der ausländischen Delegationen eröffnet worden. Als die
Polizeistation von Pioltello die Zentrale benachrichtigt, schickt man den nächstbesten
Streifenwagen: "Fuchs an Fuchs
63, an der Neuen Via Cassanese aufgefunden..." Um 16.30 Uhr beginnen sich die
Ereignisse zu überstürzen, bald werden Stringhetti und Twist die am meisten
fotografierten Säugetiere im Italien dieser Tage sein: mit Mütze, auf dem Fahrrad, mit
dem Hund, der nach einem Stück Brot springt, und mit dem Zeigefinger auf eine in der
Ferne vage erkennbare Pyramide mit Stummelarmen deutend. "Ich kann seitdem nicht mehr
umhin, jede Hochspannungsleitung wahrzunehmen", sagt später der Schriftsteller
Vassilikos. Unter dem Mast von Segrate versammeln sich am Donnerstag, dem 15. März 1972,
um 16.30 Uhr Sprengstoffexperten, die politische Polizei, die Carabinieri, der
Erkennungsdienst, die Müllabfuhr, Totengräber, als erste Reporter die der konservativen
Zeitung Il Giorno, Fotografen und Neugierige. Durch die Spuren der Ausflügler bilden sich
Trampelpfade. Wie sich herausstellt, hat der "namenlose Terrorist" fünfzehn
Dynamitstangen benutzt, um sie am Fuße des Hochspannungsmasts anzubringen. Wie groß aber
die Sprengkraft der Explosion war, die ihn in vier Meter Höhe am Seitenträger
wahrscheinlich getötet hat, läßt sich nicht mehr feststellen. Ein an einer Nebenstraße
geparkter sandfarbener Volkswagenbus mit gelben Vorhängen an den rückwärtigen Fenstern
soll aufgebrochen werden.
In Ruhe überprüfen die Beamten am Abend in ihren Büros die Indizien. Nach Segrate haben
sie einen Stromgenerator geschafft, um die Stelle um den Hochspannungsmast zu beleuchten
und weitere Ermittlungen anzustellen. Die Dunkelheit und der Nebel außen herum wirken
dadurch noch undurchdringlicher. Der Leichnam ist im Leichenschauhaus. Laut
Personalausweis, den man in der Tasche gefunden hat, handelt es sich um Vincenzo Maggioni,
geboren in Novi Ligure am 19.6.1926. Das Paßfoto - was kann ich über das Paßfoto sagen?
- zeigt ein Gesicht ohne Oberlippenbart. Im Portemonnaie finden sich zwei weitere,
briefmarkengroße Fotos, das einer blonden jungen Frau, die rennt, und die
Porträtaufnahme eines etwa zehnjährigen Kerlchens. In dem aufgebrochenen Kleinbus gibt
es eine Million Indizien (darunter die auf Carlo Fioroni ausgestellte Versicherungspolice)
und eine Packung Senior Service auf dem Armaturenbrett.
Ich weiß nicht, wer bei der politischen Polizei oder den Carabinieri als erster gesagt
hat: "Das ist er!"
Am Abend kommt Inge nach einem Essen zu Ehren des neuen Intendanten der Scala, Paolo
Grassi, früh nach Hause. Zu Roberto Olivetti, der ebenfalls eingeladen war, sagt sie, sie
habe ein "ungutes Gefühl".
Während ungefähr eine Million Mailänder schlafen, laufen die Rotationsmaschinen heiß:
"Terrorist stirbt vor den Toren Mailands beim Sprengen einer
Hochspannungsleitung", lautet die Schlagzeile des Corriere della Sera. Das Foto unter
dem Titel zeigt aus der Ferne einen bärtigen Mann im Gras, dem ein Bein zu fehlen
scheint.
Am 16. März, um 7.30 Uhr, läßt sich Kommissar Calabresi in der Conciergerie der Via
Andegari 4, wo er ab und zu vorbeischaut, einen Kaffee machen. Nachdem er gewartet hat,
bis Giovanni mit dem Rasieren fertig ist, nimmt er ihn mit ins Leichenschauhaus. Giovanni
gerät nicht aus der Fassung, denn eigentlich hat er ihn schon erkannt.
Mindestens dreißig Leute, die mit dem illegalen politischen Kampf überhaupt nichts zu
tun haben, fahren zusammen, als sie das Foto von Vincenzo Maggioni in den Gazetten sehen.
Die Ungläubigsten unter ihnen versuchen einen Schnauzer zwischen Nase und Mund zu malen.
Dann legen sie die Zeitung weg und rufen in der Via Andegari an oder gehen gleich selbst
hin.
Gegen ein Uhr betrete ich das Kaminzimmer, wo sich die "alte Garde" vollständig
versammelt hat: Sergio, Giampiero, Silvio und Filippo. Sie telefonieren und machen
besorgte Gesichter. Meine Mutter sagt es mir. Aus meinem Bauch steigt der Gedanke an seine
Umarmungen auf, Erinnerungen, die weh tun. Wichtig ist jetzt nur zu wissen, daß Inge
nicht aufgeben wird und die "alte Garde" auch nicht.
(In der Nacht des 16. März muß meine Mutter die Leiche identifizieren, am nächsten
Morgen ist Sibilla dran. Alle Zeitungen aber wissen es bereits: "Es ist
Feltrinelli!")
Am Morgen des 17. März bemerkt Gallo noch vor den Frühnachrichten Unruhe im Hof. Durch den Vorhang erspäht er drei Typen in Uniform, die auf der Außentreppe direkt zu seinem Stockwerk heraufkommen. Aus dem Bett aufgestanden, geht Gallo humpelnd auf seine Mutter zu, um sie zu beruhigen: "Mama, es ist nichts passiert, ich schwör's dir. Es war nur ein kleiner Autounfall, vor ein paar Tagen... als ich mit ein paar Freunden an den See fahren wollte..." Die Polizisten stehen vor der Tür, man hört sie reden, überraschend aber klopfen sie beim Nachbarn an, wegen einer ganz banalen Drogengeschichte. Die Angst dieser Minuten wird Gallo nie mehr verlassen. Er kehrt der Politik den Rücken, und niemand wird je wegen der Nacht des 14. März 1972 nach ihm suchen.
Rezension I Buchbestellung III01 LYRIKwelt © Hanser-Verlag