Das Exil der Träume von Leopold Federmair, 1999, Selene

Leopold Federmair

Das Exil der Träume
(Leseprobe aus: Das Exil der Träume, Roman, 1999, Edition Selene)

Mein letzter Verwandter in dieser Weltgegend: glanzloses Bruchstück einer eingebildeten, seit jeher rudimentären Familie. Wieder einmal komme ich, um meine Pflicht zu erfüllen und den Seidenfaden zu spannen, ein Spinnennetz über die Erdteile zu ziehen (kein Spinnennetz, nur ein paar verwinkelte Fädchen: das alles bleibt rudimentär). Ich sehe, während unten die ersten Tanker auftauchen oder die Fähren von Ufer zu Ufer meine Ost-West-Linie kreuzen, Mississippi, Amazonas, La Plata, ich sehe die Ansichten meines Erdteils, das Schloß des verrückten preußischen Kaisers, den tiefblauen See mit dem weißen Berg, das talüberspannende Aquädukt, die Windmühlen und Geschlechtertürme, die weißen Pferde, edlen Ritter, weinenden Harlekine, so viele Kuriositäten, Erreger der Neugier, Gewohnheitsanblicke: das alles, alles, während unten das Meer der Hütten auftaucht, hunderttausend Fünfzehn-Watt-Glühbirnen im Dunst, von schweren schwarzen Kabeln abgezweigt; hier baut man keine Häuser, keine Giebeldächer, keine Fingerzeige, hier senkt sich kein Schnee, streifen keine Vampire, während Chopin im Ohr, die C-Moll-Nocturne, vom unglücklichen Harasiewicz gespielt, während der Morgen graut und die Luftfeuchtigkeit auskunftsgemäß achtundneunzig Prozent beträgt und die Glühbirnen die Nocturne punktieren, von der Gide sagt, es ist alles verloren, wenn das Romantische triumphiert, das heißt, man versteht nichts mehr, nichts mehr davon. Ich verstehe nichts mehr, höre nur noch, und trotzdem geht es weiter, weil da nämlich ein Übergang ist, ein Meer über dem Meer, auf dem Wasser zu singen, es geht einfach weiter, die Welt geht weiter, da ist kaum ein Unterschied zwischen Flüssig und Fest, zwischen dem gelblichen Flußbraun und dem Sandbraun, zwischen dem Gelb der Gräser und dem Grau des Himmels. Wie leicht man von einem Abschnitt in den anderen kommt. Als wäre das Paradox der Bewegung ein Kinderreim.
Früher führte eine Straßenbahnlinie hierher, die Nummer acht, hat Hilda erzählt, jeden Sonntag sei sie an den Fluß gefahren zum Picknick, mit ihrer Nichte oder mit allen zusammen, Schwester, Schwager und Kind, oder manchmal, wenn die Familie in den Ferien war, allein. Hilda unterbrach sich, wie so oft, anscheinend vergaß sie, wovon sie sprechen wollte, oder sie sah es, sah es vor sich, starrte entgeistert auf die Bilder, die ihr gehören mußten, ungeordnete, kaum wiedererkennbare Archivbilder ihrer eigenen Geschichte. Die Geleise verschwinden manchmal unter dem Asphalt, dann tauchen sie wieder auf, und hier, wo die Straße zu Ende ist oder sich gabelt, nach links und nach rechts auseinanderläuft, flußaufwärts, flußabwärts, hier neben der Hütte, wo im Sommer Getränke und Sandwiches verkauft werden und Badeanzüge, obwohl niemand baden geht in dem Wasser, in das die Tanker ihr Restöl ablaufen lassen, aber es ist seltsam, hin und wieder sieht man doch alte Männer und kleine Jungen mit Angeln am Ufer stehen, hier neben dieser Hütte aus Holz und Wellblech war Endstation, die Straßenbahnzüge fuhren auf den Fluß zu, und wenige Meter, bevor das Landbraun ins Wasserbraun überging, hielten sie an. Sogar ein Prellbock ist noch da, aber längst morsch und ein gutes Stück von den Schienen weggewandert, flußabwärts, in Richtung Meer.
Hörst du das Klingeln vor der Abfahrt? Die in letzter Sekunde aufspringenden Leute? Einmal ist meine Schwester vom Trittbrett gefallen, aber Guillermo hat nur gelacht. Guillermo, der Mann meiner Schwester. Erinnerst du dich? Nein, du warst nicht noch zu klein. Aber wo wohnt Guillermo denn jetzt?
Seit sechzehn Jahren, sagte ich sorgsam zu Hilda, ist Guillermo schon tot.
Sie blickte mich ungläubig an, sagte aber nichts. Wahrscheinlich dachte sie, ich lüge oder ich sei verrückt geworden. Jetzt ist er übergeschnappt, dachte sie. Wo Guillermo doch gestern noch hier war. Wo ich seinen Handrücken gestreichelt habe, die Haarbüschel auf seinen Fingern. Nein, Hilda sieht mich überhaupt nie an, höchstens für einen Sekundenbruchteil streift mich ihr Blick, um sofort wieder abzugleiten. Es ist, als würde sie ständig vorbeisehen, einmal links, einmal rechts, einmal über mich hinweg. Wie ein Gefangener, der fliehen will, aber überall sind Wände, es gibt kein Entrinnen. Weich meinem Blick nicht aus. Sag, was los ist. Drück nicht so herum. Würde sie fliehen, wenn es ihr Körper zuließe? Nein, dazu hätte sie nicht den Mut, sie käme gar nicht auf den Gedanken, trotz dieses ständigen Ausweichens. Es sind nur ihre Augen, die sich bewegen. Und sie blicken nach innen.
Später, nach langem Schweigen, hat sie gesagt, daß der Fluß, bevor er ins Meer übergeht, auf einmal rot wird, dann gelb, dann golden und glänzend, der Fluß glänzt golden, hat sie gesagt, man braucht nur die Hand aus dem Boot zu strecken und hineinzugreifen, und man schöpft sich das Gold, während von draußen das Dunkle oder, je nachdem, das Grüne, Hell- oder Dunkelgrüne herankommt, es ist wie ein letztes Lebenszeichen des Flusses, bevor er sich der Unermeßlichkeit hingibt. Solche funkelnden und sinnlosen Sätze sagte sie, ohne mit der Wimper zu zucken, als wäre sie sich ihrer Sache vollkommen sicher. Sie öffnet den Mund kaum beim Sprechen, spricht manchmal stoßweise, manchmal verzerrt, wie ein Radio auf Langwellenempfang. Die Wellen rauschen heran, sagte Hilda. Dieses Geräusch, wie soll ich sagen, hat sie gesagt, so wie da draußen. Mühsam hob sie ihren Unterarm zwei Fingerbreit über die Tischplatte (Überrest einer ausladenden Geste), und ich verstand nicht, ob sie vom Meer sprach oder vom Fluß oder vom Sprechen oder von dem, was in ihrem Kopf geschah.
Was geschieht hier? Warum ist Guillermo gestorben vor nunmehr sechzehn Jahren? Wer hat ihn umgebracht und warum? Oder war es wirklich nur Zufall, ein Unglück, Eigenverschulden, wie es hieß? Guillermo als verdächtiges Subjekt: um diese Uhrzeit ist jedes Subjekt verdächtig, das herumstreift wie ein Schatten. Alles ist Schatten um vier Uhr früh an einem 17. April des Jahres 1978. Erschossen, erdrosselt, erstickt. Was nun? Was geschieht hier? Das Projektil dringt ein, tritt aus, die Schnur, der Nylonstrumpf legt sich um den Hals, der Wagenheber trifft auf das Schädelbein. Die Tanker lassen das Restöl ab, und auf der Insel draußen reitet ein Reiter auf einem braunen Pferd, und auf der anderen Insel leuchtet zwischen Baumstämmen die erst unlängst gestrichene Frontwand der Kaserne. Dort draußen sind zwei Flugzeuge niedergegangen, mit einem Rauchschwanz ein jedes, heruntergetrudelt, ein blaues und ein rotes, hat Guillermo vor siebzehn Jahren seiner Tochter erzählt, die es viel später mir erzählt: Es war im Jahre fünfundfünfzig gewesen, und Guillermo war mit seinen Freunden zum Grillen gekommen, als plötzlich die Militärmaschinen heranzischten wie in einem Krieg. Und es war Krieg, Rot gegen Blau, Soldat gegen Soldat. Jetzt aber fliegt ein Vogelschwarm auf, Möwen werden es sein oder Albatrosse oder Chimangos, zwei Flugzeuge gehen nieder, und wenig später fliegt ein Vogelschwarm gegen den Himmel wie ein Splittergeschoß und füllt diesen unbekannten Raum, dessen Grenzen ich kenne: von oben, Vogelperspektive, das braungelbe, aufgerauhte Wasser, ins Grüne spielend und vollends grün an seltenen, nie gesehenen Tagen, das Rauhungsmuster des Wassers, ein Schiff, das die Fläche quert, die Gischt, dieser Schaumschweif dort in fünftausend Meter Entfernung; dann von unten, Froschperspektive, der Himmel, jetzt schon gelb an der Horizontlinie, eine Grenze andeutend; das Dazwischen aber, der Innenraum, unbekannt wie nur je. Und schließlich ich, ein Zwitter aus Möwe und Frosch, quakend und kreischend, die meiste Zeit still. Das Herz des Universums, eine winzige Raumpartikel im All. Was uns bedroht, sind die Gedanken, nicht das, was wir sehen. Ich aber greife zur Polaroidkamera, die vor meiner Brust baumelt, und blicke nach unten, als wäre der Erdboden noch nicht nahe genug. Heraus kommen meine schlammigen Schuhe und ein gebleichtes Aststück im feuchten Sand.

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