Zwei Christbäume in Rom
(Leseprobe aus: Unter südlichen Sonnen
und Menschen, Erzählungen, 1926).
An einem späten Nachmittag spazierte ich glückselig durch das alte, geduldige Rom. Denn es war just am Vorabend von Weihnachten und viele Jahre vor dem großen Krieg. Damals lag Rom noch so wundervoll braun mit einem Stich ins Graugrüne da, wie nur die Legende oder ein durch alle Feuer gehärteter und gewitzigter Held braun und erdenfest aussieht. Und Rom atmete noch jene unendliche Gelassenheit, durch die es sich von allen wichtigen Städten der Welt unterschied und die so ergreifend auf diejenigen wirkt, die seine Geschichte kennen.
Gerade war ich vom Aventin gestiegen, von wo aus ich die Urbs am liebsten betrachte. Ach, mit welch großartigem Phlegma lagerte die Stadt an den Schlingen des Tibers und ertrug die Axthiebe von fast drei Jahrtausenden, ohne merklich zu zittern oder ihre Gebärde zu ändern. Wie merkte ich ihr noch die Beharrlichkeit des antiken Senats, das überlegene Zaudern des Fabius und den Stolz des Pompeius an. Noch mehr, ich spürte die Geduld ihrer dreihundert Katakombenjahre, ihr dutzendmaliges Bücken vor einer Tagesgröße und ihr dutzendmaliges Über-die-Leiche-Wegschreiten, das unverwüstliche Wartenkönnen der Päpste, das Umworbensein und Körbeausteilen und das Genughaben an sich und an seiner schönen Langeweile.
Durch dieses alte Rom also spazierte ich in einer milden Nachmittagsluft und in jener weichen Stimmung, die uns Nordländer um die Zeit der Krippe ergreift. Ich sah hinter der Piazza del Popolo ein paar magere Tännchen, bei den Buden der Via Rossa etliche Jesulein aus Wachs im Stroh und in wenigen altbürgerlichen Bäckereien, besonders bei meinem Freund Niccolo Maggiolini, dem ich zur Verlobung seiner Agata oder Lea, ich wußte noch immer nicht, welcher es galt, – ich sah, sage ich, einige Teigwarenkindlein mit rotem Zucker als Heiligenschein und ebensolchen Augen und Lippen aus rotem Zuckergußfaden. Diese Figürchen predigten durch die schwitzenden Fenster, so lebkuchensüß ihre Glieder auch waren, mit einer strengen, herrischen Miene, etwa wie kleine Catone oder Cäsaren, und ich dachte bei mir, es sei doch gut, daß das erstaunliche Kind Mariens nicht auf dem harten Kapitol, sondern im ölbaumumrauschten Bethlehem bei gefühlvollen Hirten zur Welt gekommen sei. In Rom hätte man es in Stein gebettet und versteinern lassen.
Plötzlich hörte ich am Eck der damaligen Via Sangallo in prächtigem Alemannisch, aber mit einer dunkeln Farbe in der Stimme sagen: »Guet also, nach em Zabig zünde-mer a, chum gli«! . . . Und eine andere ebenso alemannische Stimme antwortete frauenhaft: »Mer chömid, nur wämmer jetzt no selber es Bäumli kaufe am Ponte«
Wie ein süßer Blitz durchfuhr mich dieses Kauderwelsch. Ich rannte dem Worte nach. Mich grüßte die Heimat im Schnee und Christbaumglanz. Doch wie ich nun dem Gruße nachsprang, war er schon im vielen Volk und Geschrei der Straße wie eine Blüte niedergefallen und von hundert Schuhen zerstampft worden.
Aber ich hatte genug gehört.
Ach ja, meine liebe Stadt über den Alpen, der alte Kreuzplatz, Nebel über den kleinen, dörflichen Häusern, eine schmale Wiese, dahinter die Kirche nur noch wie ein felsgrauer Schatten; der schöne, greise Brunnen auf dem Platze, magere Bäume darum, Eiszapfen an den Röhren, Kinder ums Gesimse; der Kastanienbrater steht hinter dem Kessel, es duftet von Marroni; Christbäume werden dort am Hag gekauft; aus den Trams steigen Menschen voll Schachteln und Rauhreif am Pelz; in den alten Häuschen ringsum steckt man schon die Lampen an; alle Zimmer sind voll Geheimnissen . . . ach ja, schön ist der Süden, aber jetzt möchte ich für einige Stunden dort im Nebel weihnachten.
*
Hier in Rom war noch Sonne und blauer, von den abendlichen Meerdünsten ein wenig gedämpfter Himmel. Aber dicker deutscher Nebel wäre jetzt schöner als die lauterste Bläue.
Ich kehrte zur Bäckerei des Maggiolini in der Via Marca zurück. Es wurmte mich, daß ich nicht erraten konnte, wo jene Schwaben oder Schweizer ihr Bäumchen anzünden wollten. Sicher hätte ich dort geklopft und brüderlich gefragt, ob ich mich eine Viertelstunde lang an seinen Kerzen wärmen dürfe.
Auch der Meister Maggiolini hatte mir von einem Christbaum
für den Verlobungsabend etwas versprochen
hatte er geschworen und dazu mit den Armen in der Luft
geknetet. Immer knetet er, wenn er redet, sogar beim Beten in San Francesco.
Aber sowohl die Verlobung als der Weihnachtsbaum kamen mir verdächtig vor.
Frommer germanischer Waldduft wird sicher nicht durch seine Stube atmen.
Ich trat in die kleine Zuckerbäckerei. Niccolo, der hastige, denksame Mann, kurz gebaut, breit. kahl, mit einer senkrechten Furche wie ein Beilhieb in der Stirne, hatte alle Hände voll am Kredenztisch zu tun, um das hereinwogende Völklein zu bedienen und ab und zu durch das Schiebfenster einer hintern Türe seinem tüchtigen Unterbäcker Crispino oder dessen Gesellen Befehle zuzurufen.
Alle Leute wollten Muscheltörtchen oder Conchiglien. So taufte Niccolo seine Spezialität, gewundene, schneckige, eigelbe Brötchen mit einer Zitronenfüllung und einem gelben Zuckerstern am Gupf. Doch niemand von den Mägden und Matronen, Bürschchen und Schleckkindern, die da wie Bienen hereinsummten, wollten ein gebackenes Christkind, und man staunte mich von oben bis unten an, als ich eines, und zwar das größte Bambino kaufte. »Es ist mehr zum Anschauen als zum Essen«, lachte der Meister in seinem schwersten Baß und ohne Lustigkeit. »Auch in der Kirche, überall!« fügte er dunkel bei und walkte mit den Händen einen unsichtbaren Brotteig her und hin.
Das war wieder einmal so ein Wort, wie Niccolo deren viele buk. Sie entstanden, wenn er sich über den Mehltrog bog und seufzend und keuchend den massigen Teig zur guten Form durchknetete. Der Teig war sein Feind, wie aller tüchtige, ungeklärte Stoff des Künstlers Feind ist. Er muß mit Gewalt und Liebkosung gebändigt werden.
Und in solchem Kampf überlegte dann Niccolo, die Runzel noch tiefer bettend und ganz mit Finsternis füllend, was alles an Not und Gefecht durch sein kleines Leben mit der hübschen leichtsohligen Frau Amelia und durch das große Leben der Völker mit der ebenso hübschen und leichtsohligen Frau Italia gehe. Und mit der doppelten und anstrengenden Politik, Monarch im Hause und Monarchist im Vaterland zu sein, vermischt er dann alle die andern Mühsale seines Daseins im Geschäft, in der Verwandtschaft, in der Erziehung, den Launen und Bosheiten seiner zwei Töchter.
Ab und zu, wenn ihm genialisch zumute wurde, schnellte er in hübschem Schwung die Hand von sich und flitzte einen Lappen Teig an die Diele. Und genau so schmiß er aus dem Backtrog seines Geistes einen jähen Spritzer heraus, einen Witz, einen Spott oder Vorwurf und lachte dazu, doch ohne die Stirne zu entrunzeln, so daß niemand recht wußte, ob er spaße oder tadle.
Es ist mehr zum Anschauen als zum Essen, das Santissimo Bambino! . . . Das war auch einer dieser bittersüßen Brocken.
Ich hatte monatelang bei Niccolo eine Kammer bewohnt und in seiner Familie Frühstück und Abendbrot genommen. Bald genug wurde ich gewahr, daß der liebe Bäckermeister selbst kein ausgereiftes Brot war. Schwarzseherei und rosiger Leichtsinn lebten da nebeneinander. Er konnte bei der Suppe jammern, daß Italien sich großmannssüchtig überhebe, und beim Fleischgericht schon aufjubeln, weil seine ältere brillenscharfe, politisierende Tochter Lea aus dem Secolo las, Albanien würde letztlich doch zu Italien geschlagen. In seinen Ansichten glich er ziemlich der Formlosigkeit seines Teiges. Jedem Daumendruck seines Leibblattes gab er nach. Das Heute schlug bei ihm das Gestern und das gestrige Recht tot. Aber das Morgen machte es mit Heute ebenso.
Dabei war Maggiolini immer ein gescheiter und grüblerischer Kopf und zog aus dem steten Wechsel einige Schlüsse, die für ihn feststanden wie die Quadern des Titusbogens. Ein solcher festgenagelter Schluß war, daß seine Frau zu viel lache, zu leichtblütig werde und ihm einmal unter den Fingern davonschlüpfen könnte, oder daß Lea in die Redaktion eines Modeblattes treten müsse, weil sie so hübsch zeichnen und Hüte garnieren könne, und daß sie durch alle Spalten für eine nationale Tracht zu kämpfen habe, mit einem weiten Rock, stramm geschnürter Brust und kurzem Schulterbewurf. Ferner glaubte er unumstößlich, daß innert zwanzig Jahren ein Savonarola kommen werde. Denn jetzt lebe man für nichts als Krawatten, Zigarretten und freche Gassenjungfern.
»Und für Euere Conchiglien, Meister Niccolo.«
»Bah«, lehnte er nachlässig ab. »Keine Späße! Brot ist Brot. Aber diese Gifte im Likör, in der Cipria, in den Zähnen . . .«
»Brot?« wandte ich ein. »Ihr füllt doch Eure Muscheltörtchen mit Zitronenschleh. Und . . . ich weiß nicht, aber die roten und gelben Zuckertupfe . . .«
»Natur, Signore, alles Natur. Hingegen diese Haare zurückgekämmt wie ein Hundekopf, diese Salben aus Unschlitt und Üblerem, dieses Essigtrinken, um blaß und schmal zu kokettieren, und gar diese Füße, in Kinderspielschuhe gepreßt, oh . . . Seht, beim Fuß fängt der Mensch an, wie der Baum bei der Wurzel. Darauf kommt alles an, wie viel Boden einer faßt und wie er darauf steht. Ihr wißt, wie ich am Trog die Beine spreize. So schaff ich der Welt Brot. Breite Sohlen sind gut, wo alles wankt. Mich wird kein Erdbeben vom Teigbrett reißen.«
So schwatzte er, Gebäck reichend, Geld wechselnd, Teller scheuernd, und zuletzt lief alles auf den Satz hinaus, daß es bald nur noch Schein gebe, ausgenommen, was er backe.
»Ihr habt mich doch gestern verstanden«, brummte er mir ins Ohr, indem er das lebkuchene Christkind in ein goldbesterntes Seidenpapier wickelte und seine klobigen Hände dabei so zart verfuhren, als legte Maria selbst die Windeln um ihr heiliges Kind. – »Auch diese Bambini sind aus gutem Mehl und echtem Honig gewirkt und so Mund als Magen durchaus bekömmlich. Ihr versteht mich schon, wenn ich trotzdem wiederhole: 's ist zum Anschauen, nicht zum Essen . . . unser Christus und unsere ganze Art von Religion.«
Das sagte er nun wieder laut, daß alle Käufer es hören sollten. Aber jedermann verstand, man solle so ein Gebäck lange aufbehalten und betrachten. Es sei fast schade, das Bambino aufzuessen.
»Also nochmals, Ihr kommt dann zum Punsch«, fügte er wie selbstverständlich hinzu und sah mich erquickt an. Das laute Bekenntnis soeben durch die ganze vergnügte Schmausgesellschaft hatte ihm wohlgetan. – »Ich schließe um zehn Uhr!« wiederholte er streng zu den Kunden. »Familienfest! – Dann habt Ihr doch wohl zwei Stunden für uns übrig«, wandte er sich zu mir. »Kommet, kommet sicher!« – Und jedesmal bei dieser Einladung zupfte er mir am Knopf des Überziehers.
»Gerne, gerne«, sagte ich voll Überzeugung zu, obwohl ich noch vor einer Viertelstunde übellaunig nachstudiert hatte, wie ich mich von dieser Höflichkeitspflicht losschwindeln könne. Jetzt im Licht des breiten, wohlgesinnten Bäckergesichts mit dem schönen, tiefen Baß und Schwatz seines Mundes konnte ich gar nicht anders als fröhlich ja sagen. Ich hätte doch auch die Bude bei ihm, hoch über dem damaligen Quartier Campitelli, gerne genug behalten, wenn mich nicht die Unheizbarkeit des Zimmers in eine wärmere Wohnung getrieben hätte.
»Auch der Redakteur wird kommen, Stefano, ja natürlich,« verspottete er sich, »der Sposo gehört doch wohl zur Verlobung. Wie schwatz' ich nur! . . . Aber es ist wichtig«, fuhr er unter der Türe fort. »Sie haben doch die Karte bekommen? Agata – Stefano! Sie ist ja eigen, tut närrisch, aber sie wird . . .« Er lächelte, nickte, schaute ins Lokal zurück, furchte plötzlich den Beilhieb gewitterschwarz und verschwand wie ein dicker, geschmeidiger Barsch, unter den vielen Käuferjungens, die wie Goldfische um seine graziöse, kleine, niedlich herumhüpfende Frau schwammen und denen sie mit noch so viel Törtchen einfach nicht genügen konnte
Ich zog den Kragen übers Kinn und lachte in mich hinein. Wie gut kannte ich das! Eifersüchtig wird er jetzt wieder zusehen müssen, wie seine hurtige Gattin zweimal mehr Gäste spediert als er, der breite Sohlengänger, wie sie geradezu hüpft mit den schmackhaften Tellern, wie man ihr mit Augen und Lippen dankt, die ihn gräßlich ärgern. Er wünscht, sie wäre zehnmal ungeschickter und freut sich doch über das massenhafte Geld, das sie gleichgültig wie ein Schnupftuch in ihre Ledertasche streicht. Er weiß, weniger seine famosen Conchiglien als ihre verschmitzt schönen Augen, die bald silberig, bald schwarzblau aufleuchten, und ihr witziges, rosiges Näschen locken die jungen Herren so an. Ja, es gibt Frechdachse, die zu Amelia sagen: »Allerfeinste Signora, bitte, beißen Sie erst das Güpfchen hier weg, den Zuckerstern, mit Ihren herrlichen, kleinen Zähnen. Der gehört Ihnen allein, und mir schmeckt das übrige noch einmal so gut.«
Nur einmal tat sie das, in der Unschuld eines Kindes. Aber an jenem Tage rollte es wie ein verhaltenes Gewitter um sie. Als sie dann endlich beim Nachtessen allein oben im Stübchen beisammensaßen, da brach er los wie ein Campagna-Orkan. Nun fürchtete Amelia den Gatten eine Weile. Dann gut und klug, wie sie war, und gut und unklug, wie sie Niccolo schätzte, behandelte sie die Kunden vorsichtiger, ja oft beinahe hart, wenn sie seinen Gedankengraben in der Stirne von Finsternis rauchen sah; aber auch ihn behandelte sie anders, freimütig, lustig, ungezwungen, mit Güte, aber ohne Furcht.
Es half nicht viel. Sie wurde umflattert von eleganten Goldfasanen und er von häßlichen Krähen des Argwohns.
Nur am Backtrog war er glücklich. Dann schlief sie noch wie die schneeweiße Unschuld oder regierte oben in der Wohnung herum, oder stand sogar mit einer kleinen Handarbeit hinter ihm, und die wenigen Morgengäste bediente Agata, eben jene jüngere und viel schönere von den zwei Maggiolinitöchtern, die nach Niccolos Gebot den Stefano heiraten sollte. Dieser Stefano Toboltsch war der Leiter des Crepuscolo, der Dämmerung, eines Käseblattes, das in flauer Neutralität, niemand zu leid, aber allen zu lieb, so recht wie ein Vogel des Zwielichts sich durchschwindelte.
Frau Amelia wehrte sich mit allen hellen Kräften ihres Wesens gegen diesen unklaren Freier, der dazu von den Urgroßeltern her ein Slowak war. Denn sie besaß einen geraden Sinn und liebte einen lustigen Mut. Die jüngere Tochter Agata schlug ihr nach und wollte den Redakteur auf Lea abschütteln, die sich viel mit Büchern und Unterrichtskursen abgab, jedes Vierteljahr ein schärferes Glas auf die Nase setzte und alles mit einer glücklichen Kurzsichtigkeit betrachtete. Sie fand den jungen, spiegelhübschen Zeitungsmann durch ihr dickes Augenglas noch dreimal hübscher, als er war, fand ihn begehrenswerter als das Lehrerinnenpatent, das sie jüngst erworben, Leidenschaft begann in ihrem lauen Blut zu prickeln, und eine sonderbare, aber scheinbar unnütze Verschwörung der drei Römerinnen spann sich im obersten Stock gegen den Slawen und seinen Schirmherrn Niccolo.
Stefano Toboltsch schien freilich nur Agata zu sehen. Das war so natürlich, wie man lieber die rote Backe eines Apfels als seine grüne Gegenseite sieht oder gar hineinbeißt. Doch ward es Amelia schnell klar, daß es den geldlosen Federjüngling zu allererst nach der fetten Mitgift und dann erst nach der Wangenschönheit des frischen Mädchens gelüstete. Stefano hatte den Meister Niccolo durch seine ehrerbietige Höflichkeit und durch das geduldige Zuhören und Zunicken bei dessen großen Salbadereien völlig für sich gewonnen. Der Bäcker setzte auf die Feder dieses jungen Mannes geradezu unheimliche Hoffnungen. Er hatte sich mit Stefanos Vater geduzt, ja später von ihm als stellenloser Kerl einmal eine große Hilfe erlebt. Sie bildete, man kann sagen, das Fundament zum heutigen reichen Geschäft. Darüber waren Jahrzehnte verflossen, der Schulkamerad war gestorben, Stefano eine arme Waise geworden. Da war es nun der unaustilgbare Gedanke des dankbaren Niccolo, daß die lebhafte Agata sich mit Stefano vermählen und so die einstige Väterfreundschaft zu einer noch innigern Verschwägerung gestalten sollte. Alle Einwände nützten nichts. Lea fiel hier außer Rechnung. Sie mußte Redakteurin der »Neuen alte Mode« werden – so war der Titel vorgesehen – und sollte als solche unbelastet und frei vor dem Publikum erscheinen. Übrigens wollte ja Stefano auch nicht Lea, er wollte Agata.
Jetzt also schien aller Widerstand gebrochen. Waren doch schon die Verlobungsanzeigen gedruckt und mir wenigstens eine durch die Post zugesandt worden. Und dennoch, wie heiter hatte eben noch Agata die Gäste bedient, wahrlich nicht wie ein zur Schlachtbank gezerrtes Opfer. Und wie aufgeräumt hüpfte Mutter Amelia herum!
Dieses unvergleichliche Weibchen stammte aus dem Quartier des Schildkrötenbrunnens, wo die härtesten Römerschädel wachsen. Noch jüngst hatte sie mir vor Agata geschworen, es gebe eine heillose Niederlage Slavoniens auf Weihnachten. Ich würde etwas erleben! Und Agata hatte eine Haarlocke am Ohr um ihren kleinen Finger gedreht und entsetzlich munter gequiekt: »Ja, Freund, eine heillose Niederlage.«
›Es ist vielleicht besser, gar nicht hinzugehen‹, dachte ich wieder. ›So oder so, eine rechte Weihnachtsstimmung kann nicht aufkommen. Ein, zwei grollende Köpfe und ein ungeschickter, mißmutiger Christbaum.‹
Und in diesem Augenblick hörte ich es wieder so alemannisch traut locken: »Chum gli! nach em Zabig zünde-mer a!« Viel süßer klang mir dieses Chum gli! als das siebenmalige hitzige: »Venga, caro Signore, venga senza fallo!«
*
Am Ponte hol ich jetzt au e Bäumli! So sang es mir noch als letztes im Ohr. Saperlott, da kann ich doch auch hin. Ich sprang in den nächsten Tramwagen. Jene Frau mit der sanften und doch tapfern Stimme geht vielleicht zu Fuß. Ja sicher, mit ruhigen germanischen Schritten holt sie sich das Tännlein.
Ich gelangte an den kleinen Platz beim Tiber, als eben die Laternen erglommen. Fast nur Deutschsprechende handelten an dem Mäuerchen um die kleinen, magern Bäume. Es war ein Versuch, dieses Tännchengeschäft, das bald wieder aufhörte.
Ich suchte und wartete. Eine Frau mit einem etwa siebenjährigen Jungen, der einen Pelzkragen, aber keine Mütze und korngelbes Haar trug, also wohl kein Römerknabe war, schien gleichfalls jemanden zu suchen. Manchmal lispelte sie dem unzufriedenen Kerlchen etwas zu, das nicht italienisch klang und ihn aufheitern sollte. Schließlich verstand ich: »So mach doch nüd e so e Surampfelegesicht!« worauf es sich losriß und trotzig über die Mauer zum gelben Strom hinabspuckte.
Mir schwante, diese Frau sei eine der zwei Personen, die mir vor einer halben Stunde den Sinn so schwer ins Heimweh geschlagen. So laut, daß sie es verstehen mußte, fragte ich darum den Händler, ob nicht ein Tedesco vor einiger Zeit hier einen Albero gekauft habe, e Christbäumli, fügte ich gegen die schwarzgekleidete Dame hinzu und forschte sie, so höflich ich nur konnte, mit meinen Blicken aus.
»Muetter, e Züribieter!« rief der Junge frech und sprang herzu. Wie ein gelber, kleiner Luchs sah er aus mit seinen spitzigen Ohren.
»Willst du wohl!« drohte die Frau und packte ihn fest am Arm. »Sie wollten wohl Herrn Furrer hier treffen?« sagte sie ernst zu mir. – Sieh, sieh, es war wirklich jene zweite, nicht so düstere, stille und herzhafte Frauenstimme, die der ersten leidenden des Mannes geantwortet hatte.
»Er wollte doch hier einen Christbaum kaufen«, bemerkte ich ausweichend.
»Andere Jahre, ja, haben wir immer um fünf Uhr hier zusammen unsere Bäumchen ausgelesen«, sagte sie ruhig. »Er versteht sich darauf. Aber diesmal hat er sich schon am Vormittag . . . er wollte den schönsten . . . er konnte nicht warten . . . das Vreneli, ach . . .« Ihre nußbraunen Augen wurden feucht.
Ich unterbrach sie rasch. »O, die Kinder, verehrte Frau, kann man ihnen die Kerzen je zu früh anzünden?«
»Aber Sie wissen ja, das Vreneli, das liebe . . . So sei doch still, Luis, du Gispel«, warnte sie ruhig den kleinen Laffen, der an ihr zerrte und sonderbar hustete.
»Jawohl, Verehrteste«, rief ich und überstrudelte die Worte vor Verlegenheit. »Aber diese Kerzen, die Tannenreiser, der Waldgeruch, die Heimat lacht daraus hervor. Es könnte Nacht sein, so schwarz und trostlos es wollte . . . es könnte, ach . . .« irrte ich herum ohne Ruder und Steuer, nur beflissen, mir nichts anmerken zu lassen von meiner absoluten Unbekanntheit . . . »Ich komme eben aus einer urrömischen Familie. Sie ist zerrissen und zerspalten. Aber ich wette,« rief ich unnötig laut und mutig, »wenn man heut abend so ein Tännlein zwischen die uneinigen Leute stellte, das Christkind flöge gleich aus dem Gezweig und machte Frieden. Sie würden . . . doch entschuldigen Sie, ich halte Sie auf und bin selbst beeilt. Aber das liebe Zürideutsch, Landsmannschaft!« Ich scherzte das letzte auf den Buben hin . . .
»Bitte, bitte«, versetzte die Frau. »Wir warten nur auf den Hausknecht für das Bäumchen dort. Wenn Sie Herrn Furrer gleich treffen, wollen Sie ihm sagen, daß wir in einer halben Stunde nachkommen . . . wenn er doch das Fest nun einmal so haben will«, fügte sie entschuldigend bei. »Doch sehen Sie, da verpassen wir gerade das Tram. Es hält direkt vor dem Hause meines Bruders. Ecke Via Nesi, zwölf!« rief sie mir nach, während ich den Hut lüftete und nach dem elektrischen Wagen stürzte, nur um aus ihren hellen, nußbraunen Augen zu entfliehen, vor deren Ehrlichkeit ich mir anfing mehr als abenteuerlich, fast wie ein Schwindler vorzukommen.
Einfach davonlaufen wäre gewiß das gescheiteste gewesen. Aber ein Gefühl halb aus Ehre, halb aus Neugier gekocht, flüsterte mir ein, hier sei etwas unvorsichtig eingebrockt, was nun ausgegessen werden müsse. Auch reizte es mich, einen Vater kennenzulernen, der seinem Kind beinahe noch am Tag in die Sonne hinein das Bäumchen anzündet, als wollte er den Himmel überbieten. War es ein Geburtstag? Ein Sohn, der vielleicht aus Argentinien heimk . . . Doch nein, Vreneli sagte die Frau ja. Also wohl eine Verlobung auch hier. ›Das könnte mir gerade passen. Verlobung rechts, Verlobung links,‹ dachte ich frech, ›ich brauche nur zu wählen, wo ich festiere.‹ Und doch, keine rechte Fröhlichkeit. Merkwürdige Welt.
Schließlich ist es wohl auch kein so namenloses Wagnis, einen Landsmann in einer welschen Großstadt am Fest der tiefsten Brüderlichkeit aufzusuchen und ihm die Hand in sein noch ganz besonderes Hausfest hineinzuschütteln. »Chum gli!« hatte er so warm und flehend gesagt, als brauchte er gute Gäste. Schwer, fast bedrückt klang seine Stimme. Er muß eben seinen Herzkäfer an ein noch innigeres Wesen verlieren.
Da und dort unterwegs wurden mir Blumen angeboten, ohne daß ich es weiter achtete. Nun aber hielt mir ein keckes, fettes Mädchen höllenrote Nelken unter die Nase. Nelken? Die Blumen von scharfem Geist und Atem passen gewiß nicht am besten zur milden Weihnachtsfeier. Die schenke man, wenn eine heftige Witwe sich den vierten Gemahl erkürt oder wenn eine fast dreißigjährige, strenge, scharflogische Jungfer summa cum laude doktoriert. Indessen, der Strauß flammte mir mit so hübscher Frechheit ins Auge und reizte auch meine Nerven so merkwürdig zu etwas Waghalsigem, daß ich ihn sofort erstand und binnen kurzem ohne Bedenken an Nummer zwölf der Via Nesi läutete. Auf einem Messingplättchen über dem Drücker war der Name Fritz Furrer-Gianella, Architetta, eingestochen.
Die Hausschelle gab einen scharfen Ton, und wie ich das hörte, faßte mich auf einmal ein wahres Grausen. Wie, um Gottes willen, wie konnte ich mich schicklich oder wenigstens glaubhaft einführen?
Niemand erschien, und sogleich stieg mir der Übermut, vom Nelkenduft gereizt, bis zum Wirbel auf. Die da drinnen festieren so laut, daß sie nicht einmal die Klingel hören. Nur um nicht in solcher Torheit an der Schwelle zu stehen, trat ich in den Hauseingang und stieg die kleine, düstere Treppe zum Obergeschoß empor. Je nach dem, was ich etwa erspähe, wollte ich dann ganz eintreten oder mich endgültig aus dem Staube machen. Aber es blieb sonderbar still, selbst an der Gangtüre. »Die verschließen ihre Freude dicht«, murrte ich jetzt schier neidisch. »Gewiß sitzen sie im Saal nach der hintern, ungestörten Hofseite. Vielleicht liegt dort sogar ein Garten mit dünnen Pfirsichbäumen und breit verplustertem Lorbeer. Soll ich Fersengeld geben?«
In diesem Augenblick knarrte unten die Haustüre. Saperment, wenn da schon die Frau Schwester mit dem mürrischen Knaben kommt! Verzweifelt läute ich nochmals und ergreife die Klinke. Die Gangtüre springt auf, und aus einem offenen Zimmer, woher eine Fülle Licht in den Korridor strömt, ruft jene bekannte gedrückte und bittende Stimme wie zu einer Überraschung: »Nur herein! Wir warten schon lange!«
Mir rann der Schweiß aus den Haaren und der Atem stockte . . . »Verzeihen Sie . . . ich bin . . . ich weiß nicht recht, wie . . .,« stammelte ich laut, mich zur Stubentüre vorwärtsschlagend, ». . . Herr Architekt Furrer . . . wollen Sie, bitte, einen Landsmann, engern Landsmann, entschuldigen . . .« Die Nelken in meiner Hand baumelten schadenfroh aus meiner Hand, während das Bambinopaketchen mir unter dem Arm fast entschlüpfte. ›Es wird zu Teig‹, dachte ich noch blitzschnell.
Jemand trat jetzt schwer und groß an die Türe, daß es plötzlich schattig wurde im Gang, und genau in dieser Sekunde wurde es mir entsetzlich klar, hier lache kein Fest, eher laste eine große Trauer über den Räumen.
Der Herr, der nun in glänzend schwarzem Frack heraustrat, ein Riese, sah mich betroffen an. Sein breites, rotes, bartloses Gesicht war verschwollen und übernächtig, die Augen müde, aber fiebrig glänzend. Er blickte mit einer strengen Traurigkeit auf meinen unanständigen Blumenstrauß hinunter. »Ah,« stieß er aus, »das ist wohl fürs Vreneli?« und wollte mir die Blumen, wie ich sie ihm mechanisch entgegenhielt, mechanisch abnehmen. »Gewiß von den Picciardini, dem Felipe«, fuhr er in geübtem Italienisch fort. »Die haben immer solche starken Nelken . . . Ich danke, ich lasse sehr innig danken . . .« Er wollte in die Westentasche nach einer Münze langen, schaute mich näher an und hielt inne. »Sie sind wohl ein Freund der Picciardini?« fragte er nun auf Deutsch mit der steten, mühsamen, melancholischen Stimme. »Kommen Sie denn, bringen Sie es dem Vreneli selbst! Der kleine Felipe hat gar oft meiner Tochter Nelken ins Haar gesteckt . . . ja, geben Sie es ihm selbst!«
In diesem Augenblick wehte ein Totengeruch an mir vorüber, kam, ging, ich weiß selbst nicht wie.
Herr Furrer nahm mich weich am Handgelenk, und ahnungsschwer tat ich mit ihm drei Schritte und hielt – vor einer Kindesleiche! Fast noch rotbackig, mit schwarzen, über das Kissen wie ein Schleier verbreiteten Haaren, gefrorenen blauen Händchen, aber mit einem lächelnden, fast neugierig in die Wange hinauf geschweiften Mund, zwei zuckerige Vorderzähne ein bißchen vorstellend, so lag das siebenjährige Mädchen da, ohne Spur einer Krankheit oder eines Kampfes, etwa so, als wäre plötzlich ein Gletscherhauch über diese Blüte gefahren und hätte ihre Seele im Nu vereist, ohne daß Zeit gewesen wäre, das Äußere zu ändern.
Auf der weißen Decke lag ein gebackenes Christkind von Niccolo Maggiolini, dessen große Augen noch größer schienen neben den geschlossenen Vrenelis. Blumen, alles weiße Rosen, waren über die gehäkelte Decke gestreut, worein nun meine Nelken wie Blutstropfen erschienen. Was jedoch alles überwältigte: zu Häupten brannte mit hundert gelben Flämmchen der Weihnachtsbaum. Es gab keinen dunklen Fleck ringsum, denn auch alle elektrischen Lampen waren angezündet. Eine schonungslose Helligkeit durchwütete diesen Saal wie ein Sonnenbrand die Wüste und schien die Menschensäfte darin aufzuzehren. Denn der riesenhafte Mann setzte sich sogleich auf den Stuhl am Bette, als könnte er unmöglich länger aufrecht bleiben, faltete die Hände auf der Decke, sah unverwandt auf das tote Gesicht und machte nur mit dem Kopfe eine leise Bewegung über die Schultern rückwärts, indem er müde flüsterte: »Meine Frau!«
Nun erst sah ich hinten in einem Glaspavillon des Saales, von wo man wirklich in einen Garten gelangte, eine hagere, wachsweiße Frau in schwarzer Seide. Sie saß an einem Tische und las aus einem großen Buche. Es war wohl die Bibel. Ringsum standen goldgeränderte Tassen, eine Teemaschine, Likörflaschen und zwei silberdrahtene Körbchen mit Gebäck.
Mir selbst überlassen stand ich da und hörte nichts als schweres Atmen, das Knistern im Tannenbaum und einmal das Umblättern der Frau in ihrem Buche. Wachs und Tannengeruch lag über uns, aber mich dünkte, es sei ein Duft, wie er im heißesten August aus einem sonnengedörrten Walde strömt. Und auch eine solche tödliche Stille herrschte. Ich bin in vielen Totenzimmern gestanden, aber so eine grelle, schattenlose Trostlosigkeit hatte ich noch nie verspürt. Hätte jemand aufgeschrien und das Haar vor Jammer gerauft, es wäre Erlösung gewesen.
Erschüttert stand ich da. Alle Verlegenheit war verflogen. Indem ich mein Bambino aus dem Seidenpapier wickelte und neben das andere legte, sann ich rasch, ob hier denn gar nichts Hilfreiches gesagt und getan werden könne.
Etwas mußte geschehen. Ohne Überlegung griff ich nach den gefalteten Händen des Hausherrn und fühlte mir die Rührung bis zur Kehle steigen, als er sogleich wie über etwas Unmögliches den Kopf schüttelte: »Nicht trösten! Nur nicht trösten!« – Ich aber konnte nicht mehr an mich halten und sprudelte Namen und Stand heraus und berichtete hastig weiter, wieso ich da auf ganz eigene Rechnung hereingebrochen sei. Heimweh, Tannen, Weihnachten, sein aufgefangenes Chömid gli!, mein Laufen hinter diesem süßen Wort, mein Aufpassen und Warten am Verkaufsplatz, meine Hoffnung, hier so mitten in der welschen Stadt eine kleine deutsche Freude zu erbetteln . . . »Nun ist es ja so ganz anders . . . verzeihen Sie! Aber lassen Sie mich doch an Ihrer Trauer teilnehmen. Ich will Sie ja keine Minute stören, ich gehe sofort. Nur möcht' ich, da ich nun einmal so ungeschickt hineingestürzt bin, mit Anstand weggehen. Und einen besseren Anstand gibt es nicht, als daß ich wie ein Bruder – ach, entschuldigen Sie, ich möchte nicht zudringlich erscheinen! – aber ja doch, wie ein Bruder an Ihrem Leid teilnehme und freilich dann doch auch mit dem Rechte des Bruders sagen muß, daß Sie nicht nur immer das tote, sondern auch das lebende Kind bedenken sollen . . .«
»Das lebende?« murmelte er, ohne zu begreifen und wischte sich mit zwei Fingern seltsam ums Ohr.
Indessen hatte mich seine Gattin lange schon bemerkt und war zögernd etwas näher getreten: eine zarte, blasse, unendlich dunkelhaarige Italienerin, aber mit den gleichen so lustig in die Wangen hinaufsichelnden Mundwinkeln wie das Vreneli und ebendenselben zwei kleinen vorstehenden Mittelzähnen, eine frühgealterte Dreißigerin.
Ich verbeugte mich ehrerbietig. »Ja, das lebende«, wiederholte ich mutiger. »Denn viel lebt noch da von Ihrem Vreneli. Sie werden es noch plaudern und lachen hören. Oder glauben Sie, daß so ein Kinderlachen stirbt? Und überhaupt, daß irgend was untergehe von dem Frühling, der da gelebt hat? Sie sind Architekt«, fuhr ich immer ungestümer fort, »und behaupten, es gehe kein Kräftlein noch Körnlein im Weltall verloren . . . oder?«
Er reckte den Arm, wollte widerreden, aber ließ den Kopf wieder sinken.
»Aber wie, da und präzis nur da, beim Tod, soll alles wie im Wind zerstoben sein, für immer? Das ist doch gegen alle Regel und Natur. Was dieses liebe Kind Ihnen galt, gilt es jetzt noch; was es gab, haben Sie noch heute und behalten Sie. Wo Sonne war, bleibt es noch lange warm. Aber wo ein lieber Mensch gelebt, bleibt es immer warm . . . so meine ich.«
Die Dame war jetzt zu ihrem Mann getreten und legte ihre lange Hand, woran zwei dünne Reife leuchteten, leicht auf seine Achsel. Sie grüßte mich nun erst, aber mit einem stillen, schönen, fast feierlichen Blick. Etwas von der Hoheit des Buches, worin sie gelesen, lag auf ihrer Stirne. Sie schien bei weitem nicht so vom Todesfall geknickt wie ihr Gemahl, horchte auf, was ich noch sage, wollte ihren Mann vor meiner Heftigkeit schützen und wünschte dennoch mit der ganzen abendlichen Pracht ihrer Augen, daß ich weiterfahre.
Nun fühlte ich erst ein Befremden über meine Lage. Aber es gab jetzt nichts mehr zu bedenken. Ich war ja einmal Vikar gewesen. Das Predigen ging mir nach.
»Hätten Sie das Engelchen nie besessen, so wüßten Sie nichts vom heutigen Schmerz«, fuhr ich verwirrt fort. »Aber Sie wüßten auch nichts vom Paradies, das Ihnen das Vreneli gebracht hat. Es schenkte Ihnen doch eine neue Jugend. Sie sollten sich sehen können, wie Sie heute wären, wenn Sie das Kind nicht gehabt hätten, alt, müd', verholzt. Es wäre ein bleierner Tag, aber auch gestern, aber auch morgen. Durch dieses Kind werden Sie nun nie gleichgültige Tage haben. Sie können es sich gar nicht ausrechnen, was Sie mit dem Geist dieses Vreneli in die Zukunft tragen, wie alles hier nun für Sie einen Hauch seiner Jugend hat, seines Lachens, seiner Unschuld, wie alles durch es reiner bleibt, als es sonst möglich wäre; wie Sie, ohne genau zu wissen warum, so leben, als müßten Sie immer noch mit der Kleinen rechnen. Da gucken ja noch seine Äuglein aus dem Winkel, hier glänzen seine Fußstapfen, dort streichelt sein Fingerchen, da überall geistert es herum. Ja wahrhaft«, fuhr ich durch das dankbar zunickende Auge der jungen Matrone kühner und lauter fort, »wahrhaftig, Sie müssen ernstlich mit ihm rechnen. Hundertmal werden Sie sich fragen: ›Was sagte Vreneli dazu? Dürfte es das sehen? Hören? Würd' ich vor seinem Blick bestehen?‹ – O, ihr lieben Landsleute, 's ist ja Weihnacht, das Christkind geht um. Aber auch dieses Christkind da! Hand in Hand, dünkt mich, gehen die beiden, das so göttliche und das so liebe menschliche zusammen durch diese Zimmer, ja, durch euer Leben und unterhalten sich über euch und freuen sich über euch und sind wie alles Gute immer um euch und sterben nicht, weil ja die Liebe das ist, was nicht stirbt, und weil diese zwei nur Liebe sinnen und von Liebe leben . . . weil . . . ach, ich kann's nicht sagen, mir ist nur, es sei euch heute noch mehr als für mich und andere Menschen Weihnacht, ein Fest der Liebe, des Nichtverlierenkönnens, des Christkinds, zweier . . . Christkindlein . . . ach . . .«
»Sie meinen es gut«, unterbrach mich jetzt der Riese, sich langsam aufrichtend, und drückte mir die Hand, indem er mich zugleich mit einer leisen, ungeheuren Kraft von sich abdrängte. – »Es ist nur nicht so . . . so leicht . . . schon jetzt . . . da, bei der fast noch warmen Leiche . . .«
»Vater, lieber Vater,« wandte die Gattin mit jenem Namen ein, den er am liebsten hörte, »der gute Herr hier hat doch recht. Du hast jetzt den ganzen Tag ins Schwarze gesonnen. 's ist Zeit, daß wir uns ermannen. Wir verderben so dem Vreneli noch den Himmel . . . Komm, lies mit mir aus der Bibel! . . . Vielleicht mag der Herr auch . . .«
»Aech . . . ch . . .«, widerstrebte der Gemahl und erhob sich wie ein düsterer Berg vor uns. Mir war, ich hätte alles umsonst gesprochen.
In dieser bösen Minute hörten wir rasche, ungleiche Schritte im Gange. Sogleich erschien die verschleierte Frau an der Schwelle, den Knaben mit Gewalt nachziehend. Der dicke Luis sperrte sich zwischen den Pfosten, kniff die Augen zusammen, schrie auf, und eine ungemütliche Szene wollte sich jedenfalls entwickeln.
»Ich will nicht . . . ich kann nicht, Mutter . . . ich fürcht' mich, oh . . . weg . . . oh, hinaus . . .«, kreischte er mit überhoher Stimme . . . »Nein, nein, nein, oh . . .«
»Aber Luis, jetzt tu mir die Augen auf«, schalt die Frau, von Zorn und Scham für ihr Söhnchen ganz gerötet. »Jetzt schau' doch dein Vreneli an . . . wie schön es ist! Gib ihm den Kranz!«
»Ist nicht mein, ist nicht mein Vreneli«, tobte der Junge.
»Wie still es da schläft! Es tut dir nichts. Eher betet es für dich oder lacht dich wohl gar mit allen Engeln aus, weil du so ein Furchthans bist . . . pfui doch!«
Aber das Schreien wurde nur ärger. Kaum hatte Luis einen Blick auf die Spielkameradin geworfen, so sträubte sich ihm das gelbe Haar vor Schauder. Vor vier Tagen hatte sie noch mit ihm gespielt, ihn erhascht, so flink er auch um den Tisch herum sprang. Sie war noch flinker und packte ihn mit allen zehn Fingern. Jetzt lag sie da und stellte sich tot, um ihn, wenn er näher träte, plötzlich wieder so zu packen. Das merkte er leicht an den zwei Zähnen, die Vreneli jetzt wieder, wie jedesmal vor einem Streich, so tief in die Unterlippe hackte. Ja, es wird ihn packen, aber als ein anderes Vreneli, ein eisiges, aus fremden Welten, ein unbekanntes, und wird ihn mit ins Unbekannte reißen...
»O nein, Mutter, Mutter . . . ich sterb' . . .«
Die Frau des Architekten lächelte verzeihend. Aber ihr Gatte wurde finster und wuchs allmählich wie ein Gewitter in die Höhe. Wie, sein Engelchen fürchten, als wäre es etwas Böses! Da es doch wie die heilige Unschuld daliegt und sich in alles ergibt! Nicht hinzutreten, als wäre es etwas Schmutziges oder Schädliches, da es doch so hilflos und rein ist wie frisch gefallener Schnee. Eher wir besudeln es. Uns eher müßte es rufen: Nahet nicht mit eueren Niedrigkeiten! Weg, du garstiger Bub! Viel zu sauber und zu schön bin ich für dich!
Solches dachte der Riese, indem er den Hals krümmte, als würge ihn etwas. Dann packte er den Knaben am Ellbogen und brach los: »Glaubst wohl, dummer Göttibub, das Vreneli sei noch froh, wenn du's grüßest? Es sei ihm eine Ehre, wenn du ihm ein paar Blumen aufs Bett werfest? Behalt deinen Kram. Es mag gar nichts von so einem.« – Furrers weiche Stimme polterte jetzt, seine Augen feuerwerkten geradezu.
Luis wand sich unter dem Griff seines Paten und schielte nochmals scheu und feig zum Bett hinüber. Sogleich wurde sein hübsches Gesicht wie von Ekel und Haß beinahe grau. Er brüllte, klob den Götti in den Arm und plötzlich schüttelte ihn der Gewaltsmensch von sich – Luis hatte in seinen Handballen gebissen
»Fritz . . . Luis!« riefen die Frauen gleichzeitig.
»Er ist ein Kind«, entschuldigte ich. »Auch ich fürchtete die Toten . . . Alle Kinder . . .«
»Nein, lieber Herr, nicht alle Kinder, Vreneli nicht!« warf der zerrüttete Vater hinein und trat, die Hand abwischend, wieder an die Leiche.
Luis blickte angstvoll rechts und links, wohin er sich nur sichern könne. Mit zwei Sprüngen war er bei mir, krampfte sich in meinen Arm und lispelte: »Züribieter . . . Sie, Herr . . . o helft mir!«
»Vreneli,« begann der Architekt nochmals und nickte rechthaberisch zum Bub, »sag' einmal, würdest du mit dem Luis tauschen? Kämst du wohl gerne zurück? Hast du's nicht dutzendmal besser? – Und da kommt dieser Lümmel! Aber er verdiente das Vreneli gar nicht, der Schnuderbub.«
Dieses urchige Schimpfwort, das für eine ungeputzte Nase einen so imposanten Ausdruck schafft, wirkte in diesem Augenblick so erfrischend, wie, man verzeihe, ein derber Schneuz bei erstickendem Nasenkatarrh. Alle fühlten das, alle sahen ermuntert aus, der Riese am meisten. – »Wir alle verdienen dich nicht, du kleines, süßes Hexlein,« wandte er sich wie erleichtert zu uns, damit wir ein ›Ja‹ nickten, »und darum bist du uns weggelaufen.« Er lächelte schmerzlich. – »Zu den Cherubini und Serafini«, fügte die Gattin tapfer bei und hob den Kopf.
»Du bist uns fortgelaufen«, wiederholte Herr Furrer halblaut und mehr zu sich. »'s ist nicht recht, daß wir dir's nicht gönnen, dich wieder einfangen wollen in den alten Käfig . . .« Er blickte in die Saalecke, wo wirklich ein verhüllter Käfig hing, und dann durch die Fenster in den Garten hinaus. – »Freilich, ich hatte immer gedacht,« wandte er sich dann weichmütig an seine Frau und nahm ihre beiden Hände in seine Pratzen, »ich hab' immer gedacht, dem Vreneli dieses alte Haus umzubauen, wenn das Kind etwa achtzehnjährig wäre. Man kann ein hübsches Nest daraus machen.« – Seine Stimme erhellte sich bei der schönen beruflichen Arbeit. – »Da hinten vor allem die Gartenseite, wo uns die Spatzen hereinfliegen, und daneben den Musiksaal. O, wissen Sie, Herr . . . Herr . . . das Kind besaß ein Ohr, ich sage Ihnen, ein Ohr für Musik! Meine Frau spielt ein bißchen. Dann warf es alle Puppen weg, ließ Schokolade und Kochzeug und kniete, hören Sie, kniete neben meine Frau hin und hörte, wie ich denk', daß ein Engel vor dem Munde Gottes so abkniet und zuhört . . .«
Eine Pause entstand. Wir warteten alle, ob er nicht weiterreden wolle. Das war seine Erlösung. Allein mit seiner Frau den ganzen Tag, da hatte er und hatte sie geschwiegen, aus Angst, sich gegenseitig die Lage noch schwerer zu machen. Aber es tat nicht wohl, dieses Hinunterwürgen. Jetzt, unsere Gesellschaft hatte ihm den Stoß gegeben, er hatte sich Luft gemacht. Das tote Kind zu loben, war ihm jetzt besonders süß.
Steif und stumm lag indessen das gepriesene Geschöpflein im Linnen, als wäre nie eine Melodie durch seinen Sinn gegangen. Luis hielt sich fest an mir. Er merkte, daß der Sturm sich verzogen, und blinzelte nun unter meinem Ellbogen hervor gegen sein totes Gespiel, immer noch mit Unwillen, aber auch mit Neugier. Von der Leiche stieg sein Auge zum strahlenden Baum darüber mit all seinem Leckerzeug. Und als Herr Furrer von Schokolade sprach, da küßten seine Blicke schon ganz frech die dunkelbraunen, schokoladenen Kastanien, die zwischen den Nadeln hingen und von der Hitze so vieler Kerzen fettig schwitzten. Aber er klammerte sich dennoch mit allen Fingern an mich, und ich hörte sein Bubenherz sehr laut klopfen.
»Wir bauen das Haus doch so um, Carolina, ich bleib' dabei«, fuhr Herr Furrer entschlossen fort. »Warum sollte ich nicht? Wir haben so doch etwas zu tun. Bekommt Vreneli es anderswo viel schöner,« machte er fast wie in bitterem Spaß, »so wollen auch wir es wenigstens so hübsch als möglich haben. Wer weiß,« sagte er rätselhaft und heimlich, wie man ein Märchen beginnt, »vielleicht wenn hier alles schmuckfertig ist, bekommt der Engel einmal Lust zurückzukommen wie jener Spatz im Garten, weißt noch, Carolina, der plötzlich wiederkam nach zwei Jahren . . .«
»Sogar nach drei«, verbesserte die Gattin. Das Ehepaar mußte recht vogelfreundlich sein. In der Ecke hing, wie ich schon sagte, ein sorglich vor dem Licht gedeckter Käfig und vor den Fenstern bemerkte ich etwas wie offene Vogelverschläge mit Nestlein.
»Ich will den Kanarienvogel wecken . . . in die Stube hinauslassen . . . soll ich?« flüsterte Luis angeregt mir ins Ohr. »Vreneli und ich haben das oft gemacht. Es ist dann weniger langweilig . . .«
»Nach zwei oder drei Jahren, einerlei«, versetzte Herr Furrer und sah seine Frau mit einer sonderbaren, sehnsüchtigen Wärme an. Seit zwanzig Stunden war dies das erstemal, daß er wieder an die Zukunft dachte. Er nahm Carolina wieder an beiden Händen und sagte: »Wer weiß, vielleicht fliegt es auch wieder herein . . . oder doch . . . liebe Frau . . . bitte, bitte . . . sein Schwesterlein!«
Ich kann nicht beschreiben, wie rührend das zu hören war. Noch heute ergreift es mich, wenn ich zurückdenke. Er küßte die Frau dann leicht auf die Stirne und beide waren entzückend rot geworden. Wenn aber der Funke von einem Auge ins andere schon Leben erzeugen könnte, in diesem Augenblick wäre ein Kind geboren worden, mit einem so tapfern, heiligen ›Ja‹ fing die verjüngte Frau den Blick des Gatten auf.
Base Maria lächelte ernst, trat hinzu, schüttelte beiden wortlos die Rechte.
Meine Lage war äußerst peinlich. Mir schien, ich sollte je eher je lieber weggehen. Es gab für mich keinen gesellschaftlichen Grund, noch länger zu bleiben. Jede Minute sagte ich mir: ›Jetzt gehe ich,‹ und jedesmal wartete ich wieder in der Hoffnung. es entstehe nun doch etwa ein Grund, daß ich hier nicht so überflüssig in der leeren Luft stände oder doch mir einen bessern Abgang schaffe. Doch schenkten mir alle gute Augen und Frau Maria besonders, daß ich mich vermaß zu glauben, ich dürfte es doch noch auf ein paar Minuten ankommen lassen.
Der Knabe hatte mich indessen unvermerkt gegen das Kopfende des Bettes zum Christbaum gedrängt. Als ich's gewahr wurde, drängte ich mit, bis wir im verstohlenen Hin und Her den ersten Zweig erreichten. »Gib mir die Zuckernuß dort, die braune!« lispelte der Junge mit der Schmeichelstimme eines ganz leisen Mädchens. »Nimm sie selbst!« erwiderte ich. Er zagte, sah ins Leichengesichtlein, schauderte ein wenig und wollte doch zulangen. Der Tod schien dem jungen Adam schon geringer als die süße Baumfrucht. Plötzlich schoß er erschreckt zurück. Es hatte scharf geläutet. Die Frauen sahen sich besorgt an, als komme etwas Schlimmes. Herr Furrer ging in den Gang hinaus.
Ein Ruck, und die Schleckerei war vom Ast gerissen. Noch einen Blick auf das Wachsbild unter dem Baum, und da sich gar nichts regte, schob der Bub den Leckerbissen in den Mund. O, es war so süß wie immer, fast noch süßer. Luis staunte, daß er den Raub so ungeschoren vollziehen konnte. Er langte wieder ins Gezweige und stibitzte und schmatzte. Sein fettes, genußsüchtiges Gesicht bekam einen lustig-listigen Ausdruck. Er innerte sich, wie Vreneli mit ihm oft um ein Stück Marzipan gestritten hatte. Jetzt plünderte er den ganzen Baum, und sie wehrte sich nicht. Nein, so eine war nicht mehr zu fürchten. Alle Angst ist weg. Indem er nascht, rekelt er sich wohlig in den Muskeln, biegt sich vor in den Schenkeln und freut sich seiner lebendigen und genießenden Überlegenheit.
Die Frauen hellten sich sichtlich auf, als der Hausherr mit einem Schock Briefe zum Tischchen schritt, rasch, elastisch, den Kopf in die Höhe geworfen, als wäre er ein ganz anderer Mann. Es war also nur die Abendpost gewesen, was da geklingelt hatte. Fritz Furrer setzte sich an den Tisch, warf die Briefe auf die offene Bibel, setzte den Kneifer auf und begann ruhig und geschäftsmäßig einen Umschlag nach dem andern aufzureißen und die Papiere zu lesen. Maria nickte der Schwägerin mit ihrem hellen Zürcherblick zu: »Siehst du, jetzt ist's vorbei!« – Aber Carolina erwiderte mit einem furchtbar schwarzen Römerauge: »Nein, nein, das wird noch lange nicht überwunden. Aber er ist ein Pedant, eine Maschine, wenn es seinen Beruf angeht. Er wird jetzt die Briefe lesen, alles andere vergessen, im Geiste schon mit Zahlungen und Zeichnungen antworten. Aber nachher erinnert er sich plötzlich wieder, daß das Vreneli nicht wie gewohnt hinter seinem Stuhl steht und die Hand vorstreckt und die Umschläge mit den bunten Briefmarken bekommt. Und dann fängt er wieder an, ich kenne ihn. Ich leide auch, Maria; aber ich darf es ja nicht einmal zeigen . . .«
Die Frauen sahen es offenbar gerne, daß ich den kleinen Bösewicht so tüchtig in Ruhe hielt. Ihre ganze Sorge galt jetzt dem Hausherrn.
»Wo glaubst du, daß deine kleine Freundin jetzt ist?« fragte ich Luis. Aber der hatte den Mund voll Naschzeug und zeigte nur mechanisch mit einem verschmierten Finger gen Himmel.
»Wenn du gewußt hättest, daß das Vreneli in den Himmel spaziert, hättest du ihm nicht einen Auftrag gegeben?«
Die fetten, blauen Knabenaugen sahen mich verständnislos an.
»Du bist doch ein Zürcher. Also gut: wenn Vreneli nach Zürich reist, wirst du ihm doch allerlei bestellen, etwa, es solle die Limmat grüßen, denn sie ist doch siebenmal schöner als dieser schmutzige Tiber. Und es solle deine Vettern dort besuchen und dir von dort ein Briefchen schreiben und vielleicht ein Zürcher Geschenk schicken und dir von den Bergen erzählen, die dort ein so großartiges Kompliment in den See hinuntermachen . . .«
»Ja, ich weiß«, ereifert sich der Junge. »Zürich soll klein sein, aber ganz hübsch. Meine Großmutter wohnt dort am See. Es gibt da Schnee und Schlitten . . .«
»Sicher hättest du ihm also etwas auszurichten«, wiederholte ich und schwamm schon, ohne es zu merken, ganz unverbesserlich in meinem leidigen Ton der Katechese. – »Nun aber sagst du ja selber, das Vreneli sei in den Himmel geflogen, wo es doch bestimmt noch hübscher und kurzweiliger ist als in Zürich. O, weißt du, in Zürich hört man so viel seufzen wie lachen . . .«
Luis bekam etwas Ernstes ins Auge.
»Und wenn nun das Bäschen dir noch hätte Ade sagen können, ade, Luis, ich reise gen Himmel, soll ich dir dort etwas besorgen? – und wenn es schon auf den Zehenspitzen gestanden wäre und die Arme geschwungen und hip hip über den Boden sich gehoben hätte, geschwebt . . .«
»Ich hätt' mich festgehakt, jawohl, festgehakt und wäre mit hinaufgezogen.«
»Schau', schau'«, lachte ich. »Aber wenn du's nicht mehr erhaschen konntest, dann hättest du gewiß geschrien: ›Wart noch, hör', grüß' mir den Liebgott und die Engel und regne mir mal ein paar himmlische Süßigkeiten herunter! Und einen Brief . . . kannst alles in einem kleinen Nebel niederfahren lassen . . . Ja, schreib', was du Schönes dort oben bekommst, du Seliges!‹ So hättest du gerufen und ihm nachgeschaut, bis der liebe Vogel im Blau verschwunden wäre. Aber jetzt, Luis, jetzt tust du, als ob du mehr als das Vreneli wärest. Es würde dich gehörig auslachen. Das ist doch nicht das Vreneli hier im Bett. Das ist nur noch sein Kleid, das es nicht mehr braucht und hier liegen ließ. Ei, ei, du Held, vor dem Kleid hast du dich gefürchtet vorher, und jetzt vor dem Kleid Vrenelis tust du wieder großhansig.«
In der Stirne des dicken Jungen bildeten sich kleine schattige Grübchen des Nachdenkens. Er wollte noch eine Feige herunterholen, aber ließ es dann bleiben. – »Nun ist das Vreneli eben weg«, sagte er entschuldigend.
»Weg oder nicht weg, irgendwo muß es doch sein. Wenn wir keine Sonne haben, haben andere Leute Sonne. Aber wir spüren noch lange die Wärme und merken, daß sie wiederkommt. Dieses kleine Sönnchen da lacht jetzt auch anderswo, aber ist doch auch alle Tage wieder da. Nein,« rief ich, und rieb mir, unglücklich über den ungeschickten Vergleich, das Haar hinters Ohr, »nein, mehr als die Sonne . . . 's ist ja Geist, Seele, das Unsterbliche . . .«
Der Bub blickte suchend und ratend auf das tote Kind.
»Weißt du noch das vom Geßler,« wagte ich in meiner Verzweiflung den heillosen Sprung, »wie der Strenge seinen Hut auf eine Stange steckte und wollte, daß man tue, als sei der Vogt selbst da, und knickse und sich bücke. So dumm! Das Vreneli will kein solches Theater. Es ist nicht froh, wenn man hier weint oder erschrickt vor seinem Kleid. Wir sollen es nicht hier suchen beim Hut. Wir müssen ihm nachlaufen, wo es wahrhaft ist, sein schönes Seelchen einholen, der Höhe, dem Licht, dem lieben Gott entgegen.«
Während dieses Plauderns hatte es wieder geschellt. Herr Furrer, der uns den Rücken kehrte, ließ sich nicht aus seiner Post aufstören. Ängstlich waren dann die zwei Frauen in den Gang geeilt. Man hörte etwas wie eine Kiste herumschieben. Blässer kamen sie zurück. Aber plötzlich lächelten sie und winkten Luis mit dem Finger auf dem Mund: »Leise!« Der Knabe verstand sogleich und huschte hinter den Onkel, der eben einen Briefumschlag über die Achsel reichte, so wie er es immer getan hatte, wenn er auf eine seltene Marke traf. Denn er wußte das Vreneli wie ein geduldiges, hungriges Hündchen hinter sich. In den Geschäftsbrief vertieft, reichte Furrer auch jetzt gewohnheitsmäßig so einen Umschlag, und Luis nahm ihn, als wäre er das Vreneli.
Es war unendlich rührend, diesem süßen Betrug zuzuschauen. So reichte der Architekt noch einen dritten und vierten Umschlag. Aber nun, beim Anblick der dritten Marke aus Abessinien, vergaß sich Luis vor Freude und schrie laut auf: »Ei, das ist eine seltene, mit Überdruck!«
Der Architekt fuhr entsetzlich zusammen, kehrte sich blitzschnell um und sah den Knaben beinahe feindlich an. Dieser jedoch betrachtete die Marke unverwandt. »O die kommt von weit her«, jubelte er. »Schau, schnell, Onkel, hast du noch mehr solche? Ich . . . ich . . .« sann er und fabelte er, »ich klebe sie auf den Brief ans Vreneli. Weißt du, Götti, ich schreib' ihm, nicht wahr!« wandte der Knabe sich zu mir. »Es schreibt mir dann auch. Denk mal, Götti, was für eine seltene Marke wird es mir auf den Brief kleben. Vom Himmel . . .« Er sah fragend und hilfesuchend zu mir.
Auf so etwas war der düstere Mann nicht gefaßt. »O ihr Kinder«, rief er und warf die Briefe zusammen. »Ihr, ihr . . .« er hob den Knaben hoch auf den Arm, küßte ihn auf die dicken Backen und trug ihn ein hübsches Stück den Frauen zu. – »Ganz recht, so schreibet einander oft, und du zeigst mir etwa, was das Vreneli dir berichtet . . . ihr Tausendskinder!«
Seine Augen füllten sich mit Tränen, zum erstenmal, und es schien ihm wohlzutun.
*
»Federigo,« erkühnte sich jetzt seine Frau, »Ernesto mit dem Sarg ist da und wartet. Schau', was für einen schönen Sarg er gemacht hat!«
Im Nu verdunkelte sich das Gesicht des Architekten wieder. Aber seine Schwester ließ ihm keine Zeit, nahm ihn fest am Arm und sagte: »Ich bleibe und helfe euch . . . Das ist eine schöne Sache . . . Fritz, du weißt, ich habe zwei Buben eigenhändig eingesargt. Der Knabe hier ist mein dritter. Wir legen dein Vreneli wie das Christkind ins Kripplein. Aber der dumme Bub wird wieder Angst bekommen. Was mach' ich nur?«
»Gar nicht, Mamma«, widersprach die Bubenstimme hell. »Ich trag's Vreneli selbst in den Sarg.« – Er stand auf der Schwelle. »O kommt, seht, welch ein schöner Sarg!«
Wir traten alle zum Schreinergesellen Ernesto in den Gang hinaus. Ein weißer Sarg aus einem mir unbekannten, feingemaserten Holz lag da. Die helle Holzfarbe nahm ihm gleich allen Schrecken. Der Deckel war an die Wand gelehnt und mit den gelbsten Primeln und einem silbernen Kranz bemalt. Im Sarg lag eine Fülle zart gekräuselter Spänchen, die frisch von der Säge dufteten. Man dachte wirklich eher an eine Weihnachtskrippe, als an ein Leichenhäuschen. Ernesto grübelte mit seinen groben, verbeulten Händen ein Häufchen vergoldeter Schrauben aus dem Kittel.
Jetzt erst sah ich, daß die Korridorwände mit einer Menge von sauberen Kartonbildern geschmückt waren, alles Landhäuser, Villen, Herrschaftssitze mit Aufriß, Front und Querschnitt. Herr Furrer mußte schon viel gebaut haben und zählte doch kaum fünf-, sechsunddreißig Jahre. Unter den farbigen Ansichten gab es auch Bauten exotischer Länder, Tripolis, Eritrea, Abessinien. Doch all dieser Häuserprunk verlor seine Bedeutung vor dieser letzten, kleinsten, einfachsten Sechsbretterwohnung. Ja, mit ihren Bogen, Hallen, Terrassen und Türmen schienen sie mir viel eher Särge des Lebens zu sein als diese zierlich schmale Kiste mit den gelben Primeln, wie sie fast mit Puppenfröhlichkeit einlud: »Komm nur, leg' dich hin, Kindlein, schlaf süß!«
Alle bekamen wir dieses Gefühl. Eine gewisse feierliche Geschäftigkeit nahm überhand. Luis spannte die Arme an der Sarglänge. So groß rechnete er. »Mama, miß einmal an mir, würde es reichen?« Das war nun auch dieser tapferen Frau zu viel, sie drohte mit dem Finger: »Jetzt nicht wieder das Gegenteil!« Man lief in die Zimmer, um passende Kissen und eine schöne Unterlage zu finden. Da gelang dem Schlingel unbemerkt sein Vorhaben. Wir kehrten zum Sarg zurück, siehe da, der Junge lag gestreckt darin, mit Kopf und Fußspitzen sich an die Wände sperrend, die Hände über der Brust gekreuzt, die Augen geschlossen, wunderschön lieb und rein und über den naschhaften Lippen jetzt ein viel edleres Lächeln. Er spielte nicht, es war ihm ernst. Er wollte sehen, ob ihn wohl ein weißer Engelsfittich in die Seligkeiten hinaufhole.
Maßlos verblüfft standen wir da. Maria schüttelte eine abergläubische Angst. »Luis, aber Luis!« rief sie beinahe weinend. Da öffnete der Knabe seine blauen zürcherischen Schelmenaugen und sagte nur: »O wie schade!« und streckte die Arme, denn allein konnte er sich nicht mehr heraushelfen. »O wie schade!« Es tönte wunderbar. Mit einem kräftigen Ruck hob Onkel Fritz das Kerlchen aus dem Sarg und fragte zögernd, indem er Luis zärtlich auf dem Arm behielt: »Hast du schon das Vreneli im Himmel gesehen? Oder was meintest du? Warum schade?«
»O wie schade, Götti, daß ich nicht eingeschlafen und im Himmel erwacht bin, beim Vreneli!«
Kindermund, Kinderweisheit, Kindergewalt! Von diesem Rufe Luis' an schien eine Art Sonne, stiller, verschleierter Sonne auf der breiten Stirn des Architekten. Er streichelte dem kleinen Kerl das Haar, küßte ihn und sagte: »Alle Tage mußt du zu mir kommen, verstanden? Es gibt noch viele seltene Marken. Maria, sei nicht geizig, bring' ihn oft, er muß mir das Vreneli ein bißchen ersetzen, bis . . . bis etwa ein anderes Vreneli kommt.« – Und wieder tauchten die Augen der Eheleute, die schwarzen Roms und die hellen Zürichs, in einem rührenden Verständnis zusammen.
Indessen zappelte Ernesto Toppi unruhig umher. Er wollte Feierabend machen. Dieser Schabernack ging ihn nichts an. Indem er die Ärmel aufkrempelte, schienen seine Augen zu fordern: Beeilt euch! Wo habt ihr die Leiche? Ich habe noch anderes vor diesen Abend als euere Kleinigkeiten.
Ich glaubte, jetzt am richtigsten zu verschwinden, und griff nach dem Hut. Da nahm mich der erlöste Hauswirt am Arm und sagte: »Nein, jetzt trinken wir zuerst ein Glas Weihnachtspunsch, Ihr auch, Ernesto! Das Vreneli litte es gar nicht anders.«
Und so saßen wir noch ein Weilchen im Glaspavillon und tranken ohne viele Worte den würzigen Weihnachtsbecher. Nur Luis zwirbelte in der Wohnung herum.
Da ließ Frau Maria plötzlich ihr silbernes Löffelchen fallen und starrte zur Ecke Vrenelis, als sähe sie ein Wunder. Sie vermochte nur mit dem Finger zu deuten: »Dort, seht ihr, dort!«
Der Kanarienvogel war zum Bett hinübergezogen. Von unserem Gläsergeklingel erwacht, hatte er an dem Gitter gekratzt und Luis' Aufmerksamkeit erregt. Der Spitzbub' hatte dann, wie es der Vogel abends oft gewohnt war, das Türchen geöffnet. Jetzt saß der gelbe Sänger auf dem Wipfel des Christbaums und fing einen glänzenden Triller an. Dann senkte er den Schnabel zum Kinde hinunter, das er so gut kannte und zu dem er sich so oft aufs Kissen gesetzt hatte. Jetzt zögerte er. Es war doch nicht so wie andere Male. Dann trippelte er doch ein paar Äste tiefer, äugte wieder himmelhoch und ließ ein noch schöneres Trillerilli fahren. Und wieder hüpfte er tiefer und sang nun geradeswegs auf das Gesichtlein hinunter einen dritten Pfeiferjubel.
Atemlos sahen und horchten wir zu. Hatte uns die Luft des Totenzimmers so benommen? Wir konnten nicht anders als das Vreneli selber aus dem Gejauchze des Vogels heraushören. Seine Seele sang uns ihr Ade zu. In diesem hellen, hohen Geschmetter hatte kein grämlicher Ton mehr Platz. Da redete der Himmel.
Als ich mich – es wurde fast nichts mehr gesprochen – von der Familie verabschiedete, brauchte ich meine Entschuldigung nicht mehr zu wiederholen. Wir waren gute Freunde geworden. Am Sylvesterabend half ich den Baum abrüsten. Aber da herrschte nicht jene müde Stimmung, mit der man vom abgeschüttelten Obstbaum geht und schon den Winter im Rücken spürt. An die Stelle des dürren Tännleins kam ein immergrüner Lorbeer, der schon an allen Enden lenzlich keimte. Und da waren auch zwei Augenpaare, ein schwarzes und ein blaues, in denen auch schon der Frühling, fast hätt' ich gesagt: ein neues Kindeslächeln keimte. Und der Herbst hat es gereift. Wo ein Leichenbett im Dezember schwieg, lärmte ein Jahr darauf gewaltig eine Kinderwiege.
*
Und als käme ich von einer Wiege, so leicht schritt ich an jenem Abend durch die laternenhelle Straße und ihr gedrängtes Volk. Und nur der Gedanke, daß ich jetzt vom lieben deutschen Tännchen, aus dem ein Paradiesvogel gesungen, nun zu einem italienischen Christbaum gehen sollte, in dem zänkische Elstern keiften, verlangsamte nach und nach meine Schritte.
Die leichtgenähte Figur des jungen Redakteurs schwebte mir besonders lebhaft vor. Er kam, obwohl ursprünglich Slawe, wie Niccolo Maggiolinis Vater aus einem Sabinerstädtchen, wo die Menschen scheinbar so steinig sind und doch jedem Drucke nachgeben. Er war durch und durch ein Krämer, und es fehlte ihm nur das Kapital, um sich rasch in hohe Ziffern hinaufzuschaffen. Da er auch gerne räsonnierte, wie alle echten Sabiner Mundstücke, so griff er als stellenloser Abiturient des Lyzeums mit beiden Händen zu, als ihm der erkrankte Barnabi gegen eine geringe Abfindung die Redaktion des »Mondguck« überließ. Maggiolini war mit blauen Geldscheinen beigestanden. Stefano gab dem Blatte sofort einen andern geheimnisvolleren Namen, und er hatte die erste Zeit ziemlich Erfolg mit dem Blättchen. Als dann aber der Reiz der Neuheit abgestumpft und immer noch nichts aus dieser »Dämmerung«, weder Tag, noch Nacht sich herausgebildet hatte, nahm seine Schwungkraft ab, und die kleine Zeitung ruderte mit schwachen Federn wie eine kranke Wildente nur noch wenig über dem Boden hin. Sie mußte es wohl bald aufgeben.
Obwohl der künftige Schwiegervater den Redakteur immer wieder aufmunterte und ihm Zuschüsse hinschob, dachte der gewitzigte Stefano an nichts anderes, als gleich nach der Hochzeit die Mitgift der Frau in ein photographisches Atelier zu werfen, wie solche damals in Rom aufblühten und wofür Stefano ein vorzügliches Geschick besaß. Denn er knipste Erde, Mensch und Tier auf eine so verschmitzte Art ab, daß die Bilder zweimal schöner als das Original wurden.
Von diesem Plan durfte er freilich dem Bäckermeister nichts sagen. Niccolos ehrsüchtige Seele hing vor allem an diesem Blättchen, in dem wie in einem offiziellen Leiborgan seine Ansichten und originellen Aussprüche gar oft durch Stefanos Feder in die Öffentlichkeit getragen wurden. Der arme Stefano! Er war froh um jeden noch so barocken Gedanken, den ihm der Bäcker zurechtknetete. Aber ohne das Blatt konnte ihm Stefano trotz der Väterfreundschaft gestohlen werden. Er wollte mehr das Blatt als den Redakteur in seine Familie hineinheiraten lassen.
»Das ist unser zweiter Backofen«, sagte er oft seinem Schützling. »Da unten liefere ich der Stadt Brot für den Leib, und oben in deinem Büro wollen wir ihr durch deinen Crepuscolo auch etwas für den Geist backen. Nicht vom Brot allein lebt der Mensch . . . du kennst das Wort . . .«
*
Gegen zehn Uhr klomm ich die steilen Treppen des Maggiolinihauses zum obersten Stock fast wie in einem Turm empor. Schon dieses alte, dicke Haus, wovon drei Stockwerke teuer vermietet waren, stellte ein beträchtliches Vermögen dar. Der kleine Saal, Salotto, wie sie ihn nannten. war leer. So schien mir wenigstens. Ich öffnete sogleich das Fenster und sah in das Gewimmel der Straße hinunter. Über die Dächer zog das bekannte, im Winter oft rauhe Seelüftchen vom Meer herauf und ließ die Wäsche auf den Nachbarszinnen gemächlich hin- und herschwanken. Fast alle Fenster gegenüber standen offen. Ich sah in ein buntes Kammerleben. Schräg unter mir hopsten drei, vier Kinder im Hemde über die Stühle. Genau unter diesem Gepolter saß ein glatzköpfiger, junger Mann am Fensterpult, tupfte und tupfte mit einem Stift über Rechnungstabellen hinunter und griff mit der Linken in der Luft herum nach einem dampfenden Glase, das nebenan stand, ohne es zu fassen. Gegenüber kauerten zwei Jungfern ausgangsbereit übers Gesimse und schienen auf ein Signal zu warten. Sie klatschten ununterbrochen mit der lauten, wehrhaften Stimme römischer Lehrerinnen und lasen gleich mir im rauschenden Buche der Straße tief unten.
Es war aber auch unterhaltlich, in die enge Gasse zu forschen, durch die sich das schwärmende Volk gegen die nächste Piazza drängte oder von dort hereindrückte. Es klang in mein Ohr wie das Gewässer eines tiefen Bergflusses aus einem Tobel herauf. Hie und da schoß ein helles Si! Si! wie ein silberner Spritzer in die Höhe, oder es rollte ein tiefes Ahaaha wie die breite, schwere Grundwelle durch das Bett dieses Menschenstromes. Körbe, Blumensträuße, weiße Schärpen und Zeitungen schwammen wie von selbst mit. Ein Wagen, und der grelle Pfiff des Kutschers schnitt sich durch. Er hinterließ keine Furche, so rasch flossen die lebendigen Wogen hinter ihm zusammen. Die bekannten Blätter wurden ausgerufen. Wie kleine, weiße Fahnen flatterten diese Secolo und Corriere della Sera empor und versanken wieder. Die Läden zu ebener Erde waren alle noch offen. Besonders die Bäckerei, schwindelnd senkrecht unter mir, die doch um zehn Uhr schließen wollte, erfreute sich noch eines regen Zuspruchs.
Aber trotz des bunten Wirbels da unten schien mir doch, als ob dieser Menschenstrom etwas unendlich Schweres, Träges sei. Er klebte am Boden, er war noch ohne Flügel, ein Wurm. Und gleich fiel mir ein, wie hübsch das wäre, wenn Vrenelis Seele wie ein weißer Riesenschmetterling über dieser dumpfen Masse schwebte und dieses erdversunkene Treiben aufschauen machte.
Jetzt fuhr mir ein Luftzug über den Rücken. Es war jemand in die Stube getreten und redete tüchtig drauf los. Ach, da saß ja Stefano in der Ecke und zog gerade die frische Nummer seines Crepuscolo aus der Mappe. Frau Amelia warf ein prachtvolles, handgewobenes Linnen über den Eßtisch, eiferte dazu im Sabinerdialekt um etwas Dringliches und schoß jetzt graziös, aber heftig wie eine Wespe die Länge des Salotto auf und ab. Ich reichte beiden die Hand und empfing von Stefano das noch feuchte, ganz entsetzlich nach Druckerschwärze stinkende Blättchen. Siamo lieti! stand wurstig dick über dem Leitartikel. Lasset uns froh sein! Natürlich, so ein Bräutigam!
Es ist schwer, dieses halb verschluckte, halb verstümmelte Italienisch der hintern Sabiner zu verstehen. Aber mein hartes Ohr hatte nach und nach doch einige Übung darin gewonnen, und die Neugier schafft neue Talente. Ich setzte mich hinter die Zeitung, lesend und lauschend, wie's gerade kam.
. . . Es ist ein Tag im Jahr, begann der Artikel, wo man alles Unliebe vergessen und seine Herzkammer ganz allein der Sympathie reservieren muß. Man ziehe einen neuen Rock und neue Schuhe an und schlüpfe selber auch als neuer Mensch hinein . . .
»Das hättest du schon lange merken müssen«, sprudelte indessen Amelia heraus. Ah, wie sie hoch den Scheitel hob, während sie unten im Erdgeschoß sich so tief duckte! Hier oben herrschte sie, hier war ihr Reich. Und hier, nicht in der Bäckerei, sollte das Mariage-Spiel ausgetrumpft werden.
»Wo hattest du deine hübschen Augen, süßer Junge?« spottete sie. »Hat Agata eine einzige Zeitung von dir je in die Finger genommen? Sie haßt die Federfuchser. Sie sagt, eine Zeitung sei nicht besser als ein verbrauchtes Fazzoletto.«
»Aber sie heiratet mich, nicht die Zeitung!«
»Wenn du ein richtiger Redakteur bist, so wirst du auch eins mit deinem Blatt. Nicht einmal deine Frau dürfte zwischen euch zwei stehen.«
»Ho, ho«, bat Stefano. »Und Niccolo? Niccolo macht . . .«
»Mein Mann macht Brot, aber keine dummen Hochzeiten.«
»Ihm scheint sie sehr gescheit. Wartet nur, Tante, bis er heraufkommt! Noch gestern . . .«
»Paperlapa! Was kann mein Mann dir geben? Worte! Das tut er ja. Und Geld? Das tut er, mein' ich, auch!«
»Tante, bitte . . .«
»Aber er kann dir doch nicht das Herz der Agata auftun wie einen Geldbeutel. Er kann ihr doch nicht Liebe einblasen. Stefano, Stefano, muß man dir das noch sagen? Pfui doch, ein Mädchen erbetteln, das dir den Rücken kehrt!«
»Niccolo wird . . .«
»Sieh, Bürschchen,« drohte die kleine Frau und schlug die weißen Schürzenzipfel zusammen, »wenn Niccolo wüßte, wie es eigentlich mit deiner Redaktion steht! Daß du die Hälfte der Abonnenten verloren hast, daß die meisten Artikel arme Studenten schreiben, daß du am liebsten den Tintenhafen ausgössest, he, wie wäre es? Und wenn er gar wüßte, daß du so unschmackhaft lau bist . . .«
»Tante Amelia, um Gottes willen . . .«
»Ja, daß du nicht kalt und nicht warm bist, kein königlicher und kein Republikaner . . .«
»Aber er ist ja auch so!«
»Das weiß ich nicht, das geht mich nichts an. Aber er glaubt wenigstens, daß er heiß ist. Und er will einen Heißen um sich, nicht einen, der nur heiß tut. O armes Redakteurlein!« Sie stand vor ihm, sah ihn lachend von oben bis unten an und tänzelte dann fröhlich um den Tisch.
Mir aber tanzten nicht bloß ihre roten Samtpantöffelchen, sondern noch mehr die famosen Worte des Leitartikels vor den Augen. Denn da hieß es: Und als so ein neuer Mensch läßt man den Plunder des alten Jahres hinter sich, bereut alles Halbe und Unfertige, und nimmt sich vor, etwas Ganzes und Entschiedenes zu werden, ein Held, ein Märtyrer, ein Fahnenschwinger der Arbeit und der Barmherzigkeit, kurz, einer, der aus voller Seele ein Ideal liebt . . .
»Du weißt,« schalt Amelia weiter, »wie Niccolo wütet, wenn das Brot einmal zu wenig gesalzen ist. O, wenn er klar sähe, und das wird er einmal, sonst öffne ich, ich ihm die Augen, – aber wenn er klar sähe, was für ein ungesalzenes Papier deine Zeitung ist, ohne Zick und ohne Zack, daß du überhaupt nicht salzen kannst, weil du selbst kein Salz hast . . . hi hi hi . . . so ein ungesalzener Schwiegersohn, ich danke!«
So ein Ideal, orgelte es weiter durch die Druckzeile, heischt Mut und Kraft. Aber wozu wäre man ein Mann! Wozu hat man Faust und harte Stirn! und das Salz einer tapfern Überzeugung! als um es in den faulen Teig der Neutralität zu schleudern. Ein Ja wie ein Fels, ein Nein wie ein Fels! Und dazu eine große Liebe! Liebe kann Himmel und Erde erobern . . .
»Amelia, ich bitte dich . . .«, hörte ich Stefano rufen. Es war ihm nicht mehr geheuer. Sein hübsch gelocktes, tiefbraunes Stirnhaar glänzte von Schweiß.
»Und Agata liebt das Brot stark gesalzen. Sie würde schwach und krank bei deiner Kost. Sie liefe dir nach drei Tagen schon fort. Das alles weißt du übrigens. Wir Frauen haben dich deutlich gewarnt. Aber Niccolo schwatzt und schwatzt, und auf das hin willst du uns trotzen.«
Sie brach zornig auf ihn los, daß das schlanke Herrlein sich mit den flachen Händen an die Wand preßte und vor Unlust und Furcht die hübschen dunkeln Nasenlöcher blähte. Er war wirklich schön, zierlich wie aus Flaum und Seide; aber diese Schönheit sagte so gar nichts.
»He,« rief Amelia mit übermütigem Spaß, »sag' einmal ehrlich, kannst du wirklich da . . . da lieben?« – Sie klopfte ihm mit dem Zeigefingerknöchel fest aufs Herz. Es tönte wie auf Pappendeckel, denn sie traf gerade auf sein großes Notizbuch . . . »Und so lieben,« fuhr sie immer lustiger fort, »daß du mein Kind nähmest, wenn es nur zwei Soldi und zwei Fazzoletti brächte? Schau' mich an, Stefano, schau' mir gerade ins Auge! Kannst du ja sagen . . .?« Wieder klopfte sie, aber probierte jetzt auf der rechten Brustseite, und wieder scholl es von Pappendeckel. Denn hier trug Stefano Photographien in einem Kartonumschlag.
»O Mandonnina, ich muß lachen, lachen«, schrie sie und breitete komisch beide Arme weit in die Luft aus. »Da hört man es ja. Papier, Papier, statt Herz. Und das will von Liebe reden . . .! Wie er da steht, mein Schwiegersohn. Nun so antworte mir doch etwas, Caro mio, erdenke etwas!«
Sie hüpfte wieder, diese junggebliebene Frau, mit tänzelnden Pantoffeln und die Schürzenzipfel hochhebend, um den Tisch herum. Im Vorbeihuschen stieß sie absichtlich mit dem Ellbogen an meinen Stuhl. Das hieß: Was denkst du jetzt, guter Freund? Hab' ich's Euch nicht so vorausgesagt? Hier oben sind wir Weiber Meister.
Ich wagte nicht, vom Blatt aufzublicken, aber bemerkte doch, wie Stefano die neuen, steifen, schwarzen Hosen über dem Knie lüpfte, sich dann vorsichtig bückte und die weiße Rose vom Boden hob, die ihm durch Amelias Ungestüm aus dem Knopfloch gefallen war. Mich ergriffen Schadenfreude und Mitleid nacheinander. Im Artikel predigte es banal weiter:
Das Herz ist alles wert, nichts geht darüber. Zu Weihnachten merkt man das besser als sonst. Alles Rechnen und Wägen hört auf, der Verstand ergibt sich, Herz ist Trumpf. Ihm widersteht nichts, es erobert die Welt...siamo lieti!
Da stand er an der Wand, ohne ein Wort, ganz zerknittert...siamo lieti!
Amelia mit dem hübschen rosigen Nasengupf und den hellsten Schelmenaugen verspreizte sich wieder vor Stefano und sprach, die Hände in den Hüften, nun langsam, tropfenweise, Wort für Wort: »Ich hätte dir dieses Gespräch gerne geschenkt. Aber schon vorgestern warnte ich dich, und du ließest es dennoch darauf ankommen. In Gottes Namen, da hast du's«
»Wie konnte ich denken, daß die Dinge so . . . so stehen?« jammerte Stefano endlich. Er brachte kaum die Lippen auseinander.
Die Frau ergriff jetzt seine beiden Hände schier mütterlich mitleidig und entgegnete: »Streiten wir nicht. Es ist einmal so. Du warst eben ganz in dich versessen und blind. Nun siehst du wohl, daß es dein größtes Unglück wäre, mit Agata zu leben. Sie würde dir eine rechte Hölle einheizen. Sie ist eine Wespe. Sie ließe dich keine Minute im Frieden.«
»O . . . so gar schlimm . . .«
»Doch, doch, so schlimm stände es und noch viel schlimmer. Wenn sie dir einen Kuß geben müßte, sie dächte dabei an eine andere Lippe . . .«
»Eine . . . andere . . . Lip . . .«
»Ja, blinder Bursche, du siehst eben nur in dich hinein, aber nicht aus dir heraus in die andern. Dein Wohlsein, Prosit! Sonst hättest du gewiß bemerkt, daß Agatas Kopf längst von einem andern Spitzbuben verdreht worden ist.«
»Ahi, doch nicht der . . . der . . . der Pinsel da unten, der Gesell, der Crispino . . .« Stefano knickte schmählich in den Hüften zusammen und schnappte nach Luft.
»Gerade der!«
»Aber der ist ja nur ein armer Zuckerbäckergehilfe . . .«
»Und du?«
»Lächerlich! Er malt mit Honig, so Fäden . . .«
»Und du mit Druckerschwärze, so Phrasen, ho!«
Stefano schwieg aufs innigste gekränkt.
»Ein Geselle, sagst du! Aber in ihm steckt schon der Meister. Niccolo kann sich zu Bette legen, kann morgen ruhig mit mir in die Campagna hinausfahren, Crispino besorgt alles, als wären wir daheim. – Und er ist etwa kein armer Schlucker wie du. Sein Vater hat was in den Schubladen. Er war auch Bäcker, aber in Mais- und Roggenbrot. Dem Sohn ist das zu grob. Er hat für die feinen Sachen Genie. Niccolo überläßt ihm die. Sogar die Santissimi Bambini, für die mein Mann doch berühmt ist, sogar die malt jetzt Crispino. Und wie . . .? Sie haben ja eines gekauft«, richtete sich die rasche Frau an mich.
»Sie sind meisterlich gemalt, so daß man sie fast nicht zu essen wagt«, bekannte ich gerne.
»Hörst du, so steht es, und ich habe nichts dagegen, wenn Agata so einen liebt. Das ist guter Geschmack. Sie ist doch auch die geborene Bäckersfrau, und unser Geschäft bleibt so in unsern Händen. Natürlich, Niccolo merkt nichts. Er ist ja exakt so blind wie du. Wie konnte er sonst euere Verlobungskarten drucken lassen? Ich glaube, er kann bald andere versenden, aber nicht zum Spaß!«
Stefano schluckte und würgte und schwieg. Er hatte jedoch seine elegante Haltung langsam wieder zurückgewonnen. Aber man sah, es schmeckte bitter, was er da einnehmen mußte. Frau Amelia dachte, jetzt sei es genug.
Sie musterte ihn ruhig vom Scheitel bis zum Fuß. Kein Zweifel, sein fast märchenhaft hübsches Gesicht, diese süße Wohlgestalt, dieses Zierliche und Sammethafte tat es auch ihr ein wenig an. Stefano war, solange man seine hohle, nüchterne Selbstsucht nicht kannte, für die Mädchen ein Prinz zum Küssen und Kosen. Er selbst aber hatte bei seiner frostigen Seele, die anderes suchte, nie danach gefahndet. Der künftigen Gattin würde er ein verläßlich treuer Ehemann sein.
»Eigentlich sollte ich jetzt sagen: Geh und sei anderswo glücklicher! Aber du hast heute ins Blatt geschrieben: siamo lieti! Da möcht' ich dich doch auch noch ein bißchen lachen sehen . . . Kurz und gut, was sagst du zu Lea?«
Ein rasches, widriges Lüftchen zitterte über das blanke Gesicht des Jünglings. Agata war Sonne, Lea Schatten. Aber schließlich Gold ist Gold, auch wenn es im Schatten liegt. Daß Lea ihm heimlich sehr zugetan war, hatte er sattsam gemerkt. Aber er tat, als sehe er es nicht, da er noch immer wähnte, in der Sonne zu sitzen.
»Lea liebt dich«, fuhr die famose Bäckersfrau fort. »Sie ist nicht so hübsch wie Agata, aber so gescheit, o so gescheit!« – Sauer verzog hier Stefano seinen Mund. – »Sie hat viel mehr Grütze im Kopf als wir alle zusammen. Und sie ist durchaus brav und rein geblieben. Sie hat nur wenig rechte Wärme, ein kleines Herz.«
»O wegen dem . . .,« stotterte Stefano, »wenn es nur das . . .«
»Sie wäre eine tapfere Frau, die richtigste für dich, das heißt, wenn wir sie dir geben wollen. Sie hülfe dir beim Tintenhafen. Aber sie ist auch stark an der Pfanne. Ich lehrte meine Töchter gut kochen. Salat und Sauerkraut und alles Scharfe gerät ihr viel besser als der Agata. Sie würde dich auch ein bißchen salzen, so daß du einen Mann stellst . . . denn jetzt stellst du keinen. Sie spart und hat einen Geschäftsgeist wie sieben Levantiner zusammen . . .«
So hing Frau Amelia gleichsam die Eigenschaften ihrer älteren Tochter mit Vorder- und Rückseite ans Seil, daß Stefano sie ordentlich betrachten könne. Und er lief im Geiste an dieser Wäsche entlang und besah Stück um Stück und, was andere bedenklich gestimmt hätte, empfahl sich seiner verwandten Art geradezu. Trüge sie nur keinen so herben Nasenkneifer und dafür reicheres und minder rotes Haar!
»Also höre, liebes Bürschchen, wenn du bis Ostern mir und meinem Manne beweisest, daß dein Blatt ein Ja und Nein hat, daß es besser gesalzen und nahrhafter ist – Lea wird dir helfen – dann bekommst du unsere ältere Tochter, die uns gerade so lieb ist wie die jüngere, und ein schweres Stück Geld dazu. Später mögt ihr dann mit der Zeitung machen, was euch beliebt. Aber paß auf! Bis dahin lesen wir jede Nummer und machen Noten, sehr strenge Noten.«
Sie klatschte ihm mit beiden molligen Händen liebkosend auf die Wangen, versprach, sogleich die Töchter hereinzurufen, damit er sich gleich in der neuen Rolle übe, und hüpfte wie eine junge Spielkatze hinaus. Ich steckte den Kopf noch tiefer ins Käsblättchen.
*
Stefano stand noch eine gute Weile wie festgenagelt an der Wand. Dann ging er behutsam zierlich im Zimmer hin und her und stand etwa hinter meinem Sessel still. Aber er getraute sich nicht, mich anzureden, bis ich schließlich mit Geräusch die Zeitung zusammenfaltete und sagte: »Ah, wir sind allein? Gerade las ich Ihr siamo lieti!« – Sein saures Gesicht reizte wirklich zur Fröhlichkeit.
»Gefällt es Ihnen?«
»Wenn es heißt: laßt uns froh sein! dann bin ich immer dabei. Sie haben recht, heut abend darf man nur Liebe haben.«
»Mir,« wandte er verdrossen ein, »mir gefällt der Artikel gar nicht mehr. Er ist geschraubt. Man kann ja leicht empfehlen: sei lustig! Aber selbst lustig sein ist ein Zweites.«
»Aber lieben kann man doch«, neckte ich.
»Lieben«, wiederholte Stefano zögernd wie einer, der im Nebel steht und nicht weiß, wo Norden und Süden liegt, besonders nicht, wo der warme Süden liegt. Hatte er etwa Agata wahrhaft geliebt?
»Ja, lieben! Etwas zum Lieben gibt es immer in der Welt. Ich freue mich jetzt zum Beispiel, so kleinlich es Ihnen klingen mag, auf den heißen Punsch und auf die Schneckenbrötchen Niccolos. Ich freue mich auf Frau Amelias Späßchen und auf Fräulein Lea, die gewiß wieder etwas Feines gelesen hat und es uns in ihrer klaren Art noch zweimal hübscher gibt, als sie es empfing; ich freu . . .«
»Verzeihung, aber Sie finden auch, daß Lea besser, sozusagen richtiger erzählt als Agata?«
»Nicht zu vergleichen, Herr Redakteur. Agata, ach, ein gutes, drolliges Ding. Aber hier kommt doch ernstlich nur Lea in Betracht. Niemand kann nur die Gedichte von Giuseppe Giusti so gut erklären wie sie. Nichts geht über diese Sorte junger, klarer, sicherer Mädchen. Sie schlenkern nicht rechts und links und verüben keine ärgerlichen Streiche, und wenn sie einmal den Trauring wechseln, so . . .«
»Oh, ho, ah, ha!« klang es zufrieden vom Flur her, und Niccolo selbst schoß mit Wichtigkeit, händereibend und den Atem puffend, durch das Sälchen. »Also, doch, brav, brav«, rief er mir zu. – »O wie man aufatmet. Seit drei Tagen im Fegefeuer stehen und arme Seelen erlösen, und dann noch diese Schlechtigkeit . . . äh, oh, ha . . .«
Fegfeuer nannte er die Bäckerei und arme Seelen die Teigwaren, bevor sie durch den Ofen gegangen.
Er verschwand im Nebenzimmer, und gleich hörte man ein Patschen und Klatschen und Plätschern im Wasser wie von einem Seehund draußen im zoologischen Garten.
»Was hat es denn gegeben?« fragte ich Stefano.
»Er hat den Heizer verjagt.«
»Wie, den Rufino, auf den er Leib und Seele verschwor?«
»Er hat ihn jahrelang unbemerkt mit den Kohlen betrogen. Jetzt, wo er die Grippe bekam und im Bett lag, kam es bei der neuen Lieferung auf. Es standen immer zehn Säcke mehr auf dem Konto als auf dem Kohlenwagen. Den Profit strichen Rufino und der Fuhrmann zu ehrlichen Hälften ein. Die zehn Säcke hatten sie unterwegs an Mann gebracht.«
»Und?«
»Diesmal zählte nun Niccolo beim Abladen die Säcke. Und da gab es ein Hallo, und als der Heizer wieder antreten wollte, einen Schuh in den Hintern, Verzeihung! daß der Mann nur so in die Gasse hinausflog.«
»Jetzt wird er niemand mehr leicht trauen«, sagte ich scheinbar für mich.
»Das war schon vor drei Tagen«, beruhigte Stefano. »Lassen wir . . . die Fräulein . . .«
Die Mutter mit den beiden Töchtern trat ein, schwarz gekleidet alle drei, aber was für ein helles, lachendes, seidenes Schwarz!
Sie trugen Tassen und Gläser auf, die Silberkanne für den Punsch, Körbchen mit Näschereien, Weißwein, Marsala und Zitronen. Im Nu war der Tisch glänzend gedeckt. Eine weite, runde Stelle in der Tafelmitte blieb frei. Wozu wohl? Und wo stand denn eigentlich der Weihnachtsbaum, der prahlerisch seit Wochen versprochene?
»Es gibt kein Fleisch, wir halten den Fasttag«, neckte Agata zu Stefano hinüber. Vigil vor Weihnachten!
»Aber morgen bekommst du Rehschlegel. Sie auch«, lud Amelia mich ein. »Punkt ein Uhr mittags«. Alle drei wandten sich freundlich zu mir, aber besonders gütig zu Stefano.
Dieser noch immer halbe Knabe, wenn auch schon verknöchert bis tief ins Herz, schien jetzt doch etwas wie Weichheit zu verspüren. Oder hatte er schon eine kleine Geschäftsüberlegung angestellt? Oder stand Rufinos Geist vor ihm? Jedenfalls grüßte er zuerst höflich Agata, nahm dann Lea am Arm und fragte, wo sie sitze. Er möchte den Abend neben ihr verplaudern. »Du weißt, ich vertrage nicht viel Punsch und vergesse mich doch nur zu leicht und habe hernach den Schaden. Agata würde nur immer zuschütten, sie hat kein Gewissen. Aber du bist gescheit und passest auf und zeichnest mir das Maß. Schau', gerade bis an die Röslein am Becher . . . bis hierher!«
Sie sah ihn mit ihren kurzsichtigen, aber wahrhaft glanzvollen Augen überaus dankbar an. Aber Agata spöttelte: »Gerade und präzis bis an die roten Rosen, ach, und keine einzige packen!«
»Nein, diese und gewisse andere Rosen nicht«, versuchte er arglistig zu werden. »Sie duften zu wenig.«
»Oder sie stechen zu scharf und du bist gar zart.«
»Ich werde mir meine Rose schon noch holen, und sie soll nur tapfer stechen. Das gehört dazu.«
»Kinder,« gebot Frau Amelia, »was kratzt ihr euch schon wieder? Friede den Menschen auf Erden!« – Die Schelmin, wie sie dazu lachte!
Lea und Stefano setzten sich bereits unten an den Tisch. Nein, die Jungfer war in der Nähe gar nicht so übel. Die Nase etwas zu klein, der Mund etwas zu groß, wenig Haar und fast kupferrotes; aber eine schöne Stirne, einen flotten Schwung der Brauen, viel Glanz im Auge, und wenn sie redete, klirrte es von großen, blanken, gesunden Zähnen. An den Zwicker kann man sich schließlich gewöhnen. »Also, bestimme, was ich trinken soll«, bat er nochmals und hätte am liebsten beigefügt: ›Und zeig' mir auch, woher und wieviel Salz ich in meinen Crepuscolo nehmen soll . . . Überhaupt, wollen wir uns nicht mit Wein und Salz und Blut und Leben gerade ganz einander in die Hand geben, für immer? . . .‹
Vielleicht träumte ich. Aber es war doch auffallend, wie die zwei in ein immer leiseres Zwiegespräch verfielen. Stefano, der weniger sichere, etwas wie Ergebenheit, Lea, die entschiedene, etwas wie Sieg auf der Stirne.
Indessen trat Niccolo in Frack und weißer Weste, mit strahlendschwerer Uhrkette und einem blaßseidenen Nastüchlein in der Hand zu uns heraus und setzte sich in die Mitte der Tafel, zur Rechten seiner Frau. Seine umbuschten Augen schwammen in einer stillen Fröhlichkeit. Für morgen war ja alles gebacken, Brot und Schleckerei. Crispino, der tüchtige Gehilfe im Feingebäck, würde mit den Töchtern servieren. Er aber konnte mit der Frau nach Ara Coeli hinauf die Kinderpredigt anhören und ohne Eifersucht bis abends den Festtag an ihrer fröhlichen Seite verleben. Ach, wie selten und wie köstlich war für ihn so ein Morgen und gar so ein mit niemand geteilter, im Frauenbesitz schwelgender und vor aller Stadt prahlender Nachmittag! Ganz Rom besaß keine zweite Amelia.
Jetzt rutschte er wohl etwas verlegen auf dem Sessel herum wie einer, der den Mund zu voll genommen hat. Denn er konnte es aus allen Augen lesen, daß er sich mit der Verlobung heute abend und dem Druck von dreihundert Verlobungskarten auf Büttenpapier heillos übertan hatte. Die Karten lagen noch aufgebeigt im Nebenzimmer und nur zwei, drei waren voreilig in die Öffentlichkeit hinausgeflattert. So viele Karten, so viele Fragezeichen. Er hatte heute verschiedene Male mit Amelia und Agata über Stefano zu reden begonnen. Aber bei ihren empörten Blicken blieb ihm der halbe Satz in der Gurgel stecken. Nein, da war noch nichts reif. – Und nun saß er hier oben, wo seine Frau unwidersprochen die Kelle schwang. Den Stefano wagte er zuerst gar nicht anzublicken. Der war ja gewiß in einem Himmel von seliger Gewißheit, und nun sollte er ihn in die Hölle des Sichgeduldens und Harrens hinunterstoßen.
Aber nun beruhigte ihn doch, daß alle Leutchen so heiter um ihn herum saßen, daß Stefano trotz allem so fröhlich war und gar nichts Besonderes zu erwarten schien, aber sich so zutunlich um Lea, gerade um Lea, zu schaffen machte. Man konnte also wohl das schwierige Ding verschieben.
Verschieben war ja das Talent und der Trost seines Lebens. Mit dieser Politik blieb er stark und scheinbar siegreich, wie alle, die ihre Gedanken eher predigen als praktizieren. Es lag ihm jetzt selbst daran, diesen Abend unbehelligt und sorglos vor der Zukunft zu feiern. So griff er denn energisch zur Punschkanne, schenkte das goldgelbe Naß in die Kelche und sagte mit herzhaftem Tone zu mir: »Nun, Freund, was haben Sie mit dem Bambino gemacht? Doch nicht schon mit Haut und Haar verschlungen?«
»Es liegt,« versetzte ich ruhig, »auf einem Totenbett.«
Alle hoben die Gesichter verblüfft zu mir auf.
»In diesem Augenblick ist es wohl schon eingesargt mit einem anderen Bambino«, fügte ich geheimnisvoll hinzu.
»Was Sie nicht sagen!« stieß Niccolo hervor und zerklüftete seine Stirnrunzel in die Breite und Tiefe. – »Ich backe doch nicht für die Toten.«
Nun erzählte ich so einfach als möglich, was ich diesen Abend in jener Christbaumstube erlebt hatte. Alle hörten innig zu, nur Stefano flüsterte zwei-, dreimal der Lea etwas gewiß ganz Nebensächliches ins Ohr. Der Bäckermeister jedoch wischte sich häufig die Augen. »Das ist eine Weihnacht! Gott, welche Weihnacht!« rief er wiederholt. »Wenn wir, liebes Amelchen, an so einem Abend ein Kind verlören, oh!« Und er griff hilfesuchend nach der Hand seiner Frau.
*
Jetzt kam etwas Überraschendes. Amelia erhob ihr keckes rotes Näschen, reckte sich wie ein Soldat, faßte Niccolo an der Achsel und sagte: »Lieber, jetzt hör' mal! Kinder können uns verlorengehen, ohne daß sie sterben, und das ist fast noch trauriger. Versteh' mich gut, Niccolo, wenn du unsere Agata zur Heirat gezwungen hättest, verkauft hättest . . . das wäre gewesen, wie wenn uns Agata aus dem Hause weggestorben wäre. Agata, sag' du selber . . .«
»Verkaufen . . . wie sagst du?« stammelte der überrumpelte Bäcker und tat wie ein Schwerhöriger, »verkaufen . . . ah . . .«
»Mamma,« fiel da munter und wehrhaft das hübsche Jüngferchen ein, »o man stirbt nicht so flink. Und du weißt, ich lasse mich niemals verkaufen. Oder dann soll der Herr Käufer gehörig an mir zu würgen bekommen. Der stürbe daran lange vor mir.«
Der Graben in Niccolos Stirne vertiefte sich, seine Arme kneteten in die Luft hinaus. Er schnaufte stoßweise. »Amelia,« bat er düster, »ver . . . kau . . . fen? Ich? Denk' doch einmal ehrlich nach, was du da sagst!«
Aber die Frau machte mit berückender Holdseligkeit: »Pst, pst!« und schloß ihm mit ihrer kleinen duftigen Hand den Mund. »Laß Stefano selbst reden!«
Sie umblitzte jetzt förmlich mit ihren Blicken den armen, tief in den Stuhl versinkenden Redakteur. ›So rede doch, du Hasenherz! Was sagte ich dir noch eben? Paß gut auf, sonst fällst du zwischen Stuhl und Bänke; dann lieg' und schäm' dich!‹ – So sprachen und reizten ihn ihre Augen, daß Stefano sich einen Ruck gab und schrie: »Onkel, reden wir heute nicht davon! Seien wir heute nichts als gute Freunde! Sprechen wir ein andermal von der Zukunft . . . und dann auch ganz anders!« Er fuhr mit den Blicken über Agata hoch hinaus wie ein Falke über eine Henne, die ihm zu mager ist. – »Lea«, setzte er sicherer fort, »versteht mich sehr gut. Also, guter Onkel, verschieben wir!«
»Verschieben wir«, wiederholte Niccolo gewichtig und atmete bei so gutem Wort tief auf. »Du hast recht. Du bist ein lieber Bursche. Aber, aber einmal muß denn doch die Sache ernstlich geordnet werden,« sagte er streng zur Frau, um sich nichts zu vergeben, »einmal denn doch!«
»Es wird sich alles hübsch lösen, Niccolo, zu aller Freude«, begütigte sie und spielte mit seinen Fingern. »Du hast ja gescheite Kinder. Laß sie nur ein wenig selber machen!«
»Aber doch sind es Sabinerinnen,« versuchte ich witzig zu sein, »die sich rauben lassen müss . . .
»O Sie Legendenheiliger«, warf sich Meister Niccolo mir stürmisch entgegen. »Dieser Raub ist doch erwiesenermaßen eine Erfindung wie auch das mit dem Scaevola und dem Horatius Cocles und den Gänsen auf dem Kapitol. Alles bis auf Hannibal ist Dichtung. Dann kommt das Faktum.« – Großartig hob Niccolo das breite, gelbliche, gedankenvolle Gesicht empor, wie nur er es konnte, knipste mit Daumen und Zeigefinger, daß es leise knallte und deutlich zeigte, daß er durchaus nicht mehr zur alten konservativen Gemeinde gehöre, die noch jedes Märchen der römischen Wiege schluckt.
»Papa,« protestierte nun Agata, »ich glaube das alles, alles, alles!« und spaßig streckte sie die drei Schwurfinger statt in die Höhe gen Boden.
»Bist und bleibst eine Schnepfe,« brummte Niccolo vergnügt. »Hast nichts als Allotria im Kopf. Schau', Amelchen, was für einen Haarstrubel sie hat, das reinste Vogelnest.«
Gut verstand ich das frische Mädchen. O ja, die glaubte an den Raub der Sabinerinnen. Sie hatte ihn ja leibhaft erfahren. Ein echter Römer hatte sie geraubt. Ihr spaßiges Herz gehörte nicht mehr ihr. Ganz recht, daß sie diese Schwurfinger gen Boden hielt. Dort unten, vier Böden tief, schaltete in Pasteten und Sirup ihr geliebter Eroberer. Er malte jetzt wohl noch den letzten Bambini Augen und Mund auf den toten Leib, so daß sie anfingen zu leben und zu lachen wie wirkliche Kinder. O, ihr schwindelte fast beim Gedanken, wie er auch ihr die so blindlings in den Tag hineinlebte, die Augen für ein wärmeres, tieferes Dasein aufgetan.
Merkwürdig still blickte Agata in ihren Punsch und beguckte sich darin. Jawohl, sie war so eine Puppe ohne Sinn und Zeichnung gewesen, selbst noch mit Stefano. Da kam er, Crispino Bellocchio, vor sechs Wochen, der starke, frische Römer-Eroberer, und hat sie mit seinem Zuckerbäckertalent so gezeichnet, daß jetzt Liebe ist, wo vorher Spaß war, Arbeitsglück, wo nur Zerstreuung, eine klare Straße und eine feste Zukunft, wo vordem kindliche Ziellosigkeit regiert hatte.
Wenn er mit dem Pinseln fertig ist, so sieht er noch nach, ob der Heizer den Ofen auf 30 Grad gestellt hat, zieht den Luftschieber auf drei Viertel, läßt die Kuchenbretter und Backbleche abfegen und frisch einfetten, gibt dem Hüter für die Nacht seinen Proviant, schlüpft aus dem weißen Habit und putzt sich rasch in festliches Schwarz zurecht. Dann kommt er herauf, immer drei Stufen nehmend, um mitzufeiern. Er hat ein Gesicht so rund und gelblich wie der Brotteig, Haare und Augen braun wie Bienenhonig. Aber die Lippen brennen wie das Backofenfeuer, und ein Duft von frischen Semmeln weht aus ihm. O er kann alles backen und gut backen: Brötchen, Torten, Liebschaft, Hochzeit und gewiß einst auch die muntersten Bambini, dieser geschickteste Bäcker der Welt!
Wie gut las man dies alles vom netten, dreisten Gesicht Agatas!
Das Gespräch wurde immer fröhlicher. Der starke Punsch flammte einem bis unters Haar. Amelia bekam heiß. Ich öffnete das Fenster. Eine laue, aus der Straßentiefe glücklich summende Luft umspülte uns und aus einem Fenster gegenüber scherbelte Geschirr und rief man: ›Salute, Giacomino! Salute, Serafina!‹ – Mir war, unsere Tafel sei eine kleine, erhöhte, selige Insel, ringsum von Festlichkeit umbraust, aber selber auch ein Fest. Daß ich vor vier Stunden noch in eine tiefe Schwermut mit salzigem Auge geblickt hatte, in Särge und Gesichter voll Not, war vergessen. In unserem Seifenblasenleben, ach, was sind wir doch selbst für Seifenblasen!
Neben jedem Besteck lag der alten Sitte halber ein Lebkuchenbambino. Ich musterte meines. »Crispino!« entschuldigte der Meister lächelnd. »Die meinigen sind alle weg. Das läuft wie Wasser. Dann erst greifen die Leute nach Crispinos Kindern. O er hat geschickte Finger, er wird sich schon noch machen.
Das klang zum Lachen. Denn Crispinos Christkindlein waren viel eleganter geformt, ihre Augen waren oval, nicht rund, und der Mund war bald geschlossen, bald offen. Niccolo deutete die Ohren kaum an – zerquetschte Nullen – und kleckste ein Näschen nur so mit dem Daumen hin. Aber Crispino, den selbst fein geringelte Ohren schmückten, modellierte auch so zierliche, zärtliche Ohren aus dem Teig und ließ sogar die rosigen Nasenlöchlein sehen. Die Brauenbogen so kurz und hoch, die weich gespaltene Unterlippe und der famose Knick im Kinn, das war förmlich Agaten gestohlen. Hundertmal wahrer waren diese frommen Puppen als Niccolos steife Traditionsbambini. Aber das Volk will Tradition, trotz allen Moden, und je gröber, je lieber.
»Er hat den rechten Bildhauerschmiß noch nicht gefunden«, betonte Niccolo. »Das braucht Zeit und ist dann plötzlich wie Eingebung da.«
Auch Agata besah ihr Kind. Den rechten Schmiß! O, so und nicht anders soll das Bambino sein. Immer zarter wird ihr Gesicht beim Betrachten. Das ist nur Teig und Zuckerschleim. Aber wie erst, wenn . . . Sie huscht ganz leise und klein zusammen, ein heiliger Schauer durchrieselt sie. Während Amelia mit dem Gatten über Crispinos sichere Zukunft plaudert und Lea mit Stefano die Neugestaltung des Käsblattes berät und über Druckkosten und Papierpreis nachrechnet, denkt Agata, was auch ich denken muß: welch hübsches Kinderleben aus ihrem geeinten Wesen in die Welt hinaus wachsen und blühen wird . . .
»Salute, Angelina, Salute, Peppo!« sang es drüben aus den lampenhellen Stuben und viele Gläser klirrten.
Ich faßte den Becher, wir stießen an, wir lachten, Gold und Sterne strömten aus unsern Augen. Der Meister hielt seine kleine Frau im Arm und prahlte: »Wir nehmen Pandolfis Vittoria, nicht den Landauer, nein, die Vittoria mit den zwei Rappen. Glänzen soll es morgen!« – Ich nickte: »Tut das, nehmt drei, vier Rosse, nehmt sechs Schimmel, seid lustig, o wie schön ist das Leben!«
War ich nicht zu lustig? Die Leiche, der Sarg . . .
›Evviva, evviva!‹ scholl es drüben.
Gibt es denn Särge? Ah, bah, Wiegen werden wieder daraus. Und gibt es Kinderleichen? Nein, das ist die abgestreifte Larve, blick' hinauf, siehst du die himmlischen Schmetterlinge! Das Vreneli voraus!
›Salute Angelina, cara, cara Angelina!‹
Nein, du liebes Vreneli, du leuchtendes, hohes, du bist gewiß nicht böse, daß ich hier Punsch trinke und lache und alles prächtig finde. Da lebst ja erst recht. Und du schwebst über uns und lächelst superklug, weil du es noch viel lustiger hast. O du schwebst jetzt über vielen Kinderhoffnungen hier und dort, und es ist zwischen dir und den andern Kindern nur der eine Unterschied, daß sie vom Christkind kommen und viel Staub vor sich haben, du aber allen Staub abgeschüttelt hast und zum Christkind eilst, dem Kind aller Kinder.
›Salute Angelina! Ewivano tutte le belle ragazze‹
›Einverstanden‹, nickte ich hinüber, ›aber hört, mit so wenig Staub als möglich!‹ – Denn in dieser Stunde schien mir eine ungewohnte, duftige Reinheit über uns allen zu liegen. Im Schnee der Unschuld wie daheim im Norden schien mir der heilige Abend auch hier zu thronen, in einer Lauterkeit ohnegleichen.
Von der Straße herauf schollen nun immer deutlicher durch das Menschengebrause die Schalmeien der Pifferari. Sie pfiffen wie unsere Murmeltiere in den Alpen und flöteten wieder wie Amseln. Dann dudelte dunkel die schwermütige Sackpfeife hinein. Eine pastorale Luft umgab uns. Ich meinte jene alten Hirten zu hören, wie sie daherrannten und riefen: ›Wo ist er, wo ist er, der neugeborene König der Welten?‹
*
Ich weiß nicht, wohinaus ich noch geschwärmt hätte, wenn
jetzt nicht Crispino mit seinem soliden Römerschritt heraufgekommen wäre. Alle
blickten zur offenen Türe. Eine Lichtflut strömte voraus, als käme die Sonne.
Dann würgte sich wahrhaftig ein Christbaum herein, aber was für einer! Und
zuletzt trat er selbst über die Schwelle, Crispino. Wie schön und groß war er!
Neben ihm, dem WeGli angeli chiamavan: venite
santi!
Nato è Gesù Bambino alla capanna.hrhaften, Geraden, Sichern wie eine Forumsäule, fiel der nette
Stefano wie eine seidengestickte, feine Zierlichkeit zusammen.
»Der Ceppo, eja, der Ceppo!« rief Amelia fröhlich.
»Vielmehr der Albero«, korrigierte der Bäcker und winkte mir triumphierend zu. »Der Wai . . . nacks . . . baum! Der de . . . utsche Weinacks . . . ba . . . um! Selber gemackt, fur Sie!«
Aber was war denn das? Einen Holzbengel, den sogenannten Ceppo, hielt Crispino in der Faust. Das ist jener olivene oder weidene Holzklotz, den die echten Römer sich für die Mitternacht von Natale zurechtschnitzen, oft vorher segnen lassen und mit Lorbeer umkränzt beim zwölften Stundenschlag im Hof oder am Kamin verbrennen. Niccolo hatte nun nach seiner römischen Einbildung daraus einen kleinen Weihnachtsbaum geschaffen, mit einem Stehbrett unten und mit künstlich nach oben eingesteckten Zweigen von Zypressen, Lorbeer und anderem Immergrün, so daß sich dieses Festgewächse wie ein kurzer, bunter Busch in der Höhe immer weiter verspreizte, das gerade Gegenteil von der zauberhaften Gotik unserer Tanne. Nein, dieses Gestäude konnte ich nicht als Christbaum anerkennen.
Aber Meister Maggiolini hatte es gut gemeint, und je länger ich das Werk betrachtete, um so hübscher dünkte es mich in seiner Art geraten. Es konnte doch als Christbaum gelten, aber im Stil des farbigen, schneelosen Südens. Aus dem Laub, das wie grünes Gras funkelte, lachten Orangen, spanische gelbe Trauben und Feigen. Zahllose grellrote Kerzlein blitzten zwischen den Blättern hervor und leckten mit ihren heißen Zungen am Laub. Drei Engel aus Wachs schwebten in der Krone, und am Stamme lag, in die Rinde geborgen, ein winziges, rosarotes Krippenkind. Als der seltsame Baum endlich zwischen den Kannen und Bechern in der Tischmitte stand, dünkte er alle ein Wunder von weihnachtlicher Schönheit und gleichsam eine fromme Ansprache. Unwillkürlich falteten Vater und Mutter Maggiolini die Hände wie zum Beten. Aber Crispino erhob sich, gab ein Zeichen und begann mit gewaltigem Tenor:
Gli angeli chiamavan: venite santi!
Nato è Gesù Bambino alla capanna.
Da standen wir alle auf und sangen recht und schlecht die uralte Strophe fertig, und das hirtenhafte Geschell und Pfeifenspiel von der Straße herauf paßte gut zu unserem:
Venite tutti quante, voi pastori,
Venite a visitar nostro Signore!
Niccolo übertönte mit seinem rollenden Baß alle, selbst den Tenor, und sein breites Gesicht und selbst die Runzel darin leuchtete von Begeisterung.
Nun setzten wir uns wieder, schenkten ein, stießen an und pflückten die Früchte vom weihevollen Bäumchen; und sprachen von der Jugend und vom dunkeln Söller des Alters und vom zufriedenen Jetzt und wie eben doch gerade nicht die Menschen, so steif sie es glauben, sondern bald etwas Dümmeres und bald etwas Gescheiteres das Kügelchen Erde regiere, aber über allen diesen Flickgesellen der Altmeister Gott walte und das letzte Ja und Nein habe.
Von den Lautesten und Lustigsten war Crispino. Er saß zwischen Niccolo und Agata gerade recht und drehte bald den hohen Satz der Rede ins kleine, warme Privatgeplauder. Er redete von sich, als wäre das selbstverständlich. Vierundzwanzig Jahre zähle er im nächsten Monat und sei stark für drei Jünglinge. Sehnlich warte sein kränkelnder Vater auf ihn. Aber schön sei es eben auch bei Niccolo. Er bleibe gerne solange als möglich, obwohl er nun in der Via Pagani eine selbständige Bäckerei bald eröffnen dürfte. Der Vater dränge eben gar heillos, noch einmal den Duft von gebackenem Brot durchs Haus hinauf zu spüren wie ehedem.
Sofort umschattete sich Niccolos Antlitz.
»Wißt Ihr was, Meister,« fuhr Crispino mit köstlicher Draufgängerei fort, »wir sollten uns vereinigen können, Euere und meine Bäckerei.«
»Wie das?« brummte der Bäcker mit schwarzer Furche.
»Nichts leichter. Statt uns so nahe Konkurrenz zu machen, bleiben wir beisammen. Drüben in der Via Pagani lassen wir einen soliden Meisterknecht in Mais und Roggen schaffen, und ich sehe ab und zu nach, und mein Vater hat so auch noch seine letzte Freude.«
›Ei,‹ dachte ich und prüfte Frau Amelias schlaue Äuglein, ›ei, da ist ja schon alles abgekartet und wird gleich tödlich aufgetrumpft. Niccolo, ergib dich!‹
»Wie . . . zusammen . . .«, stotterte der Meister ganz verwirrt von Zweifeln und Hoffnungen, die ihm durch den Kopf schwaderten. – »So einen Burschen darf ich doch nicht ewig als Knecht behalten . . .«
»Sicher nicht! Aber . . .«
Und blitzschnell schossen Agata und Crispino von den Stühlen, gaben sich mit aller Gewalt die Hand, neigten sich dann lustig, was sag' ich? unwiderstehlich, siegreich zum Vater nieder und riefen in einem einzigen, gar beherzten Ton: »Aber als Schwiegersohn!«
Das alles war längst aufs Tüpfelchen so einstudiert, und ein bißchen römisches Pathos mochte dabei sein. Dennoch, es kam von Herzen und wirkte überaus natürlich.
Fassungslos starrte Niccolo sie an. Seine Hände begannen zu kneten.
»Erlaube, Vater Niccolo!« Und Crispino bog sich noch tiefer und küßte den Alten auf beide Wangen, desgleichen die Mutter, die sich lachend hergab. Und dann nochmals: »Erlaube, Vater!«
Und jetzt küßten sich die zwei kecken Verlobten auf Stirne, Backen und Mund. Mir war, es müsse knistern dabei wie von frischem, hellem Feuer.
»Das ist recht, so soll's sein«, überhüpfte sich in höchster Stimmenfreude Amelia. »Das hat das Christkind gemacht.« Und mit ihrer ungebändigten, hohen Kinderglockenstimme begann sie nochmals:
»Gli angeli chiamavan: venite santi!«
Wir alle fielen ein. Auch Lea sang kräftig, und sogar Stefano hatte etwas Öl in der Stimme. Nur Niccolo saß noch und starrte und staunte.
Amelia zog ihn leise empor und sang ihm ihren süßen Vers und noch süßeren Atem ins Gesicht. Da taute er aus seiner Verblüffung auf.
»Nato è Gesù Bambino alla capanna«, sang er schon mit. »Venite tutti quanti, voi pastori!« Da hatte er bereits seinen vollen Kanonenbaß eingesetzt.
Wie konnte er anders? Seine Frau lachte so ungeheuer ansteckend, das Pärchen stand da wie in der Sonne, sein bester Gehilfe, um den er längst gebangt, setzte sich mächtig in den Schoß seiner Familie, keine Konkurrenz von der nahen Via Pagani, vielmehr eine nützliche Filiale in braunem Roggen und gelbem Mais, keine Sorgen, Nachmittagsschläfchen und . . . Ja, und viel mehr um seine Amelia herum sein, viel, viel mehr auf sie achtgeben, den Überflüssigen die Ellbogen zeigen, ah, wie gut ist das!
Daß er, der für den König und den Papst denkt und vorsorgt, nie an diese . . . ach, so selbstverständliche Einfädelung seiner eigenen Angelegenheiten gedacht hat! ›Ach, das ist es ja, ich denke immer nur an andere, nie an mich!‹
Er wird nun bald vierundfünfzig. Frühherbst! Aber da ersteht nun ein zweiter Frühling, und die Spaziergänge mit der geliebten und immer bewunderten Frau werden noch schöner als einst im April. Dort griff man in zarte Pfirsichblüten und roch zusammen an einem weißen Orangenstern. Jetzt, o jetzt bricht man die schwellende Frucht vom Ast und hält nicht bloß die Nase daran, sondern ißt davon zusammen Schnitz für Schnitz. Und hat auch von der Leibesfrucht die gleiche Frühherbstfreude. Sind es auch nur Mädchenröcke, aber, potztausend, was nur die einzige Agata in einer Viertelstunde zwischen den Teetischen herumrennt und Tassen austeilt! Und was die Lea hinter der Brille alles weiß! Diese salomonische Jungfer! Und die Männer knien vor ihnen, und es gibt Brot und Ruhm ins alte Maggiolinihaus. Brot und Ruhm, das ist die beste römische Geschichte.
Der wohligste Schwindel steigt dem Meister mit dem glühen Punsch und dem Wachsduft in den Kopf.
»Ihr meint wohl, ihr habet mich überrumpelt!« schreit er in fröhlichem Zorn in die Gesellschaft hinein.
»O nein, ihr nicht«, prahlt er weiter. »Mich überrumpelt niemand, nicht einmal der Menelik. Das sah ich längst kommen. Es stand zu groß auf euere Gesichter geschrieben. Ich bremste bloß. ›Man muß sie Geduld lehren, prüfen‹, sagt' ich zu mir. Ihr hättet noch lange intrigieren können, ihr kleinen Diplomaten, das hätt' euch keinen Pfifferling genützt. Ich war auf alles gerüstet, und ich dachte, dann oder dann sage ich plötzlich: ›Fertig mit dem Versteckspiel! Nehmt euch! Küßt euch! Heiratet euch!‹ – Gewiß, ich hätte noch über Neujahr gewartet. Aber nun hat mich das Christkind besiegt. Wie soll ich beten und singen und den Ceppo anzünden und allen glückwünschen, wenn ich dabei euere Freude auslösche mit einem Nein! Noch nicht! Wartet! . . . Nein und hundertmal nein, was angezündet ist, soll in Gottes Namen brennen. Habet euch, liebet euch! . . . Und ihr dort hinten, ihr Übergescheiten, ihr Tintenlecker, macht nur auch vorwärts, 's geht gerade in einem . . . Könnten wir nur die Namen verschieben auf den verflixten Verlobungskarten! . . . Na, in Gottes Namen! . . . Aufs Wohl meines Crispino und meiner Agata!«
O wie gern Niccolo Reden hielt und wie er sich nun tief in den Becher trank und wie in seinen großen dunklen Augen es von Lichtern und einer begeisterten, tränenseligen Rührung wetterleuchtete! Nie sah ich ihn glücklicher.
Aber der wirkliche Sieger des Abends wartete nur auf die Pause, um zu Wort zu kommen. Er ließ dem Cicero seinen Glauben. Ihm als echtem Cäsar war es ums Reale zu tun.
»Dann komm' ich morgen abend«, sagte er gewaltig. »Ich komme und bringe den Vater und gestempeltes Papier mit, und wir setzen den Vertrag auf. Und auch ich komme in der Vittoria mit zwei Rappen.«
»Teufelskerl!« antwortete Niccolo. »Aber alles recht, alles recht. Geb' ich den Daumen, so geb' ich auch die Hand. Der Tintenkleckser dort soll's notieren. Er schreibt so sauber wie eine Nonne. Na, Stefano, und dann hast du gleich eine Vorlage zu deinem Kontrakt!«
Stefano griff unwillkürlich nach der oberen Westentasche, wo er seine Füllfeder stecken hatte, um rasche Notizen zu machen. Sauersüß sah er drein. Doch nickte er gehorsam und gewann es über sich, seinem unebenbürtigen Rivalen von oben herab mit einer gewissen Gutmütigkeit zuzulächeln. ›Nimm sie denn in Gottes Namen,‹ hieß das, ›ich verzichte. Wir teilen ja doch den Apfel. Du bekommst die rote Backe, ich die grüne. Aber schließlich ist es doch der gleiche Apfel zu gleichen Hälften.‹
Es ist mir nicht gegeben, mit kalter nordischer Tinte das Stündlein hoch oben im Römerhaus der Via Marca zu zeichnen, dieses gemütliche, von innerer Freude erbrausende und vom Stern Bethlehems gesegnete Stündlein vor Mitternacht. Immer wahrhafter kam mir der eigenartige Christbaum vor. Er schimmerte dunkelgrün wie die orientalische Nacht, und mich dünkte, solche wundervollen Büsche müßten mitsamt den Kerzenflammen um die Hütte Bethlehems gewachsen sein und geflackert haben. Unter solchen Stauden habe Maria das Kind oft in den Schatten gelegt und bei solchen Lorbeersträuchern habe sie auf der Flucht geruht, Wasser geschöpft und in ihrer Kühle den Duft und Glanz, wohl auch die bittersüße Lorbeerzukunft vorgeahnt.
Um Mitternacht, als von den Kirchen das zwölfmalige Stundenschlagen über die vielen Dächer strömte, nahm Niccolo das Bäumchen mit feierlicher Gebärde vom Tische und legte es umgestürzt ins Kamin. Sogleich lohte es hochauf, glühte wie die Liebe Gottes und sank nach und nach in die Asche aller menschlichen Gebrechlichkeit zusammen. Und als alles grau wurde, mußte ich wieder ans Vreneli denken, das der Asche für immer ins Licht entflohen war. Wir andern aber gingen noch durch den Staub, wir waren noch nicht gesichert. Und daher reichten wir uns nach alter Römersitte die Hände und sagten: »Vi auguro un buon ceppo!« Ich wünsche dir eine gute Weihnacht, ein gutes neues Jahr, ein glückliches Leben und Sterben. – Als ich endlich ging, hielt mich Niccolo unter der Türe erschreckt zurück und schalt: »Sie haben ja noch keine Asche. Sie müssen Asche vom Ceppo mitnehmen. Das hilft vor Blitz und anderem Übel.« – Und indem er mir einen Löffel voll in den inneren Verschluß des Geldbeutels schäufelte, bat er geradezu: »Freund, bitte, gut aufbewahren bis zur nächsten Weihnacht. Der Redakteur da ging voriges Jahr weg ohne das. Da seht, es hat geblitzt, es hat ihm die Agata weggeblitzt, von der gedruckten Verlobungsanzeige weggeblitzt. Ha, ha . . . Und sie waren doch auf sehr solides Büttenpapier gedruckt. Also, kein Spaß!«
Ich schob den Beutel in die Weste. Ich glaube nicht an Asche, ich glaube ans Feuer. Aber ich behielt sie doch ein volles Jahr in der Tasche. Mir war, es glühe da noch etwas von Rom darin. Öfter wollt' ich sie ausschütten, schon auf dem Heimweg in den Schöllenen und dann in die Limmat. Aber immer hielt mich ein süßer Aberglaube zurück. Jedesmal kam sie mir so geheimnisvoll vor, so warm, so gar nicht wie Asche, so etwas wie fernes, leise über die Schneeberge grüßendes Rom mit zwei köstlich erlebten Christbäumen.
Und wahrhaft, der Blitz verschonte mich. Kleine Blitze, die nicht töten, die nur ein bißchen brennen und schwärzen, gab es wohl genug; aber keinen schweren, türbreiten, zu Boden werfenden und vernichtenden Blitz. Hingegen kam, ehe das Jahr sich völlig gedreht, eine niedliche. duftige Geburtsanzeige aus der Via Nesi und zwei, ich sage und schreibe zwei wohlbedruckte Hochzeitskarten aus der Via Marca. Die eine war streng architektonisch gezeichnet; die anderen zwei wurden von einem Gequirl und Geschnörkel umrahmt, das an die Muscheltörtchen und Bambinikrausen des Meisters Niccolo erinnerte.- - -
O, wie sind die Städte und Länder und Sitten und Sprachen und Feste und Weihnachtsbäume so ungleich! Aber wie sind doch alle Menschen unseres rollenden Planeten in der Lust und Wehmut ihrer Seelen, im Spaßen, Spotten und Verliebtsein, im Auflodern und Zu-Asche-Zusammenfallen sich so geschwisterlich gleich. Und da tun sie zueinander wie Fremde!
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