Der Congnactrinker von Wolfgang Fechtner, 2000, Eichborn

Wolfgang Fechtner

Der Cognactrinker
(Leseprobe aus:
Der Cognactrinker, Roman, 2000, Eichborn).

Für einen Trinker von vierundvierzig war Michael Ziegler erstaunlich schnell und ausdauernd. Manchmal brauchte er für die drei Kilometer von seinem Haus hinauf zum Colla Verde nicht mehr als zwanzig Minuten.
Vorausgesetzt, er fing nicht schon vor dem Aufstehen mit dem Trinken an.

Michaels Beine waren überproportional lang, der Fettanteil seines Körpers extrem niedrig, bei relativ wenig Muskelmasse. Michaels Gewicht betrug an diesem Montag im August, und das bei einer Körpergröße von einssiebenundachtzig, neunundsechzig Kilogramm.

Immer noch wog er sich nach der Klositzung. Immer noch schluckte er weitgehend nutzlose Medikamente und verschwendete Zeit auf das Messen seines Blutdrucks. Der lag nach der Einnahme von zehn Milligramm eines Betablockers mit vergleichsweise geringen Nebenwirkungen bei hundertneununddreißig zu fünfundachtzig. Der Ruhepuls: achtundfünfzig.

Das Minimum-Maximum-Thermometer auf der Terrasse zeigte zweiundzwanzig Grad Celsius. In der vergangenen Nacht hatte die Tiefsttemperatur neunzehn Grad betragen. Der August war kühler als üblich, und während der ersten sieben Monate hatte es mehr Regen gegeben als in anderen Jahren.

Auf seinem Weg durch Olivenhaine und über fast zugewachsene Ziehpfade zwischen verwilderten terrassierten Landstreifen traf Michael an diesem Morgen keinen Menschen. Oberhalb der Fasce Piane bewältigte er das steile Stück weglosen Geländes im Zickzack. Sein Herz schlug hart und schnell, seinen Puls schätzte er auf mittlerweile hunderrneunzig bis zweihundert. Er hielt es für möglich, daß sein Kreislauf diese Überforderung einmal ganz plötzlich mit totalem Streik beantworten würde. Die Vorstellung löste ein beinahe wohliges Gefühl aus.

Michaels Frühstück an diesem Morgen: drei tiefe Schlucke aus der Literflasche Brandy stravecchio mit dem beigebraunen Etikett der Firma Fratelli Branca.

Auf dem Kamm des Colla Verde kam die Zeile der mickrigen Ferienhäuser in Sicht. Sie standen fast immer leer und wirkten auf Michael wie häßliche, verlassene Kinder. Früher war hier häufig eingebrochen worden, doch im Lauf der Zeit hatten die Jugendlichen aus der Umgebung offenbar den Spaß an diesem Zeitvertreib verloren.

Die Lage bot einen grandiosen Blick über die Hügel und aufs Meer und garantierte das ganze Jahr über einen Wind, der den naßgeschwitzten Körper zum Frösteln brachte. Michael fühlte sich schwindlig. Er lehnte sich gegen den Stamm eines Eukalyptusbaums, zog die flache, silberne Flasche aus der Gesäßtasche, schraubte sie auf und nahm einen kräftigen Schluck.

Aus Richtung Pompeiana kam ein Wagen. Das Motorengeräusch wurde rasch stärker. Der staubgraue, viertürige Fiat stoppte vor dem mittleren der fünf häßlichen Häuser. Michael lehnte reglos an dem hohen Baum, dessen Borke sich in langen Streifen löste und dessen aromatischer Duft allmählich von einem stärkeren Geruch überlagert wurde.

Zuerst stieg der Fahrer aus. Er sah sich nach allen Seiten um, während er um den Wagen herumging, die rechte Fondtür öffnete und einen Mann herauszerrte. Ein dritter Mann kletterte nach dem zweiten aus dem Wagen.

Nummer eins und Nummer drei keilten Nummer zwei auf dem Weg zur Tür des Hauses ein. Der Mann links war wenig mehr als mittelgroß, hatte einen Ansatz von Bauch und breite Schultern, die Kraft signalisierten, und kurze, massige Oberarme. Er zog etwas aus der Hosentasche.

Die Haltung des größeren Mannes rechts verriet Nervosität; seine Schultern hingen nach vorn wie die vieler Großgewachsener. Er trug den Scheitel unmittelbar über dem linken Ohr; so deckte er seinen Schädel mit langen, braunen Strähnen notdürftig zu.

Der Mann in der Mitte wirkte krank. Michael dachte: Er hat Todesangst und wird sich in die Hose machen oder kotzen. Oder beides.

Von Nordwesten, wo die geteerte Straße in einen Feldweg überging, kam ein uralter R4, wie die Bauern ihn hier immer noch fuhren, solange sie es schafften, die Fahrzeuge in Gang zu setzen. Für wenige Augenblicke waren der Lange und der Breite abgelenkt. Der Mann in der Mitte riß sich los, rannte an dem Fiat vorbei und direkt auf den R4 zu. Hinter dessen Steuer saß ein alter schnauzbärtiger Mann, der starr geradeaus sah und offenbar nichts von den ungewöhnlichen Vorgängen bemerkte.

Der Fliehende kreuzte die Straße knapp hinter dem Wagen. Als er das dichte Gestrüpp erreichte, verschwand der Renault hinter dem letzten der fünf Häuser. Außer dem Motor hörte Michael etwas, das rasch lauter wurde. Es klang nach einer großen Herde. Der Breite stand mit gespreizten Beinen, in den Knien leicht eingeknickt, auf dem betonierten Weg vor dem Haus. Er hielt einen Revolver in beiden Händen. Zwei Schüsse fielen rasch hintereinander. Dann schlug der Lange ihm heftig auf den Arm.
Der Flüchtende verlor den Boden unter den Füßen. Es ging steil bergab, doch das schien er kaum zu realisieren, wie Michael aus dem unkoordinierten Bewegungen und dem weitgehenden Fehlen schützender Reflexe schloß.
Der Lange und der Breite machten sich an die Verfolgung. Bevor sie die Straße erreichten und sie überqueren konnten, drängten sich über den unbebauten Landstreifen zwischen dem rosafarbenen Haus und seinem blaßblauen Nachbarn ungestüm die Spitzen einer Herde von Schafen, Lämmern, Ziegen, Pferden, Kühen und jungen Stieren, die den Sommer über von sardischen Hirten - sie rochen nach Michaels Erfahrung so streng wie ihre Tiere - hier auf dem Festland, wenige Kilometer von von der ligurischen Riviera entfernt, geweidet wurden.
Der Lange und der Breite zogen es vor, Zeit zu opfern und den Hirten nicht aufzufallen. Sie verbargen sich im Winkel zwischen Hauseinang und Garage.

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