Das dunkle Schiff
(Leseprobe aus: Das dunkle Schiff, Roman,
2008, Jung und Jung)
Es war ein Sommertag, heiß, aber
doch so windig, dass man es nicht wirklich spürte. Wolkenschatten eilten dunkel
über die Ebenen und Hänge, als schwebten Luftschiffe durch den tiefblauen
Himmel. Vielleicht war es der schönste Tag seines Lebens, nicht des leichten
Lichtes und des sanften Windes wegen, nein, an diesem späten, saumselig
vergehenden Tag verspürte er ein erstes Mal die tiefe Ruhe, welche die Schönheit
gewährt, und erfuhr zugleich ihre Vergeblichkeit.
Um diese Jahreszeit zogen die alten Frauen hinaus, um Heilkräuter zu sammeln.
Sie wussten, wann sie für welches Gewächs an einen bestimmten Ort zu gehen
hatten. Weit mußten sie nicht hinaufsteigen, nur auf die Hügel. Dort sah er
sie, eine kleine Kolonne, die wie so oft schon den nie ganz überwucherten
Pfaden folgte. Sie sprachen und lachten laut, hier draußen waren sie endlich
ganz unter sich, für ein paar Stunden fern von Räumen und Regeln. Hätten sie
umhergeschaut, auch ihnen wäre die Unberührbarkeit der wilden Gräser, der
Dolden und der warmen Steine aufgefallen. Doch sie schwenkten ihre Körbe, und
ihre farbenfrohen Gewänder wehten im Wind, sie waren zu sehr miteinander beschäftigt.
Fast beneidete er sie darum, so selbstvergessen hineingestellt zu sein in den
Tag, der wie ein riesiges, geöffnetes Fenster um sie stand. Er lief ihnen nach,
als sie hinter den Hügeln verschwanden, nur einfach um sie weiterhin zu sehen,
winzig, doch nicht verloren, und blieb auf dem Hügel stehen. Er fühlte nicht
mehr die Abgeschiedenheit hier draußen, nicht mehr die rauhe Einöde, er sah
die Landschaft wie eine geöffnete Hand. Er atmete schwer. Ich bin noch ein
Kind, dachte er kurz, meine Lungen sind nicht weit genug für diesen Tag. Und
selbst wenn sie es wären, so ahnte er, dann könnte ich doch niemals weit genug
in ihn hineingehen.
Die Frauen hatten sich in der Ferne verteilt und mit dem Sammeln der Kräuter
begonnen. Wie ein schwaches Echo, von den Felsen mehr verschluckt als zurückgeworfen,
erhob sich das Geräusch. Es war ein Helikopter, angestrahlt vom späten Licht,
das selbst seine Tarnfarbe fröhlich erscheinen ließ. Er beschirmte seine Augen
mit der Hand und blickte hinauf. Er sah den Haupt- und den Heckrotor und vernahm
das anschwellende Donnern. Doch nichts, auch nicht diese Maschine war fähig,
den tiefen Frieden über den Hügeln zu stören. Der Helikopter flog vorüber,
kam zurück und zog einen weiten Kreis über ihm. An der offenen Seitenluke
kauerten zwei Soldaten, einer winkte ihm zu. Alles konnte geschehen an diesem
Tag, und so winkte er ohne Furcht zurück. Der Helikopter zog seine Bahn und
sank unwirklich langsam zur Erde nieder. Im Geheimen hatte er den Kinderwunsch
verspürt, und nun wurde er wahr; er landete, weit entfernt zwar, aber er
landete. Vielleicht nehmen sie mich mit, war sein nächster Gedanke, vielleicht
kann ich mit ihnen fliegen.
Er lief los, winkend und rufend, scharfkantige Steine und spitze Distelsträucher
waren in seinem Weg, doch nichts ließ ihn stolpern, und nichts stach ihn. Weit
vor ihm wurde der Helikopter eingehüllt von aufgewirbeltem Sand, trockene Halme
segelten durch die Luft. Es ist zu weit, ich schaffe es nicht, dachte er, als er
die beiden Soldaten herausspringen und geduckt zu den Frauen hinüberlaufen sah.
Diese hatten ihre Körbe abgestellt, die Hände in die Hüften gestützt oder an
die Stirn gelegt und blickten den Männern entgegen. Er sah, wie die Soldaten
sie zum Helikopter trieben, sah es undeutlich durch den Staub, und da blieb er
stehen. Ich schaffe es nicht, dachte er noch einmal bedauernd, doch tröstete
ihn, dass es überhaupt geschehen war, das ganz und gar Außergewöhnliche. Er
stand und sah sie abheben, ruckartig erst, dann unaufhaltsam, wie in den Himmel
gezogen, bis sie die Staubwolke unter sich ließen. Ganz leicht legte sich der
Helikopter auf die Seite und flog erneut seine weite Kurve, schraubte sich allmählich
höher und höher, bis er befreit im Himmel dahinschwamm. Er blickte ihnen nach
und winkte wieder. Und tatsächlich kam die Maschine erneut heran, das Donnern
wurde laut und lauter, bis er sich die Ohren zuhielt. Den Kopf im Nacken sah er
die Frauen. Da fielen sie, eine nach der anderen stürzte aus der Luke, mit
gebreiteten Armen glänzten sie auf im Licht, und wie um sie aufzuhalten, riss
an ihren Gewändern der Wind.
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