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Stadt der Verlierer
(Leseprobe aus: Stadt
der Verlierer, Roman, 2007, Hanser)
Es war gegen elf Uhr vormittag, Anfang Juni, die
Sonne brannte
von einem blaßgrauen Himmel, und die Hitze legte einen
Dunstschleier über alles, so daß man die Hügel im Norden Wiens nur
als undeutliche Konturen wahrnahm. Dr. Emma Novak trug ein
ultramarinblaues, kurzärmeliges Leinenkostüm, in dessen Brusttasche
sie ein weißes Batisttüchlein gesteckt hatte, darunter ein hellblaues
Seidentop, um den Hals eine Perlenkette aus rosa schimmernden, un
regelmäßigen japanischen Zuchtperlen und an den Füßen schwarze
Sandalen mit vier Reihen dünner Riemen und schmalen, nicht allzu
hohen Absätzen. Sie war adrett, gepflegt und dezent geschminkt,
kurz, genau so, wie eine gut gekleidete Privatdetektivin auszusehen
hat.
Emma parkte ihren Käfer im Farbton Savannenbeige in der
Burggasse und ging in Richtung Neustiftgasse, wo ihr Büro lag. Das
Handy läutete in ihrer Handtasche.
»Was fällt dir ein«, sagte ihre Mutter ohne weitere Präliminarien,
»deinen Sohn gegen mich und meine Arbeit als
Reinkarnationstherapeutin aufzuhetzen?«
Emma hielt das Handy eine Spur weiter weg vom Ohr. Sie vertrug
die Stimme ihrer Mutter schlecht. »Ich weiß nicht, wovon du redest,
Mama. Weshalb sollte ich meinen Sohn gegen seine Großmutter
aufbringen wollen, die er liebt?«
Eine ältere Frau, die ihre dicken Arme über die Brüstung eines im
Hochparterre gelegenen Fensters in der Kirchengasse hängen ließ,
nickte beifällig zu Emmas Worten.
»Ja, weshalb denn?« sagte sie. »Die Familie als Institution pfeift
ohnehin aus dem letzten Loch. Und ich weiß, was es heißt, wenn
Blutsverwandte einander bis aufs Messer bekämpfen.«
Emma verlangsamte den Schritt und drehte ihr den Kopf zu.
»Ja, da schauen Sie«, sagte die Frau. »Ich prozessiere nämlich seit
fünfzehn Jahren mit meinem Bruder um das mir rechtmäßig
zustehende Erbe, einen Schrebergarten in Floridsdorf. Sie können
sich nicht vorstellen, wie –«
Emma hätte es sich tatsächlich nicht vorstellen können, denn sie war
bereits außer Hörweite der Frau und versuchte sich zudem weiter auf
das zu konzentrieren, was die Mutter glaubte ihr sagen zu müssen.
»Manchmal frage ich mich, ob du deiner Verantwortung als
Erziehungsberechtigte gewachsen bist«, sagte die Mutter. »Hast du
kein Mitgefühl mit deinem Sohn, der alle Anzeichen einer schweren
Aquaphobie aufweist?«
»Ach was, Philipp will sich bloß nicht waschen, das ist normal in der
Pubertät. Er hat doch keine Aquaphobie.«
Ein junger Mann in einem gelben T-Shirt mit der Aufschrift Angels
Dance Upward, der ihr, ein rostiges Waffenrad schiebend, auf dem
Gehsteig entgegenkam, blieb stehen.
»Was ist eine Aquaphobie?« fragte er interessiert.
»Eine krankhafte Furcht vor dem Wasser«, antwortete Emma im
Vorübergehen.
»Mach dich nicht über mich lustig«, sagte Emmas Mutter, »das weiß
ich doch selbst.«
»Ach so«, sagte der junge Mann, »danke.«
»Eine behutsame Rückführung deines Sohnes in ein oder zwei seiner
vergangenen Leben würde die Ursache dieser Krankheit bestimmt
aufdecken«, sagte Emmas Mutter. »Ich verstehe deine ablehnende
Haltung nicht. Philipp ist ein aufgeschlossener, lebensbejahender
junger Mann und würde eine solche Grenzerfahrung nicht nur
problemlos überstehen, sondern sogar genießen, da bin ich mir sicher.
Hinterher wäre er ein neuer Mensch.«
Da es Emma schwerfiel, Telefonate mit ihrer Mutter zu beenden,
entschloß sie sich zu einer Notlüge. »Ich muß aufhören. Der
Exhibitionist, den ich observiere, ist eben aus dem Haustor getreten.«
Eine ältere Dame, die ein Einkaufswägelchen aus kariertem Stoff
hinter sich herzog, schloß zu Emma auf. »Ich will nicht indiskret
sein«, flüsterte sie ihr ins freie Ohr, »aber welches Haustor ist denn
das fragliche? Wissen Sie, ich habe noch nie einen Exhibitionisten
gesehen.«
Emma wies auf eine junge Frau, die aus dem Haustor gegenüber
getreten war.
»Das ist er.«
Die ältere Dame fuhr sich erschreckt mit der Hand an die Brust.
»So etwas«, sagte sie, bevor sie mit ihrem karierten Wägelchen die
Straße in Richtung junge Frau überquerte, »da ist dieser Mensch auch
noch Transvestit! Den Perversionen sind heutzutage keine Grenzen
gesetzt.«
»Bist du noch da, Kind?« fragte Emmas Mutter.
»Ja«, sagte Emma.
»Exhibitionist«, seufzte die Mutter, »das ist ja entsetzlich! In was für
eine Gesellschaft bist du geraten? Ich bin bestürzt über deinen
Berufswechsel. Es ist mir schleierhaft, wie jemand eine Anstellung
als Lehrbeauftragte an der Universität Wien aufgeben kann, um
Detektivin zu werden. Eine dubiose Tätigkeit.«
»Mama, ich muß die Verfolgung aufnehmen. Ich rufe dich am Abend
an«, sagte Emma und schaltete das Handy aus.
Ach, ihre Mutter. Kurz nachdem sie als Beamtin des Wiener
Magistrats, Abteilung 51, Zuständigkeitsbereich
Sportangelegenheiten, in den Ruhestand getreten war, hatte ein
Traum sie auf ihre wahre Bestimmung hingewiesen, die nichts mit
Sport zu tun hatte. Der indische Elefantengott Ganesha war ihr
erschienen und hatte ihr mitgeteilt, ihr tatsächlicher
Zuständigkeitsbereich sei die Hinführung der Menschheit zu mehr
Liebe und Licht. Sie hatte diesen Auftrag ernstgenommen und so
lange im Internet gesurft, bis sie auf eine passende
Ausbildungsmöglichkeit gestoßen war, angeboten von einem
esoterischen Therapeuten aus Bayern, der sich nachgewiesenermaßen
mehrmals mit dem Dalai Lama unterhalten hatte und dessen
Fotografie in ihr augenblicklich ein Gefühl karmischer
Verbundenheit weckte. Da astrologische Grundkenntnisse, über die
ihre Mutter in ausreichendem Maß verfügte, die einzige
Voraussetzung für die Absolvierung des Kurses und die nachfolgende
Berechtigung waren, als Reinkarnationstherapeutin zu praktizieren,
entschloß sie sich trotz der erheblichen Kosten, dreimal je eine
Woche lang nach Berchtesgaden zu fahren und sich dort im
Berggasthof Watzmannblick unter Anleitung des bayrischen
Therapeuten und seiner, feinstofflich betrachtet, gleichfalls
hochentwickelten Assistenten Saskia, Désirée und Thorsten
entsprechende Kenntnisse über Rebirthing, verschiedene
Trancetechniken, weiße und schwarze Magie, alchemistische
Seelenprozesse, mediale Tätigkeit und an deres mehr anzueignen. Die
Investition lohnte sich, das vertrauenerweckende morphische Feld
ihrer Mutter hatte mittlerweile einen soliden Kundenstock produziert,
so daß sie in der Villa in Pötzleinsdorf nun mindestens zwei
Rückführungen täglich vollzog und etwa viermal so viel einnahm,
wie sie als Magistratsbeamtin verdient hatte.
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