aus: So what!
I.
Es war an einem Dienstag im Mai, als Lilli ihr erstes graues Schamhaar entdeckte.
Zunächst hielt sie es für eine optische Täuschung, einen silbrig glänzenden
Wassertropfen oder eine Reflexion des Sonnenlichts, das durch die Giebelfenster in ihr
Schlafzimmer floß. Sie war nackt aus der Dusche gekommen und stand nun vor der
versiegelten Schrankwand, die fast ein Drittel des Raumes zu einer begehbaren
Kleiderkammer hin abtrennte. Lilie Färber, 42 Jahre alt, schlank und zartgebräunt, eine
Frau mit zierlichen kleinen Brustwarzen und rotlackierten Zehennägeln, ihre grauen Augen
standen ein wenig schräg über den hohen Backenknochen. »Eskimo, Eskimo«, hatten ihr
die Kinder jahrelang in der Pause nachgerufen. Lilli hatte daraufhin heimlich im Atlas
geblättert, drei Daumen breit war die Entfernung zwischen Grönland und dem Schwarzwald
auf der Karte von Europa. Es erschien Lilli nur schwer vorstellbar, daß ein Eskimo
dereinst übers Nordmeer gepaddelt war und ihre Urgroßmutter gefreit hatte. Dann war ein
anderes Opfer auf dem Schulhof auserkoren worden, und die Jungen blickten betont lässig
zur Seite, wenn Lilli vorüberging, ihre Schönheit war in jenen Tagen offenkundig
geworden.
Die nackte Lilli Färber verlagerte ein Bein vor ihrem Schlafzimmerspiegel, aber das
Ungeheuerliche blieb, wie ein Splitter, wie ein silbrig glänzender Mottenflügel in einem
Nest aus rotbraunen Kringeln. Lilli holte tief Luft, dann ging sie ins Bad, um eine
Nagelschere zu holen. Sie war eine Frau, die auch unerfreulichen Tatsachen gerne gerade
ins Gesicht blickte, nun ja, sozusagen.
Lilli kam aus dem Badezimmer zurück und ging zu einem der Giebelfenster, draußen waren
nur blauer Himmel und Baumwipfel, kein Nachbar konnte einen ungebührlichen Blick auf ihre
Nacktheit werfen. Sie beugte sich über ihren Nabel, ergriff ein schmales Büschel Haare,
das wie Flaumfedern zwischen ihren Fingern lag, und schnitt es ab. Eine feine Kante blieb
zurück, Lilli fühlte sich seltsam beschädigt. Dann erst dachte sie an Marcel, ihren
geschiedenen Mann. Ob es ihm wohl auffallen würde?
Die Haare lagen in ihrer Hand, eines davon war dicker und drahtiger als die anderen, und
es war nicht grau, sondern weiß.
Vielleicht werde ich ja ein später Albino, dachte sich Lilli tröstend.
Lilli Färber war eine Frau, die ihre Schritte vorsichtig setzte. So selbstverständlich
wie eine Schlafwandlerin wich sie jeder Regenpfütze aus, und niemals wäre sie eine
Treppe hinabgelaufen, die Hände in den Taschen ihrer heißgeliebten und völlig
verwaschenen Jeansjacke vergraben. Lilli wußte, daß nur ein einziges Stolpern, nur ein
einziger falscher Schritt genügen konnte, um ...
Sie schloß ihr Gartentor ab, blickte nach links und nach rechts, dann erst überquerte
sie die stille Straße. In diesem Viertel war der Lärm der City zu einem schwachen
Brausen gefiltert, Hecken und Alleebäume schirmten die Häuser ab. Vor etwas mehr als
zwei Jahren war eine fünfköpfige Familie in die Nachbarvilla der Färbers eingezogen,
ein Rechtsanwaltsehepaar mit drei Jungen, die Kinder hatten sich rasch angefreundet. Aber
schon nach wenigen Monaten war der Umzugstransporter wieder vor der Tür gestanden. Das
Vogelgezwitscher am frühen Morgen hatte die Eltern so genervt, daß sie ernsthafte
Schlafstörungen bekommen hatten. Die Familie war wieder in die Innenstadt zurückgekehrt,
der Kontakt war abgerissen. Schade, dachte Lilli, die Frau ist wirklich nett gewesen.
Sie blickte nach links und nach rechts, ging rasch über eine Kreuzung, dann bog sie in
eine schmale Seitenstraße ein, die eigentlich eine Sackgasse war. Es duftete betörend
nach Flieder, Hecken aus Efeu begrenzten die Gasse an drei Seiten, so daß sie fast wie
ein kleiner Park wirkte. Ein Rad war gegen einen Laternenmast gelehnt, Blätter hatten
sich in seinen Speichen verfangen. Gleich daneben stand ein Tor offen, dahinter erstreckte
sich sanft ansteigend eine Wiese, ein Haus lag in der buntgesprenkelten Wiese wie ein
großes Würfelspiel.
Der mittlere Würfel war ganz aus hellem Holz zusammengefügt, mit einer schwarzlackierten
Eingangstür und blau-weiß gestreiften Jalousien vor den Fensterrahmen. Daran schloß
sich links ein gläserner Würfel an, durch die Scheiben konnte man das Grün von
Topfpflanzen und das Geflecht einer Sitzgruppe erahnen. Rechts stützte sich eine
würfelähnliche Konstruktion aus Metallstangen am Haupthaus ab, statt einem Dach wuchs
wilder Wein zwischen den Trägern. Unter seinen grünen Blättern standen Korbstühle und
ein langer Tisch, die Reste einer Mahlzeit waren auch aus der Entfernung zu erkennen,
Teller und Gläser und ein halbleerer Limonadenkrug.
Lilli blieb einen Moment lang stehen und ließ das menschenleere Bild auf sich wirken.
Auch dieses Hause hatte Marcel entworfen und gebaut, wie noch einige andere im Viertel.
Lilli erschien es heute manchmal, als ob sie sich zuerst in seine Häuser verliebt hätte
und dann in den Mann.
Rezension I Buchbestellung 0I02 LYRIKwelt © Hoffmann und Campe