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Jeder stirbt für sich allein
Die Geschehnisse dieses Buches folgen in großen Zügen Akten
der Gestapo über die illegale Tätigkeit eines Berliner
Arbeiter-Ehepaares während der Jahre 1940 bis 1942. Nur in
großen Zügen – ein Roman hat eigene Gesetze und kann nicht
in allem der Wirklichkeit folgen. Darum hat es der Verfasser
auch vermieden, Authentisches über das Privatleben dieser
beiden Menschen zu erfahren: er musste sie so schildern, wie
sie ihm vor Augen standen. Sie sind also zwei Gestalten der
Phantasie, wie auch alle anderen Figuren dieses Romans frei
erfunden sind. Trotzdem glaubt der Verfasser an »die innere
Wahrheit« des Erzählten, wenn auch manche Einzelheit den
tatsächlichen Verhältnissen nicht ganz entspricht.
Mancher Leser wird finden, dass in diesem Buche reichlich
viel gequält und gestorben wird. Der Verfasser gestattet sich,
darauf aufmerksam zu machen, dass in diesem Buche fast ausschließlich
von Menschen die Rede ist, die gegen das Hitlerregime
ankämpften, von ihnen und ihren Verfolgern. In diesen
Kreisen wurde in den Jahren 1940 bis 1942 und vorher und
nachher ziemlich viel gestorben. Etwa ein gutes Drittel dieses
Buches spielt in Gefängnissen und Irrenhäusern, und auch in
ihnen war das Sterben sehr im Schwange. Es hat dem Verfasser
auch oft nicht gefallen, ein so düsteres Gemälde zu entwerfen,
aber mehr Helligkeit hätte Lüge bedeutet.
Berlin, am 26. Oktober 1946. H.F.
ERSTER TEIL
Die Quangels
1. KAPITEL
Die Post bringt eine schlimme Nachricht
Die Briefträgerin Eva Kluge steigt langsam die Stufen im Treppenhaus
Jablonskistraße 55 hoch. Sie ist nicht etwa deshalb so
langsam, weil sie ihr Bestellgang so sehr ermüdet hat, sondern
weil einer jener Briefe in ihrer Tasche steckt, die abzugeben sie
hasst, und jetzt gleich, zwei Treppen höher, muss sie ihn bei
Quangels abgeben. Die Frau lauert sicher schon auf sie, seit
über zwei Wochen schon lauert sie der Bestellerin auf, ob denn
kein Feldpostbrief für sie dabei sei.
Ehe die Briefträgerin Kluge den Feldpostbrief in Schreibmaschinenschrift
abgibt, hat sie noch den Persickes in der Etage
den »Völkischen Beobachter« auszuhändigen. Persicke ist
Amtswalter oder Politischer Leiter oder sonst was in der Partei
– obwohl Eva Kluge, seit sie bei der Post arbeitet, auch Parteimitglied
ist, bringt sie alle diese Ämter doch immer durcheinander.
Jedenfalls muss man bei Persickes »Heil Hitler«
grüßen und sich gut vorsehen mit dem, was man sagt. Das
muss man freilich eigentlich überall, selten mal ein Mensch,
dem Eva Kluge sagen kann, was sie wirklich denkt. Sie ist gar
nicht politisch interessiert, sie ist einfach eine Frau, und als
Frau findet sie, dass man Kinder nicht darum in die Welt gesetzt
hat, dass sie totgeschossen werden. Auch ein Haushalt
ohne Mann ist nichts wert, vorläufig hat sie gar nichts mehr,
weder die beiden Jungen noch den Mann, noch den Haushalt.
Stattdessen hat sie den Mund zu halten, sehr vorsichtig zu sein
und ekelhafte Feldpostbriefe auszutragen, die nicht mit der
Hand, sondern mit der Maschine geschrieben sind und als
Absender den Regimentsadjutanten nennen.
(...)
Rezension I Buchbestellung I home 0I11 LYRIKwelt © Aufbau Verlag