aus: Luft anhalten
1.Teil
1.Kapitel
Wir sind fünf. Meine Eltern auf den Vordersitzen und meine beiden Brüder und ich auf dem
Rücksitz. Ich bin Jean-Pio, der zweite und mittlere. Ich bin der Junge, der hinten im
Auto darauf wartet, daß die Kraftstoffanzeige rot aufleuchtet. Ich sitze in der Mitte.
Das ist von Anfang an mein Platz gewesen. Entweder sitze ich, indem ich meine Knie
zwischen die Sitze meiner Eltern zwänge und den Kopf nach vorne durchstecke, oder ich
lasse den Kopf auf die Lehne des Rücksitzes sinken und den Blick durch das Metallgitter
der Heckscheibe schweifen. Ich kann auf die dahinjagenden Straßen hinaussehen.
Gelegentlich nimmt ein Baum oder ein Lastwagen das Licht. Bei jedem Schwenk schlucke ich,
um meine Übelkeit zu unterdrücken, im Takt mit dem links oder rechts wie ein Metronom
klickenden Blinker. Ich lese Autokennzeichen, entziffere Aufkleber hinten auf anderen
Autos. Ich spiele "Ich sehe was, was du nicht siehst" mit mir selbst. A für
Auto. B für Baum. C für Caravan. D für Durchfahrt gesperrt. Ich zähle Nummernschilder
zusammen. Manchmal sehe ich in uns überholende Autos hinein und begegne dem Blick eines
durstigen Hundes oder eines an einen Sitz geschnallten Kindes. Ich zähle die Leute,
versuche festzustellen, was sie anhaben, und rate, wohin sie fahren. So wie wir sehen sie
nur selten aus. Ihr Blick ist starr auf die Straße gerichtet, die Kinder sitzen
ordentlich in einer Reihe. Aber gelegentlich entdecke ich eine Familie so wie unsere. Ich
sehe Leute hinter verschmutzten Scheiben dahinrasen, einen Vater, der mit ungeduldigen
Händen das Lenkrad umklammert hält, und eine von der Welt abgetrennte Mutter, die wie
herabgefallene Blätter auf einer sich bewegenden Wasseroberfläche dahintreibt. Ich
stoße meine Brüder an. Gemeinsam folgen wir ihren Gesichtern, die, von Heim und Zeit
abgeschnitten, auf einer Bahn der Dringlichkeit dahinrasen.
Giulio, mein jüngerer Bruder, sitzt im Auto rechts von mir. Unser Vater sagt: "Man
weiß nie, ob er glücklich ist oder traurig." Ich weiß das schon, denn wenn er
traurig ist, zieht er seine Lippen ein, bis sie ganz in seinem Gesicht verschwunden sind.
Duccio, der Älteste, sitzt links von mir. Er ist so hübsch, daß wir, als er sechs oder
sieben war, keine fünf Meter gehen konnten, ohne daß die Leute stehenblieben und
starrten. Unsere Mutter meint, daß er jetzt, wo er elf ist, nur noch ein oder zwei Jahre
habe. Dann werde er eine haarige Oberlippe und eine fettige Haut kriegen, und das wär's
dann gewesen. Unser Rücksitz ist so breit, daß wir einander nicht berühren müssen, und
wenn Giulio in meinen Teil rutscht, schubse ich ihn zurück. Wenn ich mich zu weit zu
Duccio hinüberlehne, quetscht er mir den Daumen mit dem Sicherheitsgurt, den er sich um
die geschlossene Faust gewickelt hat. Wenn wir alle brüllen und meinen Vater verärgern,
dann fährt er an die Seite und schreit uns an, und unsere Mutter weint.
Unsere Mutter heißt Ava. Manche nennen sie Ave, andere Avi. Wir nennen sie Ama, weil es
eine Mischung aus Maman und Ava ist und sie es haßt, Mum genannt zu werden. Es ist ein
bißchen wie bei mir. Sie konnten sich nicht für nur einen einzigen französischen,
englischen oder italienischen Namen entscheiden, und deshalb habe ich zwei Namen:
Jean-Pio. Ama sagt "wir", wenn sie von den Engländern redet, aber ihre
Herkunft, die ihren Geist und ihr makelloses weißes Gesicht geformt hat, verteilt sich
auf die Nummernschilder vorbeikommender Autos: England, Frankreich, Holland und Slowenien.
Ama ist jeder einzelne von uns und alle zusammen in einer Person. Sie ist eine
Vielzweckklammer, eine allumfassende Gestalt. Sie ist allergisch gegen die Sonne und
leidet unter Schlaflosigkeit. Seit wir denken können, ist sie außerstande zu schlafen.
Ein Nickerchen im Auto geht nicht, weil sich dann ein anhaltender Schmerz zwischen den
Augen einstellt, und wenn sie abends in einem warmen Bett einschläft, fährt sie
plötzlich hoch, ist hellwach und fühlt sich den ganzen Tag zerschlagen. Unser Vater
heißt Gaspare oder Pado, wie wir ihn nennen. Er ist Italiener mit einem sizilianischen
Vater. Ama sagt, daß seine Stimmung zwischen Begeisterung, die ihn singen läßt,
Lächeln und blindem Zorn hin und her pendelt. Er ist Anatom und Histopathologe, und sein
Spezialgebiet sind Toxine und Luftverschmutzung in Innenräumen. Früher hat er in England
gelehrt, aber jetzt hetzt er in Europa herum, von Tagung zu Tagung, und wir mit ihm mit.
Kinder, so erklärt er Ama, müssen die Welt sehen. Wir warten auf ihn auf großen
Parkplätzen, und er taucht zwischendurch auf und macht uns Zeichen: "Nicht mehr
lange", "Noch fünf Minuten". Manchmal hat er Objektträger bei sich mit
Schnitten von kranken Lungen darauf, oder ein Buch über Ratten, das seinen Platz im
Handschuhfach hat. Es weiß die Antwort auf viele Fragen: Erdnüsse verursachen mit
brauner Flüssigkeit gefüllte Tumoren, rotes Fleisch blutgefüllte Taschen am Schwanz,
und Nikotin überzieht weißes Fell mit gelben Flecken.
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