Das Rauschen der Welt von Rainer Fabian, 2003, Klett-Cotta

Rainer Fabian

Das Rauschen der Welt
(Leseprobe aus: Das Rauschen der Welt, Roman, 2003, Klett-Cotta)

Was Kohner auf den Tod nicht leiden kann sind nächtliche Telefonanrufe.

Vor allem die frühe Morgenstunde ist für ihn die Zeit, die er in seinem Alter nur noch ertragen konnte, wenn er schlief, und auch jetzt hat er gerade wieder einen jener Träume geträumt, die, wenn man erwacht ist, aus dem Gedächtnis für immer verschwunden sind. Und da war es passiert. Er rieb sich den Schlaf aus den Augen, blickte auf den kleinen schwarzen Plastikwecker auf dem Stuhl neben seinem Bett.

Mein Gott, sechs Uhr, oder war es schon sieben?

Ohne Brille konnte er die Ziffern nicht mehr richtig erkennen. Er griff zum Telefon und sagte mit einer Stimme, die auf den Anrufer wirken mußte wie das Kratzen eines Fingernagels auf Glas ...

"Ja?!"

Am Morgen dieses Tages im Januar war das Nichts am Apparat.

Ein Rauschen, ein undefinierbares, ein hohles Geräusch, jedenfalls nichts Menschliches. Da saß etwas in der Leitung, das ihn anhauchte über Tausende von Entfernungen hinweg - eine Art "Pfhhhhhhh" - Atem der Atmosphäre, weiße, tonlose Musik, der Gesang des Staubs und der statischen Störungen, die über den Städten liegen und über den Autobahnen und über dem, was man Natur nennt, und es war das Rauschen der Welt, etwas, das ihn sein Leben lang in Versuchung geführt hatte, alles hinter sich zu lassen und wegzugehen zu dem bestürzend Fremden, zu dem Niegehörten und Niegesehenen, um keines jener Leben zu verlieren, die ihn dort noch erwarten könnten, vielleicht -

- man sollte, oft hatte er das gedacht, nur Postkarten verschicken, die Orte zeigen, zu denen man reisen will, Orte, wo man noch nie gewesen ist -

"Ja?!"

Ein Wintertag brach an, mit jener grauen Helligkeit, die es nur im Norden Europas gibt und die einen krank machen kann.

Vögel sichelten an seinem Fenster im dritten Stock der Altbauwohnung in der Parkstraße vorbei und spielten ihre Hitchcockspiele, strichen um den Erker und die Stuckfiguren, um den Atlas und die Karyatiden. Auf der Straßenkreuzung, zwei Stockwerke tiefer, warf der Tag seine Motoren an. Kleinwagen mit eingeschalteten Scheinwerfern krochen wie Käfer aus den Tiefgaragen, die ersten Fußgänger überquerten den Zebrastreifen, sie trugen schwarze Wintermäntel und ernst aussehende Hüte - Figuren von Magritte -, und sie blickten entschlossen in die Richtung, wo der Tag sie erwartete - sie kannten den Tag bereits, er würde wie alle anderen Tage sein.

Die Eisenrollos der Bäckerei gegenüber ratterten nach oben, es war jetzt, er hatte die Brille aufgesetzt, es war 6 Uhr 5.

Hunderttausende von Frühaufstehern putzten sich in diesem Augenblick in ihren Badezimmern die Zähne, spuckten das Zahnfleischblut ins Waschbecken, und sie taten es - hätte man sie alle zugleich sehen können - völlig synchron, synchron wie die Tänzer in einer der alten Revuen aus Hollywood.

Und wieder dachte er, als er die Frische des anbrechenden, des neuen Tages spürte, ich sollte früher aufstehen, wirklich, ich sollte mich dazu aufraffen, ich sollte es verdammt noch mal tun, endlich, und mich von den Vögeln wecken lassen und nicht von dem verdammten Wecker. Wo eigentlich die Vögel bleiben, wenn sie verendet sind? Ihre Skelette, ihre Schnäbel, ihre Federn. Es gab sicher eine Million Spatzen in der Stadt. Oder sieben Millionen. Oder hundert Millionen. MillionenMillionen. Und alle starben sie eines Tages, und er, er hatte in Hamburg noch nie eine einzige Vogelleiche gesehen.

"Wer spricht?" fragte er.

Er sah aus dem Fenster und versuchte die Farbe des Januarhimmels zu erkennen. War es bewölkt? Und kalt, wie kalt war es draußen? Eiskalt? Wird der Wagen anspringen? Wird es später schneien?

"Ich kann Sie nicht verstehen ... geht es etwas lauter ...? Was haben Sie gesagt ...?"

"Hier ist João!" sagte die Männerstimme, und der Mann am anderen Ende schrie es fast, und es tat Kohner in den Ohren weh, als hätte jemand eine Autotür zugeschlagen. "Ich möchte mit Kohner, dem Journalisten sprechen." Die Stimme erinnerte ihn an jemand, den er kannte. Er wußte im Augenblick, verschlafen und träge und verquollen wie er war, nur noch nicht an wen.

"Am Apparat."

"Sim Senhor", antwortete die Stimme, und sie wiederholte es nicht nur, sie sang es auch, sang es vor sich hin. "Sim Senhor! Sim Senhor!"

Die Stimme, an wen erinnerte sie ihn, an welches Land?

Ja, sie erinnerte ihn an ... den Sermon der Zeitungsverkäufer ... an Polizistenpfiffe ... an das Geschrei der Straßenhändler, die mit Diktatorenstimmen die News und die Erdnüsse und die Zuckerstangen und die Chiclets ausrufen ... an das Knistern der Scanner der Supermarkt-Kassen ... an das faschistische Gebrüll der Fans in dem großen Fußballstadion ... an das Pfhhhh der Luftdruckbremsen ... an die Betrugsrufe der "flanelinhas", die mit ihren Putzlappen wedeln ... an das Knacken des Popcorns zwischen den Zähnen der Kinobesucher im Cine Olimpia und an das Zischen, das die Cappuccino-Maschine im Café Haiti gemacht hatte, als das Entsetzliche geschah ...

Und die Stimme gehörte, langsam kam die Erinnerung zurück, zu einem alten Ford-Falcon - den Ana immer "Flakon" genannt hatte, weil es in ihm nach Parfüm roch, stark und betäubend und nuttig -, und der Falcon gehörte einem Taxifahrer mit einem Bartschatten, und der Mann mit dem Bartschatten lebte in Matatudo-City, einer Metropole Südamerikas, in der Ana bei einem Attentat ermordet worden war, damals, vor sieben Jahren.

Ein Anruf aus dieser Stadt, wieso gerade jetzt, nach so langer Zeit?

In Matatudo, das wußte Kohner aus den Zeitungen und den CNN-Nachrichten der letzten Tage, war der Vulkan Pico da Neblina ausgebrochen. War dies der Grund des Anrufs? Vielleicht. Zehntausende waren, falls die Meldungen zutrafen, auf der Flucht an die Küste, in die Hauptstadt, wo die Hilfsorganisationen Auffanglager eingerichtet hatten, und aus dieser Stadt kam die Stimme, die jetzt an sein Ohr drang ...

"Verrückt", sagte er, "das ist mein Stringer."

Er hatte ein Jahr lang nichts von ihm gehört. João der Stringer war schwer zu verstehen, das Telefonrauschen zerriß seine Worte in kleine Stücke. Aber es war wohl wichtig, sonst hätte er nicht angerufen.

"João", sagte Kohner, "hier ist es verdammt früh am Morgen, und ich bin noch gar nicht richtig wach."

"Was? Noch nicht richtig wach?"sagte die Stimme.

 

Kohner blickte auf die Stuckrosetten an der Decke, die im Licht des neuen Tages aufleuchteten. "Hier ist es vier Uhr nachts, und warum rufst du überhaupt an?"

"Vier Uhr nachts"? sagte João. "Das kann jeder behaupten."

In der Stimme lag Ironie. Dies hatte Kohner an João noch nie wahrgenommen. Ironie, das war nicht die Stärke des Taxifahrers - ein eher linkischer, unaggressiver Mann, ein Kumpel - gewesen. Eine spöttische Bemerkung? Er hätte sich eher auf die Zunge gebissen. Und so berührte es ihn jetzt unangenehm, selbst über die Entfernungen hinweg.

 

Mit João, der zwar ein Einheimischer war, aber englisch sprach und ein erstaunlich perfektes Deutsch, hatte sich Kohner von Anfang an verstanden. João war ein Stringer aus Leidenschaft. Und das Gesicht und die Gesten des Mulatten waren ihm sympathisch, das war ihm wichtig, wenn er mit jemandem zusammenarbeiten mußte. Sie reisten wie Verschwörer, hatten eine private Sprache erfunden, Codes, Anspielungen, die kein anderer verstand, und wenn sie betrunken waren, redeten sie in Hotelbars, wo sie die Nacht vor dem Schlafengehen verbrachten, von ihren Frauen und ihren Frauengeschichten, was Männer eben so tun.

Ana erwähnten sie nie, auch João nicht, als hätte er sie nicht gekannt.

Doch trotz der in vielen Jahren gewachsenen Nähe waren sie nie so weit gegangen, sich etwas Abstoßendes zu gestehen, eine schmutzige Angewohnheit wie jeder Mann sie hat. João hatte ihm auch nie erzählt, wo er deutsch gelernt hatte - bei einem Sprachkurs für Taxifahrer vielleicht? -, natürlich hatte ihn Kohner danach gefragt, aber der zurückhaltende João war der Frage stets ausgewichen.

João umsorgte ihn auch, er war fast ... väterlich zu ihm.

Er fuhr ihn ins Restaurant und holte ihn dort auch wieder ab, er trug Kohners Kameratasche und legte Filme ein, und er schleppte die Koffer durch die Hotellobbys. Dies alles war für Kohner mehr als ein Freundschaftsdienst. Seit Jahren litt er an einer kaputten Wirbelsäule. Manchmal erinnerte ihn João sogar daran, daß es Zeit war, seine Tabletten zu nehmen. Und so ließ er ihn das Alleinsein in dem fremden Land nicht so stark empfinden, und Kohner war dankbar dafür, und er genoß es, vor allem nach dem Tod Anas, die ihn früher auf seinen Reisen begleitet hatte.

Ja, er kam nicht mehr zurecht ohne sie, nicht richtig.

Und die Erinnerung an Ana quälte ihn, wenn er wieder einmal in Matatudo unterwegs war. In allem, was er erblickte, war Ana, alles, was er während der Reise erlebte, war eine Anspielung auf sie, aber es war immer nur Stückwerk, etwas Zusammenhangloses. Die Erinnerung an sie, seine geliebte Komplizin, was die Schwere des Lebens und den Kampf gegen diese Schwere betraf, war ein Scherbenhaufen, und er fürchtete, daß auch noch die Scherben eines Tages zerbrechen werden.

Das Erinnern war das Herstellen einer Chronik seiner Ehe, und es war die endgültige Chronik, die gewünschte und somit die allerletzte. Sie war wie eine Schneekugel, durch die er die Figuren und die Ereignisse treiben ließ, die er sich erträumt hatte. Die Bilder, die Ana zeigten - Sekretärin, 15 Jahre jünger als er, Ana, die einen Mini fuhr und für eine Werbeagentur arbeitete - waren Miniaturen. Sie sahen sehr genau aus, gestochen scharf, und sie ließen jedes Detail erkennen ... Anas spöttische Wortspiele und Clownerien, mit denen sie sich die Zeit vertrieben.

Was hatte sie gesagt, im Café Haiti? Das. Wie hatte sie dabei ausgesehen? So.

Durch das Erinnern - eine Art Historienmalerei - hatte er sich aber auch eine andere Ana erschaffen als die, die sie gewesen ist. Er hatte die Vorstellung von ihr in sein erinnerndes Leben geschrieben, in die Schneekugel hinein, und nun ist sie unsterblich, nun gehört sie endgültig ihm, nun ist sie - was sie nie war - vollkommen erreichbar.

Eins gab es, was ihn an seinem Stringer störte, nein nicht eins, zweierlei störte ihn.

João kratzte sich andauernd im Schritt, das war das Eine, und er wiederholte, und das war das Andere, immer die letzten Worte, die Kohner gesagt hatte, er sprach sie nach wie ein Papagei. Sagte er: ´Mir geht es gut, wirklich gut´, antwortet João: ´gut?´ Und seine Stimme hob sich dabei, und es war wie Augenbrauenhochziehen. Als hätte er nicht richtig verstanden. Er zwang ihn damit - ohne das er das beabsichtigt hatte - über das nachzudenken, was er gerade gesagt hatte. Hatte er es wirklich so gemeint? Hatte er sich vielleicht falsch ausgedrückt?

João dachte immer voraus, er sah die Schwierigkeiten schon, bevor sie überhaupt auftraten.

Einmal hatte er bei einem Abendessen im Porcão, einem Steakhaus in der Barrão de Torre auf der Papierserviette eine Vorrichtung skizziert, die ihnen dann ein paar Tage später, als sie auf einer Erdstraße im Schlamm steckengeblieben waren, geholfen hatte: ein aus Teilen des Falcon gefertigtes Abschleppseil. Und als Kohner eines Nachts einen Leuchtkasten brauchte - er wollte sich Dias ansehen -, tränkte João einen Papierbogen mit Öl, ließ ihn trocknen, bis das Papier so hart und durchsichtig war wie Glas und legte es über den nach oben offenen und erleuchteten Lampenschirm der Stehlampe.

Sim Senhor!

Es gab nichts, was den erfinderischen Mechaniker überraschen konnte. Bei Reparaturen war er gerissen und korrupt, und er konnte alles gebrauchen, was gerade zur Hand war: Alltagsmüll und herumliegende Gegenstände, die nicht zu dem Defekt paßten, Klebebänder, Papierknäuel, Kinderknete, Hosenträger. Ana hatte auf den Hamburger Partys oft erzählt, wie João bei einer Reise durch die Provinz Entre Rios ein Leck im Benzintank abgedichtet hatte. Mit Kaugummi! João hatte ihn durchgekaut, bevor er ihn in das Loch stopfte, und noch Stunden danach stank er aus dem Mund und blies jedem, der ihm begegnete, den Erdbeerdunst des Chiclet ins Gesicht.

"Pizarro ...", sang die Stimme jetzt, und das war das letzte, was Kohner hören konnte ... "ich glaube ... ich weiß, wo sich ... Pizarro ... versteckt hat ... "

Dann war nur noch ein Zwitschern im Apparat, und dann waren die Worte im Rauschen der Welt ertrunken, und dann brach auch dieses Geräusch ab.

Kohner hörte das Freizeichen, es kam ihm vor, als hätte jemand das Licht ausgeschaltet. Pizarro, mein Gott, der Terrorist. Der Ausstellungsmacher aus Barcelona. Der Action-Künstler, der ganze Bibliotheken zertrümmern ließ. Der Besitzer eines der größten privaten Tonarchivs. Der Sammler von Sounds, aus denen er Klanginstallationen schuf. Der Mörder seiner Frau, der Mann, den er seit Jahren suchte.

Mit dem Ausbruch des Vulkans hatte der Anruf wohl doch nichts zu tun. Der Vulkan?

Kohner hatte ein Bild vor Augen, einen speienden Kegel, das Bild einer unendlich reinen, geometrischen, wie gezeichneten Figur, die etwas gegen die Lautlosigkeit des Himmel schleudert, ein Bild, wie man es von alten Illustrationen kennt, von den Ausbrüchen des Vesuv, des Ätna.

Seltsam, dachte Kohner, was für Geräusche macht eigentlich ein Vulkan?

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