Der Fischer von Hamm und die Herzogsfehde von Klas Ewert Everwyn, 2005, Droste

Klas Ewert Everwyn

Der Fischer von Hamm und die Herzogsfehde
(Zitat aus: Der Fischer von Hamm und die Herzogsfehde, Historischer Roman, 2005, Droste-Verlag).

Doch seitdem zu Düsseldorf mit dem Ausbau der neuen Fürsten-Residenz begonnen worden war und dort Handwerker gesucht wurden, die mit Stein und Mörtel umzugehen wussten oder die den niederländischen Fachleuten mit Trage-, Schlepp- oder anderen einfachen Diensten zur Hand gehen mochten und der Fürst den Leuten aus Hamm und Bilk die Stadttore geöffnet hatte, war es mit der ärgsten Not gottlob vorüber. Aber reich werden konnte der arme Mann dabei nicht.

Willem und Bertram indes blieben bei ihrer ererbten oder erworbenen Arbeit. Bertram besaß einen Nachen, mit dem er die Reusen und ausgelegten Netze abfuhr und die Fänge kontrollierte, die ihm der Strom während der Nacht eingebracht hatte. Das Boot lag die übrige Zeit im Schilf bei der oberen Düsselmündung versteckt.

Den Düsselbach, der aus dem Bergischen kam, benutzte Bertram, um auf Forellenfang zu gehen. Die fing er mit der Hand, brach ihnen das Genick und steckte sie in den Tragekorb aus Weidengeflecht, um sie auf den Markt zu tragen und dort feilzubieten. Er war ein von den Mägden der neuen Herren gern aufgesuchter Fischer, der stets den frischesten Fang vorm Rheintor zu Düsseldorf auf den Steinen darbot.

Ein Heer von Kanzlisten und anderen Dienern fürstlicher Hofhaltung war seit kurzem in die engen Mauern der kleinen Stadt geströmt, verfügte aber über Geld zum Erwerb der Waren, die die Stadtmenschen zum Leben benötigten.

Das hatte der Fürst veranlasst, der nun Herzog war, Wilhelm von Jülich hieß und vor Zeiten die bergische Grafschaft zu seinem Besitz im Jülicher Land hinzugeerbt hatte. Der Herzog war jetzt Herr über ein weites Gebiet im Westen des Reiches, zumal ihm darüber hinaus die Grafschaft Ravensberg mit den Städten Bielefeld und Höxter ebenfalls durch Erbe zugefallen war. König Wenzel von Böhmen hatte, weil er auch deutscher Kaiser war, den Grafen Wilhelm auf dem Fürstentag von Aachen in Anerkennung der eingetretenen Tatsachen in den Herzogsstand erhoben. Papst Benedikt XIII., dessen Macht durch das im Abendland herrschende Schisma und einen Gegenpapst geschwächt war, gab gern seinen Segen dazu, auch wenn niemand ihn darum gebeten hatte. Doch Herzog Wilhelm wollte ein treuer Vasall des Kaisers, auch wenn jener in Fürstenkreisen als geistig umnachtet galt, und der in Bedrängnis geratenen römischen Papstkirche sein. Herzog Wilhelm schmeckte seine eigene Macht, aber sie reichte ihm noch nicht vollends. Er strebte nicht nur nach einer vorzeigbaren herzoglichen Residenz am Rhein, sondern auch nach dem Erwerb weiterer Gebiete, um seine Herrschaft am deutschenNiederrhein zu festigen und auszubauen.

Dabei waren ihm Kleve und Geldern im Weg. Doch in Geldern standen die spanischen Niederländer, und Kleve wehrte sich gegen die Hergabe der Grafschaft an den Jülicher mit aller Macht.

Alles deutete auf einen Streit hin, wobei es auch noch um die Zollrente aus dem früheren Besitz der Stadt Duisburg ging, die der klevische Graf kassierte, weil ihm Duisburg nun gehörte. Wilhelm beabsichtigte, jedenfalls schien es den Leuten so, den Streit mit dem klevischen Neffen kriegerisch lösen zu wollen, auch wenn es darüber zu Auseinandersetzungen zwischen ihm und seinen drei Söhnen käme. Von seinen ausgreifenden Plänen mochte der Herzog einfach nicht lassen.

Wenigstens aus Düsseldorf wollte er eine wirkliche Residenzstadt machen. Zwar besaß das Dorf an der Düsselmündung seit der Worringer Schlacht gegen den Kölner Erzbischof im Jahr 1288 die von Graf Adolf II. erhaltenen Stadtrechte, doch was Umfang und Ansehen anging, war der Ort kaum über den Status eines Dorfes hinausgekommen. Herzog Wilhelm ließ bauen und öffnete die Tore für die Bewohner der angrenzenden Honschaften, damit sie innerhalb der Stadt Fuß fassen konnten. Auch war er von der Idee – im Unterschied zu seinen Söhnen – besessen, aus Düsseldorf einen Wallfahrtsort zu machen. Dafür allerdings benötigte er Reliquien, die in Düsseldorf nicht vorhanden waren und gegen teures Geld von anderen heiligen Stätten beschafft werden sollten. Und weil der Herzog der Meinung war, Graf Adolf II. von Kleve schulde ihm die Zollrente aus Duisburger Recht, rüstete er zum Krieg, um sich das Geld in Kleve zu holen.

So jedenfalls munkelte man in den Gassen und unter den Bauern, Fischern und Tagwerkern, bis das Gerücht auch den Bertram zu Hamm am Rhein erreichte. Aber es betraf ihn nicht. Ihn interessierte lediglich, welchen Fang er in den ausliegenden Reusen und Netzen fände, wenn er den flachen Nachen mit dem Stecken vorwärts trieb und am Flussufer entlang nach den Markierungen Ausschau hielt.

Es war ein kühler Maiabend, und Jan im Vorderboot sollte ihm Kunde geben, sobald er Lebendiges unter der Wasseroberfläche bei den Netzen entdeckte.

Am nächsten frühen Morgen würde er den Fang dann einholen und den bewässerten Körben übergeben, diese auf die Schiebkarre laden, Trud, sein Weib, mit dem Seil um Schulter und Leib vorweg, gen Düsseldorf leiten und den Jungen neben sich, damit der die Fracht hinderte, hinunterzupurzeln. Denn morgen war Freitag, da musste die fischige Fracht am Markt angekommen sein, wenn die Herrschaften ihre Mägde zum Einkauf auf den Fischmarkt beim Rheintor schickten und frischen Fisch für den Mittagstisch verlangten. Besonders den schmackhaften Salm.

Also steuerte Bertram den Nachen am Ufer entlang und sah im matten Abendlicht die Sonne hinter Lörick versinken. Gleichzeitig erkannte er Jans erhobene und weisende Hand, die ihm den Fang anzeigte. Da lächelte Bertram zufrieden.

(...)

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