Zeit und Ewigkeit
(Leseprobe aus: Einführung in eine
Philosophie des Geistesleben, Seite 55-60, 1908, Verlag Quelle&Meyer)
Das Christentum konnte die
Menschheit nicht zu einer völligen Umwandlung aufrufen, nicht einen neuen Stand
der Dinge als unerlässlich verkünden, ohne einen Bruch mit der Geschlossenheit
der altgriechischen Überzeugung zu vollziehen. Eben sein Erscheinen macht die
Grundvoraussetzung klar, auf welcher das Alte, und die sich nun als unhaltbar
erweist. Die griechische Lösung des Problems steht und fällt mit der Überzeugung,
dass unsere Welt alles ist was sie irgend nur sein kann, dass sie sich in einem
normalen Zustande befindet, der keiner Veränderung bedarf und uns zu keinem
Eingreifen auffordert. Nur bei solcher Überzeugung konnte die Anschauung des
Alls dem Leben seinen Hauptinhalt und zwar einen vollbefriedigenden, ja
beseligenden Inhalt geben. Das Christentum dagegen hat die gegenteilige Überzeugung,
dass die Welt voll schwerer Verwicklungen ist, dass sie von einem Normalstande,
den sie innehaben sollte, und in Wahrheit anfänglich innehatte, herabgesunken
ist, und dass es die verlorne Höhe durch eine große Wendung wiederzugewinnen
gilt, die ein neues Eintreten göttlicher Liebe und Macht in unseren Bereich
erfordert. Zugleich erhält das Weltganze einen wesentlich neuen Anblick, große
Taten werden nun zum Kern des Geschehens, sie machen aus dem Ganzen ein
ethisches Drama, in dem das Heil der Menschheit, ja des ganzen Alls in Frage
steht und das gewaltigste Umschläge in sich trägt. Der Ernst dieses Dramas
gestattet keine Wiederholung, der Gedanke eines Rhythmus des Geschehens, eines
Auf- und Abwogens der Weltgeschicke kann hier als Frivolität erscheinen.
Zugleich erfolgt im Verhältnis von Zeit und Ewigkeit die bedeutsamste
Verschiebung. Wohl ließ auch die Höhe der griechischen Spekulation das
zeitliche Geschehen auf einer ewigen Ordnung ruhen, aber beides bleibt deutlich
voneinander geschieden, die Ewigkeit tritt nicht in den Wandel der Zeit hinein.
Das aber ist es, was nach der Überzeugung des Christentums geschieht, mehr als
irgend etwas anderes gibt ihm diese Überzeugung einen unterscheidenden
Charakter. Das Eingehen des Ewigen in die Zeit muss aber das Geschehen in der
Zeit aufs beträchtlichste steigern, gewinnt es doch damit einen Wert für die
tiefsten Gründe und die letzten Schicksale der Wirklichkeit. Der Aufbau eines
Reiches Gottes im Bereich menschlichen Daseins hängt damit aus engste zusammen,
nichts unterscheidet beim Zusammenstoß der alten und der neu aufsteigenden Welt
die leitenden Denker beider Seiten, einen Plotin und einen Augustin, mehr
voneinander als dieses, dass jener die Zeit zu einem bloßen Gleichnis der
Ewigkeit herabsetzt und keinerlei geschichtliche Weiterbildung des menschlichen
Daseins fordert, während bei Augustin der Aufbau einer religiösen
Gemeinschaft, einer kirchlichen Ordnung zum beherrschenden Mittelpunkt der
Gedankenwelt wird. Indem der Menschheit mit jenem Aufbau und Ausbau eine große
Aufgabe vorgehalten und von ihr eine Entscheidung verlangt wird, gewinnt sie
zuerst eine Geschichte wahrhaftiger Art. Es aber jene Aufgabe bleibender Natur.
Denn auch nachdem die Bewegung mit dem Siege des Christentums in ruhigere Bahnen
eingelenkt ist, verbleibt die Forderung einer weiteren Ausbreitung und
Durchbildung des christlichen Lebens. Dabei hat das Christentum von Anfang an in
seinem Bilde des Gottesreiches mit seiner vollkommenen Liebe und Reinheit der
Menschheit ein hohes Ziel vorgehalten, das alle im Bereich der Erfahrung mögliche
Leistung weit übertrifft, das daher in die menschliche Seele eine tiefe
Sehnsucht einpflanzt und die Gedanken immerfort über die Gegenwart und die
gegenwärtige Ordnung hinaus auf eine in Glauben und Hoffnung vorausgenommene
Zukunft richtet.
An dem aber, was hier das Leben an innerer Bewegung und an geschichtlicher
Gestaltung gewinnt, nimmt auch die Seele des Einzelnen vollauf teil, ja sie erfährt
die Wandlung am unmittelbarsten und tiefsten. Denn nunmehr kann das Leben nicht
mehr seine Aufgabe darin finden, nur eine im Grunde schon vorhandene Natur zu
voller Deutlichkeit herauszuarbeiten und kräftig festzuhalten. Denn die
Steigerung der ethischen Forderung mit ihrem Bestehen auf einem neuen und reinen
Menschen macht alle Leistung bloßer Naturkraft unzulänglich und verlangt eine
Erneuerung von Grund aus. Damit zuerst entsteht eine Geschichte der Seele und
macht sich zum Kern allen Lebens. Die großen Gegensätze des Daseins stoßen
hier unmittelbar aufeinander und halten das Leben des Menschen, das sich
zwischen ihnen hin und her bewegt, in unablässiger Spannung.
So gibt es hier viel mehr Bewegung und Wandlung als in der antiken Gedankenwelt.
Aber andererseits wirkt vieles zusammen, um das Streben nach Beharren
festzuhalten und weiter zu verstärken. Die völlige Überweltlichkeit und die
persönlichere Fassung der Gottesidee gibt der auch hier, namentlich nach
erfochtenem äußeren Siege, auf der Höhe des Lebens ersehnten Ruhe in Gott
eine größere Wärme und Innigkeit, noch dringlicher wird das Verlangen nach völliger
Befreiung von allem unsteten und unlauteren Treiben der Welt. Das Erscheinen des
Ewigen in der Zeit konnte dann leicht so verstanden werden, dass es dem Menschen
gestattet, schon inmitten des Lebens sein Sinnen und Denken ganz in das Ewige zu
stellen und von aller Zeit zu befreien. Dieser Gedankengang hat sich namentlich
in der griechischen Kirche, vor allem in ihrem Mönchstum, befestigt und dauernd
behauptet.
In den allgemeinen Verhältnissen aber wirkte zum Beharren namentlich die Überzeugung,
dass die Wahrheit, die über das Heil der Seele entscheidet, nicht aus
menschlicher Kraft errungen sei und sich weiter erringen lasse, sondern dass sie
uns als eine Mitteilung Gottes, als eine übernatürliche Offenbarung komme und
als solche keine Veränderung dulde. Der Verlauf der Geschichte macht die Kirche
zur Hüterin dieser unwandelbaren Wahrheit; je mehr sich jene von aller
weltlichen Umgebung abhebt, je weiter Göttliches und Menschliches, Übernatürliches
und Natürliches auseinandertreten, desto höher wird die unantastbare Wahrheit
über allen Wandel des menschlichen Lebens, über die ganze Sphäre der
menschlichen Arbeit hinausgehoben.
Eine weitere Unterstützung erhielt
die Beharrungstendenz durch die Lage des ausgehenden Altertums mit seiner
Abneigung gegen alles selbständige Handeln und alle eigne Verantwortung samt
ihren Gefahren; wie es im Streben nicht sowohl eine freudige Anspannung der
Kraft als eine lähmende Unsicherheit über das Gelingen empfand, so musste es
das Glück nicht sowohl im Streben als im Besitz, einem völlig sicheren und
unangreifbaren Besitze suchen. Einen solchen Besitz aber schien nur die Religion
in der Fassung der Kirche zu gewähren.
Wie diese Beharrungstendenz im Mittelalter innerhalb der Religion weiter um sich
griff, so gewann sie nun die ganze Verzweigung des Lebens. Bei aller
schwellenden Kraft waren die neuen Völker noch nicht imstande, eine eigne
Kultur hervorzubringen, so mussten sie sich an die überkommne halten, und es
war kein Wunder, dass diese dabei als der endgültige Abschluss galt und eine
unbedingte Verehrung fand. So konnte Aristoteles als der höchste Gipfel
menschlichen Erkennens erscheinen, von dem man sich ja nicht trennen dürfe; so
galt überall das irgend Erreichbare als in der Vergangenheit schon erreicht.
Der eignen Arbeit blieb damit nur die Aufgabe, das Errungene treu zu wahren und
es gewissenhaft den späteren Geschlechtern zu übermitteln.
Diese Denkweise pflegte das eigne Leben und den Stand der Umgebung im Licht der
Vergangenheit zu sehen, sei es der Anfänge des Christentums, sei es des
klassischen Altertums, die Vergangenheit mit ihren Höhepunkten war das seelisch
Nächste, wie ein Schleier lag sie zwischen dem Menschen und seiner eignen Zeit.
Nur insofern gab es neues zu tun, als die verschiedenen Autoritäten, an die man
sich hielt, untereinander auszugleichen waren; eine solche Aufgabe hat die
Scholastik aufgenommen und innerhalb der Grenzen der Emsigkeit der Sache in tüchtiger
Weise gelöst. So trägt das Leben hier bei aller Emsigkeit nach außen hin, die
keineswegs fehlt, im innersten Kern eine große Ruhe und Sicherheit, es bleibt
gewöhnlich von aufregenden Seelenkämpfen und einbohrenden Zweifeln verschont;
wo solche ausnahmsweise erscheinen, da pflegen sie als etwas Ungeheuerliches
erachtet und aufs strengste verurteilt zu werden.
Ihren Höhepunkt erreicht diese Stimmung der Ruhe in der Mystik, in geradem
Gegensatz zur harten und rauen Art der Umgebung entwickelt diese eine wunderbare
Zartheit und Innigkeit, sie will das Leben der Menschen immer mehr von aller
Zeit befreien, ihn jeden Tag jünger machen, ihn ganz und gar in eine
„stehende Gegenwart“ versetzen; allem Leid scheint entronnen und reiner
Seligkeit zugeführt, wem Zeit wie Ewigkeit und Ewigkeit wie Zeit wird. Um
solcher Ruhe eine sichere Stätte in der Seele zu bereiten, wird hier zuerst das
Gemüt als ein reines Beisichselbstsein der Seele von aller äußeren Betätigung
geschieden, und wenn solche Vertiefung des Lebens in sich selbst ein freudiges
Wirken zur Welt nicht hindert, so hat dieses lediglich als Erweisung der
Gesinnung einen Wert. Die enge Verbindung von Gott und Welt, welche die Mystik
vertritt, mag zunächst wie die sichtbare Welt so die Zeit zu bloßem Schein und
Traum herabsetzen, zu einer Morgenröte, die verschwindet, wenn das Licht der
Sonne erscheint, aber es liegt auch die Wendung nahe, dass Welt und Zeit als
Ausdruck des ewigen Seins einen engeren Zusammenhang und eine größere
Bedeutung gewinnen, es liegen hier wertvolle Keime wie zu einer innerlicheren
Erfassung der Welt, so auch zu einer Entwicklungslehre. Dass diese Lehre von der
religiösen Spekulation her aufgekommen ist, lässt sich nicht verkennen.
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