Beatriz... von Lucía Etxebarría, FVA

Lucía Etxebarría

aus: Beatriz und die himmlischen Körper

Yet come to me in dreams, that I may live
My very life again though cold in death:
Come back to me in dreams, that I may give
Pulse for pulse, breath for breath:
Speak low, lean low,
As long ago, my love, how long ago.
Christina Georgina Rossetti. Echo

»Ich verstehe nicht, warum du diesen Müll liest«, murrte ich, allerdings nicht, weil ich wirklich etwas an ihren Lesegewohnheiten auszusetzen hatte, sondern um ihre Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. Es war einer dieser vielen immer gleichen Nachmittage, die ich bei ihr zu Hause verbrachte. Ich war so oft bei ihr, dass Mónica es nicht mehr für nötig hielt, sich um mich zu kümmern. Ihr Zimmer war auch meins, das wusste ich, und ich konnte dort machen, was ich wollte. Aber Mónica dachte nicht daran, sich mit mir zu unterhalten.

Sie blickte auf, schob ihre Brille auf dem Nasenrücken zurecht, bis sie aussah wie eine Lehrerin, und schaute mich mit einem verschmitzt überlegenen Blick an.

»Werde bloß nicht zum Kulturfaschisten. Was willst du denn? Soll ich etwa den ganzen Tag lang Dostojewski oder so was lesen? Komm schon, vergiss mich einfach für 'ne Weile«, sagte mein Ewiges Licht, diese umwerfende Dunkelhaarige, deren Intelligenz kosmische Ausmaße erreicht, und steckte ihre Nase wieder in das Buch.

Ich hockte zusammengekauert in einer Ecke auf ihrem Bett, stützte mich auf meine Knie und war damit beschäftigt, nichts zu tun. Ich war zu sehr in meiner eigenen Langeweile versunken, um irgendetwas gegen sie unternehmen zu können. Die Musik im Hintergrund, so meine ich mich zu erinnern, könnte von The Cure gewesen sein, oder jedenfalls so was in der Art. Etwas sehr Düsteres, ganz sicher ein gequältes Lied, gesungen von einem von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleideten Jüngling, eben die Art Musik, die Mónica an solchen endlosen Nachmittagen gerne hörte.

Wenn ich an Mónica und ihren himmlischen Körper denke, stelle ich mir riesige Teleskope vor, die uns weit entfernte Sterne heranholen, Galaxien, die sich unendlich ausdehnen, Materiestrahlen, Licht- und Strahlungsquellen, funkelnde Supernovae und ewig glühende Asteroiden, die in ihrem Innern riesige Nuklearherde beherbergen. Im Universum gibt es leuchtende Materie. Diese Sterne, die Licht und Wärme abgeben, die roten Riesen und die weißen Zwerge; aber es gibt auch dunkle Materie, schwarze Löcher, eisartige Himmelskörper, Planeten, braune Zwerge, verödete Monde und Satellitenfriedhöfe.

Immer wenn Mónica sich in ihrem Zimmer aufhielt, waren die Vorhänge zugezogen. Die Möbel warfen Schatten, die im flackernden Licht des Nachttischlämpchens zuckten, als improvisierten sie seltsame Tänze im Takt der schaurigen Musik. Mónicas Reich befand sich dank eines sehr speziellen Relativitätskanals, den sie sich mit Hilfe ihrer Willenskraft errichtet hatte, fernab von Raum und Zeit, und lag daher abgeschottet von der Routine, die den Rest der Wohnung bestimmte. Bis dorthin drangen weder die Klagen ihrer Mutter noch das ewige Trällern des Hausmädchens noch die kindischen Streitereien ihrer Brüder. »›In 36000 Kilometer Höhe über der Erde‹«, las sie vor, »›befindet sich eine geostationäre Umlaufbahn. Erdsatelliten auf dieser Bahn stehen immer an der gleichen Stelle über der Erdoberfläche. Ihre Umlaufzeit ist gleich der Rotationsdauer der Erde um die Fixsterne. In diese Umlaufbahn werden die ausgedienten Satelliten geschossen. Alle Satelliten besitzen Reserveenergie. Sobald Schwierigkeiten auftauchen, wird der letzte Rest Kraftstoff dazu genutzt, sie in diese Bahn zu schießen, wo sie ihren festen Platz im All haben, ohne einen Antrieb zu benötigen, der sie in ihrer Position hält.‹ Die armen Satelliten sind also wie Elefanten, die sich zum Sterben auf ihren Gemeinschaftsfriedhof begeben. Das hat doch irgendwie etwas Poetisches. Stell dir vor, Bea: Ein riesiger Schrotthaufen, der vor allem der Kommunikation diente, ist jetzt stumm, für immer isoliert und von einem Haufen ähnlichen Schrott umgeben, der ebenfalls nie wieder Nachrichten übermitteln wird. Ist doch faszinierend, oder?«

Denk daran zurück, Bea, jetzt, da so viele Jahre vergangen sind. Seit vier Jahren hast du Mónica nicht mehr gesehen. Denk an die Einsamkeit der Satelliten, die Einsamkeit in der Umlaufbahn. Von jenen verlassen, denen sie einmal gedient haben. Vergessen und kalt. Umgeben von der ödesten und absolutesten Leere, in der frostigen Stille des kalten Universums, von einer Raureifschicht bedeckt, die nicht glitzert; wo es nicht einmal Licht gibt, das reflektiert werden könnte. Unbeweglich und würdevoll in ihrer eisigen Ruhestätte, verstorbene Satelliten, leblose Kadaver aus kaltem Schrott, aus dem sich Ungetüme aus Stahl und Eisen zusammensetzten, die irgendwann einmal für außerordentlich wichtig gehaltene Zahlen, Daten und Fakten übermittelten. Zahlen, Daten und Fakten, an die sich heute kein Mensch mehr erinnert. Nicht einmal die Härte des Eisens entgeht dem Zerfall. Jetzt, wo sie aus dem Verkehr gezogen sind, füllen die verrosteten Riesen, kraftlos und zum ewigen und oxidierten Schweigen verdammt, einen verödeten Raum mit Gerümpel. Die Kabel und die Schrauben werden sich irgendwann auflösen, auch wenn bis dahin noch Jahrhunderte vergehen. Aber denk nur daran, wie sinnlos der Zeitbegriff in einer blinden Landschaft wird, in der jede Minute der nächsten gleicht, in der jeder Sekunde eine andere Sekunde folgt. Identisch, unabänderlich, eine erloschene Sekunde in einer welken Zeit. Endstation Umlaufbahn. Orbitale Einsamkeit.

Mónica, wo auch immer du gerade bist, manchmal denke ich, mir ist es genauso ergangen. Ich bin mit dem Auftrag auf die Erde geschickt worden, mich mit anderen Menschen zu verständigen, Daten auszutauschen, sie zu übermitteln. Trotzdem bin ich allein geblieben, umgeben von anderen Menschen, die orientierungslos in dieser Atmosphäre um mich herum schweben, die durch Gleichgültigkeit, Gefühllosigkeit oder die bloße Unfähigkeit getrübt ist; wo man nie erwartet, dass einem zugehört und erst recht nicht, dass man verstanden wird. Um uns herum kreisen ganze Universen, Sterne, Sonnen, Monde, Galaxien, Meteoriten, Gestirne, Wolken aus Gas und Staub, Planetensysteme, interstellare Materie. Sogar Weltraummüll. Aber vor allem eine unergründliche Stille, die alles verschluckt. Ein riesiges, schwarzes Vakuum, eine rätselhafte Ruhe. Und obwohl ich weiß, es sollte nicht so sein, habe ich das Gefühl, Millionen Lichtjahre von jedem Lebenszeichen entfernt zu sein, wenn es denn eins gibt. Ich spüre, ich befinde mich auf dem Satellitenfriedhof.

2. Die Ruinenstadt

Liebe ist nur sich selbst verpflichtet,
da hilft kein Bitten und keine Gewalt.
Liebe lässt sich nicht verhandeln.
Nur Liebe ist stärker als Sehnsucht,
der einzige triftige Grund,
um der Versuchung zu widerstehen.
Jeanette Winterson. Auf den Körper geschrieben.

Versuche nicht, deinen Schmerz zu vergraben: Er wird sich in der Erde unter deinen Füßen ausbreiten; er wird in das Wasser dringen, das du trinken musst, und wird dein Blut vergiften. Wunden heilen zwar, aber immer bleiben mehr oder weniger sichtbare Narben zurück, die sich auf der Haut bemerkbar machen, wenn das Wetter umschlägt, und gleichzeitig an das Unglück erinnern, dem sie entstammen. Und die Erinnerung an das Unglück wird sich auf zukünftige Entscheidungen auswirken, wird unnötige Ängste und tückische Trauer freisetzen, und du wirst dich zu einer mutlosen und feigen Kreatur entwickeln. Wozu noch versuchen zu fliehen und die Stadt zu verlassen, in der du gelandet bist? Aus der vergeblichen Hoffnung heraus, dass dir an einem anderen Ort, in einer gütigeren Umgebung, die Narben keine Schmerzen mehr bereiten werden und du reineres Wasser trinken wirst? Um dich herum werden sich auch dort die Ruinen deines Lebens erheben, weil du die Stadt, egal wohin du gehst, mitnehmen wirst. Es gibt weder neues Land noch neues Meer, dein misslungenes Leben bleibt überall auf der Welt misslungen. Ich bin zweiundzwanzig Jahre alt und rede von den Erfahrungen anderer.

Die Worte, die ich hier wiedergebe, habe ich in Büchern gelesen. Manche von ihnen sind vor tausend Jahren, andere erst vor zwei Jahren verfasst worden. Aber ist nicht letztendlich alles, was geschrieben wird, nur eine Fußnote zu dem, was zuvor schon einmal geschrieben worden ist? Es gibt nur ein einziges Thema: das Leben. Und das Leben ist immer das Gleiche: Eine einzige Strahlung durchdringt das gesamte Universum und bezieht sich nie bloß auf ein einzelnes Objekt. Alle unsere Taten, alle unsere Sehnsüchte sind Wiederholungen von bereits Geschehenem. Daher werden wir in einem Buch immer die Antwort auf eine unserer Fragen finden. Das Problem besteht darin, dass wir nichts von dem Geschriebenen verstehen, bevor wir es nicht auf die eine oder andere Weise selbst durchlebt haben, und ich weiß, ich fange erst jetzt an, Sätze zu begreifen, die ich schon vor langer Zeit gelesen habe.

Heute verstehe ich, dass die Stadt mir folgt, dass ich immer durch die gleichen Straßen gehe und es notwendig ist, die Angst wieder auszugraben, damit sie nicht unter meinen Füßen verschimmelt. Aus diesem Grund lasse ich eine Stadt hinter mir und kehre in eine andere zurück, weil ich im Grunde immer in derselben wohne. Ich glaubte, das Leid zurückzulassen, und habe begriffen, dass ich es in mir trage, aber jetzt kehre ich in die Stadt zurück, die mir so verhasst war.

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