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Der Taifun
(Leseprobe aus: Der Taifun, Roman (1919/1997, Weidle
Verlag, hrsg. und Nachwort von Rolf-Bernhard Essig)
An der Korridortür war ein
schwarzes Plakat angenagelt, auf dem mit gelber Messingschrift zu lesen war:
Taifun, Leiter Hermione Ganswind. Während man davorstand und sich den Eintritt
überlegte, wirbelten aus dem Innern die gigantischen Töne einer dämonischen,
alle Sinne zermürbenden Musik. Wenn es ein Weib war, warum hieß es dann nicht
Leiterin? War sie etwa eine herrische Dame, die nach Art der Tierbändigerinnen
mit der Peitsche in der Hand herumlief? Sie leitete den Taifun, der den Sand der
Wüste Sahara über die blühenden Landgärten des Nils in die Fluten des
Mittelmeeres jagte. Irgendein geheimnisvoller Zusammenhang zwischen der fürchterlichen
Musik und dem beabsichtigten Ziele mußte herrschen. Mit einem spiritistischen
Schauer, der kalt über den Rücken lief, wagte man endlich den Eintritt.
Allein. Das war doch die größte Torheit. Denn, wem war es nicht selbstverständlich,
daß der Taifun jeden, wenn er auch nur den Kopf hineinsteckte, sofort mitriß?!
Man mußte sich den Ort der Handlung etwa vorstellen wie ein Riesengebläse, das
die Menschen wie Staub wegsaugte. Das Saugen begann, wenn einer schon den
dunkeldüstern Hof des Häuservierecks betrat. Unwiderstehlich riß ihn die
Musik die Treppe hinauf, empor, hinein, und einmal drin, kam er nur wieder
heraus, wenn ihm der Leiter freundlich zum Abschied die Hand reichte. Solcher
Mensch kam dann immer wieder. Suchte ein Mensch Kunst oder Literatur, es blieb
sich gleich, alle unbewußten Dranggefühle verkörperte die Musik, gespielt und
erfunden von Hermiones Ehegatten.
Wer die Bändigerin des Taifun bewältigen konnte, der mußte ein guter Reiter
sein.
Rezension I Buchbestellung I home III06 LYRIKwelt © Weidle