Eckhard Erxleben

Tagestour nach Leipzig

Einsteigen und im Bistro zwei Bier und

ein Poesiealbum neu plus Landschaft.

Ankommen im Hauptbahnhof Leipzig.

Niemand lächelt mich an, nur die alte

Bahnhofstaube kennt mich wohl noch.

Danach vor Auerbachs Keller den

Bronzefaust schuhstreichelnd begrüßen.

Doch dann raus auf die Straße

und Mattheuers Jahrhundertmann

die Hand reichen wollen, aber er

bekommt den steifen Arm nicht runter

und die geballte Faust nicht auf. Später

im Café Mephisto bei Sahnetorte

sich mit der Welt versöhnen, bis die Bilder

wackelnd qualmen und der Donner grollt.

Jetzt mit dem Taxi die berühmte Runde

durch die Innenstadt. Nachmittags im Clarapark

quatsche ich mit ein paar Leuten am Grillfeuer

und ein blasses Mädchen weiß tatsächlich

noch, wer Frau Zetkin war.

Abends im Barfußgäßchen bei Piña Colada

am Touristenstrom die Augenangel auswerfen,

bis zappelnd ein neuer Gedanke

am Haken hängt. Dann wie immer

auf sanften Noten gebettet die

Nacht im Musikviertel. Am Morgen  

Frühstück in der Luise

- die Prinzen sind auch da -

und die Kellnerin kredenzt mir stolz,

als wäre sie gerade dem Gemälde

von Jean-Étienne Liotard entstiegen,

die heiße Schokolade nebst dem Glas Wasser,

darin sich das Fensterlicht spiegelt, und lächelt

mich an, als ob ich ihr König von Leipzig sei.

Rezension I Buchbestellung I home IV16 LYRIKwelt © E.E.