Gehen, ging, gegangen von Jenny Erpenbeck, 2015, KnausJenny Erpenbeck

Gehen, ging, gegangen
(Zitat aus: Gehen, ging, gegangen, Roman, 2015, Knaus).

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Vielleicht liegen noch viele Jahre vor ihm, vielleicht nur noch

ein paar. Es ist jedenfalls so, dass Richard von jetzt an nicht

mehr pünktlich aufstehen muss, um morgens im Institut zu

erscheinen. Er hat jetzt einfach nur Zeit. Zeit, um zu reisen,

sagt man. Zeit, um Bücher zu lesen. Proust. Dostojewski.

Zeit, um Musik zu hören. Er weiß nicht, wie lange es dauern

wird, bis er sich daran gewöhnt hat, Zeit zu haben. Sein Kopf

jedenfalls arbeitet noch, so wie immer. Was fängt er jetzt mit

dem Kopf an? Mit den Gedanken, die immer weiter denken

in seinem Kopf? Erfolg hat er gehabt. Und nun? Das, was Erfolg

genannt wird. Seine Bücher wurden gedruckt, zu Konferenzen

wurde er eingeladen, seine Vorlesungen waren bis

zuletzt gut besucht, Studenten haben seine Bücher gelesen,

sich Stellen darin angestrichen und zur Prüfung auswendig

gewusst. Wo sind die Studenten jetzt? Manche haben Assistenzstellen

an Universitäten, zwei oder drei sind inzwischen

selbst Professoren. Von anderen hat er lange nichts mehr gehört.

Einer hält freundschaftlichen Kontakt zu ihm, ein paar

melden sich von Zeit zu Zeit.

So.

Von seinem Schreibtisch aus sieht er den See.

(...)

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