Wörterbuch von Jenny Erpenbeck, 2005, EichbornJenny Erpenbeck

Wörterbuch
(Leseprobe aus: Wörterbuch, Roman, 2005, Eichborn)

Wozu sind denn meine Augen da, wenn sie sehen, aber nichts sehen? Wozu meine Ohren, wenn sie hören, aber nichts hören? Wozu all das Fremde in meinem Kopf?

Das, Gehirnwindung für Gehirnwindung, zunichte denken, bis vielleicht ganz am Grund ein Löffelchen voll von mir durchscheint. Die Erinnerung hernehmen wie ein Messer und es gegen sie selbst richten, die Erinnerung abstechen mit der Erinnerung. Wenn das geht.

Vater und Mutter. Ball. Auto. Das vielleicht die einzigen Wörter, die heil waren, als ich sie lernte. Und auch die dann verkehrt, aus mir gerissen und andersherum wieder eingesetzt, das Gegenteil von Ball wieder Ball, von Vater und Mutter Vater und Mutter. Was ist ein Auto? Alle anderen Worte von vornherein mit der Hälfte Schweigen als Bleigewicht an den Füßen, so wie der Mond seine dunkle Seite mit sich herumschleppt, sogar wenn er voll ist. Aber der kreist immerhin. Für mich standen die Worte fest, aber jetzt laß ich sie los, und wenn es nicht anders geht, schneide ich den einen oder anderen Fuß lieber mit ab. Ball. Ball.

Guten Abend, gut Nacht. Meine Mutter bringt mich zu Bett. Während sie singt, streicht sie mir mit einer Hand über den Kopf. Weiße, trockene Hand, die einem Kind über den Kopf streicht. Mit Rosen bedacht.

Wasserfarbene Augen, deren Blick sich auf mich richtet, während mir die Augen schon zufallen. Mit Näglein besteckt. Nelken sind das, würde sie sagen, wenn sie sehen würde, daß ich bei dieser Zeile wieder anfange zu weinen. Nelken, nicht weinen. Aber zum Weinen ist es heute zu spät, unumkehrbar bin ich unterwegs in den Schlaf, Nelken sind es nicht, sondern spitze Näglein, mit denen mich jemand, den ich nicht kenne, am Bett festnageln wird, während ich schlafe. Schlupf unter die Deck, singt sie. Sie zieht mir die Decke bis zum Kinn hinauf und löscht das Licht. Lauter kleine blutige Einstiche von den Nägeln. Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt. Und wenn nicht, bleibe ich für immer ans Bett geheftet. Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt. Und die Blutstropfen versteinern. Mutter

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