Geschichte vom alten Kind von Jenny Erpenbeck, 1999, Novelle, Eichborn-VerlagJenny Erpenbeck

Geschichte vom alten Kind
(Leseprobe aus: Geschichte vom alten Kind, 1999, Novelle, Eichborn-Verlag)

Als man es gefunden hat, stand es des Nachts auf der Straße, mit einem leeren Eimer in der Hand, auf einer Geschäftsstraße, und hat nichts gesagt. Als die Polizei es dann mitgenommen hat, ist es von Amts wegen gefragt worden, wie es heiße, wo es wohne, die Eltern wer, das Alter welches. Vierzehn Jahre alt sei es, antwortete das Mädchen, aber seinen Namen wußte es nicht zu sagen, und auch nicht, wo es zu Haus war. Die Polizisten hatten anfangs Sie zu dem Mädchen gesagt, aber jetzt sagten sie Du. Sie sagten: Du mußt doch wissen, woher du gekommen bist, wo du vorher gewesen bist, bevor du dich hier auf die Straße gestellt hast mit deinem leeren Eimer. Das Mädchen konnte sich einfach nicht daran erinnern, es konnte sich an den Anfang nicht erinnern. Es war ganz und gar Waise, und alles, was es hatte und kannte, war der leere Eimer, den es in der Hand hielt, noch immer in der Hand hielt, während es von der Polizei befragt wurde. Einer der Polizisten versuchte, das Mädchen zu beleidigen und sagte: Alles im Eimer, was. Aber das Mädchen merkte gar nicht, daß es beleidigt hatte werden sollen, und antwortete einfach: Ja.

Nachforschungen ergaben nichts. Zwar war das Mädchen in seiner ganzen Größe und Dicke vorhanden, was jedoch Herkunft und Geschichte anging, war es derart von Nichts umgeben, daß seiner Existenz von Anfang an etwas Unglaubliches anhaftete. Das Mädchen war übrig. Also nahm man ihm seinen Eimer weg, faßte es bei der fleischigen Hand und gab es im Kinderheim ab.

Das Mädchen hat ein großes, fleckiges Gesicht, das aussieht wie ein Mond, auf dem Schatten liegen, es hat breite Schultern wie eine Schwimmerin, und von den Schultern abwärts ist es wie aus einem Stück gehauen, weder ist eine Erhebung dort, wo die Brüste sein müßten, noch eine Einbuchtung in Höhe der Taille. Die Beine sind kräftig, auch die Hände, und dennoch macht das Mädchen keinen überzeugenden Eindruck, das mag an seinem Haar liegen. Dieses Haar ist weder lang noch kurz, im Nacken ist es ausgefranst, und weder ist es braun, noch auch wirklich schwarz, es ist allenfalls so schwarz wie ein Fahnentuch, das zu lange in der Sonne gehangen hat und davon ganz ausgeblichen ist, manchmal erscheint es beinahe grau. Das Mädchen bewegt sich langsam, und wenn es sich einmal nicht langsam bewegt, erscheinen kleine Schweißtropfen auf dem Rücken seiner Nase. Das Mädchen weiß, daß es zu groß geraten ist, deshalb zieht es den Kopf ein. Es beugt seinen Leib, als müsse es auf diese Weise eine große Kraft zurückhalten, die in seinem Innern wütet.

Das Kinderheim, in dem die Polizei das Mädchen abgegeben hat, ist das größte der Stadt. Es liegt im äußersten Bezirk dieser Stadt, dem Bezirk, der an den Wald grenzt, es besteht aus mehreren Gebäuden, die über ein weites und unübersichtliches Gelände verteilt sind. Da gibt es Wohngebäude, einen Kindergarten, eine Schule für die unteren und eine für die höheren Klassen, außerdem ein Küchenhaus, eine Sporthalle, einen Festsaal, einen betonierten Platz, ein Fußballfeld, und Schuppen, in denen verschiedene Werkstätten untergebracht sind - dort sollen die Schüler lernen, hart zu arbeiten, wie das Leben es von ihnen verlangen wird. Um all das ist ein Zaun gezogen, ein Zaun mit einem einzigen Tor, das von einem Pförtner beaufsichtigt wird, mit dem muß man sprechen, wenn man aus dem Heim hinaus oder ins Heim hinein will. Durch dieses Tor kommen am Wochenende die verwahrlosten oder wohlsituierten Eltern zu Besuch, weinende und nicht weinende Eltern, für manche Kinder allerdings kommen durch dieses Tor weder verwahrloste noch wohlsituierte, noch weinende, noch sonst irgendwelche Eltern. Durch dieses Tor kommen auch Fremde, die Eltern werden wollen, sie kommen, um Kinder zu beschauen, aber für manche Kinder kommen auch diese nicht. Es gibt Kinder, so unrein, so riesig oder rauh, daß sie nicht einmal abgewiesen werden müssen, man sieht sie gar nicht erst an, weil sie nicht durch das Sieb passen, das für die Auswahl gewebt ist. Sie sind da, aber sehen kann man sie nicht. Zu diesen wird zweifellos das Mädchen gehören. Dennoch wirkt seine Unsichtbarkeit, als sei sie von prinzipiellerer Natur - die ganze Gestalt des Mädchens ist so verbogen, selbst sein Gehen ist so verbogen, daß jeder, der es bei der Hand fassen wollte, förmlich in ein Nichts hineingreifen würde.

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