Das Familientreffen von Anne Enright, 2008, DVA

Anne Enright

Das Familientreffen
(Leseprobe aus: Das Familientreffen, Roman, 2008, DVA - Übertragung Hans-Christian Oeser).

Ich möchte niederschreiben, was im Haus meiner Großmutter geschah in dem Sommer, als ich acht oder neun war. Aber ob es wirklich geschehen ist? Mit Gewissheit kann ich es nicht sagen. Ich muss von etwas Ungewissem Zeugnis ablegen und spüre, wie es in mir tobt – dieses Etwas, das sich vielleicht gar nicht zugetragen hat. Ich weiß nicht einmal, wie ich es benennen soll. Man könnte es ein Verbrechen des Fleisches bezeichnen, aber das Fleisch ist längst abgefallen, und vielleicht lebt der Schmerz ja in den Knochen fort.

Mein Bruder Liam hat Vögel geliebt, und wie alle Jungen liebte er die Knochen toter Tiere. Ich habe keine Söhne, und deshalb halte ich kurz inne, wenn ich auf einen schmalen Schädel stoße oder auf ein kleines Skelett, und denke an ihn, daran, wie er ihren feinen Knochenbau bewunderte, die alten Arme einer Elster, die aus dem struppigen Federkleid ragten; kurz und hell und sauber.

Das ist das Wort, das wir für Knochen benutzen: sauber.

Rezension I Buchbestellung I home II09 LYRIKwelt © DVA